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Astrid Lindgren.
So ein Leben!

Erscheint am:
Ausgabe Nr:
Oktober 2007

ISBN: ISBN: 978-3-03717-038-0

Preis: Sfr. 20.-

Preis: Euro 15.-
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Heft vergriffen



Horizonte
07 - Istrisches Impromptu. Die Schwiegermutter will ein Haus kaufen. Es hat eine Terrasse mit Meersicht und die Nachbarin ist ihre zigarettenrauchende Cousine. Von Richard Swartz

10 - Moskau. Die «Grosse sozialistische Oktoberrevolution» liegt neunzig Jahre zurück, aber niemand will mehr etwas davon wissen. Von Jutta Scherrer

10 - Venedig. Eine Ausstellung im Istituto Svizzero über den Schriftsteller und Einzelgänger Ludwig Hohl.

Von Sibylle Severus

12 - Weimar. Vor fünfzig Jahren starb Henry van de Velde. Die Stadt ehrt den Wegbereiter des Bauhaus aber nur nebenher. Von Mirco Lomoth

13 - Hamburg. Auswanderermuseum: Für viele europäische Emigranten war die «Ballinstadt» das letzte, was sie von Deutschland sahen. Von Vito Avantario

14 - Interview. «Süsse Überredungskunst der Literatur». Mit dem Verleger und Schriftsteller Michael Krüger sprach Thomas David

17 - Selbstgebrannt. Von Rujana Jeger

20 - Kabinett der Moderne. Olaf Metzels Bronzeskulptur mit Kopftuch: Turkish Delight». Von Marlene Streeruwitz

22 - Wettbewerb, «du» vor 50 Jahren, Pressestimmen

22 - Autoren, Fotografen, Künstler/Illustratoren

04 - Impressum


du780 - Astrid Lindgren. So ein Leben!
24 - Astrid Lindgren. Ich will euch nur sagen, dass es gefährlich ist, zu lange zu schweigen.

26 - So leben zu können! Eine Hommage an Astrid Lindgren und an eine heile Welt. Eine Wegbegleiterin erzählt.

Von Kirsten Boie

32 - Wie Astrid die Regierung stürzte. Von abgesetzten Sozialdemokraten und einem neuen Tierschutzgesetz.

Von Gerhard Fischer

38 - Asteroid Lindgren Superstar. Sogar ein Stern ist nach ihr benannt. Eine Spurensuche in Stockholm.

Von Jacqueline Schärli

44 - Eine Schwäche für schwache Väter. Von Männer-Memmen und tobenden (Ersatz-)Vätern. Von Tilman Spreckelsen

48 - Pippi war nie allein. Die Psychologie entdeckte den Macht-Willen von Kindern und bahnte den Gören den Weg.

Von Christine Holliger

52 - Mit Madita im Mattiswald. In fünf Tagen durch die Astrid-Lindgren-Värld, inklusive Übernachtung in der Villa Kunterbunt. Von Bernadette Conrad

56 - Der Mammon war ihr wurst. Der eigene Reichtum unheimlich. Zum Nachteil der Erben. Von Helmut Steuer

62 - Von Beruf Sekretärin und Hausfrau. Trotzdem hätte Lindgren den Nobelpreis bekommen sollen.

Von Viola Roggenkamp

66 - Astrid Anna Emilia Ericsson. Meine glückliche Kindheit – nur bei Lindgren klingt das nicht kitschig. Eine Geschichte über ihr Leben. Von Ulla Lundqvist

74 - Bibliografie. Von Jacqueline Schärli


Das Journal
75 - Ausstellungskalender

76 - Federlese. Von Lukas Bärfuss

78 - Jahrestage

79 - Im Radio. Von Gerwig Epkes

81 - Wissenswelt. Von Martin Rasper

82 - Lesen & Hören. Von Christine Tresch

83 - Müllers Erbauungen. Von Gottfried Müller

84 - Bücherei. Von Silja Ukena

85 - Ein anderes Museum

85 - Das Wort

85 - Im Fernsehen. Von Annette Scharnberg

87 - Sélections: Ausstellungshinweise für Oktober

90 - Ausblick


Editorial
Meine Grosstante ist mit den Kindern aus Bullerbü aufgewachsen. Ich konnte mein zerfleddertes Exemplar von Ferien auf Saltkrokan auswendig. Mein Patenkind kennt alle Streiche von Michel aus Lönneberga und Madita. Und natürlich verehren wir alle Pippi Langstrumpf, das stärkste Mädchen der Welt.

Um Lindgrens Pippi scharen sich seit zweiundsechzig Jahren die Kinder. Von Bulgarien (Pipi Dalgoto Choropche) über China (Changwazi Pipi), Frankreich (Fifi Brindacier), Israel (Bilbee Bat-Gerev) bis Vietnam (Pippi Tat Dai).

«Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt», singt Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf, und das scheint Astrid Lindgren auch getan zu haben. Ihre Welt war die der Kinder. Sie tauchte noch bis weit ins achtzigste Lebensjahr immer wieder schreibend darin ein. Das einzige Buch, das sie je für Erwachsene verfasste, Das entschwundene Land, handelt von der Quelle ihres Schaffens: ihrer Kindheit in Südschweden auf dem Pachthof mit ihren Eltern, den drei Geschwistern und den Knechten, Mägden und Häuslern. Sie alle haben Pate gestanden für ihre Figuren.

Trotz der lebenslangen Rückschau auf die eigene Kindheit: Mit den Themen war Astrid Lindgren ihrer Zeit oft voraus. Die Väter im Werk der Autorin durften scheitern und ihre Kinder streicheln, noch ehe die Pädagogik den Vater als Bezugsperson entdeckte. Tilman Spreckelsen schreibt in dieser Ausgabe darüber.

Am 14. November würde Astrid Lindgren hundert. Schaut man sich Lindgren in Zahlen an, wird einem schwindelig: Die deutsche Gesamtauflage ist bei fast 30 Millionen Büchern. Weltweit verkauften sich ihre Bücher 145 Millionen Mal. Umso erstaunlicher, dass das Lindgren-Imperium – keines ist. Verträge (um die sie sich lange Jahre selbst kümmerte) waren

oft nicht zu ihren Gunsten. Harry-Potter-Schöpferin J. K. Rowling hat schon jetzt mehr verdient als Lindgren in ihrem ganzen Leben. Dies hat unser Autor Helmut Steuer bei seinen Recherchen herausgefunden.

Herausfinden kann man in diesem Heft übrigens auch endlich, was ein Spunk ist! Dank unserer Spunkensucher Roger Willemsen, Kirsten Boie, Paul Maar, Inger Nilsson, Hanna Johansen, Jana Scheerer, Rebekka Kricheldorf und Michael Roes. Entdeckt hat den Spunk damals Pippi. Sie wusste schon immer: «Die ganze Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass jemand sie findet.»



Jacqueline Schärli




Drei Texte aus dem Inhalt
Asteroid Lindgren Superstar



Sogar ein Stern ist nach ihr benannt.

Sie ist die beliebteste Schwedin des Jahrhunderts.

130 Regalmeter Material füllen den Bauch der Königlichen Bibliothek. Eine Spurensuche in Stockholm. Von Jacqueline Schärli





Es ist einer dieser hellen schwedischen Maiabende, wir sitzen in Stockholms Freilichtmuseum Skansen vor der offenen Bühne und hoffen, dass das Wetter hält. Ein Dampfer fährt mitten durch die Stadt; Stockholm liegt auf Inseln. Die Hauptperson ist schon da. Astrid Lindgren schwebt imaginär über der Szenerie. Man spürt ihre Präsenz noch deutlicher, als Michel, Klein-Ida, Karlsson und Pippi in luftigen Sommerkleidchen auf die Bühne hüpfen und Lindgren-Lieder singen. Die Zuschauer, eine bunte Mischung aus geladenen Gästen, Schulklassen und Teilnehmerinnen der Astrid-Lindgren-Tagung, die das Kinderbuchinstitut zeitgleich veranstaltet, summen mit. Diese Melodien erklingen in jedem schwedischen Kinderzimmer; zu Idas Sommerlied zum Beispiel lernen die Babies einschlafen. Georg Riedel, der Komponist, steht selbst am Bass, seine Tochter singt.

Als die Schriftstellerin vor fünf Jahren starb, richtete der Staat Schweden den Astrid-Lindgren-Memorial-Award Alma ein und machte ihn mit der unglaublichen Summe von fünf Millionen schwedischer Kronen (etwa 880 000 Schweizer Franken) zur weltweit höchstdotierten Auszeichnung für Kinderliteratur. Wie wenn er die Unterlassung des Nobelpreiskomitees, Lindgren zu Lebzeiten auszuzeichnen, hätte wettmachen wollen. Den ersten Alma teilten sich die österreichische Autorin Christine Nöstlinger und der us-amerikanische Illustrator Maurice Sendak. An diesem Abend geht der Preis an Banco del Libro, eine Organisation in Venezuela, die seit fünfzig Jahren mit Schiffen, Maultieren und zu Fuss versucht, Kinderbücher bis in den Regenwald und in die entlegensten Winkel der Anden zu bringen.

Die sozialdemokratisch regierten Schweden erheben sich für ihre Kronprinzessin Viktoria, die den Anlass eröffnet. Die Zeremonie wird wie jedes Jahr ins Fernsehen übertragen.

715 000 Zuschauer hätten sich zugeschaltet, heisst es später. Auch fünf Jahre nach ihrem Tod schaffen es Nachrichten über die berühmte Autorin noch immer in die Schlagzeilen. Astrid Lindgren ist in Schweden ein Superstar. Als sie starb, bekam sie ein Staatsbegräbnis wie sonst nur Mitglieder der Königsfamilie. Nicht, dass sie das gewollt hätte. Aber wo hätten die Schweden sonst hin sollen mit ihrer Trauer und ihren Blumen? König Carl Gustav, der zuerst leichtfertig abgesagt hatte für die Beerdigung, musste eilends sein Kommen versichern. Eine Absage hätten ihm seine Lindgren-begeisterten Landsleute nicht verziehen.

Kulturministerin Lena Adelsohn Liljeroth hält eine Ansprache, die Kronprinzessin übergibt den Preis, die aus Venezuela angereisten Frauen erzählen, wie sie getanzt, gelacht und geweint hätten, als sie vom Preis erfuhren, und am linken Bühnenrand – wir sind im sozialen Schweden! – sitzt eine Dame und übersetzt alles rasend schnell in Gebärdensprache. Ein Frauenabend. Nur das Nummerngirl ist ein Mann.

Irgendwo da im Gewühl muss sie sein. Ungefähr dreihundert geladene Gäste, die Stockholmer Literaturbranche, Botschafter, Politiker und sogenannte Opinion Leader drängen sich im noblen Empfangssaal des Freiluftmuseums um Fischbrötchen und Fleischklösschen, und ich suche Inger Nilsson. Die Pippi. Die Filmfigur, die seit bald vierzig Jahren das Selbstbewusstsein von Millionen Kindern, Mädchen vor allem, prägt. Ich will von ihr wissen, was ein Spunk ist.

Ich frage Lena Törnqvist, die Archivarin von Astrid Lindgren: Kannst du mir Inger Nilsson zeigen? Ich weiss nicht, wie sie aussieht. Sie hebt erstaunt die Augenbrauen: «Aber du wirst sie sofort erkennen, wenn du sie siehst!»

Tatsächlich. Da steht sie. Schwarzweisses Kleid, rote spitze Stiefelchen, blonde wuschelige Haare, am linken Ohr einen Hängeohrring, in der Hand ein Weissweinglas – und lacht. Das entlarvt sie. Unverkennbar: Pippi! Es ist faszinierend. Ob sie ihr Gesicht schon einmal verflucht hat? Inger Nilsson ist mittlerweile siebenundvierzig, aber sie wird Pippi nicht los. In Interviews hat sie wiederholt gesagt, dass sie es nicht mag, immer und immer nur mit Pippi assoziiert zu werden. Sie ist Schauspielerin geworden, aber die Schweden liessen sie nie etwas anderes spielen als Pippi. Buhten sie aus, als sie im Stockholmer Theater einen Bösewicht spielen sollte – «unsere Pippi ist nicht böse». Die Schweden haben Inger Nilsson zeitlebens mit Pippi verwechselt und wohl auch gedacht, Pippis Koffer voller Goldstücke lange für ein ganzes Leben. Aufgrund eines schwedischen Gesetzes gegen Kinderarbeit erhielten die minderjährigen Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller nur einmalige Abfindungen, während ihre erwachsenen Filmkollegen noch jahrelang Tantiemen bezogen, wann immer der Film im Fernsehen gezeigt wurde. Auf die Idee, den Kindern das Geld auf ein Bankkonto für später zu legen, kam niemand. Inger Nilsson hat nicht mal das Recht am eigenen Gesicht. Noch immer kann ihr Konterfei für Filmwerbung verwendet werden; Geld bekommt sie dafür keines. Sie hat einen Brotjob als Aushilfssekretärin in einer privaten Stockholmer Herzklinik. In Astrids Jubiläumsjahr scheint es aber für Inger Nilsson aufwärts zu gehen: für die neue zdf-Krimireihe «Der Kommissar und das Meer» spielt sie eine Pathologin. Serienstart ist allerdings erst nächstes Jahr.

Ich bitte sie um ihre Telefonnummer für einen späteren Anruf, damit ich sie nicht beim Smörebröd-Essen stören muss. Schwedisches Smörgås ist nämlich die Kunst, ein Toastdreieck ungefähr fünfzehn Zentimeter hoch mit Fisch und Fleisch zu beladen und das dann zu essen. Smörgås ist etwas, was Schweden mit Andacht geniessen wollen.

Ich simse meiner Nachbarin in Zürich: «Erzähl deiner Marta, ich hätte Pippi gesehen. In echt.» Sofort kommt ein sms zurück: «Marta glüht vor Neid. Sie sagt, du sollst Pippi mitbringen.» Marta ist viereinhalb und verehrt Pippi. Sie will Pippi vorgelesen bekommen, trägt Pippi-T-Shirt, weiss, wie man die Pippi-dvd einlegt und ist überzeugt, dass auch sie ein gepunktetes Pferd hochheben könnte. Das Geschäft mit der rothaarigen Göre boomt auch fast vierzig Jahre nach dem Filmstart 1968.

Astrid Lindgren gleich Pippi Langstrumpf, so ist es noch immer. Dabei hat Astrid Lindgren so viel mehr geschrieben. Niemand weiss das besser als Lena Törnqvist. Sie ist Astrid Lindgrens Gedächtnis. Wen immer ich etwas über Lindgren frage in Stockholm, sagt: Frag Lena. Um Lena zu fragen, muss man tief in den Bauch der Königlichen Bibliothek Stockholms hinuntersteigen. Die Zweiundsechzigjährige hat ihren Arbeitsplatz klaftertief unter der Erde, wie wenn sie in den Spalt der Mattisburg gefallen wäre. Lena Törnqvist ist Bibliothekarin und arbeitet im Astrid-Lindgren-Archiv, das dank ihr unesco-Weltdokumentenerbe ist: 130 Regalmeter Material aus dem Besitz von Astrid Lindgren. Darunter sind 50 000 bis 75 000 Briefe an die Autorin, die Originalmanuskripte ihrer Bücher und Drehbücher, Fotos und 680 Stenoblöcke. Gleichzeitig ist Lena Törnqvist Sekretärin der Lindgren-Gesellschaft, die sie mitbegründet hat und Gründerin des Forschungszentrums über die Autorin. Wenn man jemanden für einen Lindgren-Vortrag sucht, heisst es: Frag Lena. «Pippi und ich sind gleich alt, beide von 1945. Astrid Lindgren war also schon immer in meinem Leben», sagt Törnqvist. Sie kennt die Autorin so gut wie wohl nicht einmal deren Familie. Aber das Archiv ist gesperrt, die vielen persönlichen Briefe an Astrid Lindgren von noch Lebenden lassen einen Forschungszugang nicht zu. Weil aber das Interesse der Bevölkerung an der Kinderbuchautorin so gross ist, soll bald wenigstens ein Teil des Archivs zugänglich gemacht werden. Derzeit muss man sich in der Königlichen Bibliothek mit einer Ausstellung begnügen. Lena Törnqvist hat das Archiv ausgewertet und Dokumente zu Lindgrens gesellschaftlichem Engagement zusammengetragen.

Am nächsten Tag geht die Spurensuche weiter an der Dalagatan 46. Dort hat Familie Lindgren seit 1941 gewohnt, dort lebte Astrid seit dem frühen Tod ihres Ehemannes Sture 1952, und dort ist sie auch gestorben. An der Hauswand sagt eine Plakette in der Grösse einer Tafel Schokolade lakonisch: «Astrid Lindgrens Hem 1941–2002». Die Familie zog 1941, Tochter Karin Nymann war damals in der ersten Klasse und ihr grosser Bruder Lars schon fünfzehnjährig, an die Dalagatan 46 in Vasastan. Heute ist das Stockholmer Viertel «in», die renovierten Wohnungen mit den hohen Wänden und der Nähe zum Vasapark sind begehrt.

Zum Treffen mit der Tochter von Astrid Lindgren will auch Marianne Eriksson kommen. Sie hat jahrelang mit Lindgren zusammengearbeitet und wurde deren Nachfolgerin als Leiterin der Kinderbuchabteilung beim Verlag Rabén & Sjögren. Nachdem sie selbst pensioniert wurde, hat sie kurzerhand ihren eigenen Kinderbuchverlag aufgemacht. Ob Pippi auf die schwedischen Frauen abgefärbt hat? Deren Schöpferin war auch immer für Überraschungen gut. Als sie zum achtzigsten Geburtstag einer Freundin mit dieser in einen Baum kletterte und das Fernsehen sie dabei filmte, soll sie gesagt haben: «Es gibt schliesslich kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern.» Ein Verbot für alte Weiber, Verlage zu leiten, gibt es auch nicht. Marianne Eriksson kommt am nächsten Tag direkt aus dem Büro zur Dalagatan 46. Eine energiegeladene Dreiundachtzigjährige mit tiefer Stimme und grauen Locken, die es sich nicht ausreden lässt, einen Teil des Equipments für die Fotografin eigenhändig in den ersten Stock zu schleppen. Wir klingeln. Die Tür geht auf, und es erscheint: Astrid Lindgren! «Kom in, kom in!» sagt Astrids Tochter Karin Nyman mit Astrids Stimme und Astrids Augen und winkt uns mit Astrids Bewegungen lachend herein in die Wohnung. Im Flur liegen auf der Hutablage Astrids Hüte, am Haken hängt ihr Mantel. Und dazu ihre Tochter Karin, die ebenso herzlich lacht und gestikuliert wie ihre Mutter auf Filmaufnahmen. Astrid Lindgren lebt!

Marianne und Karin setzen sich in der Stube auf das Sofa vor dem Kamin, das auf vielen Bildern Lindgrens zu sehen ist. Auch hier hat niemand etwas verändert seit Astrids Tod. Die Wohnung steht leer, die Familie nutzt sie für Familientreffen und für Interviews. Viel zu tun im Jubiläumsjahr, Karin Nyman? «Oh, es geht. Aber ich muss Astrid Abbitte leisten. Wenn sie sich jeweils beschwerte über die vielen Interviewanfragen, sagte ich immer ganz kalt, sag doch einfach nein! Aber es ist nicht so einfach, nein zu sagen, sehe ich jetzt.» Sie lacht. «Immerhin kann ich frei herumlaufen. Meine Mutter wurde ständig angesprochen von den Leuten.» Wohl mit ein Grund, warum Lindgren in ihren letzten Jahren nicht mehr oft aus dem Haus ging.

Die Schweden verehren Astrid Lindgren. Zu ihrem neunzigsten Geburtstag bekam sie über ein Dutzend Postsäcke voller Briefe. Ausserdem wählten ihre Landsleute sie zur beliebtesten Schwedin des Jahrhunderts. «Ihr habt vergessen, dass ich ein alter Mensch bin, taub und halbblind und fast verrückt. Und den habt ihr zur Schwedin des Jahres gemacht! Verbreitet das bloss nicht, sonst glauben sie noch, ganz Schweden ist so», soll Lindgren dazu gesagt haben. Ihren Humor hat sie bis ins hohe Alter nicht verloren. Als man einen kleinen Planeten nach ihr benannte, sagte sie: «Von jetzt an könnt ihr mich ‹Asteroid Lindgren› nennen», schreibt Margarete Strömstedt in ihrer Biografie.

Vom Wohnzimmer geht es direkt in Astrids Arbeitszimmer. Ihr Schreibtisch hatte Blick auf den Vasapark. Die berühmte mechanische Schreibmaschine fehlt; sie steht noch bis Ende November in Törnqvists Ausstellung in der Königlichen Bibliothek. An der Wand hängen Astrids Bilder, naive Naturzeichnungen und Karikaturen ihrer selbst. Dahinter liegen die Schlafzimmer mit dem berühmten Bett, auf dem Astrid ihre Geschichten in Notizbücher stenografierte. Vorhänge verdecken meterweise Bücherregale.

«Wir denken drüber nach, die Wohnung in ein Museum umzuwandeln, deshalb haben wir nichts weggenommen, was hier drin war», sagt Karin Nyman. «Wir waren in Verhandlungen mit Stockholms Stadsmuseum. Aber wir müssten ihr die Einrichtung vermachen, und dafür war es noch zu früh, den Enkeln unter anderem.» Überall liegen Bücher. «Astrid hätte das nicht gemocht, sie hatte gern Ordnung.»

Hätte Astrid die Zeremonie zum Award vom Vortag gefallen? «Jaja, aber sie hätte bestimmt nicht gemocht, wie ihre Lieder gesungen wurden, so getragen und langsam. Astrid wollte diese Lieder schnell und mit humör, so hat sie sie geschrieben», sagt ihre Tochter und singt eines vor. Astrid Lindgren hatte klare Vorstellungen von ihrer Arbeit. Sehr lange kümmerte sie sich fast alleine um alles Administrative, um die Übersetzungsrechte, um die Verträge, einfach um alles. Nur von einer Freundin im Verlag Rabén & Sjögren, Kerstin Kvint, liess sie sich helfen.

Wie war das, mit einer so berühmten Person im Verlag zu arbeiten, Marianne Eriksson? Sie lacht. «Nun, wir liebten ihre Bücher, aber wir konnten ja nicht immer nur dasitzen und sie bewundern. Es war lustig mit ihr, aber sie war auch sehr diszipliniert. Sie sass meistens in ihrem Büro und arbeitete und arbeitete, und wir waren angehalten, dasselbe zu tun. Sie war sehr effizient», sagt Marianne Eriksson. «Ja», wirft Karin Nyman ein, «morgens schrieb sie hier in dieser Wohnung, punkt ein Uhr ging sie in den Verlag, lektorierte und beantwortete all die Briefe.»

Hundertfünfzig Briefe bekam sie pro Woche im Schnitt, die meisten von Kindern. Lindgren mit ihrem immensen Pflichtgefühl und Arbeitspensum beantwortete sie alle. Bis es selbst ihr zu viel wurde. 1986 schrieb sie in einem Artikel: «Jetzt appelliere ich an alle Lehrer in Schweden: Lasst mich Bücher schreiben anstelle von Briefen!» Aber es schrieben ihr auch Erwachsene. Ihre Leser machten sie zur moralischen Instanz. Sie sollte beurteilen, raten, helfen. Oft schickte Astrid Lindgren den Schreibern Geld, auch wenn ihr Marianne Eriksson manchmal sagte, sie solle nicht alles glauben, was ihr geschrieben werde.

Nach Astrids Tod übernahm die Familie die Verwaltung des Erbes. Die Familienmitglieder kontrollieren auch, dass das Merchandising Lindgren-gerecht ist. «In einem Computerspiel zum Beispiel», erzählt Karin Nymann, «sollte Pippi Goldmünzen sammeln. Wir wiesen darauf hin, dass sie selber einen ganzen Koffer voller Gold hat; warum soll sie da noch Goldmünzen sammeln?» Lindgrens Sohn Lars lebt seit 1986 nicht mehr, aber seine Tochter Annika und zwei von Karin Nymans vier Kindern, nämlich Tochter Malin und Sohn Nils, sowie ihr Ehemann, sie alle kümmern sich um Astrid Lindgrens Rechte an ihren Geschichten. Die Namen klingen verdächtig nach Geschichten. Lindgren benannte ihre Figuren in der Tat oft nach Familienmitgliedern. Ida hiess ihre Tante, Emil (wie Michel aus Lönneberga in Schweden genannt wird) ihr Onkel, Klein-Ole war ihr Enkel Olle. Malin, die Enkelin, und Malin aus Ferien auf Saltkrokan sind ungefähr gleich alt. Lotta aus der Krachmacherstrasse heisst mit Familiennamen Nyman. «Nein, einen Tommy gibt es nicht bei uns, das nicht auch noch.» Karin Nyman verwirft lachend die Hände.

In dieser Wohnung also wurde Pippi erfunden, der Legende nach von Tochter Karin. «Nur den Namen, nur den Namen», wehrt sie ab. Warum wurde die Ur-Pippi, das ursprüngliche Manuskript, das vom Bonniers-Verlag abgelehnt wurde, eigentlich erst zu Astrids Hundertstem herausgegeben? «Nun», sagt Karin Nyman langsam, «ich glaube, Astrid hätte nicht gewollt, dass man die Ur-Pippi herausgibt. Schliesslich hat sie das Buch nachher überarbeitet. Aber die Leute sind interessiert, und jetzt, fünf Jahre nach ihrem Tod, geht das wohl.»

Pippi Langstrumpf wurde in über neunzig Sprachen übersetzt. Die Fotografin will möglichst viele verschiedene Pippi-Bücher fotografieren. Aber die Lindgrens besitzen bei weitem nicht alle Ausgaben; die meisten stehen im Kinderbuchinstitut. Karin Nyman zieht einige aus dem Büchergestell neben dem Sofa: Pippi auf japanisch und die russische Ausgabe, die deutsche von Rettich und jene von Scharnweber. «Wir verstanden ja nie, warum andere Verlage andere Pippi-Zeichnungen wollten. Ingrid Vang Nyman hat sie doch wunderbar gezeichnet!» «Genau, unser Verlag, Raben & Sjögren, verkaufte doch sehr viele Bilderbücher von nordischen Illustratoren!» Verlagsfrau Marianne Eriksson schüttelt verständnislos den Kopf.

Nur die Pippi der dänischen Illustratorin ist für die Schweden, die Dänen und die Finnen die richtige Pippi. Aber schon die Norweger wollten eigene Zeichnungen. So gibt es also für fast alle Länder eine eigene Pippi.

Sogar eine chinesische, die Changwazi Pipi heisst. Aber die wahre Pippi, das ist immer und vielmillionenfach die persönlich ausgeschmückte. Die von Marta, meinem Nachbarskind. Deine und Ihre und meine. Und das ist gut so.









Eine Schwäche für schwache Väter



Der waisenkindergespickte Kinderkosmos zwischen Bullerbü und Saltkrokan ist

fest in der Hand der Frauen. Die Männer sind Memmen, toben und schreien oder spielen Ersatzvater.

Von Tilman Spreckelsen





Ein galanter Vater ist eigentlich nichts Falsches, zumal wenn seine Bewunderung einzig seiner Gattin gilt: «Wenn eure Mutter», verkündet er seinen Töchtern, den sechzehnjährigen Zwillingen Kerstin und Barbro, «eine Blume wäre, so müsste sie ein Maiglöckchen sein.» Das ist zwar nicht sonderlich originell, aber sicherlich kein Anlass für Kerstins verletzende Antwort: «Und wenn du eine Blume wärst, so müsstest du eine Fett-Henne sein. Das bist du übrigens auch.» Nun schaukelt sich die Sache hoch, allerdings ohne dass der korpulente Vater, demütigend auch dies, daran wesentlich beteiligt wäre: «Bedenke, dass du mit deinem Vater sprichst», sagt die Maiglöckchenmutter streng zu Kerstin, und die legt noch nach: Genau daran denke sie ja. Nun hat die Mutter nichts Besseres zu tun, als alle Schuld an dieser wiederholten Respektlosigkeit der Tochter dem Vater in die Schuhe zu schieben, und zwar vor deren Ohren: Wenn er nicht ständig so nachsichtig mit den Zwillingen wäre, dann müsste er sich auch nicht immer wieder derlei anhören. Und der Beleidigte? Gibt hilflos allen recht.

Die Szene findet sich in Astrid Lindgrens Roman Kerstin und ich, einer betont harmlosen Sommergeschichte, und wirkt gerade dadurch so verstörend. So sinnlos wie Kerstins Angriff auf den Vater ist auch der halbherzige Verteidigungsversuch der Mutter, der ja gerade nicht in der Sache argumentiert, sondern Respekt dort einfordert, wo er in dieser Familie offenkundig völlig unüblich ist: Eben weil es sich um den Vater handelt, so kann man Kerstins Antwort verstehen, darf man ihn verspotten, muss man ihn nicht ernst nehmen, kann man offensichtliche körperliche Gebrechen ins grellste Licht rücken.

Damit ist Kerstins Vater nicht allein. Wer das Werk Astrid Lindgrens durchsieht, in der Hoffnung, irgendwo einer aus sich selbst heraus starken Vatergestalt zu begegnen, wird jedenfalls kaum Erfolg haben. Er wird ein Buch nach dem anderen verblüfft aus der Hand legen. Und sich die Frage stellen, welches Vaterbild die enorm einflussreiche Kinderbuchautorin da eigentlich entwirft.

Grob möchte man diese Väter in zwei, eigentlich drei Gruppen unterteilen: Da sind zum einen Männer, die sich liebevoll und gänzlich uninteressiert an autoritärem Gehabe ihrer Familie widmen; die klassische Rolle als ebenso strenger wie gerechter Pater familias können und wollen sie nicht ausfüllen und scheinen so die vielbeschworenen heutigen «neuen Väter» nicht wenig geprägt zu haben, die ja alle mit Büchern wie Madita oder Ferien auf Saltkrokan aufgewachsen sind.

Zweitens sind da die Männer mit eher traditionellem Rollenverständnis, die ihre Kinder wie etwa in Michel aus Lönneberga oft genug nicht mehr erreichen. Die dritte Gruppe bilden diejenigen, die in der Familie kaum präsent sind oder sogar ganz fehlen – und natürlich geht auch von dieser Leerstelle einige Wirkung aus.



Ein Memmenlied für den Papa

Zur ersten Gruppe der liebevollen Väter gehört eindeutig Maditas Vater, der so offensichtlich mit allen Versuchen scheitert, in häuslichen Angelegenheiten das Ruder zu führen, dass man schon Mitleid mit ihm haben kann. Am deutlichsten wird das, als er einmal wie jedes Jahr den Geburtstag seiner Frau mit einem schönen Picknick feiern möchte und dabei schiefgeht, was nur schiefgehen kann: Seine jüngere Tochter Lisabet wird entführt, über die Feiergesellschaft machen sich Wespen und eine wild gewordene Rinderherde her; und schliesslich regnet es auch noch in Strömen. Dass alles dann noch gut ausgeht, ist zum wenigsten sein Verdienst, und als er sich dann laut als «Memme» anklagt, singen seine Töchter ihm schnurstracks ein selbstgedichtetes «Memmenlied», das ihn irgendwie trösten soll und das Ziel gründlich verfehlt.

Auch Melcher Melcherson, der hinreissend kindsköpfige alleinerziehende Vater aus dem Roman Ferien auf Saltkrokan gehört zu denen, die an autoritärem Gehabe uninteressiert sind. Wenn ihm seine Kinder im Verlauf des Buches mehr als nur einmal die helfende Hand reichen, ist es nie ganz klar, ob er den Barsch am Ende nicht auch allein geangelt hätte und ob sich in seiner offensichtlichen Ungeschicklichkeit nicht auch in Massen ein pädagogisches Programm verbirgt.

Und schliesslich Pippi Langstrumpfs Vater: Der anfangs verschollene «Kapitän Efraim Langstrumpf, früher der Schrecken der Meere, jetzt Negerkönig», wie seine Tochter ihn vorstellt, ist zwar ein kräftiger, als Person durchaus beeindruckender Seemann, als Vater aber spielt er keine besondere Rolle. Er erscheint zunächst nur in den blumigen Erzählungen seiner Tochter, und ob es ihn wirklich gibt, ist lange unklar. Dann, in Pippi Langstrumpf geht an Bord, dem zweiten Band der Trilogie, landet sein Schiff, die «Hoppetosse», tatsächlich im Hafen der Kleinstadt, in der Pippi lebt, aber das Ende dieses Bandes weist ihm eindeutig seinen Platz im Leben seiner Tochter zu: Sie schätzt ihn, schwärmt sogar von ihrem grossartigen Papa, aber ihr Leben führt sie lieber ohne ihn weiter. Und wenn sie sich dann, im dritten Teil, doch noch entschliesst, ihn aufzusuchen, ist das erstens dem Wunsch geschuldet, ihm aus der Patsche zu helfen, und zweitens der am wenigsten gelungene Teil der Trilogie.

Neben diesen schwachen, aber liebenswerten Vätern, die in ihren Familien neben all den patenten Frauen und Kindern nicht unbedingt eine einflussreiche Rolle spielen (und ganz sicher nicht die eines Herrschers), gibt es eine zweite Gruppe, deren herausragender Vertreter der Katthult-Bauer ist, der Vater des ungleich berühmteren Michel aus Lönneberga: Seine Funktion ist im wesentlichen, dem beinahe ungesund originellen Kopf seines Sohnes mit völligem Unverständnis zu begegnen, drakonische Strafen auszusprechen, die nur mühsam durchzusetzen sind und sich selbst im Zweifel der Lächerlichkeit preisgeben; er hat zu geizen, wo sein Sohn grossmütig ist, zu bangen und sich zu sorgen, wo Michel die Dinge in die Hand nimmt, zu schimpfen, wo sein Ältester mit Charme, Witz und glasklarem Verstand alles aufs rechte Gleis rückt. Kurz, der Junge ist ihm über, und weil sich auch seine Frau auf dessen Seite schlägt, wird es um den Katthult-Bauern mitunter sehr einsam.

Mit dieser speziellen Familienkonstellation ist die Michel-Trilogie zwar ein Solitär im Werk Lindgrens. Nicht aber, wenn es um die Konsequenzen daraus geht. Wer nämlich tröstet den kleinen Alleskönner, wenn es ihm schlecht geht, wenn er sich beispielsweise an vergorenen Kirschen einen fürchterlichen Rausch und einen elenden Kater geholt hat? Der Vater, ein hilfloser Moralapostel, tut, was er am besten kann, er tobt und schreit und verflucht die Vorsehung, die ihm einen Sohn wie diesen bescherte, und das hilft dem in seiner Not kein bisschen. Der Knecht Alfred aber kümmert sich um das verstörte Kind, er hält es stundenlang auf seinen Knien und wischt ihm die Stirn (der Zeichner Björn Berg hat das sehr schön eingefangen). Überhaupt Alfred! «Im Katthult-See», heisst es am Ende einer früheren Episode, «zwischen weissen Seerosen, schwammen Michel und Alfred in dem lauen Wasser umher, und am Himmel hing der Julimond wie eine rote Laterne und leuchtete ihnen. ‹Du und ich, Alfred›, sagte Michel. ‹Ja, du und ich, Michel›, sagte Alfred, ‹bestens, bestens!›» Wenn der Katthult-Bauer diese Szene beobachtet hätte, wäre ihm vielleicht ein wenig Neid über diese Vertrautheit aufgestiegen.

Alfred ist einer der vielen Ersatz-Väter, die sich in Lindgrens Werk breitmachen. Wo der wirkliche versagt (das tut er oft) oder einfach fehlt (noch etwas häufiger), da sind sie zur Stelle: Der Waisenjunge Rasmus findet sich, da ihn niemand adoptieren will, in einem Roman Lindgrens urplötzlich in der Gesellschaft des titelgebenden Landstreichers, und am Ende bleiben sie zusammen. Der junge Göran, von den Eltern als Krüppel geradezu aufgegeben, erhält allabendlich den Besuch eines elfenhaften Herrn Lilienstengel, der ihn ins «Land der Dämmerung» führt und dort irgendwo zwischen Cicerone und väterlichem Freund changiert. Und in Die Brüder Löwenherz nimmt der ältere für den jüngeren vollends die Vaterstelle ein, als sie beide vor ihren Eltern ums Leben kommen und sich in einem Jenseits zurechtfinden müssen, das keineswegs den Frieden bereithält, den man doch hätte erwarten können.

Nun fehlen in vielen Romanen und Erzählungen Lindgrens durchaus auch die Mütter, weil es in ihrem waisenkindergespickten Kosmos generell auf Eltern wenig ankommt – sie dienen, wie beispielsweise auf Bullerbü, gern als Stichwortgeber oder als Instanzen, um die Handlung dort anzustossen, wo sie von allein nicht weiterkommt. Aber eine wirkliche Funktion haben sie allenfalls, um den Hintergrund auszuleuchten, vor dem die Fabel ihren Lauf nimmt. Von den Bullerbü-Eltern bleibt jedenfalls ebenso wenig im Gedächtnis wie von Lillebrors Familie (andererseits: wer bliebe nicht blass gegenüber einer so herrlichen Gestalt wie Karlsson vom Dach?) oder den Eltern in den Kalle-Blomquist-Bänden, von dem Bäckermeister einmal abgesehen. Ist das die Schuld der Erwachsenen? Die sind zwar immer beschäftigt, aber es scheint, dass auch die Kinder auf Abstand bedacht sind: «Ach, Mama, geh weg! Wir spielen doch!» ruft die Titelheldin in dem Märchen Die Prinzessin, die nicht spielen wollte, und man wird Lindgren sicherlich nicht unrecht tun, wenn man in ihr eine Autorin erkennt, die die Kluft zwischen den Generationen stets wach gespürt und deutlich geschildert hat.



Selbst die Puppen sind nur weiblich

Und dennoch: Verglichen mit den Müttern haben die Väter einen noch schwereren Stand, weil es sie – absichtlich oder der schieren Not gehorchend – gern völlig aus diesen Geschichten hinaus verschlägt. Denn Lindgrens Texte sind, wo immer sie Familie schildern, sehr oft über eine weibliche Genealogie strukturiert – so spielt sich die Lügengeschichte, die in Unterm Kirschbaum ersonnen und erzählt wird, praktisch ohne männliche Beteiligung ab (und fliegt bezeichnenderweise in dem Moment auf, wo die Erzählerin, ein kleines Mädchen, einer Fremden weismachen will, ihre Mutter sei bereits als junges Mädchen gestorben, also bevor ein Mann, ein potenzieller Vater, in Sicht gekommen wäre). So wächst das Waisenmädchen «Polly Patent» ohne männliche Bezugsperson bei ihrer Nenngrossmutter auf, und auch die bittere Erzählung Goldkind kommt im wesentlichen ohne Männer aus – sie beginnt mit den Sätzen «Eva hat keine Mama. Aber zwei Tanten hat sie», und damit ist das Dilemma schon umrissen. Denn Eva hat durchaus eine Mama, nur liegt die seit langem im Krankenhaus, der Vater ist ohnehin von der Bildfläche verschwunden, denn er ist Seemann, und also ist es schon fraglich, ob er überhaupt jemals zu Eva und ihrer Mutter zurückkehren wird. Evas Tanten aber und ihre Kusine Berit quälen das Kind mit ausdauernder Bosheit. In dieser kleinen Welt, wo selbst die Puppen durch die Bank weiblich sind, kommt es zur klimatischen wie verbalen Explosion, als das Mass der kleinen Giftigkeiten, mit denen Eva konfrontiert wird, voll ist: Als «Goldkind» hat sie ihre Tage bei den Eltern begonnen, hier aber ist sie die Zielscheibe grässlicher Sticheleien, und als ihr endlich der Kragen platzt, ist es hohe Zeit dafür.

Den weggedrängten, abgelegten, vielleicht vermissten, oft genug aber ersetzten Vätern bleibt in solchen Geschichten nicht viel. Mit etwas Glück dürfen sie wenigstens am Rande mit dabei sein, während die Mütter und ihre Kinder ihr Spiel spielen. Und manchmal fällt sogar ein bisschen Sympathie für sie ab. «Er war wirklich unglaublich schwach gegen uns gewesen», meint die Erzählerin in Kerstin und ich, als sie das Verhältnis zu ihrem Vater resümiert: «Und mit niederträchtiger Kinderklugheit hatten wir das in einem sehr frühen Stadium durchschaut und ausgenutzt. Wenn wir als Kinder zu Hause in der Stadt auf dem Hof in einer Sandkiste spielten und unser Hausmädchen den Kopf zum Fenster hinausstreckte und sagte, Kerstin und Barbro sollten gleich hereinkommen, so fragten wir vorsichtig: ‹Wer hat das gesagt?› Denn wir wussten, wenn Mutter es gesagt hatte, so war es das Sicherste, sich sofort auf den Weg zu machen. Wenn aber Vater es gesagt hatte, so konnte man in aller Ruhe noch ein paar Sandkuchen backen, ohne dass irgend etwas passierte. Aber, wie ich zu Mutter sagte, wenn er schwach gegen uns gewesen war, so hatten wir andererseits immer eine Schwäche für ihn gehabt, also das glich sich wohl aus.»

Und das ist immerhin etwas.









Von Beruf Sekretärin und Hausfrau



Dass die schwedische Autorin nie den

Nobelpreis bekommen hat, zeigt, wo die

Kinderliteratur in Wahrheit rangiert.

Von Viola Roggenkamp





Sie war mehrfach dafür im Gespräch. Viele Schriftsteller sind immer mal wieder im Gespräch für diese höchste Auszeichnung. Aber Astrid Lindgren war die einzige Kinderbuchautorin, von der man sagte, sie müsse unbedingt für ihr Gesamtwerk den Literaturnobelpreis bekommen.

Wer ist man? Natürlich ihre Leserschaft, und zwar die Leserschaft, die Astrid Lindgren nicht mehr las, sondern inzwischen Bücher von Thomas Mann, Patricia Highsmith, Jean-Paul Sartre, Ingeborg Bachmann, Carson McCullers oder Lion Feuchtwanger. Aber man brachte den Kindern Bücher von der Lindgren mit, damit die Kinder gute Literatur zu lesen bekamen, und obendrein war es eine wunderbare Gelegenheit, den Töchtern, Söhnen, Nichten, Neffen und deren Freundinnen und Freunden etwas vorzulesen und dabei stillvergnügt noch einmal einzutauchen in die epische und dialogische Sprache der Schriftstellerin Lindgren. Und wenn die Kinder nach zwei Stunden konzentrierten Zu-

hörens wieder spielen gehen mussten, dann blieb man selbst einfach sitzen im Wohnzimmer oder am Gartentisch und las Kalle Blomquist lebt gefährlich rasch noch durch und war bis zum Abendbrot nicht ansprechbar.



Arbeit für Kinder zählt weniger

Zumal in Sachen Literatur könnte die Entscheidungsfindung der Nobelpreisjury immer auch getragen sein von Urteilskraft im Sinne von Geschmack. Das wäre legitim. So ist es aber nicht. Die Entscheidung ist neben allgemeinen literarischen Kriterien oft politisch. Das muss kein Fehler sein. Einem Schriftsteller aus einem afrikanischen oder asiatischen Land, von dem die westliche Welt noch nie gehört hat, wird der Preis verliehen, denn man möchte etwas für eine bestimmte Region tun. Ganz gewiss wird es demnächst jemand aus dem Iran sein oder aus Palästina. Niemand kann etwas dagegen haben.

Warum aber wurde nach literarischen Kriterien und aus politischen Beweggründen dann nicht auch eine Kinderbuchautorin ausgezeichnet? Was wird für bedeutend gehalten? Nicht die Arbeit, die für Kinder geleistet wird, sei sie noch so qualifiziert. Von den meisten Erwachsenen wird sie für weniger bedeutend erachtet. Die Gründe dafür sitzen tief und gehen zurück bis in die verschütteten Reste der eigenen kindlichen Psyche. Gerade Astrid Lindgren hätte den Nobelpreis verdient gehabt. Sie wäre die erste gewesen. Verdient besonders vielleicht für den latent vernehmbaren Humor im Blick ihrer Kinder-Protagonisten auf die Erwachsenenwelt und ebenso auf sich selbst. Man mag sogar in Oslo das alles gedacht haben. Aber dann war sie für die Jury eben doch nur eine Schriftstellerin für Kinder.

Auf den (nicht nur deutschen) Buchklappentexten ihrer ersten grossen Erfolge stand über Astrid Lindgren noch bis Anfang der siebziger Jahre in ihren Worten zu lesen, dass sie von Beruf Sekretärin sei und nach ihrer Heirat Hausfrau wurde. Der Verlag hätte natürlich auch etwas anderes von ihr zitieren können. Es entsprach aber dem damaligen Frauenbild und erhob diese Frau einerseits zur Ausnahme aller Sekretärinnen und Hausfrauen und zog die Schriftstellerin Lindgren gleichzeitig auf diese Ebene wieder herunter.

Als die Vereinten Nationen das Jahr 1975 zum Internationalen Jahr der Frau erklärten, wurde von einer starken Frauenbewegung der westlichen Welt das Nobelpreiskomitee in Oslo darauf hingewiesen, dass es in allen Disziplinen auch Frauen gäbe, die bedeutende Arbeit leisteten. Favoritin für den Literaturnobelpreis war in diesem Jahr für eine breite Öffentlichkeit Astrid Lindgren. Obendrein eine Favoritin, für die sich allgemein Frauen wie Männer gleichermassen aussprachen. Nicht zuletzt wegen der einzigen Mädchenfigur in der Kinderliteratur, der Mädchen wie Jungen unterschiedslos hingegeben sind: Pippi Långstrump ist zum erfolgreichsten Kinderbuch der Welt geworden.

Entscheidend ist nicht, wer ihn stattdessen bekam. Astrid Lindgren bekam ihn nicht. Sie bekam ihn auch nicht 1977, in diesem Jahr wurde sie siebzig Jahre alt, und sogar innerhalb der literarischen Welt hielt man es nicht mehr für ausgeschlossen, diesmal für diese Kinderbuchautorin eine Ausnahme machen zu können. Oslo entschied anders. Ein Jahr später erhielt sie in Frankfurt am Main den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, und zwar als erste Kinderbuchautorin. Befördert war diese Entscheidung von dem vorausgegangenen Wechsel zwischen Hoffnung und Enttäuschung um eine Nobelpreisverleihung für die Schriftstellerin, durch deren Bücher weltweit Kinder an Literatur herangeführt wurden und werden.



Aufrichtige Heldinnen

Charles Dickens und Mark Twain schrieben über Kinder, aber nicht ausdrücklich für Kinder, doch Oliver Twist oder Tom Sawyer wird von Kindern und Jugendlichen gelesen. Erich Kästner schrieb Bücher für Kinder, und er schrieb Bücher für Erwachsene, und berühmt gemacht haben ihn seine Kinderbücher. A. A. Milne ging in die Literaturgeschichte ein durch Winnie-the-Pooh. In diese Reihe ist Astrid Lindgren zu stellen. Auch in die von Else Ury und Johanna Spyri, nämlich als eine nachfolgende Schriftstellerin, die in ihrer und für kommende Generationen mit der Form brach, die Kinderliteratur streng aufteilte in Bücher für Mädchen und Bücher für Jungen.

Wie alle Schriftsteller, die allgemein als grosse Schriftsteller bezeichnet werden, sagte auch Astrid Lindgren über ihre Arbeit: «Ich kann nur über etwas schreiben, das ich selbst kenne. Ich weiss nicht, wie es ist, Scheidungskind in Farsta zu sein. Wahrscheinlich läuft in Farsta gerade ein Kind herum, das später einmal darüber schreiben wird.» Ihre einzige Richtschnur sei, sich zu bemühen, «im künstlerischen Sinne ‹aufrichtig› zu sein».

Auch darüber war sie im künstlerischen Sinne aufrichtig, dass es für eine Frau nicht selbstverständlich war, in den Mittelpunkt ihrer kreativen Arbeit eine weibliche Figur zu stellen, im Sinne einer wahrhaften Heldin. Astrid Lindgren hat es getan, nicht nur mit Pippi Langstrumpf. Es gab auch später, um nur ein Beispiel aus ihrem grossen Werk herauszugreifen, etwa neben den Brüdern Löwenherz eine Ronja Räubertochter. Und ebenso in ihren früheren Arbeiten: Eva-Lotte Lisander ist in den drei Kalle-Blomquist-Büchern die Protagonistin, die Trägerin von Gefühlen ist und bei der Schriftstellerin eine Entwicklung durchmachen kann, ohne deshalb als heranwachsendes dreizehn-, vierzehnjähriges Mädchen ihre verbale Schlagfertigkeit und körperliche Beweglichkeit einzubüssen. Und dennoch wird durch die Empfindungen dieser weiblichen Figur in den drei Detektivromanen der tödliche Ernst mancher abenteuerlichen Situation fühlbar, und ebenso ist von der Autorin beabsichtigt fühlbar, dass die gleichaltrigen Jungen Kalle und Anders, die beiden männlichen Protagonisten, dafür psychisch weniger reif sind.

Noch immer es nicht üblich, ein Mädchen zum Helden zu machen und zur Identifikationsfigur für die Leserschaft. Harry Potter? Längst ist er als Verkaufsschlager in Serie gegangen, was keine Literatur aushält, dennoch soll hier gefragt werden: Warum ist Harry Potter kein Mädchen? Er ist das Geschöpf einer Frau. Eine Schriftstellerin braucht nicht erklärte Feministin zu sein, es genügte, dass sie sich selbst wichtig nähme. Was könnte Astrid Lindgren dazu geführt haben, im Rahmen ihres schriftstellerischen Œuvres weiblichen Protagonistinnen einen bedeutenden Platz zu geben?



Vimmerbys Selma Lagerlöf

Geboren in einem kleinen Dorf, habe sie mit ihren drei Geschwistern «eine glückliche Kindheit» verbracht. Auf dem Bauernhof, gelegen in einer kargen Landschaft Schwedens, hätten ihre Eltern «die Hände stets so voller Arbeit» gehabt, dass die vier Kinder sich selbst überlassen waren. Trotz glücklicher Kindheit kam Astrid Lindgren spätestens mit neunzehn Jahren in der Gesellschaft an, in der Frauen Sekretärin werden durften und danach Hausfrau und Mutter. Sie war obendrein die neunzehnjährige Mutter eines unehelichen Kindes, was zu der Zeit noch spürbar ein Makel war.

«Als ich zur Schule ging, bekam ich immer zu hören, ‹du wirst bestimmt mal Schriftstellerin, wenn du gross bist›. Und einmal wurde ich sogar ein wenig spöttisch ‹Vimmerbys Selma Lagerlöf› genannt. Ich glaube, das hat mir Angst gemacht. Und ich habe mich nicht getraut zu schreiben, obwohl ich irgendwo tief in mir spürte, dass mir das Schreiben Spass machen könnte.» Sie fasste sogar als junger Mensch den Beschluss, nie Bücher zu schreiben, und an dieser Selbstbeschneidung ihrer schriftstellerischen Potenz hielt sie lange fest. Denn das, was einem Mädchen Angst gemacht hatte, ist ja unter Umständen gerade das, was einer Frau Lust machen könnte. Diese Lebensphase der Selbstverhinderung vor dem Hintergrund einer «glücklichen Kindheit» könnte bei Astrid Lindgren dazu geführt haben, als Schriftstellerin weibliche Figuren ins Zentrum zu rücken.

Sie hat viele Preise bekommen und Ehrungen erhalten, und wenn sie den Nobelpreis für Literatur auch noch bekommen hätte, sagte sie einmal, dann wäre sie wohl von Journalisten völlig überrannt worden. Drum sei es «vielleicht besser so». Doch wer soll hier getröstet werden? Wer tröstet hier wen? Im Subtext liest sich zweifelsfrei auch eine Pippi Langstrumpf als Ausdruck der Hilflosigkeit eines Kindes gegenüber der Welt der Erwachsenen.