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Du 836 | Mai 2013

Michael Haneke

Vom Provokateur zum Klassiker

 
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ISBN:
978-3-905931-31-0
Preis:
CHF 20.- / EUR 15.-
Status:
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Teil I

Michael Haneke im Gespräch mit Daniele Muscionico
«Kunst muss eine Zumutung sein»
Im Gespräch mit Michael Haneke über handwerkliche Ehre, Tränen bei Thomas Mann und seine Angst vor Gewalt. Ein Filmprotokoll.

Martina Knoben
Die Kinofilme des Michael Haneke – 1989 bis heute
Von der Konzeptkunst zum Weltkino: Wie Michael Haneke mit der Manipulationskraft des Kinos kämpft und als Provokateur zum Klassiker wird.

Terézia Mora
Caché
Die Schriftstellerin und Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Terézia Mora hat vor acht Jahren Caché im Kino gesehen. Inzwischen ist sie im selben Alter wie das Ehepaar im Film, hat ebenfalls ein Kind – und sie hat sich den Film noch einmal angeschaut.

Sibylle Berg
Funny Games
Die Schriftstellerin Sibylle Berg hat vor fünfzehn Jahren Funny Games gesehen, genau im selben Jahr, als ihr erstes Buch erschien. Sie war erstaunt, dass sich die Welt nicht verändert hatte, als sie aus dem Kino kam.

Haneke über Haneke
Kino – Philosophie – Kapitalismus // Die zehn Lieblingsfilme von Michael Haneke

Gerda Wurzenberger
Weder Held noch Verräter
Haneke und die österreichische Republik

Michael Haneke nimmt in Österreich einen Platz ein, den ihm niemand streitig macht. Was in diesem Land eigentlich ein Wunder ist.

Stefan Grissemann
Die Fernsehfilme des Michael Haneke – 1974 bis 1985
Der Soundtrack des Scheiterns: Wie Michael Haneke in seinen frühen Fernseharbeiten seine eigene Methode perfektioniert.

Claus Spahn
Zwischen One-Night-Stand und grosser Leidenschaft
Immer wieder lassen sich Filmregisseure von der Oper verführen. Doch oft bleibt es beim kurzen Flirt. Vor sechs Jahren hat Haneke in Paris Don Giovanni inszeniert. Und jetzt Così fan tutte in Madrid.

«Das Einzige, was am Drehen Spass macht,
ist die Arbeit mit den Schauspielern»

Close-ups auf die Kunst der Darsteller: Branko Samarovski, Anne Bennent & Udo Samel, Angelica Domröse & Lou Castel, Susanne Lothar & Ulrich Mühe, Elisabeth Orth & Christian Spatzek und Frank Giering.

Isabelle Huppert im Gespräch mit Daniel Binswanger
«Er filmt den Rücken»
Michael Haneke hat mit zahlreichen Schauspieler-Grössen gearbeitet, doch die Französin Isabelle Huppert trifft wie niemand sonst den Nerv seiner Kinokunst.

Filmografie

Teil II

Urs Stahels Sichtweisen
Die Kühlkette muss lückenlos sein

Expecting Art von Ewa Hess
Die Brüste der Wahrheit

Stefan Zweifels Reflektorium
«Jeder hat sein eigenes Gefängnis, aus dem er ausbrechen will»

Die Eroberung des Unnützen von Dieter Meier
Die Krise des führenden Denkers

  Du 836 | Mai 2013 | Michael Haneke – Vom Provokateur zum Klassiker

Michael Haneke

Vom Provokateur zum Klassiker

Michael Haneke -
vom Provokateur zum Klassiker

Von Armin Kerber und Oliver Prange

Das Du hat eine lange Tradition mit grossen Film-Regisseuren. Von Ang Lee bis zu Pedro Almodovar, von Jane Campion bis zu Clint Eastwood hat das Du immer wieder bedeutende Künstler des Kinos ins Zentrum gerückt. Als wir uns letztes Jahr dafür entschieden haben, unsere diesjährige Mai-Ausgabe dem österreichischen Regisseur Michael Haneke zu widmen, hatten wir seinen neuen Film Amour noch nicht gesehen, und natürlich hatten wir keine Ahnung, dass Haneke in diesem Februar – im Alter von siebzig Jahren – seinen ersten Oscar gewinnen würde. Eine Ahnung aber hatten wir zweifellos davon, dass eine Hommage an Haneke eine besondere Herausforderung sein wird. Denn wie vielleicht niemand sonst im aktuellen Filmgeschäft brilliert Michael Haneke weder in seinen Filmen noch in seiner Person mit Glamour und grossen Attitüden, sondern mit einer Art kategorischer Nüchternheit und Kompromisslosigkeit, die sich aus einer radikalen Ablehnung des Mainstream-Kinos und der vom Marketing geprägten Konsumwelt speist.
Alles, was man mit dem heute fast altmodisch gewordenen Etikett «Kulturindustrie» bezeichnen kann, ist Haneke ein Gräuel, die allseits bekannten Spielchen in der Filmwelt um Aufmerksamkeit und Wahrgenommenwerden sind ihm dabei so fremd wie seinen Filmen jede Geste der Eitelkeit oder der Verschwendung. Man könnte den Eindruck gewinnen, manchmal wäre es Michael Haneke am liebsten, wenn er unsichtbar werden könnte wie der grosse amerikanische Romancier Thomas Pynchon, der seit Jahrzehnten wie vom Erdboden verschluckt ist und trotzdem mit immer neuen Büchern Kontakt zu seinen Lesern hält. Doch dieser Schachzug des totalen Rückzugs hinter das eigene Werk ist nur dem einsamen Schreiber möglich, nicht aber dem in tausend Zusammenhängen des Filmgeschäfts verankerten Regisseur.
Also durfte unsere Reporterin Daniele Muscionico Michael Haneke in Wien in seinem Stamm-Café Eiles zum persönlichen Gespräch treffen, dem er sich dankenswerterweise nicht entzieht und das er dann zelebriert wie ein Exerzitium. Daniele Muscionico beschreibt eindrücklich, wie Michael Haneke bezwingenden Charme und dann in nächster Sekunde eine grosse Schwärze verbreiten kann; und man versteht, dass ein Mensch mit dieser Fähigkeit sehr gut in der Welt der Schauspieler aufgehoben ist, diesen Meistern des plötzlichen Umschwungs, die ihn offensichtlich auf Händen tragen und über die Haneke sagt: «Sie sind das Wichtigste.»
Eine der grössten Schauspielerinnen der Gegenwart ist zweifellos die Französin Isabelle Huppert, sie wurde in Cannes vor zwölf Jahren für ihre erste Arbeit mit Haneke in Die Klavierspielerin als beste Darstellerin ausgezeichnet. Inzwischen trägt sie das Etikett «Haneke-Darstellerin» mit gelassener Selbstverständlichkeit, unserem Kollegen Daniel Binswanger, der sie in Paris in ihrer Wohnung besucht hat, sagt sie über das Verhältnis zwischen Regisseur und Schauspieler: «Es ist ein bisschen wie in einer Liebesbeziehung. Es bleibt eigentlich irrational.» Und später beendet sie das Gespräch mit dem bemerkenswerten Bekenntnis: «Ich persönlich finde ohnehin, dass die grossen deutschsprachigen Theaterschauspieler die besten Schauspieler der Welt sind.» Entsprechend haben wir in unserem Haneke-Du immer wieder die zahlreichen fantastischen Darsteller ins Zentrum gerückt, für deren Qualitäten Haneke ein untrügliches Gespür besitzt und ohne die seine Filme leere Modell- Konstruktionen blieben.
Die beiden Filmkritiker Martina Knoben aus München und Stefan Grissemann aus Wien haben sich für diese Du-Ausgabe alle Filme von Haneke – also die Kinofilme der letzten 25 Jahre und seine frühen Fernsehfilme bis zurück ins Jahr 1974 – noch einmal angesehen und in einer Gesamtschau porträtiert. Claus Spahn, der neue Chefdramaturg der Zürcher Oper, ist nach Madrid geflogen und hat sich Hanekes aktuelle Operninszenierung angeschaut. Und die beiden Schriftstellerinnen Terézia Mora und Sibylle Berg beschreiben fürs Du, wie die Haneke-Filme Caché und Funny Games für sie im Dreieck von Moral, Gewalt und Bürgerlichkeit ein besonderes künstlerisches Magnetfeld bilden.
Nach allen Gesprächen, Analysen und Interpretationen bleibt für uns eine seltsam widersprüchliche Erkenntnis: Es ist zweifellos ein grosses Paradox, dass ausgerechnet dieser Filmregisseur mit dem Oscar-Gewinn im Olymp des Mainstream-Kinos angekommen ist. Denn Michael Haneke – der über sich selbst sagt: «Ich bin ein ziemlich normaler Mensch, ist vielleicht schwer zu glauben, aber wahr» – ist zutiefst geprägt von den grossen Künstlern und Denkern des 20. Jahrhunderts wie Adorno, Beckett und Francis Bacon, deren negative Obsessionen und Widerständigkeiten letztlich doch einer utopischen Kraft der Aufklärung entspringen. Für sie gehören Kategorien wie Entfremdung und Unterdrückung zur Grundausstattung einer Haltung, mit der sie den «Verblendungszusammenhang» der gesellschaftlichen Realität ähnlich schonungslos durchleuchten wie jetzt Michael Haneke mit bezwingender, manchmal fast halsbrecherischer Logik in seinen Filmen.
Wie ein fremder Monolith aus einem anderen Jahrhundert ragt Hanekes Filmwerk in die Anything-goes-Welt und Matrix-Raster unseres frühen 21. Jahrhunderts. Voller Staunen und Bewunderung sehen wir, wie in einer Art «Chronologie des Zufalls» ein radikaler Künstler der analogen Weltvermessung in die digitalen Charts des 21. Jahrhunderts gerutscht ist und dort nicht als Nischen-Mahnmal im unübersichtlichen Medienmix verschwindet, sondern an seiner künstlerischen Vorstellung vom Wunderwerk der Aufklärung weiterwirken kann. «Chapeau!» – sagt da der Schweizer.