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Du 835 | April 2013

Giacometti und das Bergell

 
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ISBN:
978-3-905931-30-3
Preis:
CHF 20.- / EUR 15.-
Status:
nicht verfügbar


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Teil I

Bruno Augsburger | Fotografie
Die Berge des Bergells

Ilma Rakusa
Grauer Stein, Geborgenheit, Giacometti
Erst mit den unendlichen Schattierungen der Grautöne gelang es Giacometti, das vibrierende Grau-Panorama des Bergells auf die Leinwand zu holen.

Daniele Muscionico
Eine Frage von Leben und Tod
Wie wird einer Künstler, der im Bergell aufwächst? Alberto Giacometti hat es der Welt vorgemacht, indem er das Tal verliess. Andrea Garbald hat der Welt sein Scheitern demonstriert, da ihn sein Tal nicht verstand.

Maya Höneisen
Anna Giacometti: «Ich sage immer, was ich denke»
Mit Engagement, Tatkraft und eigenständigem Denken setzt sich Anna Giacometti für kulturelle, politische und wirtschaftliche Aspekte in der Gemeinde Bergell ein.

Maya Höneisen
Hans Danuser: «Als Künstler kann man Träume bauen»
Als Hans Danuser 1986 in Castasegna in eine Mietwohnungeinzog, wusste er noch nicht, welchen historischen Schatz er auf dem Dachboden dieses Hauses finden würde.

H. D. Casal | Fotografie
Mit dem Schiff ins Bergell
Eine fotografische Spurensuche – Annäherung an das Bergell vom Süden her entlang Giacomettis letzter Etappe auf der Reise von Paris über Mailand und Como nach Stampa.

Beat Stutzer
Alberto Giacometti: Stampa–Paris
Im kleinen Stampa aufgewachsen, in der Weltstadt Paris zum Künstler geworden: Die Gegensätze dieser beiden Orte haben Alberto Giacometti ein Leben lang geprägt.

Maya Höneisen
Gian Andrea Walther: «Ich habe gelernt, hier offen zu sein»
Die Bergeller sind «Weggeher» und «Heimkehrer». Und dann gibt es die, die bleiben, wie Gian Andrea Walther aus Promontogno.

Maya Höneisen
Armando Ruinelli: «Ich kann das machen, was ich will»
Vor 36 Jahren kehrte Armando Ruinelli in sein Heimatdorf Soglio zurück, um sich als Architekt niederzulassen.

Ursula Bauer und Jürg Frischknecht
Auf der Suche nach dem Bergell
Die beiden Bergell-Kenner zeigen fünf unterschiedliche Orte zwischen mehr als 1700 Höhenmetern Differenz im Bergell.

Annamaria Nunzi und Peter Cadisch
Evelyn Hofer: Fotografin der Langsamkeit
In den letzten zwanzig Jahren ihres Lebens schuf Evelyn Hofer einzigartige Foto-Porträts von Menschen aus dem Bergell.

Maya Höneisen
Luciano Fasciati: «Ich könnte ja eine Galerie eröffnen»
Auch wenn Luciano Fasciati nie im Bergell gewohnt hat, so ist er doch mit dem Tal zusammengewachsen.

Maya Höneisen
Dora Lardelli: «Ich mag Geschichten über Menschen»
Entdecken, bewahren, vermitteln – diese drei Dinge liegen Dora Lardelli, der Leiterin des Kulturarchivs Oberengadin, besonders am Herzen.

Cordula Seger
Silvia Andrea – ein Doppelleben am Rand
Die bekannte bündnerische Volksschriftstellerin Silvia Andrea bewohnte für viele Jahrzehnte Castasegna.

Silvia Andrea
Das Tal der Maira

Raymond Meier | Fotografie
Winter Hikes

Teil II
88 Medienpartnerschaft ewz Das Bergell und Zürich feiern Diamanthochzeit
90 Urs Stahels Sichtweisen Körper und Bild: Architektur (in eigener Sache)
92 Expecting Art von Ewa Hess Der Papst schreit
94 Stefan Zweifels Reflektorium Sade – das beste Wertpapier
98 Die Eroberung des Unnützen von Dieter Meier The 100 Million Dollar Kid
 

  Du 835 | April 2013 | Giacometti und das Bergell

Giacometti und das Bergell

Text ILMA RAKUSA

Drei Dinge hätten Giacomettis Leben, Denken und Schaffen massgeblich geprägt, meint Jacques Dupin: die Kindheit, die Frau und der Tod. Doch nicht die Themen an sich sind ungewöhnlich, sondern die Art und Weise, wie Giacometti sie verarbeitet hat.

Die Kindheit – das ist der malende Vater Giovanni, die starke Mutter Annetta, das sind die jüngeren Geschwister Diego, Ottilia und Bruno, das ist Stampa mit dem Atelier des Vaters, wo sich Alberto bald selbst zu schaffen macht, das ist die Bergeller Landschaft mit ihren Bergzacken, Wäldern und Wiesen. Später, aus der Erinnerung, evoziert Giacometti sehr spezifische Aspekte dieser Landschaft. Zum Beispiel einen grossen Felsbrocken in der Nähe vom Dorf, «der sich unten zur Höhle öffnete: Der Eingang war niedrig und lang gezogen, knapp so hoch wie wir damals. An manchen Stellen ging es im Inneren noch tiefer hinein, und ganz am Ende schien sich eine zweite kleine Höhle aufzutun. Mein Vater hatte uns eines Tages diesen Felsen gezeigt. Welch eine ungeheure Entdeckung!» In Gestern, Flugsand (1933) schildert Giacometti, wie sie zu fünft versucht hätten, den Eingang zur Höhle zu verengen, um den Genuss der dunklen Geborgenheit noch zu verstärken. «Ich hatte kaum Platz darin, doch alle meine Wünsche waren erfüllt.» Störend war für das sen­sible Kind nur, dass sich auf einer unweit gelegenen Anhöhe ein schwarzer, pyramidenförmiger Stein erhob, der keine Höhle barg, sondern wie ein «feindliches, bedrohliches Wesen» wirkte. Der ­kleine Alberto verschweigt sein Unbehagen und kehrt nie mehr zu diesem Stein zurück. Doch die Sehnsucht nach Höhlen lässt ihn nicht los. Im Winter zieht er heimlich, ausgerüstet mit Sack und Stock, los, um sich auf einer verschneiten Wiese ein Loch zu graben und hineinzuschlüpfen. «Ich stellte mir diesen Winkel sehr warm und dunkel vor; ich glaubte, ich müsse darin unweigerlich ein starkes Glücksgefühl erleben.» Das Experiment misslingt, doch die Fantasien lassen nicht nach.

In der Schulzeit fantasiert sich Alberto nach Sibirien. «Ich sah mich dort, inmitten einer unendlichen, mit grauem Schnee bedeckten Ebene. Nie schien die Sonne, immer war es kalt. Auf der einen Seite, ziemlich weit entfernt, begrenzte ein Tannenwald, ein ein­töniger, dunkler Wald, die weite Ebene. Ich schaute auf diese Ebene und diesen Wald durch das kleine Fenster einer Isba [Bauernhütte], in der ich mich aufhielt und in der es sehr warm war.» Dieses sibirische Szenario erinnert verblüffend an Stampa, das im Winter monatelang ohne Sonne auskommen muss und wo Alberto im Schutz des Elternhauses auf die graue Winterlandschaft hinaussah.

Eine Urszene? Die Wirtlichkeit der Hütte (des Hauses) im Kontrast zur weiten, unfassbaren Natur, das Ich am Schnittpunkt zwischen Geborgenheit und Verlorenheit. Insofern haftet dieser Sibirien-Fantasie etwas Existenzielles an. Gleichzeitig verrät sie Giacomettis Vorliebe für graue Farbtöne, die im Bergell insbesondere im Winter vorherrschen. Fels, Schnee, Eis, ein hellgrauer oder hellblauer Himmel, dunkles Holz.