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Du 821 | November 2011

Miranda July is missing

Chronik einer Suche

 
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ISBN:
3-905931-13-3
Preis:
CHF 20.- / EUR 15.-
Status:
nicht verfügbar


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Teil I 

Porträt – Hannes Grassegger
Sie will verschwinden

Essay – Miranda July
Lost Child
In Miranda Julys Familie und Freundeskreis gibt es dunkle Ereignisse. Ein Fall beschäftigt sie besonders: das spurlose Verschwinden ihres ersten grossen Bewunderers, Steven Reed. Er hatte den roten Faden in Julys Werk entdeckt.

Spurensuche I – Mirandas Photo Booth
Sie will sich erkennen
Lieber als den Wandspiegel benutzt Miranda July die «Photo Booth» ihres Macs. Das digitale Selbstbild löscht das eigene Spiegelbild zu Forschungszwecken.

Spurensuche II – Fan-Mail
Sie braucht ihre Fans
Sie sucht Kontakt. In Julys Studio fanden wir alle Post, die sie je erhalten hat, sortiert nach Jahren. Die Kisten waren durchwühlt. Auf dem Schreibtisch lag ein Stapel Fan-Mails.

Befragung – Starlee Kine (Text), Brigitte Sire (Porträts)
«Sie ist eine Herzensbrecherin»
Wir versuchen, Miranda July mithilfe von Personen aufzu¬ spüren, die sie möglicherweise zuletzt gesehen haben. Jede arbeitet in einem Geschäft, das sie immer wieder aufsucht.

Listen – Lindsay Beamish
Was Miranda July unbedingt zum Leben braucht
Listen sind ein wichtiges Element in Miranda Julys künstlerischer Arbeit. Eine enge Freundin gibt uns ihre «Überlebensliste»: Wer diese Dinge findet, findet Miranda.

Orte – Khaela Maricich
Konnte ich sie gesehen haben?
Miranda July kehrt nie zu etwas zurück, das sie hinter sich gelassen hat. Doch es gibt Orte, wo sie sich aufhalten könnte. Und es gibt Dinge, nach denen sie sich sehnt.

Artefacts – Emma Hedditch, Lindsay Beamish, Rick Moody, Monet Zulpo-Dane, Harrell Fletcher, Julia Bryan-Wilson, Calvin Johnson, Khaela Maricich, Lindy Hough, Spike Jonze (Texte), Serge Hoeltschi (Bilder)
Sie sendet Signale

Vorabdruck – Miranda July (Text), Brigitte Sire (Bilder)
Michael – grosse schwarze Lederjacke, zehn Dollar – Hollywood
«Ich werde wie eine Sozialarbeiterin in Los Angeles herumkurven ...» Versteckte Hinweise auf ihren Aufenthaltsort gibt auch Miranda Julys neues Buch Es findet dich, das im März 2012 auf Deutsch erscheint.

Film – Making of «The Future»
Sie will gesehen werden
Miranda July ist eine Künstlerin, die jedes Detail kontrolliert. Sie weiss genau, dass wir ihr auf der Spur sind und wo wir sie finden werden. Ganz bald. Letzte Hinweise gibt ein Blick hinter die Kulissen ihres neuen Films The Future.

Teil II

Fotografie – Marc Beckmann (Bilder), Daniele Muscionico (Text)
Vergessen im Erinnern

Literatur – William Trevor im Gespräch mit Thomas David
«Man muss glauben, dass es Tatsachen sind»
Der 83-jährige William Trevor ist ein Meister der Kurzgeschichte, einer der grossen Autoren der irischen Gegenwartsliteratur. In seinem umfangreichen, sieben Jahrzehnte umspannenden Werk erzählt er in feinster Nuancierung von der Melancholie der menschlichen Existenz. Unserem Autor gewährte er eines seiner seltenen Interviews.

Kurzgeschichte – William Trevor
Die geheimen Gedanken des J. P. Powers
Im Krieg flog der Fahrlehrer J. P. Powers eine Spitfire, in den Friedenszeiten des Nachkriegs-England erlebt er die Leere seiner Existenz: In dieser frühen, für Du erstmals ins Deutsche übertragenen Kurzgeschichte zeichnet William Trevor das intime Porträt eines Mannes, der im Alltag seines Lebens Sinn und Bedeutung zu finden versucht.

Teil III

Urs Stahels Sichtweisen
Robert Frank

Raffinierter leben mit Ludwig Hasler

Ausstellungstipps von Juri Steiner

Fotobuch
Daniele Muscionico über Sergej Chilikov

Stefan Zweifels Literaturtipps

Filmtipp
Nicole Hess über «Day Is Done»

Theatertipp
Armin Kerber über Stefan Puchers Beckett

Klassiktipp
Christian Berzins über Khatia Buniatishvili

Jazz- und Poptipps
von Tilman Urbach und Albert Kuhn

Migros-Kulturprozent
Das Residenzprojekt «watch & talk»

  Du 821 | November 2011 | Miranda July is missing – Chronik einer Suche

Miranda July is missing

Chronik einer Suche

Chronik einer Suche

Von Stefan Kaiser

Am Schluss ging alles ganz schnell. Plötzlich blieben E-Mails unbeantwortet, das Telefon läutete ins Leere, kein Fax, keine SMS kam zurück; auch ihre Freunde konnten uns nicht weiterhelfen: Miranda war verschwunden. Miranda July, der Darling der jüngeren amerikanischen Kulturszene von der Eastcoast zur Westcoast, die Mehrfachbegabte, die in Literatur und Film ebenso erfolgreich zu Hause ist wie in der bildenden Kunst.
Wir hätten es wissen müssen. Bereits an der Berlinale, wo ihr Spielfilm The Future im Wettbewerb lief, erklärte sie: «Diese Frau will aus ihrem Leben fliehen. Nicht mehr erfüllen, was von ihr erwartet wird. Sie will raus!» July, in deren Werken immer wieder autobiografische Bezüge auftauchen, sprach über die von ihr gespielte Hauptfigur Sophie. Oder sprach sie über sich selbst? Deutlichere Hinweise (im Nachhinein gesehen) bekam unser Autor Hannes Grassegger. Er hat Miranda July mehrmals an ihrem Wohnort in Silverlake, Los Angeles, besucht, dem Stadtteil der kreativen Boheme, um gemeinsam mit ihr diese Du-Ausgabe zu entwickeln; es sollte ein «Künstler-Heft» werden. Dabei nannte July den Arbeitstitel Miranda Is Missing. Und auch der Text Lost Child, den sie für Du geschrieben hat, nennt das Weglaufen, das Verschwinden und Vermisstwerden, als ein Thema, das sie seit ihrem ersten Buch (sie schrieb es als Siebenjährige) «immer wieder … gründlich ausgebeutet» habe. In diesem Text verarbeitet July die Geschichte ihres ersten grossen Bewunderers, Steven Reed, der viel über ihr Werk herausgefunden hatte und dann auf dem Weg zu einem Treffen mit ihr spurlos verschwunden war. Und jetzt ist Miranda selbst verschwunden. So wird diese Du-Ausgabe zu einem einzigartigen Projekt: die Chronik einer Suche, zu der Miranda July, enge Freunde wie Spike Jonze und Calvin Johnson und sogar ihre Familie beigetragen haben.
Von ihrem Mann, dem Filmemacher Mike Mills (auch er ist verzweifelt) stammt die Vermisstenanzeige. Gemeinsam knackten wir Mirandas Computer, denn vieles von Julys künstlerischem Leben spielt sich im Netz ab (ihr Webprojekt Learning to Love You More, 2002–2009 gemeinsam mit Harrell Fletcher, wurde zum Beispiel vom SFMOMA erworben). Wir fanden von ihr kommentierte Bilder, die sie mit dem «Photo Booth» ihres Macs aufgenommen hatte, und zeigen diese als Spuren der Gesuchten. In ihrem Studio lag ein durchwühlter Stapel Fanpost: vielleicht der Hinweis auf einen zweiten Fall Reed? Helfen Sie mit! Von Mitarbeitenden in Geschäften, in die July immer wieder geht, erfahren wir mehr über die Alltagsseiten der Künstlerin (sie ist hübsch und folglich eine Herzensbrecherin). Zwei Freundinnen geben konkrete Suchtipps: Von Lindsay Beamish stammt eine Liste von Dingen, ohne die Miranda nicht leben kann (July liebt Listen), Khaela Maricich führt uns an Orte, wo sie sich aufhalten könnte. Leider ohne Ergebnis. Von Mirandas engsten Vertrauten, denen sie seit vielen Jahren kleine Kunstwerke schickt, kommen jene Objekte, die am meisten über die Gesuchte verraten. Nicht zuletzt lassen sich Spuren in Julys letzten grossen Werken finden: im Buch It Chooses You, das im März 2012 bei Diogenes auf Deutsch erscheint (Titel: Es findet dich), und hinter den Kulissen ihres Films The Future, der soeben in unsern Kinos anläuft.
Weshalb verschwindet jemand einfach so? Und weshalb suchen wir ihn? Julys Umgang mit Leben und Kunst macht sie zu einer idealen Figur für Kunstfans wie Lebenshilfesucher gleichermassen (ihr gelänge der «Brückenschlag zwischen New Yorker und Brigitte», schrieb einmal Die Zeit). Mit ihrem ersten Spielfilm Me and You and Everyone We Know (2005) schaffte sie den Sprung vom Geheimtipp zum in Cannes gefeierten Star. Sie nimmt Lebensgeschichten auf, die sie in der Welt findet, bevorzugt von Aussenseitern, die sie aus ihrem Schneckenhaus lockt. Doch sie ist alles andere als oberflächlich, das lernten wir schnell. Auch ihr mädchenhaftes Auftreten kann einen täuschen. Weshalb ist sie verschwunden? In ihrem Du-Beitrag sagt es Miranda July deutlich: «Der offensichtlichste Grund, warum man verschwindet, ist, dass man vermisst werden möchte. Dass jemand kommt und sich um einen kümmert. Doch darf man nicht vergessen, dass man die ganze Zeit, während man verschwunden ist, mit sich selbst unterwegs ist.» Der Gedanke sticht von der Oberfläche gleich in die Tiefe. Und in ihrem Fall verspricht er etwas.
Das gibt uns die Hoffnung, dass sie bald wieder auftauchen wird – aber vermutlich anders, als wir es erwarten würden. Sollten Sie Miranda July vor uns finden, nehmen Sie sich einen Rat von Lindsay Beamish zu Herzen: «Nähern Sie sich ihr langsam, und nehmen Sie ihr all diese seltsamen Dinge, die sie zum Leben braucht, nicht auf einen Schlag weg. Und sagen Sie ihr, dass sie vermisst wird.» Wir sagen es mit diesem Heft.

PS: Im zweiten Teil dieser Ausgabe gewährt uns einer der grossen Autoren der irischen Gegenwartsliteratur, William Trevor, eines seiner seltenen Gespräche. Dazu präsentieren wir Ihnen eine frühe Kurzgeschichte Trevors, die für Du erstmals ins Deutsche übertragen wurde.