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Du 830 | Oktober 2012

Brasilien

Der Tanz in den Wohlstand

 
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ISBN:
978-3-905931-25-9
Preis:
CHF 20.- / EUR 15.-
Status:
an Lager


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Teil I

Alex Gertschen
Brasilien findet zu seiner Grösse
Die brasilianische Sehnsucht nach nationaler Grösse reicht weit in die Vergangenheit zurück. Nun wird sie endlich gestillt.

Francesco Zizola (Fotografie)
Neue Mittelschicht im Konsumrausch

Andrea Bruce (Fotografie)
Abschied von der Machismo-Gesellschaft

Francesco Zizola (Fotografie)
Treibstoff vom Acker

Kadir van Lohuizen (Fotografie)
Im (echten) wilden Westen

Kadir van Lohuizen (Fotografie)
Friede den Favelas

Peter K. Wehrli
Die sinnliche Zivilisation Brasiliens
wo das Grün grüner, das Rot röter, das Blau blauer ist

Die Kulturgeschichte des modernen Brasiliens öffnet den Blick auf Bücher, Filme und Kunstwerke, die raffiniert und populär, wild wuchernd und streng geordnet, provozierend und versöhnlich sind.

Peter K. Wehrli
Kunst vor Ort: die neue Casa Daros in Rio de Janeiro
In der Daros Latinamerica Collection sind bedeutende Werke aus dem gesamten lateinamerikanischen Kontinent versammelt. Jetzt eröffnet Daros Latinamerica in Rio de Janeiro ein eigenes Haus: die Casa Daros.

Peter K. Wehrli
Inseln der Hoffnung – die Fundación Avina setzt auf Ökoeffizienz
Gegen die ruinöse Entwicklung der Umweltzerstörung engagiert sich die Fundación Avina in vierzehn lateinamerikanischen Ländern mit Initiativen und Hilfsprogrammen.

Teil II

Urs Stahels Sichtweisen
«Arles!» – «Arles!» – «Arles!»

Obrist Talk
Hans Ulrich Obrist im Gespräch mit Hannah Weinberger

Expecting Art von Ewa Hess
Sein Dogma

Stefan Zweifels Reflektorium
Herbstliches Kettengedicht

Die Eroberung des Unnützen
von Dieter Meier

Mit Paul Müller vom Piz Palü nach Rio

  Du 830 | Oktober 2012 | Brasilien – Der Tanz in den Wohlstand

Brasilien

Der Tanz in den Wohlstand

Deus é brasileiro
von Oliver Prange 

In Restaurants an den Stränden von Rio de Janeiro kann man auf Schildern lesen, dass es verboten sei, während des Essens zu tanzen. In welchem anderen Land muss man befürchten, dass die Menschen aus heiterem Himmel anfangen, Bossa nova zu spielen und Samba zu tanzen – in Bussen, in Zügen, auf Strassen? Woher stammt diese unbändige Lebensfreude? Eine weit verbreitete Annahme ist, dass sie der Unvorhersehbarkeit des brasilianischen Alltags entspringt, wo die Dinge nie laufen wie geplant, sondern nicht selten völlig ausser Kontrolle geraten, was dazu führt, dass die Menschen agil bleiben, erfinderisch und einfallsreich: Sie sind es gewohnt zu improvisieren. Vielleicht trägt die ethnische Vielfalt aus europäischen, afrikanischen und indianischen Wurzeln mit dazu bei. Und vielleicht auch die atemberaubende Landschaft aus Dschungel, Bergen, Meer und dem weiten Himmel mit den lebhaftesten Farben, welche die Sinne stimulieren. Die Lebendigkeit der Menschen stand jedoch lange im Kontrast zur politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Vor vierzig Jahren noch galt Brasilien als Entwicklungsland. Während der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war die Nation einer der grössten Schuldner des Internationalen Währungsfonds IWF. Immer wenn eine Krise ausbrach, musste die Hauptstadt Brasilia um neue Kredite ersuchen, mit der Folge, dass die Brasilianer den Gürtel noch enger schnallten. Ende 1998 musste der IWF das bis dahin grösste Hilfspaket von über vierzig Milliarden Dollar schnüren. Dabei hatte Brasilien immer schon das Potenzial zu einer Wirtschaftsmacht. Was fehlte, war der politische Wille, die ökonomische Intelligenz und die Rechtssicherheit. Die Wende kam 1995 mit der Wahl des Sozialdemokraten Fernando Henrique Cardoso zum Präsidenten. Seine grösste Herausforderung war, die galoppierende Inflation unter Kontrolle zu bringen, die ein chronisches Problem war. Niemand öffnete ein Bankkonto, weil die Ersparnisse gleich weggefressen wurden. Niemand nahm einen Kredit auf, weil die monatlichen Zahlungen ständig stiegen. Cardoso initiierte Reformen und privatisierte ineffiziente Staatsunternehmen. Als Gewerkschaftsführer Luiz Inácio Lula da Silva 2003 die Präsidentschaft übernahm, setzte er Cardosos liberale Politik fort trotz seiner Bewunderung für den Kommunisten Fidel Castro. Die nun über fast zwanzig Jahre währende Stabilität und Öffnung gegenüber dem Ausland verschaffte dem Land einen unerhörten Aufstieg, wodurch Millionen von Unterschicht-Familien zu Konsumenten mutierten. Nicht zuletzt wegen des Binnenmarkts ist Brasilien heute je nach Ranking die sechst- oder achtgrösste Wirtschaftsmacht und hat Kanada, Italien und Grossbritannien überholt. Doch auch der Export ist explodiert. Denn Brasilien liefert nicht nur Rohstoffe in die ganze Welt, sondern auch Autos, Züge, Schiffe, Fernseher, Kühlschränke, Papier, Elektronik, Flugzeuge. Brasilien hat sich vom grössten Schuldner zu einem der grössten Geldgeber des IWF gewandelt und stellte 2009 zehn Milliarden Dollar Hilfsgelder für Entwicklungsländer zur Verfügung.
Wir haben uns in dem erwachenden Land umgeschaut und durch eine exklusive Zusammenarbeit mit der Agentur Noor Fotoreporter auf die Reise geschickt. Francesco Zizola sah sich in der neuen im Konsumrausch suhlenden Gesellschaft um, die gleich gegenüber von grösster Armut existiert. Von den Hochhäusern Leblons aus, eines Stadtteils von Rio, wo der Boden teurer ist als in Manhattan, kann man den Bewohnern der angrenzenden Favela Vidigal beinahe in die leeren Mittagsteller gaffen, schreibt Autor Alex Gertschen. In den Armenvierteln von Rio de Janeiro allein leben 1,7 Millionen Menschen. Seit vier Jahren versucht der Staat, eine Siedlung nach der anderen von Banden zu säubern und Strassen-, Wasser- und Stromleitungen zu legen, wie Kadir van Lohuizen dokumentiert. Das Land will sich zur Fussballweltmeisterschaft von 2014 und zu den Olympischen Sommerspielen von 2016 von seiner Schokoladenseite präsentieren.
Brasilien hat auch einem der gravierendsten Missstände den Kampf angesagt, der Gewalt gegen Frauen. Andrea Bruce zeigt den Abschied von der machistischen Gesellschaft. Francesco Zizola reiste weiter in den Nordosten, wo das Land die erfolgreichste Biotreibstoffindustrie der Welt betreibt. Die Energie des aus brasilianischem Rohrzucker hergestellten Ethanols ist eine Alternative für Benzin geworden und ist an jeder Tankstelle zu haben. Noch weiter, zum Amazonas, reiste Kadir van Lohuizen. Das Amazonasbecken erstreckt sich über sieben Millionen Quadratkilometer, die 170-fache Fläche der Schweiz. Dort gilt das Recht des Stärkeren. Ungestraft wird gerodet, gemordet, ausgebeutet. In dem Naturparadies trägt sich ein beispielloses Drama menschlicher Zerstörungskraft zu. Erst diesen Juli fand ein Massaker in einem Dorf der Yanomami-Indianer statt, nachdem es zu einem Konflikt zwischen den Indianern und illegal operierenden Goldschürfern, den sogenannten Garimpeiros, gekommen war.
Aber es gibt Hoffnung. Viele auch private Initiativen kämpfen für die Erhaltung des Ökosystems Amazonien, darunter die Fundación Avina, die von dem Schweizer Unternehmer Stephan Schmidheiny gegründet wurde. Unser Autor Peter Wehrli schildert die Anstrengungen von Avina in Brasilien. So hatte Avina auch beim gross angelegten Projekt Eine Million Zisternen mitgewirkt, das den Einwohnern des immer wieder von Dürre bedrohten Sertão zum begehrten Nass verhelfen sollte (siehe auch Du, März 2000: Im Sertão. Eine brasilianische Begegnung, mitverfasst von Hugo Loetscher).
Zu den Initiativen gehört auch die Casa Daros, die nächsten Frühling in Rio de Janeiro eröffnet wird, im Stadtteil Botafogo in Sichtweite des Zuckerhuts. In dem neoklassischen Bauwerk von 1866, einem von Daros Latinamerica ab 2006 für seine neue Funktion der Kunstvermittlung aufwendig renovierten Gebäude, werden temporäre Ausstellungen und Symposien stattfinden. In Planung ist ein umfassendes Kunsterziehungsprogramm. Seit 2005 ist Stephan Schmidheinys Frau Ruth die Mäzenin von Daros und der über tausend Objekte umfassenden Sammlung lateinamerikanischer Kunst.
Auf Ansichtskarten Rio de Janeiros kann man lesen: «Deus é brasileiro» – Gott ist Brasilianer. Der Spruch verweist auf die enorme Bandbreite der Lebensäusserungen in diesem Land. Trotz aller Aufbruchseuphorie ist jederzeit ein Rückschlag möglich. Viele Probleme sind ungelöst. Doch eines wird Brasilien gewiss nie verlieren: seinen Optimismus.