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Du 818 | Juli 2011

Die Nacht

Auf den Spuren eines Gehemnisses

 
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ISBN:
978-3-905931-10-5
Preis:
CHF 20.- / EUR 15.-
Status:
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Teil I

Kulturgeschichte - Alexander Cammann
Schichten der Nacht
Für unsere Kultur ist die Nacht der Schlüssel für unzählige Geheimnisse wie Erkenntnisse. Denn die Nacht fasziniert die Menschen seit Urzeiten - weil sie zugleich Geborgenheit vermittelt und Abgründe öffnet.

Gesellschaft - Text: Daniel Di Falco, Bilder: Thierry Cohen
Das Verschwinden der Dunkelheit

Film -Jacqueline Zünd
Kaleidoskop der Schlaflosigkeit

Kunst - Juri Steiner
Kein Mond und keine Sterne
Das Bild von der Geburt Christi war über Jahrhunderte eine strahlende Nachtszene. Die Nachtbilder des 20. Jahr- Hunderts sind ins Dunkel des Kinos geflüchtet.

Gesellschaft - Thomas Meinecke im Gespräch mit Tobi Müller
«Was ist die Steigerungsform der Nacht?»
Nightlife im Club ist mehr als Abfeiern nach Dienstschluss. In den Zwischenwelten der Techno- und House-Clubs trifft man auf performatives Outsourcing, Drogenesser und Day-Dancers. Ein Nachtgespräch unter DJs und Denkern.

Fotografie - Bilder und Text: Kitill Colovchenko
Bitter Honeydew
An Fernstrassen in der Ukraine bilden sich rasch wachsende Märkte, deren Betreiber mit ihren Familien rund um die Uhr am Strassenrand leben. Unfreiwillig. Ihre Nachtarbeit ist das Thema des Fotografen Kirill Golovchenko.

Lifestyle - Hannes Grassegger
Mit der Nase durch die Nacht Nacht und Parfum, da geht es um Sex, Verführung, Flüchtigkeit und Täuschung. Eine Nacht mit dem Parfumkomponisten Guillaume Flavigny zeigt auch: Musik riecht.

Literatur
Vom Fallen der Menschen in Löcher
Zürich, 9. Mai. Eine ganz normale Nacht. Sieben Schweizer Schriftstellerinnen erkunden sie im Stundentakt.

Fotografie - Bilder: Sven Paustian, Text: Daniele Muscionico
Nach(t)gedanken
In Dark, Passage ist die Nacht der Filter eines Psychogramms der Moderne: Sven Paustians Langzeit-Fotoprojekt öffnet Räume für grundsätzliche Fragen zu unserer Zivilisation.

Klassik - Susanne Stähr
Musik, die dunkle Kunst
Keine Kunst steht der Nacht so nahe wie die Musik.

Klassik - Georg Friedrich Haas im Gespräch mit Christian Betzins
«Das Grauen vor der Nacht ist in uns immer noch gespeichert»
Nacht ist ein zentrales Element im Denken und Werk von Georg Friedrich Haas. Der Komponist erkundet den Übergang von Schönheit in Grauen ebenso wie Möglichkeiten des Musizierens im Dunkeln.

Klassik - Isabel Zürcher
«In China ist es normal, den Träumen der Eltern zu folgen»
Am Lucerne Festival 2011 gibt die junge Cellistin Mi Zhou ihr Debütkonzert.

Archive - Text: Georg Sütterlin, Bilder: Armin Haab
Ungehobene Schätze der Schweizer Fotografie: Armin Haab
Die Fotostiftung Schweiz in Winterthur wird vierzig. Ihre Sammlung umfasst neben Hunderttausenden von Fotografien auch die Nachlässe bedeutender Fotografen. Darunter finden sich echte Entdeckungen wie Armin Haab.

Literatur- Laszlo F.Földenyi im Gespräch mit Stefan Zweifel
«So etwas hat man in der Literatur zuvor nicht hervorgebracht»

Literatur - Warlam Schalamow
Der Pfad
Exklusiver Vorabdruck aus dem vierten Band von Warlam Schalamows Zyklus Erzählungen aus Kolyma.

Enabler (IV) - Jean Claude Gandur im Gespräch mit Oliver Prange
«Respekt ist das Wichtigste bei allem, was man tut»
Jean Claude Gandur ist Rohstoffhändler und Sammler. Das Geschäft betreibt er mit dem Gehirn, die Kunst mit dem Auge. Diesen Frühling hat Gandur seine Sammlungen den Genfer Museen zur Verfügung gestellt.

Teil III

Urs Stahels Sichtweisen
Rétny Matkowitsch

Raffinierter leben mit Ludwig Hasler

Fotobuch
Daniele Muscionico über «Das Buch der Bücher»

Ausstellungstipps von Juri Steiner

Stefan Zweifels Literaturtipps

Filmtipp
Martin Walder über «La solitudine dei numeri pumi»

Theatertipp
Armin Kerber über She She Pop

Klassiktipp
Christian Berzins über Vilde Frang

Jazz- und Poptipps
von Tilman Urbach und Albeit Kuhn

Opernhaus Zürich
«Kunst hat mit Selbstausbeutung zu tun»

Migros-Kulturprozent
Wie wird digitale Kultur vermittelt?

Migros-Kulturprozent Sharing Knowledge (III)
Nicht die Privatsphäre ist heute bedroht, sondern der öffentliche Raum. Selbstdarsteller haben das Wichtige verdrängt: Politik, Bildung und Gespräche. Ein Gesellschafts-Dossier.

  Du 818 | Juli 2011 | Die Nacht – Auf den Spuren eines Gehemnisses

Die Nacht

Auf den Spuren eines Gehemnisses

Von Träumen und Trugbildern

von Stefan Kaiser

Was ist die Nacht? In jungen Jahren ist sie gleichbedeutend mit Freiheit, Ausbruch. Am Ende des Tages beginnt das Nachtleben, das heisst: das wahre, das selbstbestimmte Leben. Eltern, Lehrer, Chefs haben keine Macht mehr; die Reiche von hell und dunkel sind klar getrennt und das Helle, das ist natürlich die Nacht. Keine Grautöne, keine Dämmerung irritieren diese einfache Sicht der Dinge. Irgendwann erfährt man dann, dass die Nacht auch unangenehme Seiten bereithält, und ihr verführerischer Glanz bekommt erste Risse. Doch auch Abgründe können einen Reiz haben, also arrangiert man sich. Das war, in groben Zügen, die Erfahrung meiner Generation. Unsere Nacht war vor allem eines: entzaubert; es dominierten die Kräfte des Marktes. Das Nachtleben war ein dionysisches Kalkül voller Träume und Trugbilder, und die Matrix dafür lieferte der Glaube, dass es keine geheimnisvollen, unberechenbaren Mächte mehr gibt. Der metaphysische Schauder, der frühere Generationen beim Blick in die unendlichen Weiten des Sternenhimmels erfasste, wurde abgelöst vom profanen Neonflackern der Leuchtreklamen, Discokugeln und Laserblitze. Statt der Erfahrung des Erhabenen gab es den Rausch des Selbst. Manchmal auch nur den Rausch.
Die «Entzauberung der Welt», schreibt Max Weber 1919, bedeute, dass man «nicht mehr wie der Wilde zu magischen Mitteln greifen muss, um die Geister zu beherrschen. Sondern technische Mittel und Berechnung leisten das.» Spätestens seit Freud kennen wir die Kehrseite dieses zivilisatorischen Programms: Mit der zunehmenden Erhellung unserer Lebensumstände sind immer neue Felder der Dunkelheit entstanden. Die Geister, die wir besiegt zu haben glauben, kehren einfach unter einem anderen Namen zurück. Ist es Zufall, dass gerade heute die Lichtverschmutzung zum Thema der Politik geworden ist? Und was wäre, wenn wir tatsächlich einmal das Licht ausmachen würden?
Diese Frage ist das Thema der spektakulären Fotografien von Thierry Cohen, die mit höchster Präzision aufzeigen, was wir nachts am Himmel über einer Megacity sehen könnten, wenn es keine Licht- und Luftverschmutzung gäbe. Der Pariser Fotograf gibt den Sternen ihren Platz zurück - und wir können uns erneut von ihrem Strahlen zum Nachdenken verführen lassen. An dieser Vision können Sie teilhaben: Für Du-Leserinnen und Du-Leser steht eine exklusive, limitierte Sonderedition aus Cohens Projekt Starlights in the Cities bereit.
Unsere Autorinnen und Autoren geben Einblicke in die verschiedenen kulturellen Schichten der Nacht. Sie beschreiben, wie uns die Nacht seit Urzeiten fasziniert, weil sie immer beides zugleich birgt, sowohl das Geheimnis wie die Erkenntnis, sie erschliessen Ihnen aber ebenso ihre vielen bunten Gesichter und Geschichten. So begleitet Hannes Grassegger einen Parfümeur durch die Pariser Nacht, Jacqueline Zünd erzählt von Menschen, die seit Jahren nicht mehr geschlafen haben, Thomas Meinecke und Tobi Müller philosophieren über das «performative Outsourcing» in Nachtclubs, und Kirill Golovchenko beobachtet Nachtarbeiter in der Ukraine.
Eine ganz besondere Nähe zur Nacht hat die Musik. Phänomene der Nacht stehen daher auch im Mittelpunkt des diesjährigen Lucerne Festival im Sommer, mit dem Du für diese Ausgabe zusammenarbeitet. Wir freuen uns, Ihnen so eines der seltenen Ge¬ spräche mit dem Komponisten Georg Friedrich Haas präsentieren zu können, dem Composer in Residence am Lucerne Festival, für dessen Denken und Werk die Nacht ein zentrales Element ist. Ebenso stellen wir die junge Cellistin Mi Zhou vor, die aktuelle Preisträgerin des Prix Credit Suisse Jeunes Solistes; die Credit Suisse ist Resident Sponsor des Lucerne Festival.
Für den zweiten Teil dieser Ausgabe traf Stefan Zweifel den ungarischen Intellektuellen Laszlo F. Földenyi, Kleist-Forscher und Kertész-Experte, zu einem Gespräch über die Lager-Literatur und darüber, wie das eigentlich Unsagbare, das Menschen unter solchen Umständen erleiden, sich dennoch in Sprache verwandeln kann. Dabei sticht insbesondere das Werk Warlam Schalamows hervor, von dessen im Herbst erscheinendem Buch Die Auferweckung der Lärche wir Ihnen einen Vorabdruck bieten. «Jeder Satz bei Schalamov ist an sich unsersetzbar», sagt Földenyi über den russischen Schriftsteller und Dissidenten, «es gibt nicht viele Autoren, die so schreiben.»
Aus Anlass des vierzigjährigen Bestehens der Fotostiftung Schweiz in Winterthur ist Georg Sütterlin in das bedeutende Archiv mit Hunderttausenden von Fotografien und über siebzig Nachläs¬sen gestiegen und hat einen ungehobenen Schatz der Schweizer Fotografie entdeckt: den Nachlass des Mühlenbesitzers Armin Haab, der auch einen unbändigen Hang zum Musischen hatte. Haab faszinierten Menschen in fremden Weltgegenden. Bereits 1950 zeigte Du seine sorgfältig komponierten Mexiko-Bilder; heute bietet sich die Chance für eine echte Entdeckung.