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Du 819 | September 2011

Roberto Bolaño

Poet und Vagabund

 
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ISBN:
978-3-905931-11-2
Preis:
CHF 20.- / EUR 15.-
Status:
nicht verfügbar


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Teil I

Archiv - Stefan Zweifel
Vor Tränen blind in Blanes

Leben - Roberto Bolaño
Eine Autobiografie
Überraschender Fund im Nachlass: Zwischen Notizen für seine Kriegsspiele entwirft Bolano eine Autobiografie. Sie zeigt viele unbekannte Seiten des gefeierten Autors und reicht bis ins Jahr 1986, als er in Blanes sesshaft wurde und seine wilden Jahre endeten. Erstpublikation.

Rezeption
Bolañomania
Kaum ein Werk hat bei Kulturschaffenden einen solchen Begeisterungssturm ausgelöst wie 2666. Wir sammeln Stimmen von Patti Smith bis Jonatham Lethem, von Mario Vargas Llosa bis zum «wilden Detektiv» Pancho Rodriguez.

Mexiko - Michael Pfister
Der magnetische Pfad der Esel und Dichter

Fotogtafie - Peter Tillessen
104
104 Frauenmorde gibt es in 2666. Der Fotograf Peter Tillessen liess sich zu einer Fotoserie inspirieren.

Neuerscheinungen - Stefan Zweifel
Das okkulte Zentrum von «2666»?
Zwei nachgelassene Romane sorgen für Wirbel: Das Dritte Reich über Kriegsspiele, der dieser Tage auf Deutsch erscheint, und Los sinsabores del verdadero policia. Letzterer gilt als «Keimzelle» von 2666. Zu Recht?

Vorabdruck - Roberto Bolaño
Die Unannehmlichkeiten des wahren Polizisten
Erster Blick in den Parallelentwurf zu 2666: Professor Amalfitano muss sich wegen einer Affäre mit dem jungen Dichter Padilla nach Santa Teresa zurückziehen. Dort gerät er an Rektor Guerra und liest Arcimboldis imaginäre Romane.

Bibliothek - Stefan Zweifel
Bolaños Werke
Notizen und Querverweise durch Bolanos Bücher.

Kunst - Lutz&Guggisberg
Arcimboldi auf Sperrholz
Eine imaginäre Bibliothek: Für Du entwarf das Künstlerduo Lutz & Guggisberg neunzehn Buchmodelle zu Bolaño.

Interview - Roberto Bolaño im Gespräch mit Rodrigo Pinto
«In der Leber wohnt der Humor...»
Kurz vor seinem Ableben sprach Bolaño mit seinem Freund über Tod und Literatur und weshalb diese Kunstform der Gesundheit eines Autors normalerweise abträglich ist.

Literatur- Lukas Bärfuss
Die grösste Heimlichkeit
Ein Schriftsteller liebt Bolaño und hasst Events im Haupt- Bahnhof. Ausgerechnet dort erscheint ein Verschwundener.

Fragebogen - Roberto Bolaño
«Ich möchte als Tisch eines Schweizer Schriftstellers wiedergeboren werden...»
In der Tradition von Prousts Fragebogen beantwortete Bolaño die Frage nach den grossen letzten und den kleinen Dingen.

Teil II

Fotografie - Bilder: Mirjam Wirz, Text: Jonathan Fischer
Sonidero City
DJs als Vermittler von Liebesgrüssen und Botschaften für rivalisierende Gangs. Cumbia-Rhythmen, die auf den landestypischen Tanzstil heruntergebremst sind. Tiefe Töne und aberwitzig verzerrte Stimmen: Die Sonidero-Kultur ist aus den Nachbarschaften Mexikos nicht wegzudenken.

Enabler (V) - Markus Stegmann
Das Büro als Museum
In der Kunstsammlung der Bank Julius Bär sind nahezu alle Schweizer Kunstschaffenden der letzten dreissig Jahre von Rang und Namen vertreten. Ihre Werke liegen jedoch nicht im Safe, sondern hängen in den Büros der Bank. Wir stellen eine Auswahl der jüngeren Ankäufe vor: Leopold Rabus, huber.huber, Nadin Maria Rüfenacht, Nino Baumgartner, Marc Bauer, Yves Netzhammer und El Frauenfelder.

Enablet (V) - Raymond J. Bär im Gespräch mit Oliver Prange
«Die Kunstwelt ist befreiend»
Die firmeneigene Kunstsammlung wird nicht (mehr) von der Familie Bär betreut, sondern von den Mitarbeitenden. Ein Gespräch über Passionen mit Verwaltungsratspräsident Raymond J. Bär.

Teil III

Urs Stahels Sichtweisen
Shirana Shahbazi

Raffinierter leben mit Ludwig Hasler

Fotobuch
Daniele Muscionico über Burke + Norfolk

Ausstellungstipps von Juri Steiner
Konkrete Konzepte Das Museum Haus Konstruktiv

Stefan Zweifels Literaturtipps
Das Buch als Kunstwerk

Filmtipp
Martin Walder übet «A Separation», den Gewinner des diesjährigen «Goldenen Bären» in Berlin

Theatertipp
Christine Dassel über Frank Castorf

Poptipp
Albert Kuhn über Anna Aaron

Klassik- und Jazztipps von Christian Berzins und Tilman Urbach

Migros-Kulturprozent Nachwuchsförderung für Künstler

  Du 819 | September 2011 | Roberto Bolaño – Poet und Vagabund

Roberto Bolaño

Poet und Vagabund

Gebildeter Rebell

Von Stefan Kaiser

Wer sich für Blanes interessiert, den letzten Wohnort Roberto Bolaños an der spanischen Costa Brava («wilde Küste»), liest am besten seinen nachgelassenen Roman Das Dritte Reich, der in diesen Tagen in unsere Buchhandlungen kommt. Sein Held, Udo Berger, taucht darin immer weiter ab, entflieht der Tristesse des Massentourismus, entzieht sich neuen Freunden ebenso wie seiner Beziehung zu Ingeborg, verkriecht sich ins Hotelzimmer und spielt dort das Strategie-Kriegsspiel Rise and Decime of the Third Reich mit einem Eifer, als ginge es um sein Leben. Das geht es auch. Nur verwischt Bolaño am Schluss die spielerisch arrangierten existenziellen Spuren in scheinbare Eindeutigkeit. So bleibt Literaturdetektiven genügend Raum, passende Stellen in anderen Texten zu suchen, um die Spuren dieses bereits 1989 entworfenen Romans weiter aufzulösen. Und war nicht auch der Autor selbst ein fanatischer Spieler von war games und lebte zurückgezogen in Blanes?
Wer sich für Bolaño interessiert, den ins Exil gegangenen chilenischen Autor, der mit Die wilden Detektive und dann mit seinem postum erschienenen Tausend-Seiten-Meisterwerk 2666 Weltruhm erlangt hat, geht am besten nach Blanes. Dort, in Bolaños Archiv, lassen sich die Puzzlesteine entdecken, lassen sich Handnotizen und vorbereitende Fragmente einsehen, die der enorm belesene Autor, um den sich so viele Mythen ranken, hinterlassen hat; Bolaño, der Schwerarbeiter, der bis zuletzt mit grossem Willen gegen seine Leberkrankheit angeschrieben hat, auch 48 Stunden am Stück mit einem Finger, so die Legende; Bolaño, der unermüdliche Kämpfer gegen den literarischen Mainstream; Bolaño, der mit allen möglichen literarischen Formen und Techniken so souverän wie subversiv umzugehen wusste. Einzig zwei Dokumentarfilm-Teams war dieser Blick ins Archiv bis jetzt vergönnt und Patti Smith, deren Begeisterung für Bolaño so weit geht, dass sie dessen Sohn Lautaro als Gitarristen in ihrer Band auftreten liess. Als erstes Magazin überhaupt durfte nun Du in Bolaños Archiv auf Spurensuche gehen: eine Ehre, über die wir uns ausserordentlich freuen und wofür wir allen Beteiligten unseren Dank aussprechen.
Unser Autor und Mitkonzepter dieser Ausgabe, der renommierte Literaturkritiker Stefan Zweifel, und Du-Bildredaktor Lars Willumeit haben sich in Blanes mit detektivischer Lust durch Bolaños Nachlass hindurchgearbeitet. Zwei Tage waren natürlich viel zu kurz. Doch lange genug für eine Ausbeute, die mehrere Ausgaben füllen könnte. In diesem Heft stellen wir die wichtigsten Fundstücke vor: zum Beispiel eine in Briefform abgefasste Autobiografie, die zwischen Bolaños Notizen für seine Kriegsspiele gelegen hat. Lesen Sie Auszüge daraus als Erstpublikation. Das zweite bedeutende Fundstück ist die Erkenntnis, dass der im Nachlass gefundene Roman Los sinsabores del verdaderopolicia als Parallelfragment zu 2666 gelesen werden muss wenn nicht gar als dessen «okkultes Zentrum», von dem Bolaño in seinem Notizbuch eine Skizze angefertigt hatte. Und hat er nicht seine Konzepte stets akribisch eingelöst? Mit Sinsabores tastet Roberto Bolaño sich von mehreren Seiten an das apokalyptische Thema der Gewalt von 2666 heran, an eine Welt, in der das Böse banaler Alltag wird. Er entwirft alternative Handlungsstränge und Lebensgeschichten, bietet starke Erzählpassagen, lässt seinen Sinn für Komik aufblitzen. Die Teile sind einzig etwas weniger stringent miteinander verknüpft als im Hauptwerk. Die deutsche Übersetzung von Sinsabores erscheint nächstes Jahr im Hanser-Verlag. Du bietet schon jetzt einen Einblick.
Auch Belege dafür, dass Bolaño zur Zeit des Militärputsches tatsächlich in Chile war und von einem Schulkameraden aus Pinochets Kerkern befreit wurde, haben wir im Archiv gefunden. Dieser alte Streitpunkt um Wahrheit und Dichtung ist also geklärt. Dennoch bleibt erstaunlich, wieso die Rezeption sich ausgerechnet bei diesem Autor, der das Spiel mit Realität und Fiktion geliebt und es darin zur Meisterschaft gebracht hat, so sehr auf die «harten Fakten» stützen will. Leben nicht seine Erzähler das Gegenteil vor und fantasieren den Inhalt ganzer Bibliotheken herbei? Aber auch wir konnten der Verlockung nicht widerstehen, im Leben Antworten auf Fragen der Literatur zu suchen: So traf unser Autor Michael Pfister in Mexiko Weggefährten Bolaños, die in Die wilden Detektive auftauchen, um mehr über dessen prägende Jahre zu erfahren. Über einen Schriftsteller, dessen Texte so weit gehen, «das Geheimnis der Welt» zu benennen (so in 2666); Texte, die eine schier unglaubliche Faszination in sich bergen und einen Lesesog auslösen, den keiner sich erklären kann. Für die Lösung dieses letzten Rätsels um den lebendigsten aller toten Dichter würde auch ein längerer Archivbesuch nicht ausreichen. Man muss seine Werke weiter lesen am besten alle, wie er es sich vom «idealen Leser» gewünscht hat.

Seltene Gelegenheit in Zürich: Bruno Ganz, der das Geheimnis von Büchern lebendig machen kann wie kein Zweiter, liest für Du aus Bolaños 2666: am 11.9.2011 im «Kaufleuten».