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Du 893 | Juni 2019
Psychiatrie und Kunst
ISBN:
978-3-905931-92-1
Preis:
CHF 20.- / EUR 15.-

Status:
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Inhalt Du 893

Cody Delistraty
Ungefiltert
Wie viel Wahnsinn braucht die Kunst? Und braucht der Wahnsinn die Kunst, um sich zu beruhigen? Eine Suche nach Antworten in den Werken von Aussenseitern und Klassikern der Kunstgeschichte. 

Kathrin Luchsinger im Gespräch mit Oliver Prange 
«Viele wollten mit ihrer Kunst die Öffentlichkeit erreichen»
Katrin Luchsinger untersuchte für ihre Dissertation Schweizer Kunst von Anstaltspatienten. Hier erzählt sie, was sie bei ihrer Forschung entdeckte, welche Motive vorherrschten und warum die meisten Werke ohne Farben gestaltet wurde. 

Ralf Schiebler
Tarnkappe für Geisteskranke? 
In der Geschichte der modernen Kunst wurde Künstlern immer wieder Geisteskrankheit unterstellt. Ein Vorurteil. Und doch finden sich in vielen Werken des 20. Jahrhunderts Elemente der schizophrenen Wahrnehmung, die sich von der Wirklichkeit löst, sie auflöst und neu zusammensetzt.

Thomas Röske
Der Urvorgang aller Gestaltung?
Bis heute besuchen Künstler die Sammlung Prinzhorn. Ihre Reaktionen auf die Aussenseiterkunst waren und sind unterschiedlich, genauso wie der Einfluss auf ihre eigenen Arbeiten.

Sibylle Mulot
Die Krankheit der Kreativen
Die bipolare Störung, das Schwanken zwischen Depression und Manie, ist unter Künstlern weitverbreitet. Bei allem Leid erleben Maniker extremere Gefühle und finden ungewöhnlichere Verknüpfungen als andere. Für sie scheint es keine Grenzen zu geben, nicht in ihrem Leben, nicht in ihren Arbeiten.

Thomas Röske im Gespräch mit Regula Gerber
«Wir schauen nicht mit dem ärztlichen Blick auf diese Werke»
Thomas Röske leitet seit siebzehn Jahren die Sammlung Prinzhorn. Hier erzählt er, was Outsider-Art so ausserordentlich macht, welche Lebenserfahrungen hinter den Kunstwerken stehen und warum man kein Kunstwerk auf die psychotische Erkrankung eines Künstlers oder einer Künstlerin reduzieren sollte. 

Ralf Berhorst
Im Sog des Wahnsinns
Kaum ein Bild zeigt den Eintritt eines psychotischen Zustands so eindrücklich wie Edvard Munchs Der Schrei. So ist es entstanden. 

Christina Berndt
Ein lebendiger Albtraum
Einmal wollte er in Hongkong mit Bono von U2 die Welt und Britney Spears retten. Der Fotokünstler Paul van Rood hatte in seinem Leben schon mehrere psychotische Schübe, er ist schizophren. Er hat seine Krankheit in drei Tagebüchern dokumentiert. Dort erklärt er seine besonderen Zustände und auch, wie er sie für seine Arbeit nutzt. Die Farbe Rot etwa ist für ihn mehr als nur eine Farbe. Sie bestimmt die Höhen und Tiefen seines Lebens. 

Hajo Steinert
Das Naturrecht des Andersseins
In den Siebzigerjahren veränderte sich durch die Antipsychiatrie-Bewegung der Blick auf den Wahnsinn. Die Grenze zwischen Normalität und Krankheit verschwamm. Die Literatur beglei­tete und befruchtete diese Veränderung. Und tut dies bis heute. Eine Visite.


  Du 893 | Juni 2019 | Psychiatrie und Kunst

Psychiatrie und Kunst

Wie viel Wahnsinn braucht die Kunst?

Von Oliver Prange

Es waren oft Aussenseiter, die grosse Werke geschaffen haben, die man heute zeitgenössische Kunst nennt: Surrealismus, Minimalismus oder ein Grossteil des abstrakten Expressionismus. Edvard Munch schuf 1893 mit dem Gemälde Der Schrei das Abbild seiner Seele: eine Darstellung seiner eigenen inneren Nöte und der deformierenden Kraft der Angst. Wie sein Vorbild Vincent van Gogh, der ebenso von inneren Dämonen geplagt wurde, wollte er die Welt hinter den sichtbaren Dingen zeigen. Das Schriftsteller-Ehepaar Elias und Veza Canetti lebte mit manischen Anfällen, Stimmungstiefs und Panikattacken. Moby-Dick-Autor Herman Melville schuf während manischer Depressionen seinen vernichtungssüchtigen Kapitän Ahab. Andere entwarfen grosse Kunstwerke aus der Anstalt heraus. Adolf Wölfli etwa, ein missbrauchtes Waisenkind, das selbst zum Missbrauchstäter wurde, hinterliess in der Waldau ein Werk von 25 000 Arbeiten: Texte, Zeichnungen, Collagen und Musikkompositio­nen, die zusammen eine neu erfundene Geschichte seiner Kindheit und eine fantastische, mythologische Zukunft skizzieren, die er für sich selbst erdacht hatte. Genies scheinen extremen Stimmungsumschwüngen in besonderem Mass unterworfen zu sein. Für den französischen Philo­sophen Michel Foucault war Wahn aber weniger eine Krankheit als eine exklusive Art von Erkenntnis, eine Gegenvernunft sozusagen, die ihren eigenen Kosmos im Hirn des Einzelnen grenzüberschreitend entfaltet. Viele diese Kosmen findet man in den Werken der Heidelberger Prinzhorn-Sammlung. Wir haben sie für diese Ausgabe besucht. Hans Prinzhorn war von 1919 bis 1921 Assistenzarzt an der dortigen psy­chiatrischen Universitätsklinik. Er stellte 5000 Arbeiten psychisch Kranker aus mehreren europäischen Ländern zusammen: Bilder, Skulp­turen, Collagen, Textilarbeiten und Texte. Grossenteils sind sie mit Auszügen aus den Krankengeschichten versehen. Prinzhorn ging es darum, den Urgrund der Gestaltung zu erforschen. Er verfasste das berühmte, 1922 erschienene Buch Bildnerei der Geisteskranken. Sammlungsleiter Thomas Röske sagt im Interview, dass ein Zusammenhang zwischen einer psychischen Erkrankung und Kunst schwer nachzuweisen ist. Doch da die schizophren genannten Patien­ten nicht künstlerisch ausgebildet sind, um ihre Botschaften zu formulieren, sind die Werke auch sehr originell, weil alles neu erfunden werden muss. Der Psychotiker ist jedoch nicht der ganz Andere, Unverstehbare, denn in seiner Kunst erreicht er auch sogenannte Gesunde, weil er uns neugierig auf die Abweichungen macht, die auch in uns vergraben schlummern und die uns ängstigen.