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Du 820 | Oktober 2011

Unser Hirn

Das Rätsel ist die Lösung

 
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ISBN:
978-3-905931-12-9
Preis:
CHF 20.- / EUR 15.-
Status:
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Teil I

Hintergrund - Michael Böhm
Schöne neue Neuro-Welt

Forschung (I) - Lutz Jäncke im Cespräch mit Joachim Maier
«Einige meiner Kollegen übertreiben das...»
Lutz Jäncke kennt sich im Gehirn von Musikern aus. Er kann normale Autofahrer mit einfachen Mitteln zu skrupellosen Rasern machen. Und er ist ein weltweit angesehener Forscher, der ebenso davor warnt, dass die Öffentlichkeit den Neurowissenschaften zu viel Vertrauen schenkt.

Portfolio - Ultich Blum (Bildet), Andreas Liebmann (Text)
Nichts als ein Haufen Neuronen

Forschung (II) -Joachim Maier
Schön und glücklich
Das Gesicht ist die Visitenkarte des Menschen. Ist es schön, macht uns sein Anblick glücklich. Die Neurobiologin Alumit Ishai erforscht, was dabei in unserm Hirn abläuft.

Gesellschaft - Hans Bunkert
Können Neuronen lügen?
Das Schlagwort Neuro ist zum unhinterfragten «Sesam, öffne dich» geworden. Mit «sensationellen Erkenntnissen» wird die Öffentlichkeit zum Beispiel aufgefordert, sich auf eine «Neuroethik» einzulassen, die direkt in unser gesellschaftliches Zusammenleben eingreift. Und dann wird das Neuro-Spiel gefährlich.

Film - Simon Spiegel
Das Gehirn als Spektakel
Vom Kopfkino über die Eskapaden der Surrealisten bis zum bösen Elektronengehirn der Science-Fiction - kein anderer Körperteil ist derart vielfältige Verbindungen mit dem Film eingegangen wie das Gehirn. Dabei zeigt sich ein erstaunlich ambivalentes Verhältnis zu unserem wichtigsten Organ.

Literatur - Urs Augstburger
Jugendfest
Der Sohn, der aus dem Ausland zurückkehrt. Die demenzkranke Mutter, die ihn nicht erkennt, nicht mehr spricht. Der Schweizer Autor Urs Augstburger beschäftigt sich mit Alzheimer und wagt in seinem nächsten Roman eine Annäherung an die Innensicht einer Erkrankten. Wir präsentieren drei Auszüge aus dem Manuskript Jugendfest.

Selbstversuch - Tobias Mootstedt
Konzentration, bitte!
Nach Botox und Viagra werden «Smart Pills» der nächste pharmakologische Renner. Ritalin ist bereits ein Massengeschäft, jetzt versprechen Wachmacher Vorteile im Brain-doping-Wettlauf. Sie lassen die Menschen in der heutigen Leistungsgesellschaft wie Roboter funktionieren, aber ihre Nebenwirkungen sind eher abturnend.

Teil II

Literatur- Ulrich Peltzet im Gespräch mit Thomas David
«Darum geht es: Widerstand gegen die Schändlichkeit der Welt zu leisten»
Wie erzählt man eine Geschichte der Gewalt, ohne den Figuren und ihrer Geschichte Gewalt anzutun?, fragt der Berliner Autor Ulrich Peltzer. Die Erschiessung von vier Studenten durch die US-Nationalgarde am 4. Mai 1970 in Ohio bildet den Ausgangspunkt für seinen neuen Roman.

Literatur- Ulrich Peltzer
Der Teufel, vielleicht
Exklusiver Vorabdruck des Anfangs des Romans, an dem Ulrich Peltzer schreibt. Das Buch erscheint voraussichtlich 2012, den Titel will uns der Autor noch nicht verraten.

Design - S. Hütlemann/S. Husslein im Gesptäch mit R. Kiesewetter
«Das Hübschmachen stand hinten an»
Drei Jahre nach dem Tod von Hannes Wettstein widmen sich ein Buch und eine Ausstellung dem aussergewöhnlichen Schweizer Designer und seinem Werk. Mit der Aufarbeitung von Wettsteins Archiven haben selbst langjährige Weggefährten neue Einsichten gewonnen zu einem überschäumenden Fabulierer und strukturierten Denker.

Teil III

Urs Stahels Sichtweisen
David Goldblatt

Raffinierter leben mit Ludwig Hasler

Fotobuch
Daniele Muscionico über die Kooperation des «New York Times Magazine» mit legendären Fotografen

Ausstellungstipps von Juri Steiner

Stefan Zweifels Literaturtipps

Filmtipp
Nicole Hess über Fernand Melgars «Vol special»

Theatertipp
Stephan Müller über «Faust» in Salzburg

Jazztipp
Tilman Urbach über Rudresh Mahanthappa

Pop- und Klassiktipps
von Albert Kuhn und Christian Berzins

Opernhaus Zürich
Peter Stein und Klara Obermüller

Migros-Kulturprozent
Philippe Bischof über Kulturpolitik 2.0

  Du 820 | Oktober 2011 | Unser Hirn – Das Rätsel ist die Lösung

Unser Hirn

Das Rätsel ist die Lösung

Die Jagd nach dem Hirn

Von Stefan Kaiser

«Man muss der Materie ein bisschen mehr zutrauen», sagte vor einigen Jahren Wolf Singer, Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt. Ein scheinbar harmloser Satz, den er in der unter deutschen Intellektuellen heftig geführten Debatte geäussert hat, ob der Mensch einen freien Willen habe oder nicht, was Singer bekanntlich verneint. Inzwischen wird der grauen Materie unter unserer Schädeldecke aber nicht nur «ein bisschen», sondern sehr viel mehr zugetraut. Eigentlich alles. Die Vorsilbe Neuro ist zum heiligen Gral geworden, der die Erfüllung einer Verheissung verspricht, die Sozialvisionäre ebenso fasziniert wie die Stressopfer der Leistungsgesellschaft: Die Verheissung, dass wir uns durch den Zugriff aufs Gehirn verbessern könnten - als Gesellschaft insgesamt wie auch als Individuen.
Dazu beigetragen haben verblüffende Resultate wie die Steuerung von Prothesen bei Gelähmten allein kraft der Gedanken oder die Wiedererkennbarkeit von Einzelworten in Hirnscans. Bei getragen haben auch populäre Spielfilme, die diverse Schnittstellen ins Hirn als Realität der nahen Zukunft vorgeführt und das Hirnthema immer tiefer im Mainstream verankert haben. Gleichzeitig hat die Hirnforschung in den letzten Jahren eine kaum mehr für möglich gehaltene Wissenschaftsgläubigkeit ausgelöst und wurde quasi in den Rang einer modernen Letztbegründungsinstanz erhoben. Von den Anbietern eines «Blicks ins Gehirn» werden dabei immer wieder spektakuläre Behauptungen in der Öffentlichkeit platziert, die die Grenzen der Wissenschaftlichkeit überschreiten und die mit zum Teil absurd anmutenden Macht- und Deutungsansprüchen verbunden sind. Die scheinbar objektive Hirn-Wissenschaft wechselt so kaum merklich in ein autoritäres kulturelles Verständnis über. Das ist die gefährliche Seite der Neuro-Welt: Plötzlich redet man wieder von Menschenselektion aufgrund physikalischer Merkmale. In aller Euphorie über die medizinischen Erfolge geht vergessen, dass die bunten Hirnscans eben auch nur Metaphern sind dass unser Hirn nicht nur ein materielles, sondern auch ein kulturelles Objekt ist, dass es also immer menschliche Konstruktionen sind, die herumgereicht werden.
Doch keine Angst: Im Zentrum dieser Ausgabe steht keine Wissenschaftskritik. Wir nehmen den aktuellen Neuro-Boom vielmehr zum Anlass einer Verortung des menschlichen Gehirns als Thema in Kunst und Gesellschaft. Den grössten Platz geben wir «Meier». Meier ist die Hauptfigur eines faszinierenden Projekts des Fotografen Ulrich Blum mit Texten von Andreas Liebmann. Ulrich Blums Fotografien ermöglichen eine neue Perspektive auf unser Menschsein im «Jahrhundert des Hirns». Er zeigt andere Bilder. Bilder, die in ihrer nüchternen Präzision tief unter die Haut gehen und die sich mit Liebmanns Texten zu einem eigenen Werk verbinden. Der Autor und Regisseur Andreas Liebmann hat letzten Herbst am Theater Freiburg ein Stück über einen Hirnforscher uraufgeführt, der aufgrund einer schweren Parkinson-Erkrankung um sein Leben kämpft. Dabei entstand ein radikal subjektiver Text.
In der primär von Bildern dominierten Hirndiskussion kommt der Literatur immer mehr die Bedeutung eines Reflexionsmediums zu. Sie nutzt diesen Freiraum, um uns neben den farbigen Computerscans alternative Einblicke, Einsichten zu vermitteln. So schreibt der Schweizer Autor Urs Augstburger derzeit an einem Roman über eine an Alzheimer erkrankte Frau und macht eine Grenzüberschreitung, wie sie nur der Fiktion erlaubt ist: Augstburger begnügt sich nicht mit der sorgfältig recherchierten Aussenperspektive, er sucht eine Annäherung an die Innensicht seiner Protagonistin Helen. Und plötzlich stellen wir uns vor, was kein Computerbild vermitteln kann: Wie wäre es, wenn wir selber langsam aus Raum und Zeit fallen würden?
Aber auch die Hirnforscher selbst kommen in dieser Ausgabe zu Wort. Zum Beispiel Lutz Jäncke, der aus Autorasern mit einfachen Mitteln zahme Verkehrsteilnehmer machen kann (und umgekehrt). Unsere Autoren loten immer wieder die Grenzen der aktuellen Neuro-Euphorie aus, nicht zuletzt mit einem Selbstversuch zum Hirndoping und kurzen Rückblicken in die Geistesgeschichte. Was nämlich den Anspruch der Metaphern aus den bildgebenden Verfahren der Computertomografie anbelangt, hätte schon Nietzsche Wolf Singer antworten können: Diese Wahrheiten «sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind».

PS: Die Leserschaft von Du hat im letzten halben Jahr um rund zehn Prozent zugelegt (MACH Basic 2011-2). Die Üw-Redaktion freut sich ausserordentlich über diesen schönen Erfolg und wir bedanken uns bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser!
Dieser Ausgabe liegt eine vom D«-Verlag produzierte Sonderedition bei: Kunst in China (2011) über zu entdeckende Künstler und die Leidenschaften eines Galeristen und die eines Kunstsammlers.