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Du 844 | März 2014

Monte Verità

Utopien und Dämonen

 
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ISBN:
978-3-905931-40-2
Preis:
CHF 20.- / EUR 15.-
Status:
nicht verfügbar


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Teil I 

Martin Meyer
Grosse Pläne, böses Scheitern
Der Glaube an Utopie, Autonomie und Weltverbesserung, der den Monte Verità prägte, lässt sich zurückverfolgen bis ins Paradies zu Adam und Eva. 

Oliver Prange / Bild-Portfolio
Rudolf von Laban, Vater des neuen deutschen Tanzes
Die bekleideten und unbekleideten Tänzerinnen und Tänzer von Rudolf von Laban prägen den Mythos des Monte Verità bis heute. 

Mario Botta
Es werde Licht!
Es ist kein Zufall, dass der Monte Verità im faszinierenden Licht des Südens entstand. Der Tessiner Architekt Mario Botta kämpft gegen die Zerstörung unseres kulturellen Erbes durch kommerzielle Architektur und für den Sonneneinfall in unsere Kultur.

Harald Szeemann, Theo Kneubühler, Willy Rotzler, Dominik Keller
Die grossen Reformer des Monte Verità

Close-ups aus dem Du auf die labyrinthische Geschichte des Monte Verità. 

Jakob Flach 
Der erste Schritt ins Wunderland

Robert Landmann
Menschen, die den Berg prägten
Gustav Gräser – Henri Oedenkoven und Ida Hofmann –Theodor Reuss – Eduard Freiherr von der Heydt –Baronin Antonietta Saint-Léger

Erich Mühsam
Ethische Wegelagerer

Friedrich Glauser
Marianne von Werefkin: «La Signora»

Oliver Prange
Bilder im Kopf

Lorenzo Sonognini im Gespräch mit David Streiff
«Alle unsere Veranstaltungen stehen im Einklang mit dem Genius Loci des Monte Verità»
Lorenzo Sonognini ist seit gut zwei Jahren der Direktor der Fondazione Monte Verità. Er definiert das Gebilde, das heute den Wahrheitsberg ausmacht, als Centro culturale e congressuale.

Durs Grünbein
Im Garten der Gartenstadt
Ähnlich wie der Monte Verità war Hellerau bei Dresden in den Zwanziger­jahren ein Anziehungspunkt für Künstler mit radikalen Reformideen. Durs Grünbein, zentrale Figur der deutschen Gegenwartslyrik, ist in Hellerau aufgewachsen und erzählt von seiner Kindheit am legendären Ort.


Teil II

Jules Spinatsch (Bilder) / Alexandra Blättler (Text) 
ASYNCHRON I–V 
5 Episoden zur Geschichte der Nukleartechnologie vom Kalten Krieg bis heute. Du präsentiert eine Auswahl der Bilder, mit denen der Schweizer Fotokünstler Jules Spinatsch den Jurypreis des Greenpeace Photo Award 2012 gewonnen hat.

  Du 844 | März 2014 | Monte Verità – Utopien und Dämonen

Monte Verità

Utopien und Dämonen

Vor hundert Jahren war der Monte Verità der verrückteste Ort der Welt. Um 1900 entdeckte eine Gruppe von fünf den Berg, darunter der Naturapostel Gusto Gräser. Er trug einen weissen Kasack, der in der Hüfte durch eine Schnur zusammengebunden war. Sein Gesicht war zerfurcht und sonnengegerbt, doch auf eine gewisse Weise ­alterslos. Die wallenden Haare reichten ihm bis über die Schultern und wurden von einem ledernen Stirnband zusammengehalten. Der lange krause Bart ging ihm bis zur Brust. Seine Füsse steckten in Bastsandalen. In der Rechten hielt er einen kunstfertig geschnitzten Spazierstock. Er hatte eine nazarenerhafte Ausstrahlung und wirkte wie vom Kreuz geklettert. Gusto Gräser: «Der Zweck des Daseins kann unmöglich darin bestehen, dass der Mensch Arbeit tut, die ihm abträglich ist. Man muss sich lösen von den Zwängen der Arbeitswelt.» Sie bauten Licht-Luft-Hütten, ein Sanatorium, legten Gemüsegärten an, lebten vegetarisch. «Jede Krankheit liegt im widernatürlichen Leben begründet, zumal im Essen. Das Fleischfressen ist eine Entartung, bei der wir Edelmenschen kein würdiges Leben führen können. Wahrscheinlich geht sie zurück auf die Zeit der Sintflut. Damals gab es weder Raubtiere noch Raubmenschen. Aber alle mussten sie flüchten auf den Gipfel der Berge, und dort gab es keine Pflanzennahrung, also frass man sich gegenseitig auf.» Im Laufe von zwanzig Jahren kamen Sinnsucher aus aller Welt: ­Anarchisten, Anthroposophen, Astrologen, Buddhisten, Freidenker des Grand Orient, Freimaurer, Geheimschüler von Brahmo Samaj und Arya Samaj, Illuminaten, Indologen, Magier, Mitglieder der Hermetischen Bruderschaft von Luxor, Naturreformer, Orientalische Templer, Parapsychologen, Pendelschwinger, Philosophen, Rosenkreuzer, Satanisten, Sexualbolschewisten, Theosophen, Wahrsager und Wünschelrutengänger. «Über viele Jahre trage ich meinen Grünspecht im Kopf, aber wo hat je ein Narr gelebt, der sich selbst als Narr erkannte, und wo ein Weiser, der nicht zum Gespött der Närrischen wurde?» Es wurde wahnsinnig viel geredet auf dem Berg: über die Wichtigkeit freier Entfaltung des Individuums, über die kooperative Gesell­schafts­­form, über Ritual- und Kulttanz, über Ausdruckskultur, gesunde ­Ernährungsweise, Naturheilkunde, Wohnreform, Kleiderreform, Schreib­reform, Frauenbefreiung, Kulturreform und Siedlungswesen. «Auch ich bin ein Aussätziger, ein prophetenbärtiger Waldteufel, eine nomadische Verkündergestalt, ein harmloser Bürgerschreck. In Wirklichkeit trotze ich dem Tristentum, den Lahmgezähmten und stelle ihnen mein Herztum entgegen. Das ist leider vielen nicht gut bekömmlich.» Die Monte Veritani wandelten mit gedankenverhangenen ­Gesichtern in Tunika auf der Matte und suhlten sich in Moorbädern in der Überzeugung, dies erhöhe Gesundheit und Geist. «Ich kam, ein Feuer zu zünden In diesem Erdenland Was wollt ich mehr Es stünden die Herzen Schon in Brand.» Hier waren Menschen, die wahrhaftig leben wollten, ohne das lüg­nerische Gebaren der Geschäftswelt, ohne die Vorurteile der Gesellschaft. Zwar verloren sie unter der gleissenden Tessiner Sonne mit der Zeit jegliche Ziele aus den Augen, dafür aber auch ihre Salonblässe. «Komm, Sonniger, Landmann voll Wildlandhauch! Sei kein Holzstrunk! Nimm auf das Baum- und Strauchgejauchz! Geh mit mild wilder Kraft deinem Schicksal entgegen!» Die erste Phase ging zu Ende mit einem mehrtägigen Sonnenfest im August 1917. Sanatorium-Gründer Henri Oedenkoven war desillusioniert und pleite, als ein seltsamer Mann auftauchte. Theodor Reuss war in London ursprünglich Drogist, dann sang er in Bayreuth in Wagners Oper Parsifal den Gurnemanz und wurde darauf Kriegs­berichterstatter für die Times auf dem Balkan. Doch seine wahre Leidenschaft galt dem Orientalischen Templerorden O. T. O., den er ab 1902 wiederbelebte. Er, der Grossmeister, versprach Oedenkoven unbeschränkte Mittel. Was dieser Orden bezweckte, wusste jedoch kein Mensch genau. Aber er führte auf dem Berg dunkle Zeremonien ein und die Aussicht auf erotisch gefärbte Erlebnisse, heilig-wüste Handlungen und religiös-entfesselte Satansdienste. Nach dem Fest griff Ernüchterung um sich, und Oedenkoven warf den Hochstapler mitsamt seiner Gimpelloge vom Berg. Die erste Ära war passé. Vom 10. bis 13. April 2014 findet auf dem Monte Verità das zweite Literaturfestival statt mit dem Titel Utopien und Dämonen. Unter der Leitung von Marco Solari und Joachim Sartorius stellen sich Schriftsteller die Frage, ob Verheissungen gelebt werden können. Welche Rolle spielen die Dämonen, wenn diese Veränderungsprozesse so oft ins Böse oder auch nur ins Lächerliche umschlagen? Nobelpreisträgerin Herta Müller, Péter Nádas und Joanna Bator geben auf diese Fragen Auskunft. Mit Monstern und munteren Dämonen der Poesie befassen sich Nora Gomringer, Durs Grünbein, ­Valerio Magrelli und viele andere. Nähere Informationen finden Sie unter: www.eventiletterari.ch. Wir bedanken uns für die Unterstützung dieser Ausgabe bei Swisslife und Mobiliar.