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Madonna.
Mein Leben ist Ehrgeiz

Erscheint am:
Ausgabe Nr:
Mai 2007

ISBN: ISBN 978-3-03717-034-2

Preis: Sfr. 20.-

Preis: Euro 15.-
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Heft vergriffen



Horizonte
07 – Istrisches Impromptu. Ohne angewärmte Ziegenmilch läuft bei der Schwiegermutter gar nichts. Von Richard Swartz

10 – São Paulo. Urbaner Jetset rotiert über den Wolkenkratzern. Von Mirco Lomoth

10 – Hongkong. Literaturfestival als Schule der Demokratie. Von Marko Martin

11 – Berlin. Schmerz: zwischen Kunst und Wissenschaft. Von Verena Doerfler

12 – Hamburg. Historienmaler Daniel Richter. Von Vito Avantario

12 – Moskau. Mode mit russischen Klischees. Von Mathias Bölinger

14 – Interview. Mit Frédéric Rouvillois, dem Verfasser einer Geschichte der Höflichkeit, sprach Johannes Wetzel

17 – Selbstgebrannt. Von Simon Froehling

20 – Kabinett der Moderne. Schriftsteller schreiben über ein Lieblingswerk. Francis Bacons «Study for Self-Portrait». Von Julia Franck

22 – «du» vor 50 Jahren, Leserbriefe, Pressestimmen

23 – Autoren, Fotografen, Künstler/Illustratoren

04 – Impressum




du 776 – Madonna.

Mein Leben ist Ehrgeiz

24 – Madonna. Die Ikone schlechthin

26 – Popmusik hat mit Sex zu tun. Immer. Die Meisterin des kalkulierten Skandals wusste schon immer, wie man sich verkauft. Von Suzanne Zahnd

26 – Einen Künstlernamen hatte sie nie nötig. Chronik von Leben und Werk der Madonna Louise Veronica Ciccone. Von Hanspeter Künzler

30 – «Time is money and the money is mine.» Mit der Geschäftsfrau Madonna zu verhandeln ist, als sässe man General Motors gegenüber. Von Peter Haffner

38 – Und ewig bockt das Weib. Ist sie ein Mann oder eine Frau? Antwort: ja. Von Sonia Mikich

40 – Madonnen durch die Jahrhunderte. Unrenoviert und sichtbar gealtert. Fotografiert von Annet van der Voort

46 – In Altötting ist Madonna Kult. Schwarz wie die Nacht, empfängt sie seit Jahrhunderten die Pilgerschaft. Von Hannes Hintermeier

50 – Unter furchtbar dünnem Kaffee gelitten. Es war Anno traurig 1633, als ich und zwei versprengte Bayrische... Von Sepp Bierbichler

54 – Eine Diva brauchen wir halt doch. Madonna und ihre Ahninnengalerie, von Marilyn Monroe bis Marlene Dietrich. Von Manuel Brug

58 – Die Tellerwäscherin. Sie träumte wie Millionen von Mädchen davon, ein Star zu werden. Der Unterschied: Sie zweifelte nicht. Von Ursula März

64 – Mein Leben als Lookalike. Sie war frech, wild und lebendig. Das Gegenteil meines Lebens. Ich musste sein wie sie. Von Jana Simon

68 – Die Disco als moralische Anstalt. «You can do it» wurde zu «you must do it». Vom Einfall des Neoliberalismus in den Pop. Von Tobi Müller

72 – Ihr Atem beschlägt den Spiegel nicht. Es fehlt ihr weder an Talent noch an Fleiss noch an Botschaften. Trotzdem. Von Manfred Papst




Das Journal
75 – Ausstellungskalender

76 – Federlese. Von Lukas Bärfuss

76 – Stehbar in der Bahnhofshalle

78 – Noch nicht gedrehte Filme. Von Jörg Kalt

79 – Im Radio. Von Gerwig Epkes

80 – Lesen & Hören

81 – Müllers Erbauungen. Von Gottfried Müller

82 – Bücherei. Von Florian Felix Weyh

83 – Ein anderes Museum

83 – Das Wort

83 – Im Fernsehen

84 – Gäste im Haus

85 – Sélections: Ausstellungshinweise für Mai

86 – Das Porträt

87 – Jahrestage

88 – Wissenswelt. Von Martin Rasper

90 – Ausblick






Das Editorial
Eigentlich hat sie sehr vieles nicht geschafft. Sie wollte Tänzerin werden und brach die Karriere ab. Sie wollte Schauspielerin werden, aber ihre Film- und Theaterauftritte fielen bei den Kritikern durch. Sie wollte Sängerin werden, doch Gesangsstunden nahm sie erst, als es für die Hauptrolle in «Evita» unabdingbar wurde. Mick Jagger soll sie einmal «Minnie Mouse auf Helium» genannt haben. Zwei Tiefs musste sie in ihrer Karriere hinnehmen: einmal nach Erscheinen des Buches Sex 1992, und noch einmal ums Jahr 2000.

Allen Tiefs und Schmähungen zum Trotz: Madonna ist die erfolgreichste Popsängerin aller Zeiten. Geschäftspartner berichten, mit ihr zu verhandeln sei, als sässe man General Motors gegenüber. Sie wird nächstes Jahr fünfzig, was wir ihr nicht glauben würden, sähen wir nicht mit eigenen Augen, wie sie sich seit einem Vierteljahrhundert mit ihren sagenhaften Oberarmen immer wieder ins Rampenlicht stemmt.

Wäre es Meryl Streep, der Erfolg würde uns nicht erstaunen. Über Madonnas Erfolg wundern sich alle immer ein bisschen (ausser ihr selbst). Es ist die Verblüffung darüber, dass die Tellerwäschergeschichte tatsächlich funktioniert. Wir staunen, dass der pure Wille, hart wie ein Diamant und gepaart mit bedingungslosem Ehrgeiz, ein Mittelschichtskind ohne besondere musische Talente in Sphären katapultiert hat, die unsereins höchstens als Projektionsfläche kennt.

Als im Juli 1983 ihr Début-Album «Madonna» (sic!) erschien, hatte sie fünf der acht Songs selbst geschrieben. Was ebenso ungewöhnlich war wie ihre Eigenständigkeit. Sie war die erste Frau im Popbusiness, die mehr war als ein von der Plattenfirma ausgedachtes Geschöpf, die erste, die ihr Bild selbst entwarf – bis heute immer wieder von neuem.

Über den Preis für den Erfolg zu reden hiesse missgünstig sein. Wenn überhaupt etwas davon nach aussen dringt. Madonna hütet ihre innere Biografie ängstlich; das wenige Private, das über sie bekannt ist, hat sie selbst gestreut. Ihr Kontrollzwang ist legendär, ihre Disziplin ebenso. Sie ist bei Proben am Morgen die erste und am Abend die letzte. Ein Girlie-Image pflegt sie nur auf der Bühne. Michael Paoletta, Journalist bei der amerikanischen Musikzeitschrift «Billboard», schreibt uns: «Madonna enjoys a good laugh. She doesn’t giggle like a little girl; she laughs with the authority of a woman who has experienced life.»



Jacqueline Schärli



ps: Im November soll ihr neues Album erscheinen, eins mit Hip-Hop-Aroma. Als Produzenten und Co-Songschreiber fungieren Justin Timberlake, Pharell Williams, Timbaland und der Chicago-House-dj Felix Da Housecat.




Drei Texte aus dem Inhalt
Popmusik hat mit Sex zu tun. Immer.

Die Meisterin des kalkulierten Skandals wusste schon immer, wie sich Sex am besten verkauft. Mit fünfzig ist sie zurück am Start: erotische Geständnisse in der Disco.

Das waren noch Zeiten, als man mit Sex Tabus brechen konnte.



Von Suzanne Zahnd



Ein Damendécolleté, das mit einem Kreuz an einer Kette geschmückt ist, hat stets etwas mehr signalisiert als «Ich bin ein katholisches Mädchen». Und Popmusik hat mit Sex zu tun. Immer. Nichtsdestotrotz hat Madonna 1984 mit ihrem Video zu «Like A Virgin» ihren ersten Skandal verursacht. Aus heutiger Sicht scheint es paradox, dass weisse Dessous, Kruzifixe und ein laszives Tänzchen derartige Reaktionen hervorrufen konnten, wo doch zur selben Zeit auf der Tanzfläche des berüchtigten New Yorker Underground-Clubs «Pyramid» öffentlich Geschlechtsverkehr vollzogen wurde. Es zeigt jedoch, dass Mainstream und Avantgarde damals komplett voneinander abgetrennt funktionierten.

Der Pas de deux von Religion und Sexualität ist gewiss nicht Madonnas Erfindung. Er verleitet bis heute zu Bigotterie und Moralismus, selbst in aufgeklärten Kreisen. Das hat Madonna, Meisterin des kalkulierten Skandals, für sich zu nutzen gewusst. Ihre Strategie, in den Mainstream zu transportieren, was in den Subkulturen betrieben wurde, sollte später von den Plattenmultis zur Nachwuchsbeschaffung übernommen werden. Mittlerweile sind solche Verfahren Stoff für Poplehrstühle und die Genderforschung.

Schon in den frühen siebziger Jahren jonglierten Popmusiker wie David Bowie oder Grace Jones virtuos mit Geschlechtsidentitäten. Ab 1976 folgte die rebellische Jugend dann der Logik des Wettrüstens. Es gab sauren Regen und den Atomtod, die Medien verkündeten, es sei fünf vor zwölf. Die Latte lag also hoch, wenn es darum ging, eine puritanische Elterngeneration zu schockieren, galt es in diesem Zweifrontenkrieg doch gleichzeitig, sich von den Vorgängern, den Hippies und den 68ern, abzugrenzen.



Geheimwaffe Sex



Die damals im Entstehen begriffene Subkultur gab sich primitiv und verschrieb sich künstlerisch der Reduktion. Jedoch entwickelte sie dabei ein komplexes System von Codes, die von aussen kaum lesbar waren, da sie vornehmlich über Negation funktionierten. Zusätzlich stifteten die Selbstinszenierungen der Protagonistinnen und Protagonisten Verwirrung. Diese modernistische Bewegung postulierte, am Rande der Gesellschaft zu leben sei cool. Man definierte sich weder über Herkunft noch über Ausbildung oder Arbeit, und keinem wäre es eingefallen, sein Geschlecht als natürlich und deshalb unhinterfragbar anzusehen. Die Hipster der Stunde waren androgyn, promisk, bisexuell, unglaublich kreativ und spielten selbstverständlich in einer Band.

In London, Berlin und New York, Hauptstädte von Punk und New Wave, bildete sich eine Bohème, die sich fröhlich mit anderen Nachtaktiven mischte. Geschlechtsverkehr

setzte keinerlei Form von Beziehung voraus und zog auch keine nach sich. Im Gegensatz zur Promiskuität der vorigen Generation, die letztlich auf Kosten der Frauen ging, war diejenige der Punk-Bohème nicht an eine Ideologie gebunden. Sex war lediglich eine weitere Ausdrucksform, gut ficken war irgendwie dasselbe wie toll singen. In New York kreuzten sich Punk und New Wave ausserdem mit den Hip-Hop-Pionieren aus der afroamerikanischen Community und den Entertainern aus der Latinogemeinde. Schwarze mit Weissen, das verlieh dem freien Umgang mit Sexualität zusätzlich Sprengstoff.

1978 kam Madonna in New York an. Sie war aus Ann Arbor angereist, wo sie bei Christopher Flynn akademischen Tanz studiert hatte. Ihr Lehrer hielt sie tagsüber zu härtestem Training an, nachts aber führte er sie in die lokale homosexuelle Clubszene ein. Dort konnte sich die junge Frau hemmungslos produzieren, ohne belästigt zu werden, und sie entdeckte den sextriefenden Funk, der damals noch nicht allgemein zugänglich war. Via Schwulenszene fand Madonna schnell Anschluss an die Bohème in New York, spielte bald in einer Band und schlug sich als Tänzerin und Fastfood-Verkäuferin durch.

Im Dunstkreis von Punk und New Wave entwickelte sich damals auch eine neue Art von Feminismus, der Madonna stark beeinflussen und später den Namen «Pro Sex Feminism» erhalten sollte. Diese neue, unorganisierte Frauenbewegung ging zwar in den zentralen Punkten einig mit den Anliegen ihrer Vorgängerinnen (verächtlich auch «Latzhosen-Feministinnen» genannt). Jedoch weigerten sich die Jüngeren, Frauen als ewige Opfer der Männer zu begreifen. Zu hitzigen Diskussionen führte etwa die Haltung der Pro-Sex-Feministinnen gegenüber sexueller Gewalt. Während die alte Garde beklagte, dass Vergewaltigungsopfer lebenslänglich solche bleiben müssten und somit für immer abgeschnitten von einer befriedigenden Sexualität seien, liess zum Beispiel Madonna schon in frühen Interviews verlauten: «Ich wurde vergewaltigt. Es hat mich stark gemacht.» Die Kampfansage der Pro-Sex-Feministinnen galt insbesondere der Dichotomie Hure/Heilige, und als Waffe diente die ostentativ herausgekehrte weibliche Sexualität. Aus allem, was sie im Underground sah, setzte Madonna nach und nach ihre Bühnenfigur Madonna zusammen.

Die Kleidung der Punkerinnen und New Waverinnen orientierte sich stark am klassischen Nuttenoutfit: Netzstrümpfe, Minis, Korsagen und Accessoires aus dem Fetischbereich. Diese Maskerade diente der Selbstermächtigung. Wenn sie schon nur aufgrund ihres biologischen Geschlechts als Huren gesehen werden, kaum parierten sie nicht oder spielten nicht die Heiligen, dann, propagierten sie, bitte sehr, sind wir eben Huren.

Die Pro-Sex-Feministinnen kamen vornehmlich aus den Reihen der Bohème. So gründeten beispielsweise einige bildende Künstlerinnen zusammen mit «richtigen» Prostituierten pony (Prostitutes of New York, ein Selbsthilfeverein, der sich noch heute für die Rechte der Sexarbeiterinnen einsetzt). Die Sängerin und Dichterin Lydia Lunch fungierte als Hauptdarstellerin in brutalen und deswegen fast unmöglich zu konsumierenden Pornofilmen, frei nach dem Motto: Die Möglichkeit der Masturbation macht Pornografie aus. Andernfalls ist es Kunst. Unter Musikerinnen galt es als schick, für das tägliche Brot im Sexgeschäft zu arbeiten. Die mutigeren agierten als Dominas, mindestens aber wurde irgendwo barbusig serviert oder nackt getanzt. Für viele sollten diese Selbstversuche zum Bumerang werden, für andere, darunter Madonna, ging die Rechnung auf. Sie zog es nämlich vor, ihren Job bei Burger King (1.50 Dollar pro Stunde) hinzuschmeissen und als Aktmodell für Kunstschulen und für «künstlerische» Fotografen (25 Dollar die Stunde) zu posieren.

Selbstverständlich tauchten diese Bilder wie von Zauberhand wieder auf, als Madonna zum Superstar wurde. «Playboy» und «Penthouse» brachten gleichzeitig Nacktbilder, und die amerikanische Öffentlichkeit überliess sich dem wohligen Schauer der moralischen Entrüstung. Dabei stiess man sich weniger an der Tatsache, dass Madonna nackt war, als an der, dass sie ihr Achselhaar nicht rasiert hatte, und vor allem natürlich daran, dass sie keinerlei Reue zeigte. «Um Erfolg zu haben, muss ich ein Sexsymbol sein. Wie könnte ich darum herumkommen? Wenn die Leute den Humor, der in meiner Person und in meiner Show liegt, nicht verstehen, dann nur, weil sie es nicht wollen.» Damit traf sie ins Schwarze, denn das Triebhafte unterm Deckel zu halten war und ist bekanntermassen ein Hauptinstrument zur Aufrechterhaltung der bürgerlichen Ordnung.

Madonna dekonstruierte ihr Geschlecht also, indem sie es feierte. Hinter den Kulissen profilierte sie sich als knallharte Geschäftsfrau und trat einen Siegeszug an, der sogar die kommerziellen Erfolge der Beatles in den Schatten stellen sollte. Dabei vollbrachte sie das Kunststück, den Respekt des Undergrounds nicht zu verlieren. Das lag unter anderem daran, dass sie sich vehement gegen Rassendiskriminierung, Homophobie und die Stigmatisierung von HIV-Positiven einsetzte. Die Immunschwäche galt damals noch in weiten Kreisen als «Strafe Gottes», und es grassierte eine hysterische Angst vor Ansteckung. Für ihr Engagement erhielt Madonna 1991 als erste den «Award For Courage» der American Foundation For Aids Research.

Künstlerisches Paradestück aus dieser Zeit ist Madonnas Video zu «Like A Prayer», das nicht nur seines antirassistischen, religiösen und natürlich sexuellen Inhalts wegen für Aufregung sorgte, sondern die Poptheoretiker bis heute entzückt, weil es in beispielhafter Art illustriert, was diese unter «inauthentischer Authentizität» verstehen. Dasselbe gilt auch für das Video zu «Justify My Love» (1991), das Madonna und ihren Geliebten Tony Ward zeigt, die Madonna und ihren Geliebten spielen, wobei er ihr beim Sex mit jemand anderem zusieht. Der Marktleader mtv und andere TV-Sender weigerten sich, den Clip zu spielen – Madonna vermarktete ihn selber und setzt 800 000 Kopien davon ab.

Indirekt gab «Justify My Love» den Startschuss zu Madonnas totaler Unabhängigkeit. Sie gründete ihre eigene Produktionsfirma «Maverick» (englisch «Aussenseiter», im Amerikanischen auch «Vieh ohne Brandzeichen»). Die Firma sollte nach dem Vorbild von Andy Warhols Factory funktionieren und auch Projekte von und mit anderen Künstlern aus verschiedenen Bereichen produzieren. Madonna war auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs, nichts schien ihr etwas anhaben zu können. 1992 veröffentlichte «Maverick» als erstes das Madonna-Album «Erotica», auf dem jedes Lied einer sexuellen Spielart gewidmet ist. Als besondere Promotionsaktion erschien der erotische Fotoband Sex mit Madonna als Hauptdarstellerin, abgelichtet vom Starfotografen Steven Meisel. Als real existierende Madonna begrüsst sie darin das Publikum mit der Absicherung, dass das Kommende ausschliesslich ihrer Fantasie entspringe und dass sie im richtigen Leben Safe Sex betreiben würde. Als nächstes lernt man Dita Parlo (parlo, italienisch «ich spreche») kennen, ein Alter ego Madonnas. Dita trägt Ledergeschirr und eine Maske. Eine Hand im Schritt, ein Finger der anderen im Mund reimt sie: «I’ll hit you like a truck. I’ll teach you how to fuck.» Sie führt durch die Welt von Fetisch-Clubs, wobei sie interessanterweise immer dominant ist, wenn sie sich mit Männern vergnügt. Als devot tritt sie lediglich mit zwei Lesben auf.

Im zweiten Teil des Buches geht Dita nackt trampen und treibt es mit diesen und jenen: Alten, Jugendlichen, Farbigen, ein paar Berühmtheiten, auch mit einem Hündchen. Daneben schreibt sie schlüpfrige Briefe an ihren Liebhaber, erzählt erotische Geschichten oder Begebenheiten aus ihrem wahren Leben. Wer spricht? Dita? Madonna? Oder Madonna? Wie auch immer: Hier stellte eine Frau ihre Freude an Sex zur Schau, auch an solchem, der von Gefühlen abgekoppelt ist. Das sollte einen Skandal auslösen, dessen Ausmass Madonna fast das Genick gebrochen hätte.

In Buchläden kam es zu Tumulten und in weniger als einer Woche war die limitierte Auflage von anderthalb Millionen Exemplaren weltweit ausverkauft (was damals für fünfzig Dollar zu haben war, erzielt heute in Originalverpackung mit cd Preise bis sechshundert Dollar). Madonna beteuerte zwar, die Entwicklung von Sex und das Buch als ganzes sei ein «Act of Love». Aber ein solch umfassendes, genuines Verständnis von Liebe stiess auf Ablehnung. In Japan und Indien wurde Sex verboten, in den usa entspann sich landesweit eine erbitterte Debatte. Madonna erhielt säckeweise hasserfüllte Post und sogar Morddrohungen, und ihre nächste Single erreichte zum ersten Mal nicht einmal mehr die Top Twenty der Billboardcharts.

«Ich teile meine Karriere in die Zeit vor und die Zeit nach Sex ein. Bis dahin war ich einfach ein kreativer Mensch, arbeitete vor mich hin und tat Dinge, die mich inspirierten und von denen ich dachte, dass sie auch andere Leute inspirieren würden. Danach sah ich das Leben mit anderen Augen. Ich war auf allen Ebenen an Sex beteiligt, und das akzeptierten die Leute nicht. Das gehört aber alles zu einer starken Frau, die die Zügel in der Hand hält: Davor haben die Menschen Angst.»

Ihrer Tochter Lourdes will Madonna den Fotoband Sex später einmal zeigen. Sie werde ihr erklären, dass es sich dabei um ein Kunstwerk handle. Damit hat sie vermutlich schlicht recht.



Tatsächlich eine Zeitlang still um sie.



1994 konnten die Verkaufszahlen des Balladenalbums «Bedtime Stories» an Madonnas frühere Erfolge anknüpfen, es wurde jedoch stiller um sie. Sie wurde (ledige) Mutter und wandte sich fernöstlichen Religionen und dem Yoga zu. Was auf den ersten Blick als Umkehr erscheinen mag, ist bei genauerer Betrachtung Ausdruck desselben Mangels, der schon die junge Madonna umtrieb: die scheinbare Unvereinbarkeit des Physischen mit dem Spirituellen. Sexualenergie gilt in diesen Lehren nämlich als die Lebenskraft schlechthin. Die Sehnsucht nach Ganzheit und dem Aufgehobensein im Universum bewegte sie auch zum Studium der Kabbala, die sich mit solchen Themen auseinandersetzt. Das alles floss in Madonnas Album «Ray Of Light» ein; die Neununddreissigjährige wurde damit 1996 erneut zur Trendsetterin.

Madonna heiratete, gebar ein zweites Kind, zelebrierte ihre Familie und schrieb sogar Kinderbücher. Doch gerade, als der Underground sie abzuschreiben begann, wusste sie sich wieder Respekt zu verschaffen mit dem Album «American Life», auf dem sie unverblümt gegen den Irak-Krieg Stellung nahm und dafür von vielen amerikanischen Radiostationen boykottiert wurde.

Mit ihrem aktuellen Album «Confessions On A Dancefloor» (2006) kehrt sie wieder zu einem erotischen Image zurück. Diesmal besteht die Provokation darin, dass sie dies als fast Fünfzigjährige tut. Madonna ist in die Disco zurückgekehrt und erinnert mit Samples aus den siebziger Jahren an eine Zeit, in der Sexualität das Feld für religiöse Erfahrungen sein konnte, weil sie die Überschreitung eines Verbotes implizierte. Traumhaft muss das jüngeren Menschen erscheinen, die in einer übersexualisierten Umwelt aufgewachsen sind. Natürlich sind Popstars wie Madonna an letzterem nicht ganz unschuldig, aber das ist nur einer der Widersprüche, mit denen diese Generation von Rebellen zu leben hat.





Die Tellerwäscherin

Madonna träumte wie Millionen von Mädchen schon immer davon, ein Star zu werden. Sie wurde es, weil sie davon überzeugt war, dass man dies in Amerika aus eigener Willenskraft und mit der Bereitschaft, sich brutal zu schinden, eben werden kann.



Von Ursula März



Sie war eine der schönsten Frauen, die je auf amerikanischem Boden zur Welt kamen. Sie war ein bisschen mehr als nur schön. Sie besass jenes spezielle Etwas, das Menschen befähigt, ein Star zu werden. Im Alter von zwanzig Jahren wurde sie in New York buchstäblich auf der Strasse entdeckt, einem Gerücht zufolge von keinem Geringeren als dem grossen Zeitschriftenverleger Condé Nast. Er riss sie auf der Fifth Avenue im letzten Moment vom Kotflügel eines Autos weg, sah sich die verträumte unbekannte junge Dame genauer an und war sofort überzeugt. Ein paar Monate später erschien ihr grossflächiges, elegisches Gesicht mit den klassisch geformten Lippen, den grossen Augen und der geraden Nase zum ersten Mal auf dem Cover von «Vogue», und die Karriere von Lee Miller, geboren 1907 im Staat New York, bewegte sich rasant nach oben.

Ihr Leben, ihre Tätigkeiten, ihre Interessen haben mit denen einer fünf Jahrzehnte später in der Nähe von Detroit geborenen, ebenfalls spektakulär attraktiven Italoamerikanerin namens Madonna Louise Veronica Ciccone nichts zu tun; fast nichts. Denn eine Gemeinsamkeit gibt es doch. Die Laufbahn der beiden Frauen, die der Neuen Welt entstammen und von ihr geprägt wurden, folgt dem Modell des Selfmaking, dem Herzstück amerikanischer Erfolgs- und Aufstiegsideologie. Der männliche Prototyp dieser Ideologie ist bekanntlich der Tellerwäscher, der zum Millionär wird, weil er ehrgeizig, fleissig, zielstrebig und geschickt ist. Der Selfmademan ist nicht festgelegt, das ist sein Erfolgsrezept. Er entwirft sich nach den Etappen seiner Aufstiegsgeschichte und ihren Erfordernissen. Aus einem Gangster kann ein Gentleman werden und umgekehrt. Aus einem Mittelschichtskind, das einer trüben Vorstadt im US-Staat Michigan und einer Familie mit sechs Kindern entstammt, wird der grösste weibliche Popstar aller Zeiten: Madonna. So einfach ist das, war es zumindest in den Prosperitätsphasen der amerikanischen Geschichte.

Was Energie, unerbittliche persönliche Power betrifft, ist die Selfmadewoman dem Selfmademan ebenbürtig. Sie wartet nicht, bis die Welt ihr Chancen bietet. Sie schafft sich ihre Chancen selbst und attackiert die Welt mit ihren Wünschen und Zielen. Madonna wurde ein Weltstar, weil sie (wie Millionen anderer Mädchen auch) von ihrer frühen Jugend an davon träumte, ein Weltstar zu werden, und es für sie zwischen diesem Traum und seiner Realisierbarkeit keine Kluft gab. Sie wurde ein Weltstar, weil sie davon überzeugt war, dass man dies in Amerika aus eigener Willenskraft und mit der Bereitschaft, sich brutal zu schinden, eben werden kann. Weil sie die durch und durch pragmatische Philosophie des American Dream als individuelles Lebensprinzip auf sich anwandte und es mit dem aktuellen Gedankengut weiblicher Emanzipation verschränkte.

Vergleicht man die Phänomenologie des männlichen mit dem des weiblichen Selfmaking, zeigt sich allerdings ein entscheidender Unterschied. Der Rollenwechsel des Selfmademan, der nicht mehr Teller wäscht, sondern Teller waschen lässt, ist eine Technik der Anpassung. Der beständige, ihr Publikum seit fast drei Jahrzehnten bannende Rollenwechsel einer Selfmadewoman wie Madonna ist mehr als das. Er ist der Schlüssel ihres künstlerischen Erfolges. Das Programm des amerikanischen Selfmaking ist im zugespitzten Fall von Madonna wörtlich zu verstehen. Sie hat nicht nur kraft eines Superegos ihre Erfolgsgeschichte entworfen. Sie entwirft von Hit zu Hit, von Tournee zu Tournee einen neuen Look und eine neue Identität.

Vom «Material Girl» über die Marilyn-Monroe-Imitation bis zur englischen Oberschichtsdame und zur Kabbala-Gläubigen ist es ein ziemlich weiter, aber im Sinn der vagantischen Identität der Selfmadewoman ein ziemlich logischer Weg. Ausser ihrer Power benötigt die Selfmadewoman dreierlei: einen fantasievollen Friseur, einen Kleiderschrank von der Grösse eines Einfamilienhauses und ein Ich von äusserster Flexibilität. Madonna besitzt es. Ihre Generationsgenossin Hillary Clinton besitzt es. Und auch Lee Miller besass es.

Nach ein paar Jahren hatte letztere die Mode- und Schönheitsbranche in New York satt. Sie ging nach Rom, studierte ein bisschen Kunstgeschichte. Als sie hörte, dass der massgebliche Fotokünstler ihrer Zeit der in Paris lebende Man Ray sei, beschloss sie, ohne ihn zu kennen, seine Assistentin zu werden. Sie stöberte ihn in seinem Stammcafé am Montparnasse auf und stellte sich ihm mit den Worten vor: «Ich bin Lee Miller, ich arbeite jetzt bei Ihnen im Atelier.» Für mehrere Jahre war sie Man Rays Lehrling, Modell, Muse und Geliebte, bis sie diese Epoche ihrer Biografie für beendet hielt und in der nächsten ein gänzlich anderes Dasein in der Rolle einer verwöhnten, von Langeweile angekränkelten Gattin eines ägyptischen Milliardärs in Kairo führte. Der Variantenreichtum ihrer Persönlichkeit war damit noch lange nicht erschöpft. Noch vor der Kairo-Ehe hatte sie in der Fotografie die Seiten gewechselt, arbeitete nicht mehr vor, sondern hinter der Kamera. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie amerikanische Kriegsreporterin. Die Bilder, die sie in Uniform zeigen, ausgezehrt, erschöpft, mit verschlammten Stiefeln hinter der Front, haben mit den Bildern des Cover-Girls der «Vogue» und den verfremdeten Bildern, die Man Ray von ihrem Gesicht und ihrem Körper aufnahm, so wenig zu tun, als handele es sich um zwei vollkommen verschiedene Geschöpfe. Im Jahr 1945 dokumentierte Lee Miller die Befreiung des KZ Dachau, bis heute berühmt ist sie dank der Selbstporträts, die sie von sich, in Hitlers Münchner Badewanne sitzend, aufnahm. Als Reporterin hatte sie zu schreiben begonnen, und es hätte nahegelegen, den Weg einer in Europa wie in Amerika gefragten Korrespondentin fortzusetzen.

Es hätte – so darf man vermuten – vermutlich für einen Mann nahegelegen. Lee Miller machte eine 180-Grad-Wendung. Sie legte die Fotokamera aus der Hand, vergass und vernachlässigte ihr gesamtes fotografisches Werk, bis ihr Sohn es lange nach ihrem Tod durch Zufall entdeckte. Sie begann, noch einmal, ein völlig neues Leben mit einer überraschenden Leidenschaft: dem Kochen. Sie lebte mit ihrem englischen Ehemann auf einem englischen Landsitz und widmete ihre gesamte Kreativität dem Erfinden und Testen von Koch- und Backrezepten. Sie nahm, nun schon weit hinter der Lebensmitte, an Kochwettbewerben teil. Das verblüffendste der vielen Bilder, die es von Lee Miller gibt, ist jenes, das sie in einem Kittel neben einem grossen Kühlschrank zeigt, den sie als Gewinnerin eines Kochwettbewerbes bekommen hatte. Das Verblüffendste an ihrer Biografie ist deren karnevaleskes Element.

Wer ein Fotoalbum mit hundert Bildern von Madonna durchblättert, sieht hundert verschiedene Frauen, Hundert verschiedene optische Entwürfe. Die mediterrane Wilde mit dunkler Lockenmähne. Das Disco-Girl mit bauchfreiem Oberteil. Die mit Metallschmuck überfüllte Punklady. Die urbane Glamouröse mit Riesensonnenbrille und Netzhandschuhen. Die Fromme mit weizenblonden braven Locken und leicht aufwärts gerichtetem Blick. Die Obszöne, die mit geöffnetem Mund ihr Hinterteil einem schwarzen muskulösen Sänger entgegenstreckt. Die Strassengöre mit kleinem Käppi auf dem Hinterkopf und Kaugummiblase. Die platinblonde Femme fatale, die sich in weisser Seidenbettwäsche kalt und verführerisch räkelt. Die muskulöse Fitness-Workerin im modischen Sportdress. Die Androgyne im Nadelstreifenanzug mit Cigarillo. Den Clown mit Popbrille und Kunstweintrauben auf dem runden Hütchen.

Madonna hat das weibliche Selfmaking der Identität zum Karneval und diesen zur Kunst erhoben. Zwei Dinge kamen ihr dabei entgegen: die Erfindung des Video-Clips in den achtziger Jahren und der Zeitgeist der achtziger Jahre selbst, das Jahrzehnt ihrer ersten und entscheidenden Erfolge. Elvis Presley hat den Optimismus der fünfziger Jahre ausgedrückt, die Beatles die Zweifel der sechziger. Die Sex Pistols überrannten die trübe Beschaulichkeit der siebziger und feierten die Revolution des Punks. Madonna dagegen verkörpert das Bild der achtziger Jahre, der Jahre des individuellen Erfolgs, der ungebremsten persönlichen Kraft.

Madonna besass ein Maximum an Energie und wollte maximalen Erfolg. Dies aber sind Signale, die nach wie vor eher Männlichkeit, männliches Verhalten, männliche Eigenschaften assoziieren. Daraus ergab sich für Madonna ein Rollenproblem. Sie löste es mit der gleichen Strategie, mit der es jene zeitgenössische Amerikanerin löste, deren Macht- und Erfolgsstreben dem Madonnas ebenbürtig sein dürfte, Hillary Rodham Clinton. Auch sie ist: eine personifizierte amerikanische Selfmadewoman. Auch sie interpretierte das biografische Modell vagantischer Weiblichkeit, das Frauen wie Lee Miller in ihrer sprunghaften Kreativität vorlebten; als Popversion, die bei der ehemaligen First Lady der Vereinigten Staaten selbstredend um einiges seriöser aussieht als bei Madonna. Pop ist es dennoch. Politisierter Pop sozusagen.

Momentan befindet sich Hillary Rodham Clinton im Wahlkampf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur. Wenn sie gewinnt, hat sie gute Chancen, die mächtigste Frau der Welt, die erste weibliche Präsidentin Amerikas zu werden. Auf dem Weg nach ganz oben hat sie nicht nur ebenso oft wie Madonna ihre Frisur, ihren Stil, ihr Image verändert, sie hat je nach Position ihre Rollen und ihr Rollenverhalten angepasst. Was sich indes nie – auch darin gleicht sie Madonna – geändert hat, ist ihre eiserne Disziplin und ihre kompensationsfähige Härte. Sie wollte von Kindheit an «mit den Jungs mitspielen» und sie verfolgte dieses Ziel, indem sie die Flexibilität ihrer weiblichen Erscheinung perfektionierte. Hillary Clinton war in jeder Phase ihrer Laufbahn zu hundert Prozent die Frau, die diese Phase ihr abverlangte. Sie war eine der erfolgreichsten Rechtsanwältinnen Amerikas, sie war Gouverneursgattin mit bravem Haarreif und provinziellen Kostümen, sie stand als Wahlkämpferin im Schatten ihres Mannes. Sie war politisch aktive First Lady und zog sich in Clintons zweiter Amtszeit seinem Prestige zuliebe aus der Politik zurück. Sie ist der Welt als betrogene und weise verzeihende Ehefrau bekannt, als einschüchternde Generalin und als Autorin sentimentaler Tierbücher. Als Hausfrau mit Schürze, die im Weissen Haus Weihnachtsgebäck in den Backofen schiebt, und als kühle Analytikerin mit messerscharfem Verstand. Und wie bei Madonna haftet dieser multiplen Weiblichkeit etwas durchgehend Strategisches, etwas seltsam soldatisch Unpersönliches an. Hillary Rodham Clinton nennt sich selbst: «Herrin meiner Gefühle».

Im Jahr 2000 ging sie nach New York. Sie wurde mit einer Stimmenmehrheit von 55 Prozent zur Senatorin des Bundesstaates New York gewählt, im Jahr 2008 möchte sie mit einem mindestens so guten Wahlergebnis Präsidentin der Vereinigten Staaten werden. Aber sie hat ein Handicap: Ihre Beliebtheit ist mässig. Es ist weniger ein Mangel an natürlichem Charme, den ihre Landsleute ihr verübeln, denn ein Mangel an Natürlichkeit.

Sie gilt als perfekte Anpassungsmaschine, als «Frau ohne Eigenschaften». Dies ist die fatale Kehrseite des Konzepts der Selfmadewoman: Indem sie ihrer Identität beständig neue optische Entwürfe abverlangt, entleert sie ihre Persönlichkeit. Erfolgsstrateginnen wie Rodham Clinton und Madonna verlieren in dem Masse an einzigartigem, eigensinnigem Charakter, wie sich ihr Erfolg strategischer Weiblichkeitsmaskierung verdankt. Sie haben sich an ein Konzept gefesselt, das ihnen nicht erlaubt, sich festzulegen. Was auch heisst: sie selbst zu sein.

Seit drei Jahrzehnten mobilisiert Madonna mit ihrer Aufmachung weltweites Interesse. Welcher weibliche Star konnte das – ausser der Prinzessin von Wales – je von sich sagen? Der Popkarneval von Madonnas äusserlichem Selfmaking ist das Geheimnis – vielleicht aber auch das Verhängnis – des langlebigen Erfolges einer Frau, die fast fünfzig Jahre alt ist. Madonnas Stimme wird nicht besser werden, als sie je war. Ihre erotische Ausstrahlungskraft hat den Zenit überschritten, die physische Kraft ihrer Performance ebenso. Aber mit ihren Outfits kann sie noch einige Zeit für Spannung und Überraschung sorgen. Denn die Interpretationsfähigkeit ihrer jeweiligen Erscheinung ist ein unerschöpfliches Potenzial. Bei ihren Welttourneen zog sich Madonna bis zu zehnmal um pro Konzert. Der Glamour, den sie dabei an den Tag legt, ist nur scheinbar exzentrisch und spielerisch. Er ist auch nicht bohèmehaft. Er ist eine Art plebejischer Glamour, dem man ansieht und ansehen soll, dass er hart erarbeitet wurde. Glamour aus den Trainingseinheiten von Power Yoga, Jogging, Fitness-Studio und aus dem demokratischen Geist der Selbstmodellierung. Madonnas Botschaft lautet nicht: Ich bin die Queen. Sondern: Ich habe mich zur Queen hochgearbeitet. Ich hab’s geschafft. Startum ist machbar. Es ist die Botschaft einer Nation, in der es nie Blutadel und Monarchie, nie das monarchische Prinzip statischer Repräsentanz gab, sondern das Prinzip dynamischer offener Biografien.

Der moderne weibliche Megastar ist so gesehen ein Paradox: eine antiroyalistische Königin. Die Queen of Pop ist die Königin der Inszenierung multipler Weiblichkeit. Sie wechselte, bei aller Macht, aller Dominanz und allem Reichtum, nie in die Rollenfächer der Männlichkeit. Sie eroberte sich den Status männlicher Souveränität, indem sie Weiblichkeit als Rollenensemble auslegte. Madonnas Vorschlag an den Feminismus lautet: Lasst euch nicht definieren! Eine endgültig definierte Frau stösst schnell an die Grenzen ihrer Macht. Eine Tellerwäscherin wird nur dann zur Millionärin, wenn sie auf dem Weg dorthin jederzeit unberechenbar bleibt. In dieser Botschaft aber liegen unerhörte Freiheit und massive Unfreiheit direkt nebeneinander. Der Ruhm, den Madonna sich auf dem Laufsteg ihrer Kostüme erobert hat, erlaubt ihr nicht, diesen Laufsteg zu verlassen. Ihre Künstlerschaft ist gebunden an ein öffentliches Leben als Model. Und wie kann sie als Künstlerin überleben, wenn ihre natürliche Modelzeit ausläuft und die Rollenentwürfe des Selfmaking sich verdünnen?





Ihr Atem beschlägt den Spiegel nicht

Es fehlt ihr weder an Talent noch an Fleiss. Auch Botschaften sind im Überfluss vorhanden. Trotzdem gäbe ich für jeden besoffenen Rülpser von Janis Joplin das Gesamtwerk von Madonna.



Von Manfred Papst



Vielleicht bin ich einfach zu dumm. Aber Mühe gegeben habe ich mir. Seit Jahren schon und gerade in den letzten Wochen wieder. Wie oft habe ich versucht, mir eine Melodie von Madonna zu merken oder zwei ihrer Songs einzig aufgrund der Musik voneinander zu unterscheiden! Es ist mir nicht gelungen. Und ich bin nicht etwa stolz auf meine Ignoranz. Im Gegenteil. Ich wäre gerne ein Madonna-Fan wie alle anderen. Die Rolle des Sauertopfs behagt mir nicht, und ohnehin kann man gegen jemanden, der mit 625 Millionen verkauften Tonträgern sowie einem Vermögen von 1,3 Milliarden US-Dollar als erfolgreichste Sängerin aller Zeiten dasteht, nicht anschreiben, ohne in den Verdacht zu geraten, man sei einfach ein Neidhammel. Wie gern würde ich mich deshalb ganz locker in die zeitlose intellektuelle Party-Runde über Madonna einklinken, in der selbst Leute wie Jean Baudrillard nicht fehlen, und gepflegt über Themen wie die Latenz der Identität als Maske im postmodernen Diskurs parlieren. Aber es gelingt mir einfach nicht. Ich hebe zu einem Satz an – doch sobald irgendwo Musik von Madonna läuft, zerbröselt augenblicklich mein Bewusstsein. Man sieht mir nichts an, aber ich bestehe nur noch aus Sekundenschlaf-Perioden.

Das ist natürlich kein Zustand. Einen letzten ernsthaften Versuch hat die Dame verdient, sagte ich mir deshalb. Schliesslich hat sie auch mein Bild von der Popwelt geprägt, als Vamp mit Kruzifix und bauchfreiem Top, in Strapsen und mit Cowboyhut, als Army-Girl und nackt ans Bett gefesselt, in goldenem Korsett und kegelförmigem BH, auf dem elektrischen Stuhl und mit Dornenkrone am Kreuz, in Stiefeln und im Schottenrock, kurzum: als Heilige und Hure, als Material Girl und synkretistische Esoterikerin in einem – und damit als Ikone der Popkultur. Nur den Soundtrack zu dem hedonistischen Bildgewitter hatte ich mir nie merken können. Das sollte nun endlich anders werden.

Mein CD-Händler, seines Zeichens Gebieter über einen Laden, der Nick Hornbys «High Fidelity» alle Ehre machen würde, sah mich ziemlich verwundert an, als ich bei ihm statt nach raren Aufnahmen von Rahsaan Roland Kirk nach einer repräsentativen Auswahl von Madonna-cds fragte. Mit vielsagendem Blick stellte er einen ansehnlichen Stapel von Silberscheiben vor mich hin. Daheim ergänzte ich die Einkäufe um eine Reihe bereits vorhandener Madonna-CDs, die mir mit den Jahren zugelaufen waren, und legte den ersten Tonträger ein.

So begann meine Zeit der Einsamkeit. Gewissenhaft hörte ich mich nochmals durch alle einschlägigen Madonna-Alben – von «Like A Virgin» und «True Blue» über «Like A Prayer», «Erotica», «Bedtime Stories», «Ray of Light» und «Music» bis zu «American Life» und «Confessions On A Dance Floor». Dabei machte ich eine Entdeckung: Madonna hat keine Stimme. Nicht keine tolle, keine grosse, keine berückende, sondern gar keine. Zwar sind auch die meisten Songs nichts für die Ewigkeit, sondern Dutzendware: eingängiges Zeug zwischen Pop, Disco und House, versetzt mit ein bisschen Funk und ein paar Hip-Hop-Beats. Raffiniert ist allerdings oftmals die Ausstattung: In dieser Beziehung ist das von William Orbit produzierte Album «Ray Of Light» mit seinen Ambient-Klängen über sumpfigem Trip-Hop sicher Madonnas beste Arbeit. Aber auch hier ist die Stimme eine Leerstelle – und dies, obwohl die Künstlerin in ihren Texten durchaus authentisch wirkt.

Es fehlt weder an Talent noch an Fleiss. Auch Botschaften sind im Überfluss vorhanden. Es ist etwas ganz Konkretes, Physisches, das ich vermisse. Da ist kein Atem. Kein Hauch. Kein Leben.

Nun würde niemand Madonna als Stimmwunder bezeichnen. Jeder weiss, dass sie eine dünne, schwache und farblose, wenn auch halbwegs ausgebildete Stimme hat (abgebrochene Gesangsausbildung an der University of Michigan, später noch da und dort ein Kurs), und es ist auch bekannt, dass sie in den ersten Jahren ihres Erfolgs Live-Auftritte ohne Playback kaum bewältigte – so weit weg war ihre reale Stimme von den mit elaborierter Technik gestützten und verfremdeten Studioaufnahmen.

Aber das ist nicht der Punkt. Es gibt im Pop und sogar im Jazz zahlreiche namhafte Sängerinnen und Sänger mit schmalem Ausdrucksspektrum, kleiner Reichweite und bescheidenem Volumen. An Madonna irritiert, dass ihre Stimme überhaupt keine Persönlichkeit hat, kein individuelles Timbre, keine eigene Klangfarbe – nichts, was sie von anderen Stimmen unterschiede. Mit einer paradoxen Formulierung könnte man sagen: Wenn man eine Stimme hört, die einen an gar nichts erinnert und klingt, als käme sie aus dem Computer, dann gehört sie wahrscheinlich Madonna.

Bemerkenswert ist das deshalb, weil Madonna als Mensch und Künstlerin alles andere als farblos ist. Man kann darüber streiten, ob sie eine Verwandlungs- oder nur eine Anpassungskünstlerin ist, eine Rebellin oder nur eine clevere Opportunistin, ob sie Genie hat oder nur einen eisernen Willen. Unstrittig ist dagegen, dass sie in der Kunst der Selbstinszenierung Massstäbe gesetzt hat und daher eine Galionsfigur der Postmoderne ist. Doch nichts davon schlägt sich auf der Tonspur nieder. Das unterscheidet sie von Popkünstlern wie David Bowie oder Freddie Mercury. Dort verwandelt sich die Musik mit der Maskerade. Bei der erfolgreichsten Sängerin der Welt dagegen kommt seit fünfundzwanzig Jahren die gleiche Musik von der Stange, und die Stimme ist eine quantité négligeable.

Am deutlichsten merkt man das, wenn man Madonna mit einer Sängerin wie Janis Joplin vergleicht. Bei dieser verlorenen Seele findet jede Regung ihren unmittelbaren stimmlichen Ausdruck. Liebe und Zorn, unbändiger Humor und bodenlose Verlassenheit, derbe Kraft und unaussprechliche Zärtlichkeit – alles erscheint ganz unverstellt in ihren Songs, ja sogar in der Modulation jedes eigenen Tones. Man spürt den Atem dieser Sängerin. Er ist durchaus nicht immer angenehm. Er riecht nach Whisky und Zigaretten, manchmal auch nach Erbrochenem.

Madonna riecht noch nicht einmal nach Zahnpasta. Wenn sie in einen Spiegel haucht, beschlägt er nicht. Daran hat sie lange gearbeitet. Im Dienste einer perfekten Oberflächlichkeit hat sie alles, was einer Stimme Individualität verleihen könnte, erfolgreich unterdrückt. Madonnas Stimme ist absolut keimfrei. Sie hat keinen Schmelz, keinen Glanz, keinen Schimmer, enthält aber auch kein Körnchen Sand. Allenfalls mag sie im Lauf der Zeit ein bisschen nachgedunkelt sein, aber auch das lässt sich nicht entscheiden, weil die frühen Aufnahmen ja manipuliert sind.

Ratlos sortiere ich meinen Stapel von Madonna-CDs hin und her und suche nach Songs, die meine These widerlegen könnten. Ich wäre, wie gesagt, viel lieber auf einer Madonna-Party als hier in meinem Schneckenloch. Aber ich finde nichts. Und allmählich wird mir klar, weshalb mich diese Musik – bei allem Respekt vor den Videoclips – so seltsam unberührt lässt: Die Alten setzten den Atem gleich mit der Seele. Wo das eine fehlt, ist auch das andere nicht zu finden.


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