Du 845 | März 2014
Herbert von Karajan

Der Jahrhundert-Dirigent

ISBN:
978-3-905931-41-9
Preis:
CHF 20.- / EUR 15.-

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Inhalt Du 845

Richard Osborne
Dirigent in einem bewegten Jahrhundert
Der Künstler als Spiegelbild seiner Zeit: Das Leben des Herbert von Karajan ist geprägt von den Widersprüchen und Umbrüchen des 20. Jahrhunderts.

Eleonore Büning
Schneller, als ein Vogel fliegt – Herbert von Karajan und seine Spuren in der Gegenwart
Er liess uns den Riss in der Zeit spüren: Der Energiestrom, den Herbert von Karajan mit seinem Orchester entfachen konnte, ist bis heute unübertroffen. 

Eliette von Karajan im Gespräch mit Oliver Prange
«Es tut mir immer noch weh, seine Musik zu hören»
Acht Fragen an Eliette von Karajan.

Anne-Sophie Mutter
«Wie ich mich in die Philharmonie verliebte»
Anne-Sophie Mutter war dreizehn und hatte Bach, Mozart und Mendelssohn im Gepäck. Doch zunächst einmal musste sie warten, bis der Maestro Zeit hatte für ihr erstes Vorspiel. Der Rest ist Klassikgeschichte. 

Christian Thielemann im Gespräch mit Eleonore Büning
«Heute ist es doch schon verpönt, das Wort Meister überhaupt zu benutzen»
Christian Thielemann, Chef der Staatskapelle Dresden, ist einer der profilierten Dirigenten der Gegenwart. Der Karajan-Schüler beharrt vehement auf der immanenten Kraft der Kunst. 

Karl Löbl
«Ich war kein Wunder!» 
Herbert von Karajan – Legende und Wirklichkeit 
Einige Abschnitte aus dem neuen Buch des Wiener ­Musikkritikers und Karajan-Kenners Karl Löbl. 

Eberhard Koerber im Gespräch mit Oliver Prange
«Es gibt keinen Grund, warum klassische Musik im Schatten der Popmusik stehen sollte» 
Herbert von Karajan war zeit seines Lebens ein Pionier für neue Verbreitungs- und Vermarktungsformen der klassischen Musik. Heute kümmert sich das Eliette und Herbert von Karajan Institut in Salzburg auf vielfältige Weise um das Erbe des Maestros.

Peter Alward
Charismatischer Künstler, kluger Geschäftsmann
Peter Alward, der ehemalige EMI-Classics-Präsident und jetzige Intendant der Salzburger Osterfestspiele, begleitete zahlreiche Einspielungen Herbert von Karajans und nennt die Sternstunden aus dessen Werk. 

Peter Uehling
Der Update-Pionier
Nicht nur im Konzertsaal, sondern genauso bei seinen Einspielungen setzte Herbert von Karajan neue Massstäbe mit anspruchsvollster Aufnahme- und Wiedergabetechnik. 

Ernst Wild
«Wenn ich für Sie arbeite, kann ich nichts anderes mehr machen»
Ernst Wild arbeitete als Kameramann mit dem Maestro. Wie man Musik in Film übersetzen kann, war eine der Herausforderungen, die Herbert von Karajan immer wieder neu faszinierte.

Peter Brem im Gespräch mit Oliver Prange
«Er achtete darauf, dass der Atem der Musik einen Bogen zieht»
Mit achtzehn erhielt Peter Brem sein erstes Engagement bei den Berliner Philharmonikern und spielte viele Jahre als erster Geiger unter Herbert von Karajan.

Helmut-Maria Glogger
Ein Leben auf der Überholspur
Am Dirigierpult beherrschte Karajan alle Tempi meisterhaft – vom Lento assai bis zum Prestissimo. Dem Rausch der Geschwindigkeit überliess er sich hinterher, am Steuerrad eines Ferrari oder im Cockpit seines Flugzeuges.

 


  Du 845 | März 2014 | Herbert von Karajan – Der Jahrhundert-Dirigent

Herbert von Karajan

Der Jahrhundert-Dirigent

Man nannte ihn den Generalmusikdirektor Europas. In den Siebziger- und Achtzigerjahren war der Name Herbert von Karajan das führende Markenzeichen in der klassischen Musik. Er regierte von Salzburg über die Scala und die Met bis Wien und Berlin. 25 Jahre ist es jetzt her, dass er verstarb, bezeichnenderweise während Verhandlungen mit Sony-CEO Norio Ohga, in seinem Haus in Anif, in den Armen seiner Frau Eliette. Bezeichnenderweise deshalb, weil er seine Leistungsfähigkeit bis ins 82. Lebensjahr aufrechterhalten konnte. Ein Leben lang arbeitete er mit äusserster körperlicher Disziplin.
Karajan war eine absolute Ausnahmeerscheinung. Sein Charisma zog Persönlichkeiten aus aller Welt in Bann, seine Mischung aus verdichteter Disziplin und Eleganz, Geschmeidigkeit und Entschlossenheit. Eberhard von Koerber, stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats der Osterfestspiele Salzburg, sagt: «Er fand für alles das richtige Mass. Er wusste einzuteilen zwischen Arbeit und Ruhe, Genuss und körperlicher Fitness. Alles war genau getaktet, um ein Maximum an dauerhafter Wirkung zu erzielen. Er führte eben nicht nur andere, sondern auch sich selbst. So wie es beim Dirigieren ein Mass der Dinge gibt, so gibt es das auch im Umgang mit sich selbst, mit dem Körper, mit der eigenen Zeit. Und das hat er beherrscht!»
Karajan hatte als Wunderkind begonnen, er war ausserdem mit der Gabe des absoluten Gehörs gesegnet und fleissig bis zur Besessenheit. Die Musikkennerin Eleonore Büning schreibt: «Mehrere Stunden am Tag, meist die sehr frühen Morgenstunden, verbrachte er als junger Mensch mit dem Lernen von Orchesterpartituren, samt allen Stricharten, Dynamikvorschriften und Vortragsbezeichnungen. Von Anfang an dirigierte er nur auswendig.»
Du hat aus Anlass des 25. Todestages in dieser Ausgabe Menschen versammelt, die ihr Leben mit Karajan verbrachten oder ihn erst post mortem kennenlernten. Seine Frau Eliette von Karajan, die wir in St. Moritz trafen, ist noch heute zu bewegt. Sie kann seine ­Musik nicht hören. Es tut ihr zu weh, dass ihr Mann nicht mehr da ist. Sie bewundert seine grosse Disziplin, die sich in allen beruflichen und persönlichen Vorhaben und Handlungen ausdrückte. «Karajan war rastlos, aber wenn man Musik grundsätzlich anders anginge, wäre das das Ende jeder künstlerischen Weiterentwicklung», sagt die Ausnahmegeigerin Anne-Sophie Mutter, die als Dreizehnjährige von ­Karajan entdeckt wurde. «Es war einfach nur faszinierend, mit diesem Dirigenten zu arbeiten: Er hatte das Charisma eines Mannes, der nie still steht.» Die FAZ-Kritikerin Eleonore Büning: «Der Energiestrom, der losbrach, wenn er dirigierte, war körperlich zu spüren. Der Spannungsbogen, der niemals abreisst, der Klang, der nicht stirbt – eine Kunst, die von den jüngeren Dirigenten heutzutage nicht mehr eingefordert und ausprobiert wird, einfach, weil gleich alle rufen: Kitsch!» Peter Uehling, der in seiner Biografie den Aspekt der Interpretation erstmals miteinbezog, schreibt: «Karajans Forderung, jede Note mit konstanter Tonqualität bis zur nächsten Note auszuhalten, hat einen ununterbrochenen Klangstrom zur Folge. Gegliedert wird die Musik nicht mehr durch Artikulation, durch gesangliche Differenzierungen, sondern durch den Wechsel der klanglichen Struktur und Farbe. Ausdruck erhält eine Melodie durch die Intensität, mit der sie gespielt wird.»
Der diesen Januar verstorbene Musikkritiker Karl Löbl schreibt: «Karajan war eine Renaissance-Natur, ein Eroberer, ein Machtmensch. Später wusste er zu herrschen, in der Musik wie im Leben. In sportlichen Autos, auf seiner Segelyacht, im Cockpit. Er lebte im technischen Zeitalter, sein Ehrgeiz war es, die neuen Techniken zu beherrschen und zu benutzen, er spielte mit Computern wie mit 
Partituren.»
Aber seine Verletzungen, chronischen Beschwerden, Krankhei­ten, die in den Siebzigerjahren auftraten, nahmen immer mehr Einfluss auf ihn und sein Leben. Er hatte dauernd Rückenschmerzen, gegen die er, viele Ärzte zu Rate ziehend, alles nur Denkbare tat, aller­dings ohne bleibenden Erfolg. Er dirigierte unter wahnsinnigen Schmerzen, liess sich mehrfach operieren, die Schmerzen blieben, er arbeitete weiter. Trotzdem konnte Karajan «humorvoll sein mit beissendem Witz, den die Österreicher ‹Friedhofshumor› nennen», schreibt Biograf Richard Osborne. «Christa Ludwig, deren Mutter in den 1930er-Jahren mit Karajan in Aachen gesungen hat, erinnert sich daran, dass sie am Ende einer gefeierten Vorstellung in Salzburg neben ihm vor den Vorhang gerufen wurde. Während das Publikum jubelnd stampfte und tobte, wandte er sich zu ihr und murmelte: ‹Wenn die nur wüssten, wie gut wir wirklich sind!›» 

Wir bedanken uns beim Eliette und Herbert von Karajan Institut für die Unterstützung bei dieser Ausgabe.