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Du 828 | Juli 2012

Glaube

Das Mysterium menschlicher Existenz

 
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ISBN:
978-3-905931-23-5
Preis:
CHF 20.- / EUR 15.-
Status:
an Lager


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Teil I

Ludwig Hasler
Mehr Himmel, mehr Hölle, mehr Drama!
Der Mensch braucht ein Rätsel. Theoretisches Wissen nützt
ihm wenig, er muss an das glauben, was ihn bewegt, bereichert,
verwandelt – an Himmel und Ostern, an Medizin und Rolex.

Simone Kaempf/Arantxa Cedillo
Wo sind die weiblichen Jünger Buddhas heute?
Buddha sah für Männer wie für Frauen gleichermassen den
Weg zur Erleuchtung vor. Und doch haben Frauen im
Buddhismus heute eine unklare Rolle. Vielen Nonnen bleibt
die volle Weihe verwehrt.

Youssef Ziedan im Gespräch mit Thomas David
«Wenn ich Westeuropa bereise, spüre ich den Atem Gottes»
Youssef Ziedan, der ehemalige Direktor der Handschrift-
Sammlung in Alexandria, hat einen Roman geschrieben, der
im 5. Jahrhundert n. Chr. spielt – und für heute brennend
aktuell ist.

Alain de Botton
Religion für Atheisten
Angesichts fanatischer Atheisten, die mit ihrem Faktenwissen
die Religionen an den Pranger stellen, plädiert Alain de Botton
dafür, sich das Beste von dem, was Religion zu bieten hat,
nicht entgehen zu lassen.

Matthieu Gafsou
Erinnerungen an die Ewigkeit
Sacré nennt der junge Fotograf Matthieu Gafsou seine
neueste Arbeit, in der er religiöse Rituale und Artefakte festhält,
auf die er im katholischen Freiburg gestossen ist.

Michael Böhm
Die Rückkehr der Götter
Die christliche Religion erreicht die Menschen nicht mehr.
Doch sie trägt in sich den Keim ihrer eigenen Auflösung.
Heute glaubt der westliche Mensch wieder mehr. Aber er ist
nicht religiös.

Roger Ballen im Gespräch mit Sascha Renner
Hohepriester der Dunkelkammer
Ein Gespräch mit dem berühmten Kunstfotografen,
Psychologen und Geologen Roger Ballen über das innere
Schattenreich und seinen unbedingten Glauben
an die Fotografie als humanistische Unternehmung.

Dominic Wirz
Brennende Fotos, schwindende Erinnerungen
Im Kampf um die ideologische Reinheit einer Nation wurden
in Afghanistan Millionen von Fotografien zerstört.
Heute sehnt sich die Bevölkerung nach ihrer Geschichte –
und bekommt sie von einem Schweizer erzählt.

Wolfgang Ullrich
An die Kunst glauben
Kunst lässt sich nicht mit allgemein gültigen Massstäben
bewerten. Kriterien für den objektiven Wert von Kunst werden
trotzdem immer wieder gesucht. Je grösser die Unsicherheit
dabei, umso wichtiger der Preis.

Susanne Stähr
Komponierte Konfessionen
Das Lucerne Festival im Sommer 2012 stellt die Frage nach
dem Glauben.

Vilde Frang im Gespräch mit Christian Berzins
«Ich musste raus aus Norwegen, um eine kalte Dusche
zu bekommen»

Die norwegische Violinistin Vilde Frang im Gespräch über
ihre Lehrer, über die Angst, im Mainstream zu landen –
und über den Credit Suisse Young Artist Award, der ihr im
September in Luzern überreicht wird.

Lucerne Festival – Höhepunkte aus dem Programm

Teil II

Urs Stahels Sichtweisen
Foto-Therapie

Obrist Talk
«Sie werden mich leicht erkennen, ich bin sehr klein
und habe ein grosses Portfolio dabei»

Ausstellungstipps von Juri Steiner

Stefan Zweifels Reflektorium
Meeres-Lust

Die Eroberung des Unnützen von Dieter Meier
Matsch am Paddel

  Du 828 | Juli 2012 | Glaube – Das Mysterium menschlicher Existenz

Glaube

Das Mysterium menschlicher Existenz

Glaube – eine psychologische Funktion
unserer irrationalen Natur

Von Oliver Prange

Warum muss der Mensch an etwas glauben? Warum begnügt er sich nicht damit, was er sieht und was er weiss? Der Psychoanalytiker C. G. Jung war der Auffassung, dass das Ich des Menschen von der Natur nicht dazu geschaffen wurde, um unbeschränkt der eigenen Willkür zu folgen, sondern um der inneren Ganzheit zu ihrer Verwirklichung zu verhelfen, indem es ihm ein Bewusstsein verlieh. Im Kern entspringt der Glaubenswunsch also dem menschlichen Bewusstsein. Der Esel muss an nichts glauben, ihm reicht die Möhre. Wir alle wissen, dass wir nichts wissen, und deshalb begeben wir uns auf eine lebenslange Suche. Entscheidungen treffen wir nicht aufgrund von Wissen, sondern aufgrund von emotionalen Wahrheiten: Liebe, Freude, Lust, Angst, Wut, Eifersucht, Neid. «Kein Mensch lebt in der klinischen Art von Wissenschaftlern, steril und objektiv. Wir handeln immer schon mitten im Gewühl, verwickelt und verführt, in Situationen, die so bunt und einmalig sind, dass es Wissenschaftlern graust», schreibt unser Autor, der Philosoph Ludwig Hasler.
Weil kein Mensch weiss, was kommt, muss er glauben. Erst das bringt ihn auf Trab. Wüsste er es, könnte er getrost in der Sonne schmoren. Wissen hilft nicht viel, denn man strebt ja in die Zukunft, und die kann man nicht kennen. Glauben muss man deshalb losgelöst von der Religion betrachten, er ist zuerst der Wille, das eigene Leben sinnvoll auszufüllen. Wonach es den Menschen dürstet, bringt Hasler dreifach auf den Punkt: «Mehr Himmel, mehr Hölle, mehr Drama!» Hierfür können auch andere Institutionen zuständig sein als Religion: Technik, Medizin, Kunst, Markenprodukte. Nur will das Bewusstsein gekitzelt und die Sinne wollen beflügelt werden.
Es ist letztlich egal, ob es den Heiligen Geist gibt, das übersinnliche Wesen oder die göttliche Erscheinung. «Gott mag tot sein, aber die dringlichen Themen, die uns veranlasst haben, ihn zu erfinden, treiben uns noch immer um und verlangen nach Lösungen», schreibt Alain de Botton. Nicht der Glaube an Gott schafft Werte, sondern dessen irdische Umsetzung: Musik, Gebäude, Gebete, Rituale, Feste, Heiligtümer, Pilgerfahrten, gemeinschaftliche Mahle und erleuchtete Schriften.
Die junge und gleichwohl renommierte spanische Fotografin Arantxa Cedillo kontaktierte uns mit dem Vorschlag einer Fotoreportage über die weiblichen Jünger Buddhas in Mustang, einem Gebiet, das heute zu Nepal gehört. Frauen haben im Buddhismus eine unklare Rolle. Vielen Nonnen bleibt die volle Weihe verwehrt.
Bei unserer weiteren Recherche stiessen wir in der Schweiz auf einen ungehobenen Schatz: die weithin unbekannte private Sammlung von Paul und Veronika Bucherer-Dietschi, die Tausende Fotos der Islamischen Republik Afghanistan beinhaltet. Während der Kriege wurden Millionen von Fotografien in Afghanistan zerstört. Nun bekommt das Land seine Geschichte und damit verknüpft den Glauben an die eigene Identität von einem Schweizer erzählt.
Roger Ballens Religion ist die Fotografie: Der seit den 1970er-Jahren in Südafrika lebende Amerikaner ist Geologe, was ihn in abgelegene Dörfer der Weissen brachte, die er fotografierte. Das gefiel dem Apartheidregime nicht. Trotzdem suchte er weiter nach verbotenen Orten, wo die Bewohner bereit waren, in seinen Inszenierungen mitzuspielen, sodass sein Stil von der Dokumentation zur Fiktion mutierte. Ballen erzählt im Du-Interview, wie er die dunklen Seiten des Bewusstseins ausleuchtet; und er geht der Frage nach, was die Welt im Innersten regiert: das Gute oder das Böse, die Ordnung oder das Chaos?
Damit kommen wir zum religiösen Fanatismus. Du traf den Schriftsteller Youssef Ziedan, einen ägyptischen Wissenschaftler mit Spezialgebiet Arabisch- und Islam-Studien, der mit seinem Roman Azazel 2009 den International Prize for Arabic Fiction gewann. Er wundert sich, wie unter der Flagge Gottes Kriege geführt und Menschen getötet werden, und weist auf den Teufel, der nicht irgendwo, sondern in jedem von uns steckt.
Der Glaube ist in der Kunst zentral, denn sie lässt sich nicht mit objektivem Massstab bewerten. Sie ist unbegreifbar. Darum hat sich in den letzten Jahren immer stärker ein Kriterium durchgesetzt, das umso fassbarer ist, je unfassbarer die Kunst erscheint: der Preis. Erhabenheit entstammt nicht mehr dem Schöpfungsgeist, sondern der Höhe des Betrags, der für ein Kunstwerk bezahlt wird – wie der renommierte Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich in seinem Essay «An die Kunst glauben» überzeugend ausführt.
Diese Juli/August-Ausgabe von Du ist wie im letzten Sommer in Zusammenarbeit mit dem Lucerne Festival entstanden, das auch dieses Mal wieder dasselbe Thema hat wie wir. Freilich berühren in Luzern von den siebzig Konzerten die wenigsten die Sakralmusik und das geistliche Repertoire. Die Komponisten, die dieser Glaubenssommer versammelt, sind keineswegs alle gottestreue Diener, sondern wir begegnen ebenso den Zweiflern, Häretikern und Atheisten. Im Weiteren stellen wir Ihnen die norwegische Violinistin Vilde Frang vor, die aktuelle Preisträgerin des Credit Suisse Young Artist Award. Die Credit Suisse ist Resident Sponsor des Lucerne Festival.
Vor noch nicht allzu langer Zeit hat uns C. G. Jung gelehrt: «Der Gottesbegriff ist eine schlechthin notwendige psychologische Funktion unserer irrationalen Natur, die mit der Frage nach der Existenz Gottes überhaupt nichts zu tun hat.»