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Du 824 | März 2012

Clint Eastwood

Das Gute im Blick, das Böse im Griff

 
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ISBN:
978-3-905931-18-1
Preis:
CHF 20.- / EUR 15.-
Status:
an Lager


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Teil I

Tobias Kniebe
Abgezockt und erleuchtet: Triumphzug eines
coolen Pragmatisten

Clint Eastwood ist sich als Schauspieler und als Regisseur selbst treu geblieben – und hatte dabei stets den richtigen Riecher für die wichtigen Veränderungen zum rechten Zeitpunkt.

Barbara Vinken
Die Bösen, die Hässlichen und der Mann mit der guten Figur
Der Kampf für das Gute ist bei Clint Eastwood stets ein Kampf gegen die bösen Männer, die es nicht gut meinen mit den Frauen.

Leonardo DiCaprio
Er steht direkt mit am Ring
Im neuesten Eastwood-Film spielt Leonardo DiCaprio den FBI-Chef J. Edgar Hoover und konnte dafür alle Register seiner Verwandlungskünste ziehen.

Clint Eastwood im Gespräch mit Jean-Paul Chaillet
«Ich denke von innen nach aussen, nicht von aussen
nach innen»

Warum war Eastwood kein James Bond? Wie fühlt sich der Unterschied an, vor oder hinter der Kamera zu stehen? Was bedeutet ihm sein Macho-Image? Warum ist er jetzt ein besserer Vater?

Nathalie Wappler
Wie ich an den Pazifik kam
Die Kulturchefin des Schweizer Fernsehens hat den Meister persönlich getroffen. Und seine Stimme hat sie tatsächlich überrascht.

Martin Heller
Die Eastwood-Methode
Der profilierte Kulturmanager und ehemalige Expo-Chef fragt nach, warum die Kulturszene sich in Eastwoods Spruch: «Ich reite in eine Stadt – der Rest findet sich» gerne wiedererkennt.

Martin Walder
Die Magnum ist längst im Glasschrank
Seit 1951 ist Eastwood Mitglied der Republikanischen Partei.
Wo steht Clint Eastwood politisch?

Christoph Fellmann
Die Stimme für alle, die je von zu Hause weggelaufen sind
Eastwood und die Musik: Eastwood verkörpert genau das, was einen guten Countrysong ausmacht

Filmografie
Alle 68 Eastwood-Filme im Überblick

Teil II

Martin Amis im Gespräch mit Thomas David
«Das Alter ist die Tragödie, nichts sonst …»
Martin Amis hat im Alter von 62 Jahren einen neuen Roman geschrieben, der die erotischen Nöte eines jungen Mannes schildert: Es ist das Porträt seiner eigenen Generation.

Axel Simon
Eine Fata Morgana
Masdar heisst die Utopie-Stadt neben Abu Dhabi, die von Norman Foster entworfen wurde. Wer hier leben will, wird Teil eines ökologischen Masterplans, der für fast alles eine Lösung hat und trotzdem viele Fragen aufwirft.

Teil III

Urs Stahels Sichtweisen
Pappardelle und Passwang

Obrist Talk
Hans Ulrich Obrist im Gespräch mit Eugen Gomringer

Ausstellungstipps von Juri Steiner

Stefan Zweifels Reflektorium
Rousseaus Grüsse von der Petersinsel

Medienpartnerschaft
Migros-Kulturprozent-Tanzfestival Steps

Medienpartnerschaft BAK:
«Lebendige Traditionen sind ein Spiegel der Gesellschaft»

Die Eroberung des Unnützen von Dieter Meier
Das Wunder des Gelingens

  Du 824 | März 2012 | Clint Eastwood – Das Gute im Blick, das Böse im Griff

Clint Eastwood

Das Gute im Blick, das Böse im Griff

Clint Eastwood: Das Gute im Blick, das Böse im Griff
Von Oliver Prange und Armin Kerber

Clint Eastwood ist eine Jahrhundertfigur. Den Ritterschlag zur absoluten Männlichkeits-Ikone erhielt er jüngst in Paris, wo er im Alter von 81 Jahren als Titelbild der Histoire de la virilité – der Geschichte der Männlichkeit – erschienen ist. Doch das Geheimnis seines Erfolges, das ihn von anderen Hollywood-Kollegen unterscheidet, ist mehr als ein gut geschnittenes Gesicht und eine gut erhaltene Figur über eine gesamte Lebensspanne hinweg. Allein die Zahlen sind überwältigend: 68 Filme in 57 Jahren, 22 Filme als Regisseur und Hauptdarsteller, 36 Filme als Schauspieler, 10 Filme als Regisseur, ohne selbst mitzuspielen. Diese Quote ist ein Jahrhundertrekord für den Star von der Westküste, den ihm höchstens noch Woody Allen streitig machen könnte, dieser Anti-Held von der Ostküste und zweite grosse amerikanische Double-Take-Filmemacher zwischen Regie und Schauspielkunst.
«Ich wünschte, ich könnte so wunderbar flüssig arbeiten wie Clint Eastwood», gestand vor Kurzem Martin Scorsese, selbst Oscarpreisgekrönt wie Eastwood. Sein Fleiss und seine Disziplin sind legendär, was sich in der Knappheit der Figuren spiegelt, die er auf der Leinwand verkörpert. Über sich selbst sagt der Marathon-Mann des Filmgeschäftes am liebsten den Satz: «Ich bin ein einfach gestrickter Mensch.»
Wie bringt man einen Mann auf den Punkt, dessen Markenzeichen Geradlinigkeit ist? Ist sie vielleicht auch ein Schutzschild, um die Zickzack-Kurven seiner Lebenslinien zu ummanteln? Wir haben uns gemeinsam mit sieben Kolleginnen und Kollegen auf die Suche gemacht und seine Filme wieder gesehen, die berühmten und die fast vergessenen, wir haben viele Bücher durchforstet und die zahlreichen Interviews studiert, die er im Laufe seines langen Lebens schon gegeben hat. Wir haben Leonardo DiCaprio getroffen, der in seinem jüngsten Film J. Edgar spielt. Und wir haben ihn selbst gesprochen, den Meister, kurz nach den Dreharbeiten von J. Edgar.
Und bei all unseren Recherchen und Gesprächen sind wir auf einen Mann gestossen, der zu Beginn seiner Karriere wegen mangelnden Talents gefeuert wird und seinen ersten Welterfolg Für eine Handvoll Dollar nur der Angst der grossen Stars zu verdanken hat, sich zu blamieren.
Einen Mann, der in seinen Filmen das Ideal der Kleinfamilie heiligspricht und selbst auf fünf Töchter und zwei Söhne mit drei Frauen und zwei Ehen kommt.
Einen Mann, den die Republikaner gerne zum Vizepräsidenten gemacht hätten und dessen Konterfei linke Wohngemeinschaftswände ziert.
Einen Mann, der als Schauspieler seine Figuren als Einzelkämpfer anlegt – und der als Regisseur die Teamarbeit hochhält und Drehbücher so akzeptiert, wie sie sind, ohne sie umzuschreiben.
Einen Mann, der brutale Gewalt als Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft feiert, ohne je in die Rambo-Fraktion aussortiert zu werden.
Einen Mann, der knallhart an seiner Karriere gearbeitet hat, ohne jemals als Karrierist dazustehen.
Einen Mann, der sich stets als Outlaw gegenüber dem Hollywood-Business inszeniert hat und sein Leben lang nur einen Katzensprungvon Hollywood entfernt gelebt hat, mit besten Beziehungenzu den Studiobossen.
Einen Mann, der im hohen Alter vom Nimbus der Frische und Fitness zehrt, obwohl auf seinen Porträts die Falten tiefer sitzen als diejenigen von Samuel Beckett. Kurz:
Wir sind auf einen Mann gestossen, der Licht und Schatten liebt und dessen Widersprüche so offensichtlich zutage treten wie die Borsten eines Stachelschweins – und der dennoch auftritt mit der Windschnittigkeit eines Wildpferds.
Am besten hat vielleicht Richard Burton den Widerspruch beschrieben, aus dem die Faszination für Clint Eastwood kommt, der Schauspielerei niemals als Verwandlungskunst begriffen hat, sondern als das Ins-richtige-Licht-Setzen des eigenen Körpers und Profils: «Schauspieler wie Clint Eastwood haben eine Art dynamischer Lethargie. Sie scheinen nichts zu tun, und sie tun doch alles. Sie reduzieren alles auf ein absolutes Minimum. Wenn Eastwood zum Beispiel einen vierzeiligen Text hatte, dann reduzierte er ihn auf vier Worte.» Clint Eastwood: der geniale Minimalist, der das Maximum aus seinen Möglichkeiten herausholt.
Am Ende geht es uns – wie bei jedem ausserordentlichen Künstler, den wir im Du porträtieren – immer um die Kunst. Das Du, die Zeitschrift der Kultur, ist im besten Fall das kunstvoll gefertigte Trittbrett für das eigentliche Werk, also für die Filme von Clint Eastwood. Nachdem Sie dieses Heft von vorne nach hinten und wieder zurück gelesen haben und hoffentlich um ein paar Lebensstunden spannender Lektüre reicher sind, gibt es letztlich auf all die Fragen und Themen und Widersprüche, die ein Künstler wie Clint Eastwood aufwirft, nur eine praktische Antwort: Gehen Sie ins Kino, wenn seine Filme laufen, holen Sie sich eine DVD, wenn ein langweiliger Abend droht, und laden Sie Ihre Nachbarn ein. Sollten Sie es bereuen: Wir übernehmen selbstverständlich die Verantwortung. Und offerieren Ihnen gerne ein neues Du.

PS: Ein schönes Surplus für unser Clint-Eastwood-Du hat das Filmpodium Zürich zusammengestellt. Unter dem Motto «Kein Gramm Fett» stehen bis Ende März achtzehn Eastwood-Filme auf dem Programm. Von Für eine Handvoll Dollar aus dem Jahr 1964 bis zu Gran Turino von 2008 sind mehr als vierzig Jahre Kinogeschichte von und mit Clint Eastwood zu sehen.