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Das Alter.
Augen auf und durch

Erscheint am:
Ausgabe Nr:
April 2007

ISBN: ISBN 978-3-03717-033-5

Preis: Sfr. 20.-

Preis: Euro 15.-
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Heft vergriffen



Horizonte
07 – Istrisches Impromptu. Ältere Menschen beschäftigen sich immer damit, einander vor Gericht zu zerren. Von Richard Swartz

10 – London. Banksys Ratten. Von Hanspeter Künzler

10 – Wien. Auf Stehplatz in der Staatsoper. Von Benjamin Herzog

11 – New York. Der Mann, der New York baute. Von Nina Toepfer

12 – Interview. Die Berliner Schriftstellerin Judith Hermann blickt zurück auf den Erfolg. Ein Gespräch mit Bernadette Conrad

15 – Selbstgebrannt. Von Daniele Muscionico

18 – Kabinett der Moderne. Magie der Leerstelle: Andrew Wyeths Gemälde «Christina’s World». Von Peter Henning

20 – «du» vor 50 Jahren, Leserbriefe, Pressestimmen

21 – Autoren, Fotografen, Künstler/Illustratoren

04 – Impressum


du 775 – Das Alter.

Augen auf und durch

24 – Das Recht auf Gebrechlichkeit. Ein Plädoyer für zivilen Ungehorsam gegenüber dem Vitalitätsterror. Von Lothar Müller

26 - Die Schiwoff. Die Frau, die Zürich auf die Welt bringt. Und das seit fünfzig Jahren. Von Tanja Hanhart

30 – Multimorbid glücklich. Das Paradox des Wohlbefindens im hohen Alter. Eine Studie über Kompensation. Von Rudolf Bähler

37 – We are family. Mit dem Alter rechnen. Mein Leben im Mehrgenerationenhaus. Von Henning Scherf

38 – Das grosse Vergessen. Von Nicole Ohnesorg

41 – Blut ist dicker als Wasser. Von den Seychellen bis Dänemark. Ein Tour de l’âge um die Welt. Von Jacqueline Schärli

44 – Für einen neuen Generationenvertrag. Das Erwerbsleben muss früher beginnen und später enden. Von Ursula Lehr

50 – Altersarbeit ohne Zwang. Mit fünfundsechzig frei zu sein ist eine kostbare zivilisatorische Errungenschaft. Von François Höpflinger

55 – Mamas Mama. Von Rujana Jeger

57 – Ungeborgene Schätze. Wie die Gesellschaft vom Erfahrungsaustausch profitieren kann. Von Nicola Steiner

58 – Über den Anstand, nicht ewig zu leben. Von Sibylle Severus

61 – Ferne Destinationen. Ein Reiseführer ins Alter – nicht nur für geborene Weltenbummler. Von Charlotte Peter

62 – Wohnen im Alter. Was Männer mit grossen Autos von Rentnern und anderen Zeitgenossen unterscheidet. Von Judit Solt

66 – Pilze haben keine Blätter. Fünf Fotografien von Regine von Felten

72 – Danke, gut, so weit. Von Camille Schlosser




Das Journal
75 – Ausstellungskalender

76 – Federlese. Von Marlene Streeruwitz

76 – Gäste im Haus

78 – Noch nicht gedrehte Filme. Von Jörg Kalt

79 – Im Radio. Von Gerwig Epkes

80 – Lesen & Hören

81 – Müllers Erbauungen. Von Gottfried Müller

82 – Bücherei. Von Hansjörg Graf

83 – Ein anderes Museum

83 – Das Wort

83 – Im Fernsehen

84 – Das Porträt

85 – Sélections: Ausstellungshinweise für April

86 – Stehbar in der Bahnhofshalle

87 – Jahrestage

88 – Wissenswelt. Von Martin Rasper

90 – Ausblick






Das Editorial
Lassen wir doch die Würde aus dem Spiel. Reden wir von Schönheit. Der Schönheit gelebten, bewältigten, ausgekosteten Lebens wie auf den Fotografien von Angelo A. Lüdin in diesem Heft. Sie zeigen Menschen zwischen siebzig und neunzig. Gemessen an den Vorstellungen von Alter, mit denen die meisten von uns aufgewachsen sind, sehen sie zehn Jahre jünger aus. Wir alle sehen zehn Jahre jünger aus als unsere Grosseltern, als sie 39, 52 oder 67 waren. Wir leben jünger, ernähren uns jünger. Wenn es schlecht kommt, haben wir noch ein blühendes Gesicht und einen rosigen Körper, während unser letztes Fünkchen Verstand schon dahin ist. Im allgemeinen aber können wir mit sechzig nochmals den Neuanfang wagen. Nur: wohin? Nach rückwärts ins Faltenlose?

In einer Pro-Aging-Parabel aus grauer Vorzeit, dem Romanfragment Altershausen von Wilhelm Raabe (1831–1910), wird ein Grossmediziner an seinem siebzigsten Geburtstag von der Leere angefallen. Aus Vivat und Gläserklirren erhebt sich die Sinnfrage, und aus den Nebeln des Vergessens steigt das Kinderland. Weg von den Nachrufen! Back to the roots! Am Ziel – es heisst eben immer, ob man will oder nicht, «Altershausen» – steht der liebste Freund von damals schon am Bahnhof und bietet Dienste als Gepäckträger an. Was für ein Bild! Ein Kindgreis, Greisenkind, mit zwölf auf den Kopf gefallen, in Schülerstreichen und Weinerlichkeit grossäugig stecken geblieben. Was ist bestürzender als ein Gesicht, das die Unschuld übers Verfallsdatum hinaus bewahrt hat, das erbleicht, verhutzelt oder verfettet, ohne Spuren dessen zu tragen, was uns Erfahrung gibt und Kräfte nimmt? Eines vielleicht, das sich aus freien Stücken glattoperieren lässt? Ein Körper, der gegen die Rolltreppe Marathon läuft, weil ihm Altsein als Krankheit gilt?

Gegen diesen Marathon setzt unser Heft seine Bilder und Texte. Es erzählt von Menschen, die lebendig sind, ohne jung sein zu wollen. Es gibt der Gebrechlichkeit den Platz, den sie im Leben beanspruchen darf. Es zeigt, was Alte für die Gesellschaft leisten. Es stellt Ideen zur Bewältigung des demografischen Wandels vor. Es hält allen die Stange, die froh sind, aus dem Mitmach-Alter heraus zu sein.

Altershausen, das «bittere Ding», blieb nach drei Jahren Quälerei unfertig liegen. Den nihilistischen Schluss, einen Alten mit dem Debilen debil sein und auf seine gesammelte Erfahrung pfeifen zu lassen, hat der greise Autor dann doch nicht riskiert. Vor allem hatte er genug von der Schreiberei. Er wollte als «Schriftsteller a. D.» im Kneipenqualm sitzen, Rotwein trinken, unwirsch sein und nichts mehr verstehen. Auch das sollte man, spätestens mit siebzig plus, immer wollen und können dürfen.



Andreas Nentwich (47)






Drei Texte aus dem Inhalt
Das Recht auf Gebrechlichkeit.

Ein Plädoyer für zivilen Ungehorsam gegenüber dem Vitalitätsterror.



Von Lothar Müller (52)



Nie kamen die Bremer Stadtmusikanten nach Bremen. Es gefiel ihnen zu gut im Wald, im ehemaligen Räuberhaus. Aufgebrochen waren sie, wie erinnerlich, als Notgemeinschaft. Der Esel hatte die Parole ausgegeben: «Etwas Besseres als den Tod findest du überall.» Sie galt nicht nur für den Hahn, dem die Hausfrau am Abend den Kopf abschneiden wollte. Sie galt auch für den Esel selbst. Er war alt, seine Kräfte gingen zu Ende, und als er gewittert hatte, dass sein Herr daran dachte, ihn aus dem Futter zu schaffen, hatte er den Tod gewittert. Der Hund, der zu schwach war, um noch auf die Jagd zu gehen, hatte vor dem Erschlagenwerden Reissaus genommen, die Katze, deren Zähne mit den Jahren stumpf geworden waren und der die Mäusejagd zu beschwerlich geworden war, vor dem Ersäuftwerden.

Jeder kennt die Geschichte, wie auf der Reise nach Bremen die Notgemeinschaft der aus der Arbeitsgesellschaft Herausgefallenen zur Alten-wg wurde, die ihr künftiges Domizil im Zuge einer erfolgreichen Hausbesetzung erwarb. Durch die höllische Nachtmusik, mit der sie die Räuber aus dem Haus im Wald vertrieb, und durch den schlafwandlerisch sicheren Einsatz ihrer verbliebenen Eigenschaften und Kräfte, mit denen sie den Räubern die Rückkehr verwehrten.

Dies Märchen, sagen seine aufgeklärten Kommentatoren, trägt die Züge einer Sozialutopie. Es demonstriert, «dass Zusammenhalt und zielgerichteter Aktionismus zu einer neuen Lebensbestimmung werden können. Suggeriert wird: Gemeinsames und listiges Handeln in Notsituationen schafft Vorteile, im Alter soll man nicht klein beigeben.» Ja, die Bremer Stadtmusikanten sind die Herolde und Wappentiere des neuen, modernen Alters, das sich nicht unterkriegen lässt, das nach dem Ende des Berufslebens noch einmal durchstartet, das die Musik, das Theater oder die Wissenschaft entdeckt, eine Weltreise oder zumindest eine Wanderschaft antritt und im deutschen Wald oder im deutschen Gasthaus Lärmgewitter hervorrufen kann, die denen einer ausser Rand und Band geratenen Schulklasse nicht nachstehen. Sie sind die Avantgarde der Altengesellschaft, und ihr Wappenspruch heisst «alt, aber vital».

Die verlängerte Lebenszeit, die uns die Experten prognostizieren, scheint einen tiefsitzenden Horror vacui wachzurufen: Sie muss mit möglichst viel, möglichst intensivem, möglichst attraktivem Leben gefüllt werden, jedenfalls in der Imagination. Wenn es ein Zentralmotiv gibt in der utopischen Ausfantasierung der künftigen Altengesellschaft, dann ist es die Entgrenzung der Vitalität. Sie ist nicht mehr das Privileg der Jugend und Lebensmitte, sie ist die gute Fee aller Lebensphasen. Wer wollte ihren Charme bestreiten? Aber zu diesem Charme gehört seine Unverfügbarkeit. Die gute Fee stellt sich ein, wenn sie will, und sie geht, wenn sie will, nicht selten, ohne sich zu verabschieden. Nicht immer belohnt sie den, der brav seine Übungen macht. Verlässlich ist sie nicht. Aber manchmal etwas grossspurig. Dann tritt sie so auf, als gehöre ihr selbst in der Welt des Alters die Zukunft und ihrer älteren Schwester und Rivalin lediglich die Vergangenheit.

Diese ältere Schwester ist die Gebrechlichkeit. Sie war in der Welt, in der sich die Bremer Stadtmusikanten aufmachten, um etwas Besseres zu finden als den Tod, die Herrscherin im Reich des Alters. Gross war ihre Macht, vielfältig die Zahl der Plagen, Gebresten und Zipperlein, die ihr zu Gebote standen. Nie stand sie abseits, wenn vom Alter erzählt wurde oder sich jemand daran machte, es ins Bild zu setzen. Sie prägte sich den Geschichten vom Altenteil ein und den Gesichtern ihrer Hauptfiguren, unermüdlich nähte sie ihre dreiblättrigen Wortgirlanden in die Lebensfäden: «alt, krank, bettlägerig».

Jetzt, wo das neue Alter ausgerufen wird, scheint sie selbst aufs Altenteil zu geraten. Wo immer neue Rekorde vermelden, was mit siebzig, achtzig, neunzig und hundert noch geht, wirkt sie wie ein anachronistisches Relikt. Und wer wollte ihr nachtrauern, wenn sie abdankte und sich in dem Eckchen bescheiden einrichtete, das ihr in der Epoche des neuen Alters noch bleibt? Niemand, dem seine Knochen lieb, seine Bewegungsfreiheit unentbehrlich, seine Augen und Ohren teuer sind.

Es hat aber mit dem Wappenspruch «alt, aber vital!» eine seltsame Bewandtnis. Den Charme der Lebensfreude strahlt er nur aus, solange er eine Sehnsucht ist, ein Kind der Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat. Kaum streift er die Wunschform ab, wird er zur Parole, zum terroristischen Imperativ: Sei vital, wie alt du auch bist! Informier dich über Antiaging! Geh täglich schwimmen!

Du schaffst es, noch mit siebzig am Marathon teilzunehmen! Vernachlässige nicht dein Anti-Demenz-Training! Wie wunderbar ist das Besteigen hoher Berge! Warum nicht mit neunzig noch auf der Bühne stehen? Sei der achtzigjährige Held eines Bildungsromans, die Alten-Uni steht dir offen! Blamier mit deiner geistigen Spannkraft die Jüngeren, die sich dir überlegen glauben! Lass dir bei der Pensionierung nicht einreden, von nun an ging’s bergab! Sei der Kolumbus deines Alters, entdecke es wie einen Kontinent!

Dergleichen Imperativ-Kaskaden sind derzeit die Begleitmusik auf dem Weg ins Alter. Mit Inbrunst entdecken und beschwören die Propheten des neuen Alters immer neue Res-sourcen der Lebenszuversicht, immer neue Herausforderungen, die den Ruhestand in Bewegung bringen. Sie werden nicht müde, die Freisetzung von Energien zu propagieren, die früher nicht zum Zuge kamen, weil niemand mit ihnen rechnete, niemand an sie appellierte. Sie honorieren jeden Vitalitätsbeweis eines Alten mit eben der Emphase, mit der man früher die ersten Wackelschritte eines Kleinkinds ins Leben beklatschte. Kurz, sie lockern nicht nur die überkommene Verknüpfung von Alter und Gebrechlichkeit, sie etablieren zugleich die Vitalität als neue kulturelle Norm des Alters. Und nicht selten erreichen sie den Umschlagpunkt, an dem die Ermunterung der Vitalen sich als Entmutigung der Gebrechlichen entpuppt.

Ja, es gibt sie noch, die Gebrechlichen, die noch in der alten Welt des Alters leben, und das oft schon knapp nach der Pensionierung. Denn noch ist die Macht der Gebrechlichkeit sehr viel ungebrochener, als die Bilder der bunt-mobilen Altenwelt glauben machen wollen, noch hat sie ihre schärfste Waffe nicht verloren: ihre Unverfügbarkeit. Wie eh und je misst sie die Plagen und Gebresten zu, wann und wo sie will. Aber wen sie derzeit mit ihrem Stab berührt, der erlebt eine alte Geschichte unter neuen Bedingungen. Je allgegenwärtiger die munteren Achtzigjährigen sind, die stolz davon berichten, wie sie sich im Schlauchboot in irgendein Wildwasser gestürzt haben, desto unangenehmer wird es, schon mit knapp siebzig kaum noch aus den eigenen vier Wänden herauszukommen. Je erfolgreicher sich die Vitalität als kulturelle Norm für das Leben im Alter etabliert, desto mehr wird der gebrechliche Alte zum nahezu begründungspflichtigen Sonderfall. Je demonstrativer seine verschonten Altersgenossen auftrumpfen, desto blamierter bleibt er hinter der Norm zurück, desto unscheinbarer und karger erscheint das Leben, das zu führen er noch in der Lage ist. Und je mehr sich der Eindruck durchsetzt, die Vitalität im Alter lasse sich durch fleissiges Fitnesstraining erwerben wie ein Rentenanspruch, desto mehr sieht sich der Gebrechliche zudem scheelen Blicken ausgesetzt. Schnell unterliegt er dem Verdacht, für seine Gebrechlichkeit durch die Vernachlässigung von Einzahlungen auf dem Gesundheitskonto selbst verantwortlich zu sein. Denn die Kehrseite der verfügbaren Vitalität ist die selbstverschuldete Gebrechlichkeit.

Unter den öffentlichen Figuren des Alters ist wohl kaum zufällig der Stufe-3-Pflegefall, den seine Pfleger drangsalieren, das Gegenbild zum fitten Alten im bunten Trainingsanzug. In seiner Gestalt wird die Gebrechlichkeit, die traditionell viele Stadien, Ausdrucksformen und Grade der Beschwernis kannte, auf die Regionen des kaum noch lebbaren, kaum noch lebenswerten Lebens verengt. Sie erscheint weniger als Teil des Lebens denn als Vorbotin des Todes, so nachdrücklich sind alle Lebenszuversicht und alle Lebenszugewandtheit am Vitalitätspol angelagert. Darin, in dieser Neigung, die Gebrechlichkeit sogleich dem Tod zuzuschlagen, liegt die Grausamkeit der Propaganda für das neue Alter.

Wer einen anschaulichen Begriff davon gewinnen will, was auf diese Weise verlorengeht, der schaue sich Fritz Langs grossen Stummfilm «Der müde Tod» an. In diesem «deutschen Volkslied in sechs Versen» hat der Tod den Geliebten der Heldin geholt, aber er gibt ihr die Chance ihn zurückzuholen. Doch obwohl sie die Abenteuer, in die sie dabei gerät, übersteht, kann sie die Aufgaben, die der Tod ihr stellt, nicht lösen. Und so bleibt ihr nur die Möglichkeit, einen Menschen zu finden, der sein eigenes Leben hergibt und sich vom Tod holen lässt, damit ihr Geliebter aus dessen Reich zurückkehren kann. So kommt sie zu den Siechen, Alten und Gebrechlichen – gehört zu ihrem Jammern und Klagen nicht stets auch der Wunsch, der Tod möge sie endlich von ihren Gebrechen befreien, sie diesem Jammertal entführen? Kaum hat die Heldin ihnen angeboten, ihren Wunsch zu erfüllen, fährt das Leben mit all der Macht, die dem Gebärden- und Mienenspiel im Stummfilm zur Verfügung steht, in die Greisengesichter und entfacht einen wütenden Proteststurm in ihnen. Fritz Lang verzichtet zu Recht darauf, diese Rebellion der Gebrechlichen gegen den Tod hämisch des Widerspruchs zu den Klagen zu überführen, mit denen sie eben noch den Tod herbeiriefen. Am Ende

jedenfalls hat die Heldin niemanden gefunden, der sein Leben für ihren Toten hergäbe. Sie muss sich in einer guten Tat selber opfern, um mit dem Geliebten wieder vereint zu sein.

Die Bilder aus der alten Welt des Alters in «Der müde Tod» zeigen: Die Anhänglichkeit an das Leben ist kein Privileg, das durch Vitalität erst zu verdienen wäre. Sie ist Mitgift des Lebens selbst, auch dann, wenn es in die Macht der Gebrechlichkeit geraten ist. Willkommen ist jede Einschränkung dieser Macht. Aber nur, wenn sie das Recht des gebrechlichen Lebens anerkennt.





Altersarbeit ohne Zwang.

Mit fünfundsechzig frei zu sein ist eine kostbare zivilisatorische Errungenschaft.



Von François Höpflinger (59)



Das Modell eines produktiven Alters wird zunehmend als Gegenbild zu den grassierenden Ängsten vor einer steigenden «Alterslast» eingesetzt. Wenn auch ältere Menschen produktive Leistungen erbringen, so heisst es, gibt es keinen Anlass mehr, eine demografisch bedingte Gefährdung des Generationenvertrags zu fürchten.

In Diskussionen über ein produktives Alter lassen sich zwei unterschiedliche Ansätze erkennen: Der eine Ansatz favorisiert die Ausdehnung der Lebensarbeitszeit nach oben – durch Erhöhung des Rentenalters. Wenn Menschen zukünftig länger erwerbstätig bleiben, entschärfen sich die Probleme der Altersvorsorge. Teilweise wird eine teilzeitliche Erwerbsarbeit jenseits des fünfundsechzigsten Lebensjahres als vierte Säule der Altersvorsorge in einer demografisch alternden Wirtschaft konzipiert.

Der andere Ansatz betont die Stärkung und Förderung ehrenamtlicher und freiwilliger Aktivitäten älterer Menschen jenseits des Berufslebens. Ihm zufolge wird sich eine bessere Ausschöpfung ihrer Kompetenzen positiv auf den Zusammenhalt der Generationen auswirken.

Empirische Untersuchungen, wonach neue Generationen von Frauen und Männern im höheren Lebensalter häufiger gesund, aktiv, initiativ und innovativ sind als frühere Generationen, stärken die Vorstellung, dass zunehmend mehr Frauen und Männer für produktive Altersaktivitäten motiviert sind. Modelle eines aktiven oder sogar produktiven Alters machen ein hohes Aktivitätsniveau in späteren Lebensphasen zur Voraussetzung für ein glückliches und erfülltes Altern. Auch die «Antiaging-Bewegung» und Projekte zur Ausdehnung der produktiven Lebenszeit gehen immer häufiger eine Allianz ein: Wer länger «jung» bleiben möchte, von dem darf auch länger eine produktive Tätigkeit erwartet werden.

Die aktuellen Diskussionen und Ideen zum produktiven Alter sind allerdings in mindestens dreierlei Hinsicht defizitär.

Erstens werden individuelle Unterschiede des Alterns wie auch der beruflichen, familiären und sozialen Lebensgeschichte häufig ausgeblendet. Es wird nicht bedacht, dass Menschen im höheren Lebensalter in jeder Hinsicht nicht homogener, sondern heterogener werden. Viele aktuelle Programmvorschläge zum produktiven Engagement im höheren Lebensalter erweisen sich als Projekte für eine Elite.

Zweitens wird gern vergessen, dass ein gesundes Rentenalter – im Sinn einer späten Freiheit von beruflichen Zwängen und hierarchischen Unterordnungen – eine zivilisatorische Errungenschaft darstellt. Viele Menschen werden von Arbeitszwängen in einem Alter befreit, wo sie noch Lebenspläne aktiv zu gestalten vermögen. Das gesunde Rentenalter ist eine der wenigen Phasen menschlichen Lebens, die – anders als späte Kindheit, Jugend und mittleres Erwachsenenalter – nicht leistungsbezogen definiert sind. Eine massive Erhöhung des Rentenalters kann eine Rückkehr zu einer Zeit bedeuten, wo «Arbeit bis zum Tod» die Norm war.

Drittens beschränken sich viele Diskurse zum produktiven Alter auf eine Ausdehnung bezahlter Erwerbsarbeit. Unbezahlte Arbeiten (Betreuungs- und Pflegeleistungen, Nachbarschaftshilfe, Haus- und Familienarbeiten) sind kaum im Blick. So wird leicht vergessen, dass die Ausdehnung von Arbeitsleistungen bis ins hohe Alter vielfach schon Realität darstellt, namentlich bei Frauen.

Fünfundsechzig- bis neunundsechzigjährige Frauen beispielsweise leisten mit durchschnittlich zweiundzwanzig Wochenstunden Hausarbeit eine fünfzigprozentige Altersarbeit. Grossmütter – und zunehmend auch Grossväter – betreuen in wesentlichem Umfang Enkelkinder, und als Ehepartnerin oder Töchter sind Frauen auch nach ihren Erwerbsjahren oft in der Pflege alter Menschen engagiert. Dazu kommen ausserfamiliale Tätigkeiten in Nachbarschaftshilfe oder organisierter Freiwilligenarbeit. Produktive Arbeit nach der Arbeit ist bei vielen älteren Menschen – und vor allem bei Frauen – längst Realität.



Erwerbsarbeit jenseits des Rentenalters

Vor Einführung einer Alterssicherung war Erwerbstätigkeit im höheren Lebensalter die wichtigste Form der Existenzsicherung im Alter. Dass 1948 in der Schweiz eine Alters- und Hinterlassenenversicherung (ahv) eingeführt wurde, änderte daran vorerst wenig. Die Verankerung einer nachberuflichen Phase im Leben einer Mehrzahl älterer Menschen erfolgte erst in den Jahren der Hochkonjunktur. Vor allem nach 1970 fiel die Erwerbsbeteiligung älterer Personen (65 plus) deutlich ab, und im Jahre 2006 waren in der Schweiz nur noch 12 Prozent der über vierundsechzigjährigen Männer in irgendeiner Form erwerbstätig; bei den Frauen waren es 6 Prozent. Bei diesen Tätigkeiten handelt es sich mehrheitlich um Teilzeitarbeit. Nur gut ein Siebtel der erwerbstätigen ahv-Rentner absolviert Arbeitspensen von mehr als vierzig Stunden pro Woche. Wenn Personen im Alter zwischen fünfundsechzig und neunundsiebzig Jahren noch voll erwerbstätig sind, handelt es sich häufig um Selbständige wie Angehörige freier Berufe, Landwirte oder Gewerbetreibende. Viele begründen dies mit Freude an der beruflichen Herausforderung sowie einer ungenügenden Auslastung ohne Berufsarbeit. Teilweise wird auch eine ungelöste Nachfolgeregelung angeführt, und einen wichtigen Einfluss haben finanzielle Engpässe, also etwa eine fehlende berufliche Vorsorge. Immerhin gehört fast die Hälfte der arbeitenden ahv-Rentner zur Gruppe der selbständig Erwerbstätigen.

Auch Personen mit universitärer Ausbildung bleiben im ahv-Alter häufiger beruflich aktiv. Sie begründen dies wie die Selbständigen mit Freude an der beruflichen Herausforderung und der sonst ungenügenden Auslastung. Überdies sind sie im Alter häufig gesünder als Personen aus unteren Bildungsschichten.

So zeigt sich bei der aktuellen Alterserwerbsarbeit eine deutliche Trennung, die auch in Zukunft bedeutsam sein wird: Einmal handelt es sich um qualifizierte Formen der Weiterarbeit älterer Fachleute, die auf hohen beruflichen Kompetenzen basieren (Senior Consultants, Mentoren). Gruppen wie Senexpert und Adlatus leisten oftmals entscheidende Unterstützung für Kleinunternehmen. Daneben gibt es die wenig qualifizierten Beschäftigungen, die häufig nur kurzfristiger und unregelmässiger Art sind, zum Beispiel Arbeit auf Abruf. Während die erste Form der Altersarbeit kompetenzorientiert und vom Angebot an Fachleuten mit aktualisierten Kenntnissen abhängig ist, bilden bei der zweiten Form von Altersteilzeitarbeit die älteren Arbeitskräfte sozusagen eine Reservearmee, die je nach konjunkturellem Bedarf mobilisiert oder nicht mobilisiert wird.

Zukünftige Entwicklungen – sei es ein Abbau der staatlichen Alterssicherung, sei es eine steigende Nachfrage nach älteren Arbeitskräften oder ein verstärkter Wunsch älterer Menschen, im Alter noch beruflich engagiert zu bleiben – dürften einen verstärkten Trend zur Weiterarbeit im Alter auslösen. Mit dem Stichwort «Alterserwerbsarbeit» wird jedoch gegenwärtig und in naher Zukunft erst eine kleine, wenn auch anwachsende Gruppe älterer Arbeitskräfte (60/65 plus) angesprochen.



Betreuungsleistungen

Ein wesentlicher Teil unbezahlter Unterstützungsarbeiten im Alter wird zugunsten von Angehörigen geleistet. In der zweiten Lebenshälfte stehen – neben der Weiterführung der alltäglichen Haushaltsarbeiten – zwei familiale Arbeitsleistungen im Vordergrund: die Betreuung von Enkelkindern und die Pflege hilfs- und pflegebedürftiger Elternteile oder Ehepartner.

Grosselternschaft ist eine der wenigen positiven Altersrollen, und unter Bedingungen eines gesunden und aktiven Alterns werden die Beziehungen zwischen Grosseltern und Enkelkindern intensiver. Viele Grossmütter übernehmen zeitweise die Betreuung ihrer Enkel im Säuglings- und Kleinkindalter. Der Gesamtumfang an unbezahlter Kleinkindbetreuung durch Grosseltern entspricht selbst bei konservativer Umrechnung einer Arbeitsleistung im Wert von mehr als 2 Milliarden Franken pro Jahr.

Auch ein wesentlicher Teil der Pflege im Alter wird von älteren Angehörigen erbracht. Sofern vorhanden, stehen Ehe- und Lebenspartnerin als Hauptpflegepersonen eindeutig an erster Stelle, gefolgt von den Kindern, namentlich den Töchtern. Vor allem bei chronischen Krankheiten oder in späteren Phasen der Pflegebedürftigkeit ist der zeitliche Aufwand von Hauptpflegepersonen sehr hoch. Für die Schweiz wird der von über neunundvierzigjährigen Personen geleistete (unbezahlte) Zeitaufwand für Pflegeleistungen in-nerhalb des eigenen Haushalts auf 30,3 Mil-lionen Stunden pro Jahr geschätzt, wovon Frauen 71 Prozent übernehmen.

Eine zentrale, jedoch häufig unbeachtete produktive Leistung alter Menschen zur Entlastung jüngerer Menschen ist ihr ausgeprägter Willen, die Selbständigkeit im Alltag auch unter erschwerten Umständen zu erhalten. Dadurch, dass hochbetagte Menschen auch bei funktionalen Erschwernissen ihren Alltag selbständig organisieren und Verantwortung für sich selbst tragen, fallen sie der jüngeren Generation weniger zur Last. Alle Programme zur Förderung der Selbständigkeit im hohen Lebensalter haben damit eine positive intergenerative Wirkung.



Ehrenamtliche Tätigkeiten

Ehrenamtlichkeit heisst, dass man eine öffentliche Tätigkeit unentgeltlich ausübt. Häufig sind ehrenamtliche Tätigkeiten älterer Menschen in Sport- und Kulturvereinen, Kirchen, politischen, gewerkschaftlichen und sozial ausgerichteten Organisationen. Bei der Freiwilligenarbeit handelt es sich mehr um Aktivitäten in informellen Sozialnetzen wie Nachbarschaft und Freundeskreis.

Ehrenamtliches und freiwilliges Engagement haben Konjunktur, wobei in den aktuellen Diskussionen allerdings viel von dem wiederholt und als «neu» entdeckt wird, was bereits Ende der 1970er Jahre zum Allgemeingut zählte. Freiwillige und ehrenamtliche Arbeiten für ältere, nicht mehr erwerbstätige Menschen werden vor allem unter zwei Perspektiven diskutiert:

Gesunde ältere Pensionierte gelten als gesellschaftlich zu nutzende soziale Ressource. Sie können und sollen einen wesentlichen Beitrag zur Bearbeitung ansonsten vernachlässigter gesellschaftlicher Aufgabenbereiche

leisten. Projekte wie Seniorinnen und Senioren im Klassenzimmer, Aufgabenhilfe für Ausländerkinder usw. belegen schon heute den Wert eines Engagements älterer Menschen. Zentral ist allerdings bei Projekten zugunsten jüngerer Menschen ein «Engagement ohne Einmischung».

Im weiteren sind freiwillige und ehrenamtliche Arbeiten als sinnvolle Handlungsperspektive für Frauen und Männer jenseits der Erwerbsarbeit und diesseits der Hausarbeit anzusehen. Dabei geht es um sinnvoll erlebte Möglichkeiten der Beschäftigung im Alter, die dazu dienen, einen Beitrag zur sozialen Integration pensionierter Frauen und Männer zu leisten. Tatsächlich erfahren auch im Alter engagierte Personen mehr Integration und Lebenszufriedenheit – aber nur, soweit sie auch bereit sind, von Jüngeren zu lernen.

In der Praxis muss man unbedingt unterscheiden zwischen unorganisierter und organisierter Freiwilligenarbeit. Letztere wird aktuell nur von einer Minderheit geleistet. Zwischen 13 Prozent und 19 Prozent der fünfundsechzig- bis vierundsiebzigjährigen ahv-Rentner und ahv-Rentnerinnen sind organisiert tätig, deutlich weniger als bei anderen Altersgruppen. Ein Grossteil der Hilfeleistungen älterer Menschen geschieht informell und unorganisiert; ein Fehlschluss wäre es also, den Beitrag älterer Menschen am sozialen Geschehen zu unterschätzen.

Wie in anderen Ländern zeigt sich auch in der Schweiz ein starker Bildungseffekt. Die Häufigkeit freiwilliger Tätigkeiten im höheren Lebensalter steht in enger Relation zum Bildungsniveau. Längst nicht alle älteren Menschen, für die eine solche Beschäftigung sinnvoll und wichtig wäre, haben Zugang zu einer anregenden Freiwilligenarbeit oder

gar einem Ehrenamt. Es zeigt sich auch keine klare Zunahme des ehrenamtlichen und freiwilligen Engagements nach der Pensionierung. Nicht in erster Linie diejenigen Menschen engagieren sich, die über viel freie Zeit verfügen, sondern vor allem Personen, die gute Qualifikationen mitbringen und gesellschaftlich gut integriert sind. Dies hängt auch damit zusammen, dass gezielte Initiativen zur Mobilisierung bisher wenig engagierter älterer Menschen weitgehend fehlen. Zu wenige Projekte richten sich an Menschen, die handwerklich ausgerichtet sind oder die Freiwilligenarbeit gern zu Hause – in ihrer vertrauten Umgebung – verrichten möchten.

Das Potenzial an freiwilliger Arbeit im Alter ist keineswegs ausgeschöpft. Wertvoll sind alle Projekte, die eine Mobilisierung und Demokratisierung der Freiwilligenarbeit im Alter anstreben.



Schlussfolgerungen in Thesenform

1. Die Idee des produktiven Alterns wird immer mehr zu einem zentralen Programmpunkt für die Bewältigung der demografischen Alterung. Viele aktuelle Projekt- und Programmvorschläge zum produktiven Alter sind allerdings zugeschnitten auf eine Elite älterer Menschen.

2. Die unbezahlten Arbeitsleistungen im Alter bleiben oft unberücksichtigt. Werden unbezahlte Arbeitsleistungen einbezogen, ist Arbeit im Alter schon heute vielfach Wirklichkeit.

3. Erwerbstätigkeit nach fünfundsechzig umfasst zwei Arten von Arbeit: einerseits qualifizierte Formen der Weiterarbeit älterer Fachleute, die auf hohen beruflichen Kompetenzen basieren (Senior Consultants, Mentoren), andererseits oft marginale Arbeitstätigkeiten (befristete Projekte, Hilfsarbeiten). Es ist denkbar, dass – nach oder neben den Frauen – die Pensionierten der Zukunft vermehrt die Rolle eines Arbeitskräfte-Reservoirs übernehmen werden.

4. Die Pensionierung führt nicht automatisch zu mehr Freiwilligenarbeit, und informelle Hilfeleistungen älterer Menschen sind deutlich häufiger als organisierte Freiwilligenarbeit. Ziel in der Zukunft muss sein, das Potenzial älterer Menschen stärker zu mobilisieren, auch von solchen, die wenig Chancen zu beruflicher Selbstverwirklichung erlebt haben. Die Freiwilligenarbeit im Alter muss demokratisiert werden.

5. Produktives Altern – produktiv zugunsten jüngerer Generationen – erfordert von den Älteren ständiges Lernen (von Jüngeren!) und ein Engagement ohne Einmischung. Im hohen Lebensalter trägt Selbständigkeitserhalt am meisten zur Entlastung jüngerer Generationen bei. Immer aber gehört das Recht, im Alter nicht mehr den üblichen Leistungszwängen zu unterliegen, zu den sozialen Errungenschaften, die uns kostbar sein sollten.





Über den Anstand, nicht ewig zu leben.



Von Sibylle Severus (69)



Wahrscheinlich verwandelt sich ein völlig harmloser Satz in eine Rakete, die sich gegen mich richtet. Daher versichere ich, Krieg, Krankheit, Altern und das Leben gelebt zu haben, bevor ich mir zumutete, einen (von vielen) Fäden durch das winzige Nadelöhr dieses Themas zu ziehen. Viel lieber würde ich die Geschichte der Tante Marta erzählen.

Der Zug, in dem ich nach Romainmôtier fahre, beharrt darauf, sich nicht von der Stelle zu rühren. (Technische Störung.) Wir zweifeln, ob er je fahren wird, ob er je gefahren ist, und mustern uns gegenseitig. Das hellblonde Mädchen mit dem traurigen Mund weiss nicht, was flirten ist. Sie lässt den jungen Mann gegenüber abprallen. Ich dagegen erinnere ein jahrelanges Knistern und Glühen, klopfende Herzen, lodernde Bäume nicht nur im Herbst, und Anna Karenina, die sich vor den Zug warf. (Personenunfall.) Kaum Handygeplapper am Nikolaustag, an dem der Heilige von Mira angeblich vor 1800 Jahren gestorben ist. Statt Aids wütete die Pest. Wurde je jemand gefragt, ob er zu sterben wünscht?

Die Vögel fliegen tief und selbst bunte Autos sehen untröstlich aus. Regen rinnt schräg übers Glas. Das Ohr verfängt sich im Geäst der Gespräche.

Mitreisende i: «– hüte gern bis abends, ich liebe Kinder. Es ist keine Bosheit, wenn der Kleine Wasser in meine Pelzstiefel giesst. Auch ziehe ich amüsiert alle Mikadostäbe aus den Sesseln, den Igeln. Doch genau eine Minute nach dem Abholtermin verliere ich jeden Humor, als wäre meine Energie Punkt achtzehnnullnull für immer aufgebraucht.»

Mitreisende ii, sie besuche die Schwiegermutter, die fühle sich im teuren Pflegeheim wie im Ghetto. Sie habe kein Radio, kein Fernsehen, keine Zeitung, sage sie anklagend. «Aber», so die Frau, «sie kann ja die Buchstaben nicht begreifen. Das Licht blendet: der Graue Star. Sie könnte es auch nicht löschen, denn sie wird auf die Seite gebettet wegen des Wundliegens. Radiofrequenzen sind ihr zu grell. Vom eigenen Körper entmündigt werden und sich dabei zusehen ist entsetzlich.»

Betätigen der Notbremse! – denke ich. Estrich räumen. Ordnung schaffen. Freitodverein beitreten. Patientenverfügung. Die Kinderhüterin sagt: «Ich müsste mir glatt noch so eine alte Rübe von Mann suchen, damit ich mir ein Pflegeheim überhaupt leisten könnte. Wahnsinn –»

Die Schwiegertochter: «Rührend war, dass ich wiedererkannt wurde. Alle Abneigung – weg. Früher wusste Maman, in welche Wunden Salz zu streuen ist. So konnte sie einigermassen hochtrabend leben. Ist nicht mehr aktuell mit siebenundneunzig. Sie bittet mich, ihr zu erklären, warum sie nicht hundert sei. Sie wolle sterben. Doch wird sie bis weit über hundert unter uns sein. Zu wichtig ist, welche Bluse nach dem Duschen angezogen werden wird. Seit Jahrzehnten begleite ich nun meine Mütter, vermutlich, bis ich tot umfalle. Es geht mir wie dir – Achtzehnnullnull ist vorbei. Das Tollste aber ist: Ich leide im Fall mit!»

Tante Betty. Als ihr Bein wegen Zuckers amputiert wurde, der Onkel war vor ihr heimgegangen, hatte auch sie gesagt, sie wolle sterben. Sie verschwieg jedoch, dass sie sich verhungern lassen würde, in der Gewissheit, bald mit dem Mann vereint zu sein.

Die unbekannte Schwiegermutter ist sich offenbar nicht so sicher, was das Jenseits betrifft. Mit den Gatten haben Salzstreuerinnen sowieso zeitlebens Reibereien. Das Risiko, dass ausser Urne und grasbewachsenem Gemeinschaftsgrab nichts mehr kommen könnte, ist gross.

Und doch (Fahrleitungsstörung), und doch plädiere ich in meinem und im Namen aller Tante Bettys und Tante Martas, die tot über dem Gasherd gefunden wurden, für eine der wenigen Freiheiten, die wir haben: das Lebensende, wenn das Joch zu schwer wird, selbst zu bestimmen. vor allem, ein Mittel zur Hand zu haben, um diesen Schritt in Würde, ohne Qualen, ohne Bergungsaktionen tun zu können, legal, ohne Schuldgefühle für die Hinterbliebenen. Ich sehe im Entschluss, das Leben zu beenden, weder eine Sünde noch Feigheit. Wenn ich katholisch wäre, wenn mir als Selbstmörderin die Kirche ein Begräbnis verweigerte und mich exkommunizierte – wie 2006 den unheilbaren Piergiorgio Welby –, würde das meine hypothetische Seele in der hypothetischen Hölle sehr übel nehmen. Werden nicht immer wieder frische 20 000 Soldaten in Kriegsgebiete geschickt, und werden sie dort nicht ruckzuck um ihr Leben gebracht?

Meine Sorgen und meine Gebrechlichkeiten sind besser zu ertragen, wenn mir ein selbstbestimmtes Ende offensteht. Den Tod im Visier zu haben ist für mich ein Trost in der Gegenwart und ein guter Halt. Zudem ist es eine lange humane Tradition, dass ältere Menschen sich im Interesse nachfolgender Generationen zu bescheiden wissen. Zwischen uns Frauen glaube ich eine Nähe zu spüren. «Ich frage mich», sage ich, «wieso wir einen stets grösser werdenden Teil unserer Ressourcen darauf verwenden, in hochzivilisierten Ländern die Ältesten immer länger am Leben zu halten, statt diese wachsenden Investitionen in die Verbesserung der Bedingungen von Kindern und Jugendlichen oder die Verringerung der Kluft zwischen arm und reich, national und international zu stecken? Die Gutmenschen in meinem Freundeskreis sehen mich jedesmal bestürzt an, wenn ich etwas derartiges sage.»

Tiefes Schweigen meiner Nachbarinnen. Gegen meinen Willen drängt es mich auszuholen: «Montaigne schrieb vor gut vierhundert Jahren: Ich kann mich nicht in die Weise finden, in der wir die Dauer unseres Lebens bestimmen. Ich sehe, dass die Weisen sie im Vergleich zur gewöhnlichen Meinung ganz erheblich verkürzten.»

(Am Zugsende befindet sich ein Bistro.) Glanz kommt in die Augen der Frauen. Hastig brechen sie auf, überzeugt davon, weniger alt und weniger verrückt zu sein als ich. Ich verspüre über das, was ich gesagt habe keine Unsicherheit. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die Lehren, die wir aus ihr ziehen müssen, sind in mich eingebrannt. Aber wir, unsere Kinder und Enkel leben im 21. Jahrhundert. Wir können unseren eigenen weltanschaulichen Weg gehen und unseren Lebensentwurf individuell gestalten, ohne Ideologien.

Auf dem Hochmoor über Romainmôtier sehe ich nach einem Jahr die beiden Menhire wieder. Sie stehen seit Menschengedenken an einem Kreuzweg, als Ruheplatz für den Seelenvogel und aus astronomischen Gründen. Ich spüre den heftigen Wunsch, noch oft hierherzukommen. Doch im Weggehen frage ich mich, warum ich mir wieder und wieder etwas wünsche.

Das hiesse ja, das Hier und Jetzt genüge nicht.