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Du 888 | Dezember/Januar 2018
Ich, Beltracchi

Jahrhundertfälscher

ISBN:
978-3-905931-87-7
Preis:
CHF 20.- / EUR 15.-

Status:
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Inhalt Du 888

Wolfgang Beltracchi im Gespräch mit René Scheu
«Der Mensch muss berührt werden von einem Bild»
Wolfgang Beltracchi hat als Kunstfälscher Karriere gemacht und wurde verurteilt. Nun führt er ein zweites Leben als Künstler mit eigener Handschrift.

Peter Sloterdijk
Kunstgleich, kunstähnlich
Wie kann man Kunstwerken vertrauen?

Christian von Faber-Castell
Künstler? Hofnarr? Scharlatan?
Wolfgang Beltracchi hat renommierte Experten, bedeutende Museen und grosse Auktionshäuser getäuscht und viel Peinliches entlarvt. Ob dies die Sorgfalt und Selbstkritik am Kunstmarkt wirklich fördert und wie die Kunstgeschichte den Meisterfälscher und Maler Beltracchi künftig bewertet, bleibt abzuwarten.

Michael Erlhoff
Ordnung muss sein
Die Kunst unterliegt längst wie alles andere den Gesetzen des Marktes. Sie ist keinesfalls frei, sondern jedes Kunstwerk, jeder Künstler, jede Handschrift muss zur eigenständigen, verwertbaren Marke werden.

Daniel Kehlmann im Gespräch mit Volker Weidermann
«Sein Bild macht mir immer noch ein wenig Angst»
Der Schriftsteller Daniel Kehlmann liess sich von Wolfgang Beltracchi porträtieren und lernte einen Menschen von, wie er sagt, genialischer Intelligenz und Begabung kennen.

Wolfgang Beltracchi im Gespräch mit Franziska Beltracchi
«Wenn ich ein Gemälde anschaue, sehe ich sofort, wie der Maler vorgegangen ist»
Franziska Beltracchi hat die Kunst zum Beruf gemacht, wie ihr Vater. Sie lebt und studiert in London. Von dort hält sie Wolfgang Beltracchi über interessante Ausstellungen auf dem Laufenden.

Horst Bredekamp
Sturz in den Abyssus
In Wolfgang Beltracchis Bildern sind Engel ein sich wieder­holendes Motiv. Oft werden sie geschunden, gequält und gefoltert. Vom Menschen, der mit ihrer Güte und Fürsorge nichts anfangen kann.

Hans Ulrich Gumbrecht
Der Wert der Zeit
Hat Wolfgang Beltracchi einen Ort in der Kunstgeschichte? Um diese Frage zu beantworten, sollte man bestimmen, wann ein Kunstwerk eigentlich authentisch ist. Und ob das heute auch noch gilt.

Helene Beltracchi im Gespräch mit Thilo Komma-Pöllath
«Wir müssen die Kunst befreien»
Helene Beltracchi über die Anziehung des Verbotenen, symbiotische Liebe und die gekränkte Eitelkeit der Deutschen.

Helene Beltracchi und Wolfgang Beltracchi
«Heute rege ich mich unnötig auf, das liegt wahrscheinlich am Eingesperrtsein»
Die Briefe der Beltracchis.


  Du 888 | Dezember/Januar 2018 | Ich, Beltracchi – Jahrhundertfälscher

Ich, Beltracchi

Jahrhundertfälscher

Jahrhundertfälscher, Jahrhundertkünstler

Von Oliver Prange.

Die vorliegende Du-Ausgabe ist in enger Zusammenarbeit mit Wolfgang Beltracchi und seiner Frau Helene entstanden. Die Auseinander­setzung war intensiv. Viele Versionen wurden ausprobiert, verworfen, anders gedacht, neu umgesetzt. Man bekam zu spüren, dieser Künstler geht bis zum Letzten. Bis alles stimmt. Wir bekamen einen Eindruck davon, wie es möglich war, dass er Bilder in der künstlerischen Handschrift bekannter Maler schuf und keiner merkte, dass sie nicht aus der Hand der Originalmaler stammten. Beltracchi kopierte die Künstler nicht, sondern erfand neue Titel und Motive, füllte Lücken auf in deren Werk, wie er sagt. Er ersann Geschichten rund um ihre Entstehung und ihren Verbleib, um sie glaubwürdig zu machen. Er ist ein Meister seines Fachs. Er beeinflusste die Kunstgeschichte, verdiente Millionen – genoss es –, verlor sie wieder; er bleibt eine Frohnatur. Für ihr Wirken wurden er und Helene, seine Ehefrau und Komplizin, verurteilt und verbüssten eine Haftstrafe. Es war der grösste Kunstfälscherskandal aller Zeiten. Im Gefängnis dann malte Beltracchi Porträts von Mitgefangenen und erhielt dadurch deren Protektion, er spielte in Fernsehdokumentationen mit und schrieb Liebesbriefe an seine Frau. Beltracchi ist in der Lage, das Wesen eines Kunstwerks zu erfassen. Er nimmt es in sich auf, ohne darüber nachzudenken, kann sich in ein Bild hineinfühlen, ins Unterbewusstsein des Künstlers auch, ganz intuitiv, kann seine Handschrift erkennen und sie sich zu eigen machen. Seine Begabung wurde ihm schon als Kind bewusst. Er bezeichnet sie als genetischen Defekt. Doch nebst dem perfekten Handwerk braucht es auch sehr viel kunstgeschichtlichen und naturwissenschaftlichen Sachverstand. Schriftsteller Daniel Kehlmann sagt: «Beltracchi ist ein faszinierender Mann: hochintelligent und extrem sensitiv. Er durchschaut Menschen sofort, und er ruht in sich, wie ich das noch bei wenigen Leuten erlebt habe.» Und: «Wenn dieser Mann kein echter Künstler ist, wer bitte soll dann ein echter Künstler sein ?» Ausser Kehlmann äussern sich in dieser Du-Ausgabe bekannte Geister wie Horst Bredekamp, Christian von Faber-Castell, Hans Ulrich Gumbrecht, Michael Erlhoff, René Scheu und Peter Sloterdijk zu dem Phänomen. Und wir publizieren bislang unveröffentlichte Briefe der Beltracchis, die sie sich während der Haft und danach schrieben. Die Reportage-Bilder stammen von Alberto Venzago, der gleich alt ist wie Beltracchi und ebenso als Hippie-Kind aufwuchs. Die zwei freundeten sich an, sie haben beide eine Vorliebe für die Apokalypse, jeder auf seine Art. Gegenwärtig werden nach Venedig in Hamburg zweitausend Jahre europäischer Kunst in Beltracchis Interpretation gezeigt – in der Ausstellung Kairos. Der richtige Moment. Im September 2019 ist sie in Wien zu sehen. Wolfgang Beltracchi ist es mit seinem aussergewöhn­lichen Talent gelungen, nach der Haft wieder Fuss zu fassen und nicht nur Sammler, sondern auch die Fachwelt von seiner Kunst zu über­zeugen.