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Du 875 | April 2017
Österreich
ISBN:
978-3-905931-73-0
Preis:
CHF 20.- / EUR 15.-

Status:
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Inhalt Du 875

Text: Anton Thuswaldner | Bilder: Erwin Wurm 
Alles ist, wie es ist, und wie es ist, ist es gut 
Melancholisch, aber zu plötzlichen Wutausbrüchen neigend. Redselig, aber trotzdem verschwiegen. Angepasst und rebellisch im Geheimen. Die österreichische Seele ist widersprüchlich. Anton Thuswaldner erklärt, warum.

Christian Berzins 
Gleichmässige Veränderungen 
Die Salzburger Festspiele sind ein sich dauernd erneuernder Festspieldampfer, der wie kaum ein anderes Festival auf die Tradition baut. 

Helga Rabl-Stadler und Markus Hinterhäuser im Gespräch mit Frederik Hanssen 
«Wir sind kein Spezialistenfestival» 
Bei den Salzburger Festspielen sollen Musik, Interpreten und Zuhörer in Dialog treten. Doch wie schafft man das bei einem Publikum, das aus über siebzig Ländern kommt und vielfältige Vorlieben mitbringt?

Matthias Röder
Musik und Technik 
Das Eliette und Herbert von Karajan Institut versucht unter der Oberfläche der Musik zu tauchen und arbeitet mit Neurologen, Informatikern und Psychologen. Ganz in der Tradition Karajans, der schon in den Sechzigerjahren ein Forschungszentrum für experimentelle Musikpsychologie in Salzburg gründete.

Salzburger Highlights 
Die wichtigsten Ereignisse im Salzburger Kulturjahr.

Thaddaeus Ropac im Gespräch mit Alexandra Lautenbacher 
«Ich habe in der Gegenwart von Beuys erkannt, dass ich nicht zum Künstler geboren bin» 
Schon vor dreissig Jahren vertrat er Andy Warhol, bis heute sind Künstler wie Anselm Kiefer, Alex Katz oder Daniel Richter dazugekommen. Thaddaeus Ropac gehört zu den wichtigsten Galeristen der Welt. Er weiss, wie sich der Kunstmarkt entwickeln wird und warum die Salzburger Festspiele spannender sind als früher.

Text: Wolfgang Kos | Bilder: Manfred Willmann 
Mentale Vermessungen 
Manfred Willmann hat über Jahre hinweg Menschen und Orte seiner Heimat, der südlichen Weststeiermark, fotografiert. Detailgenau und einfühlsam. Er wollte die Dinge schöner zeigen, als sie sind, oder hässlicher und schuf eine der wichtigsten bildkünstlerischen Dokumentationen, die in Österreich entstanden sind.

Wolfgang Muchitsch im Gespräch mit Oliver Prange 
Das Museum als Universität 
Wolfgang Muchitsch, Direktor des Grazer Joanneums, kommt sich manchmal vor wie ein Zirkusjongleur. Er muss verschiedene Disziplinen, die von Kunst über Jagd bis zur Mineralogie reichen, in Balance halten.

Köbi Gantenbein und Axel Simon 
Modern aus Tradition 
Weltweit schätzen Architekten und Möbeldesigner die Handwerker aus dem Bregenzerwald. Viele von ihnen sind im Verein Werkraum miteinander verbunden. 

Bilder: Adolf Bereuter 
Stopp: Architektur 
Wenn man in Krumbach aus dem Bus steigt, trifft man auf Kunst. Die 1000-Seelen-Gemeinde im Bundesland Vorarlberg liess von Architekten aus sieben Ländern sogenannte Buswartehüsle bauen.

Peter Strasser
Liegst dem Erdteil du inmitten 
Der Philosoph Peter Strasser hat sich schon über vieles Gedanken gemacht. Über die Existenz unseres Bewusstseins zum Beispiel oder warum der Hass gerade so in Mode ist. Für diesen Essay sinniert er über Österreich, und es ist ihm vieles eingefallen: der Grund für den Minderwertigkeitskomplex der Alpenrepublik etwa. 

Benedikt Sarreiter
In den Schnittstellen 
Die Ars Electronica in Linz begann als Festival und ist heute ein weltbekanntes Zentrum für Medienkunst. Dort verschmelzen Kunst, Wissenschaft und Technologie und liefern Diagnosen und Visionen für unsere Gesellschaft. Wie wir leben könnten und vielleicht auch werden, lernt man hier.

André Heller im Gespräch mit Oliver Prange 
Im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten 
André Heller hat Musikhits geschrieben, er gründete einen Zirkus, spielte in Kinofilmen mit, entwarf Gärten und die Swarovski Kristallwelten in Wattens, Tirol. So umtriebig, so facettenreich ist wohl kaum ein Österreicher, ja kaum irgendwer auf diesem Planeten. 

Text: Manfred Mittermayer | Bilder: Sepp Dreisinger 
Gezielte Treffer 
Thomas Bernhard schonte sein Land und seine Mitbürger nicht. Für die Hauptfiguren seiner Texte ist das Land immer noch vom Nationalsozialismus geprägt und vom Katholizismus unterjocht. Bernhard hatte viele Gegner und Verehrer. Die Geschichte einer Hassliebe.

Text: Willi Dorner | Bilder: Lisa Rastl
Körper, die den Blick lenken 
Für seine Performances Bodies in Urban Spaces sucht sich der österreichische Künstler Willi Dorner seine eigenen Wege durch Städte wie Barcelona, London oder Wien. Das Publikum, das Dorners Parcours folgt, lernt die Metropolen von einer neuen Seite kennen. 

Claudia Büttner 
Das Opernhaus als Bilderrahmen
Seit 1998 gestalten Künstler die Brandschutzwand für die jeweilige Spielzeit der Wiener Staatsoper. 

Text: Karl-Markus Gauss | Bilder: Matthias Hoch 
Österreich, ein Flickenteppich
Der Wunsch nach einer umfassenden, nationalen Identität ist heute wieder schwer im Kommen. Doch Nationen, Städte und selbst Dörfer waren schon immer mannigfaltige Gebilde aus unterschiedlichen Gruppen. Auch in Österreich. Und das Mosaik wird noch bunter werden. Ein Blick in das Jahr 2025.

Sabine Haag im Gespräch mit Oliver Prange 
Ein Museum für alle 
Das Kunsthistorische Museum Wien ist das grösste Museum Österreichs und eine der grössten ausseruniversitären Forschungseinrichtungen in kunsthistorischen Fächern. Wir haben die derzeitige Generaldirektorin des KHM-Museumsverbandes getroffen.

Georg Stradiot im Gespräch mit Oliver Prange 
Für das Bewusstsein der eigenen Identität 
Der Unternehmer Georg Stradiot renoviert und erhält historische Gebäude. Hier erzählt er über den Wert von Denkmalschutz als Rekonstruktion der Vergangenheit und als Wirtschaftsfaktor.

Who’s who
Eine unvollständige Auswahl bedeutender Österreicher.

Kulturhighlights 2017 


  Du 875 | April 2017 | Österreich

Österreich

Zwei Seelen wohnen, ach …

Von Oliver Prange

Die Österreicher lieben ihr Land auf eine ganz besondere Art. Sie schätzen ihre hohe, ja höchste Kultur, die schöne Natur mit den Bergen, die sympathischen und geistreichen, witzigen und charmanten Menschen, ihre grossen Künstler – von Mozart und Klimt bis Jelinek und André Heller. Der Österreicher ist liebenswürdig, aber es gibt einen doppelten Boden. Zwei Seelen wohnen in des Österreichers Brust. Sie fühlen sich gern genötigt, ihr Land schlechtzumachen. Sie nörgeln über die Biederkeit, lästern über ihren Charakter, ziehen über das Dumpfe her; in Film und Literatur wird oft die Idylle abgebildet, hinter der der Schrecken herrscht. Österreich ist ein interessantes Land. Es war einmal eine ­Supermacht. Nach dem Ersten Weltkrieg blieb davon nur noch ein kleines Gebiet ohne Zugang zum Meer übrig. Das ist wohl das ­Grund­dilemma. Die Österreicher wissen um ihre einstige Grösse, jetzt sind sie unbedeutend im Weltgeschehen. Daraus ergibt sich der Mix aus Biederkeit und Grössenwahn, daher vertragen sich das Heitere und das Unheimliche so gut. Philosoph Anton Thuswaldner schreibt: «In Öster­reich gibt es die Trennschärfe nicht, die das Angenehme vom Schrecklichen abgrenzt.» Der Österreicher ist ein Untertan, der aber ein Rebell sein möchte. Er bleibt unauffällig, tut, wie ihm geheissen, und schert bei jeder Gelegenheit, die sich bietet, heimlich aus. Philo­soph Peter Strasser schreibt: «Es ist das unendlich altgriechische, jüdische, christliche und humanistische Erbe, das uns, und seis aus dem Fenster im Gemeindebau, den Kosmos schauen und damit alle Begrenztheit des Menschlichen noch einmal durch den Geist überwinden lässt.» Worauf ist diese eigene Art zurückzuführen? Vielleicht auch auf die altösterreichischen Volksgruppen. Österreich ist ein Flickenteppich, wird immer bunter. Schriftsteller Karl-Markus Gauss: «Auf die Republik Österreich ist die habsburgische Völkervielfalt unter ­anderem in Gestalt von sechs Volksgruppen überkommen, die heute staatlich anerkannt sind. Es handelt sich um die burgenländischen Kroaten, die burgenländischen Ungarn, die Kärntner Slowenen, die steirischen Slowenen, die Tschechen und Slowaken sowie die Roma, die als letzte der Volksgruppen 1993 durch einen gemeinsamen Beschluss aller Parlamentsparteien als solche anerkannt wurden.» Es scheint uns angebracht, dass wir diese Du-Ausgabe genau so ausrichten, wie Österreich ist: doppelbödig. Wir zeigen das Infragestellen durch die genannten Philosophen und insbesondere durch den berühmten heimischen Schriftsteller und Georg-Büchner-Preisträger Thomas Bernhard, der sich herrlich über Österreich ärgern konnte, ebenso wie auch die Grossartigkeit dieses Landes. Dazu gehören die Museen wie etwa das Kunsthistorische Museum in Wien und das Joanneum in Graz, die Salzburger Festspiele, die Ars Electronica in Linz, die Handwerkstradition im Bregenzerwald, Swarovskis Welt der Wunder in Wattens und vieles andere. Der landeskundige Adlige Graf Eltz prägte einst den weisen Satz: «Manchmal geschieht auch in Österreich das Richtige, aber leider fast immer unabsichtlich.»