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Scheherazades Töchter.
Schriftstellerinnen in Arabien

Erscheint am:
Ausgabe Nr:
März 2007

ISBN: ISBN 978-3-03717-032-8

Preis: Sfr. 20.-

Preis: Euro 15.-
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Horizonte
06 – Istrisches Impromptu. Sonntagslunch im Frühjahr. Von Richard Swartz

08 – Rio de Janeiro. Eine Fotoagentur arbeitet mit Jugendlichen. Von Mirco Lomoth

08 – Im Kino. Das grosse Fressen: Lebensmittel im Film. Von Benedikt Sarreiter

09 – New York. Street Fiction ist der letzte literarische Schrei. Von Sacha Verna

10 – Kairo. Warum Filme wie «Dunia» nicht ins Kino kommen. Von Susanne Schanda

11 – Mailand. Die Scala macht Tenuevorschriften. Von Dietmar Polaczek

12 – Interview. Der Schriftsteller Richard Powers im Gespräch mit Thomas David

15 – Selbstgebrannt. Von Phuong Duong

18 – Kabinett der Moderne. Über Delaunays «Les Coureurs». Von Ursula Krechel

20 – Leserbrief, Pressestimme, «du» vor 50 Jahren

21 – Autoren, Fotografen, Künstler/Illustratoren

04 – Impressum






du 774 – Scheherazades Töchter.

Schriftstellerinnen in Arabien


22 – Alltagsleben in Syrien und Jordanien. Eine Bilderreise von Alexandra Boulat

24 – Samira. Von Samiha Khrais

25 – Die zehn Autorinnen und ihre Länder. Porträtiert von Hartmut Fähndrich und Suleman Taufiq

27 – Rahmen. Von Bushra Khalfan

31 – Fluffy. Von Inaya Jaber

32 – Meine Freundinnen in Beirut. Fotografien von Randa Mirza

33 – Poetische Sternstunden unter Neonlicht. Ein Lyrikabend in Amman. Von Kristin Seebeck

34 – Die Normalität im Unmöglichen. Von Suad Amiry

39 – Neunzehn Uhr dreissig. Von Laila al-Osman

44 – Kurze Gedichte. Von Hala Muhammad

46 – Nicht länger hinter tausendundeinem Riegel. Frauen schreiben über Lust und Sexualität. Von Suleman Taufiq

48 – In einem vollständigen Buch. Von Loutfia al-Delimi

53 – Sie fiel mit zwei mageren Händen. Für Sylvia Plath. Von Nawal al-Ali

58 – Der Schlafsaum der Erinnerung. Eine Begegnung mit der ägyptischen Schriftstellerin Miral al-Tahawi. Von Marica Bodrozic

60 – Kleines Land. Von Rasha al-Ameer

65 – Ein weisses Ritual. Von Zabia Khamis

68 – Abkehr von einem manischen Ehrbegriff. Die arabische Frauenliteratur gestern und heute. Von Stefan Weidner




Das Journal
75 – Ausstellungskalender

76 - Federlese. Von Lukas Bärfuss

76 - Gäste im Haus

78 – Noch nicht gedrehte Filme. Von Jörg Kalt

79 - Im Radio. Von Gerwig Epkes

80 – Lesen & Hören

81 - Müllers Erbauungen. Von Gottfried Müller

82 – Bücherei. Von Charles Linsmayer

83 - Ein anderes Museum

83 - Das Wort

83 – Im Fernsehen

84 – Das Porträt

85 – Sélections: Ausstellungshinweise für März

86 – Stehbar in der Bahnhofshalle

87 – Jahrestage

88 – Wissenswelt. Von Martin Rasper

90 – Ausblick






Das Editorial
Neben Chinesisch, Englisch und Spanisch ist Arabisch eine der meistgesprochenen Sprachen der Welt. Der Abstand zwischen dem Alltagsarabisch und der Literatursprache ist gross, und letztere erschliesst sich westlichem Verständnis nicht immer unmittelbar. Während die Sätze bei uns immer prägnanter, kürzer werden, sind die der arabischen Literatur in aller Regel bilderreich und symbolisch aufgeladen. Die arabische Sprache ist ein Spiel mit Worten, Musik in den Ohren der Zuhörer und Leser. Gedichtverse werden oft tatsächlich gesungen. Die arabische Schrift kennt diverse Begriffe für dieselben Bedeutungen. Und es gibt Worte für Ereignisse, die bei uns nur umschrieben werden können: zum Beispiel das Geräusch, das ein Schwert hinterlässt, wenn es durch die Luft fährt.

Dies alles macht die Übersetzung in eine europäische Sprache oft schwierig. Daher schreiben inzwischen einige Autoren auf englisch oder französisch, wie Suad Amiry und Rasha al-Ameer für dieses Heft.

Wir wollen die Vielfalt dieser Literatur erkunden – in Geschichten von Frauen. Lange war das Schreiben in der arabischen Welt eine Männerdomäne. Von wenigen frühen Lyrikerinnen abgesehen, waren Frauen die Wahrerinnen der mündlichen Überlieferung. Heute aber schreiben sie selbstbewusst und emanzipiert, greifen Themen auf, die gesellschaftlich lange tabuisiert waren, und kämpfen hartnäckig gegen die Zensurbehörden. Die Autorinnen dieses Heftes leben alle noch in den arabischen Ländern, engagieren sich dort in Kultur und Politik. Sie lieben ihr Land, lösen sich aber von männlich dominierten Verhaltensvorschriften und Schweigegeboten. Sie reflektieren ihr eigenes Leben, beobachten ihre Umwelt. Sie schreiben über ihre Sehnsüchte und Ängste. Sie sind die literarischen Töchter der Erzählerin von Tausendundeiner Nacht.

Auch die beiden Bildessays der libanesischen Fotografin Randa Mirza und der Französin Alexandra Boulat erzählen von arabischen Frauen der Moderne. Innensicht und Aussensicht: Randa Mirza macht uns bekannt mit jungen, unabhängigen Frauen in Beirut. Alexandra Boulat bereiste Jordanien und Syrien und hielt Eindrücke des Alltagslebens fest.

Wir möchten in dieser «du»-Ausgabe mit einer jungen Literatur aus ältester Tradition bekannt machen. Einer Literatur, die von persönlichen Wegen zwischen Überlieferung und Selbstbestimmung erzählt – fernab von dem, was sonst an Politik und Religion aus diesen Ländern zu uns dringt.



Kristin Seebeck



PS: Vom 19. bis 31. März zeigt das Filmpodium Zürich als Schweizer Premiere den Spielfilm «Crash Test Dummies» des Regisseurs und «du»-Kolumnisten Jörg Kalt.




Drei Texte aus dem Inhalt
Die Normalität im Unmöglichen



Von Suad Amiry



Ich war gerade nach drei wunderbaren Monaten in Italien heimgekehrt. Während meines Aufenthalts auf der Insel Procida in der Nähe von Neapel war ich redlich bemüht, mir bei dem entspannten und gesunden Lebenswandel wenigstens eine Art von Routine zu bewahren.

Dazu gehörten neben täglichem Schwimmen, manchmal zweimal am Tag, zahlreiche Morgenspaziergänge durch die freie Natur der Insel und abendliches Schlendern durch ihre engen Gassen und den überfüllten Hafen Marina Sancio Cattolico. Oft beschloss ich den Tag mit ein, zwei Gläsern Rotwein, dem die Italiener, ebenso wie die Franzosen, nachgewiesen haben, dass er das Herzinfarktrisiko senkt – und wer könnte das dringender brauchen als eine Palästinenserin?

Nachdem ich bis jetzt bereits mehr als sechsundzwanzig Jahre lang, 1981 bis 2007, unter israelischer Besetzung lebe, kann ich ziemlich realistisch einschätzen, was im Bereich des Möglichen und was im Bereich des Unmöglichen oder des Unerreichbaren liegt.

Im nur gut dreissig Kilometer entfernten Mittelmeer zu schwimmen, das man bei klarer Sicht von Ramallah aus sehen oder in einer Stadt wie Qalqiliya riechen kann, ist sicher in den Bereich des Unmöglichen gerückt.

Zu den Dingen, auf die ich am stärksten fixiert und von denen ich beinahe besessen bin, gehört die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Palästinenser einfach vom Mittelmeer verdrängt wurde.

Obwohl ich in Binnenstädten wie Amman, Damaskus und Ramallah aufwuchs und dort fast mein ganzes Leben verbrachte, fernab von Jaffa, der «Seebraut», Arus al-Baher, und Heimatstadt meines Vaters, fühle ich mich am Mittelmeer irgendwie zu Hause.

Ich weiss nicht genau, ob ich mich durch die Sommer, die ich in Bella Italia verbringe, stärker als Mittelmeerbewohnerin fühle, oder ob mich das Gefühl der Zugehörigkeit zu diesem Kulturkreis beinahe jeden Sommer dorthin zieht.

Ich weiss nur, wie sehr ich mich zu Hause fühle in Olivenölkulturen – in Abgrenzung zu Butterkulturen –, in Kulturen mit Nuancen und Schattierungen – in Abgrenzung zu Schwarz-Weiss-Kulturen –, bei dem italienischen domani und dem arabischen bukra inshallah (morgen, so Gott will), bei der Leidenschaft für gutes Essen, lange Siestas und Chaos und in einer Welt, die von kreischenden bambini beherrscht wird, mit denen man spielen kann, die man berühren, herumtragen oder notfalls anschreien darf, ohne befürchten zu müssen, dass sich die Polizei einmischt oder man wegen Kindesmisshandlung oder, Gott bewahre, Kindesmissbrauch angeklagt wird.

Welcher klar denkende Mensch würde bei der Möglichkeit, an einem tausend Kilometer entfernten Strand in Italien zu sein, an Israels Strände mit ihrer angespannten Atmosphäre wollen, selbst wenn sie nur dreissig Kilometer entfernt sind? Ganz bestimmt bringt mich mein poco Italienisch an Italiens Stränden weiter und macht mich sicherer als mein perfektes Arabisch an den Stränden Israels.

Während das Schwimmen im Mittelmeer in den Bereich des Fantastischen gerückt ist, gehört ein Spaziergang durch die malerischen, terrassenförmigen Hügel und Täler rund um Ramallah in den Bereich des Gefährlichen.

Nachdem jemand während eines sonntagnachmittäglichen Spaziergangs in den Tälern westlich von Ramallah auf sie geschossen hatte, empfahl mir meine Freundin Penny Johnson, an einem Aerobic-Kurs bei Tri Fitness teilzunehmen, dem Fitnessstudio in Ramallah.

Mir fiel auf, dass mir vom Sommer als einziges Überbleibsel meines italienischen Lebenswandels ein Glas minderwertiger Rotwein geblieben war – als Ausgleich für weitere Einbussen auf mehrere Gläser angewachsen –, und daher beschloss ich, an dem Aerobic-Kurs teilzunehmen. Diese Stunden sollten als Ersatz dienen für die morgendlichen Spaziergänge, das Schwimmen am Nachmittag und das Schlendern durch den Hafen am Abend. Die kleinen Boote und grossen Yachten, die sich im ruhigen Wasser der Marina Sancio Cattolico spiegelten, waren in den Bereich des Unerreichbaren gerückt.

Nachdem ich mehrere Aerobic-Termine verpasst hatte, bestand Penny darauf, mich abzuholen.

«Hallo, Baby Johnson», begrüsste ich sie und stieg in den Wagen.

«Tut mir leid, Penny, aller Anfang ist schwer. Wie war der Kurs denn bisher?»

«Gar nicht schlecht!» antwortete Penny und fügte in ihrem reizenden, kindlichen Ton hinzu: «Weisst du, Suad, neulich wurde jemand bei Tri Fitness angeschossen und verletzt. Aber keine Sorge, das war nicht in unserem Aerobic-Kurs, sondern auf dem Dach.»

«Tatsache!» Ich war vollkommen entsetzt. In diesem Augenblick wollte ich nur noch, dass Penny sofort anhält, den Wagen wendet und mich zurückbringt zu meinem Wohnzimmersofa, auf dem ich mich jeden Abend fläzte, seit ich vor einiger Zeit aus Italien zurückgekehrt war.

«Penny, wurde er schwer verletzt? Wer hat auf ihn geschossen? Und warum? Und wann?» fragte ich besorgt. Ich musste mich wirklich zurückhalten, um Penny nicht mit weiteren Fragen zu bestürmen.

«Die Israelis behaupten, jemand hätte auf die jüdische Siedlung Pisgot geschossen, aber der Manager von Tri Fitness sagt, die Mistkerle würden lügen, niemand hätte auf Pisgot geschossen. Es war nur der arme Klempner, der den Wassertank auf dem Dach repariert hat.»

«Penny, wurde er schwer verletzt?» In diesem Moment dachte ich eher an mich als an den Klempner.

«Ja, wohl ziemlich schwer. Er lag auf der Intensivstation, aber ich glaube, er hat es geschafft», erzählte Penny, während sie weiterhin in Richtung Tri Fitness fuhr.

Mir fiel dabei auf, dass Penny, wie die meisten Palästinenser, völlig unaufgeregt über das Leben und Sterben der Menschen um uns herum sprach.

«O Gott, Penny, glaubst du, wir sind im Aerobic-Raum sicher? Sieht man von da aus nicht direkt auf Pisgot?» Ich suchte nach einem weiteren Grund, auszusteigen.

«Was meinst du damit, Suad? So nah, wie es ist, kann man vom ganzen Gebäude aus auf Pisgot sehen. Komm schon, Suad, mach dir keine Sorgen. Sie haben die Jalousien runtergelassen.»

Ich muss gestehen, dass ich meine Angst und Sorge vor Penny verbergen musste. Trotz ihres zierlichen, zerbrechlichen Äusseren hatte sie sich im Laufe der Jahre als harter Brocken erwiesen.

Neben diesem harten Brocken kam ich mir vor wie Wackelpudding.

Wenig später marschierten Penny und ich voller Energie in unseren Aerobic-Kurs. Wunderbar, ich fühlte mich schon so fit wie in Italien.

Die untersetzten Gestalten, die von den drei Spiegelwänden vervielfacht wurden, verstärkten mein Gefühl, gut in Form zu sein. Ich zählte meine Kurskameraden durch, es waren acht Frauen und noch mehr Männer. Mit Ausnahme von drei jüngeren Leuten – einem Mann und zwei elegant gekleideten (oder besser: entkleideten) Frauen – schien der Kurs eher für Senioren gedacht. Von uns Frauen kannten sich die meisten von der Menopausengruppe in Ramallah. Am 28. jeden Monats trafen sich etwa fünfzehn Frauen im Restaurant Prunto, um zu feiern und sich über all die Dinge zu beschweren, die in unserem Leben fehlten. Häufig verglichen wir Notizen und Hitzewallungen. Obwohl die meisten Männer mehr oder weniger der gleichen Altersgruppe angehörten, sich nämlich in einer verdrängten Menopause – respektive Frauen-Pause – befanden, benahmen sie sich noch jung. Sie trugen diesen heuchlerischen Jetzt-geht’s-los-Ausdruck zur Schau.

Der Kurs sollte eigentlich gemischt sein, aber da alle den Wahlsieg der Hamas noch vor Augen hatten, stellten sich die Männer auf die eine Seite und die Frauen auf die andere. Als Gegnerin der Hamas wollte ich meinen Standpunkt verdeutlichen, also ging ich hinüber zu den Männern. Damit schaffte ich es, dass sich die meisten Männer um mich herum unwohl fühlten, und auch ich war alles andere als unbefangen.

In der vierten Wand befand sich ein Fenster, und durch die Schlitze der Plastikjalousie sah ich die israelische Siedlung Pisgot. Mir war schleierhaft, wie sich Penny und offenbar auch die anderen aufgrund dieser dünnen Plastikjalousie sicherer fühlen konnten.

Ich beschloss, mir wegen Pisgot keine Sorgen mehr zu machen.

Ich atmete tief ein und konzentrierte mich auf die nicht sonderlich eleganten Bewegungen unseres Trainers Taisir.

Es fiel mir schwer, meine Bewegungen auf die des Trainers abzustimmen und gleichzeitig dem Rhythmus der unerträglich lauten Musik zu folgen. Weder meine Dyslexie noch die Spiegel vor und neben mir waren dabei hilfreich, meine Schritte nach links und rechts an die der anderen anzupassen.

Als ich meine Linke erst einmal auf Taisir abgestimmt hatte, wanderten meine Gedanken wieder durch die Schlitze der Jalousie Richtung Pisgot. Ich dachte, wir sollten die Musik vielleicht leiser stellen, falls die israelischen Siedler sich entschliessen sollten, heute Abend auf uns zu schiessen. Oder wäre es entspannender, wenn die Aerobic-Musik die Schüsse der Siedler übertönte? Jedesmal, wenn Taisir oder einer der Kursteilnehmer sich abrupt bückte, bekam ich einen Schreck.

Endlich hatte ich in den Rhythmus der lauten Musik gefunden:

«Sweeeet dreeeams are maaade of thiiis

Who am I to disagreee?

I travelled the world and the seven seeeas

Everybody’s looking for something»

«Beee my... be my baby

Beee my... be my baby»

Nicht lange, und ich fühlte mich nun doch extrem angespornt und war völlig in die Übungen vertieft.

Unser Trainer Taisir war klein und stämmig. Seinen Kopf und seine Schultern hielt er ein wenig schief. Anders als bei meinem früheren Lehrer für lateinamerikanische Tänze, dem eleganten Speransa, waren seine Bewegungen ruckartig und abgehackt. Erst nach einer Weile wurde mir klar, dass Taisir sich eigentlich gerade halten wollte, während seine Schüler die abgeknickte, schiefe Haltung für einen Bestandteil der Übungen hielten. Taisirs grimmiger Gesichtsausdruck und sein entsprechendes Äusseres unterstrichen die Bedeutsamkeit dieser Schieflage.

Rechts vor mir, in der ersten Reihe, war die schlanke Penny. Sie hüpfte mit einem schiefen Lächeln auf dem hübschen, strahlenden Gesicht auf und ab.

Bei dem Mann direkt neben mir wirkte die Schieflage durch seine rund hundertzwanzig Kilo recht übertrieben. Mit seinen gebeugten Knien, dem glühenden Gesicht und lautem Herzklopfen machte er mir Sorgen. Wegen seines Übergewichts hielt er höchstens fünfzehn, zwanzig Minuten lang durch. Die frappante Farbkombination seines brandneuen, gestreiften Trainingsanzugs betonte seine geneigte Haltung noch.

Henrietta ahmte mit Feuereifer jede Bewegung Taisirs nach. Bei ihrem hochroten Kopf fragte ich mich, ob sie mit ihren gut neunzig Kilo besser dran war als der gebeugte Mann neben mir. Aber im Gegensatz zu ihm besass Henrietta Biss, sie hielt bis zum Ende durch. Mir kam der Gedanke, dass Henrietta, falls ein Siedler aus Pisgot auf sie schiessen sollte, wahrscheinlich aus Erschöpfung tot umfallen würde, selbst wenn die Kugeln sie verfehlten.

Samira, Narzisstin durch und durch, ersparte sich die Schräglage, indem sie Taisirs Anweisungen komplett ignorierte. Sie stand in einer Ecke des Raums vor zwei Spiegeln, die im rechten Winkel aufeinander trafen, und war vollkommen hingerissen von ihrem Rhythmus und ihren Bewegungen. Vielleicht ging sie das Risiko, an dem Kurs teilzunehmen, nur ein, weil sie zu Hause keine riesigen, senkrecht zueinander stehenden Spiegel hatte. Wahrscheinlich hatte ihr Mann sie davon überzeugt, die grossen Spiegel im Fitnessstudio würden ihrem Narzissmus wesentlich besser gerecht als die kleinen und mittelgrossen Spiegel überall bei ihnen zu Hause.

Die wechseljahrsgeschädigte Vanouch war auf ihr hervorstehendes derrière und ihr Bäuchlein fixiert, und so blickte sie ständig mit ernster Miene in den Spiegel zu ihrer Linken. Hin und wieder tätschelte sie mit ihrer grossen Hand ihren Hintern. Ich wollte Vanouch nicht entmutigen, indem ich ihr jedesmal, wenn sie sich auf den Hintern klatschte, sagte, er würde nur fester und höher, je mehr sie trainierte. Stattdessen sagte ich immer: «Dein Bauch wird langsam besser.»

Bis auf einen jungen Mann und zwei jüngere Frauen, die ich für ziemliche Angeber hielt, war keiner der fünfzehn Kursteilnehmer, ich eingeschlossen, fit oder gut koordiniert.

Ehrlich gesagt hatte ich am Ende meiner ersten und letzten Aerobic-Stunde vollstes Verständnis für die Siedler von Pisgot. Wenn man unseren Kurs von weitem beobachtete, war es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, irgend jemanden – ganz zu schweigen von den stets misstrauischen Israelis – davon zu überzeugen, dies sei kein geheimes militärisches Ausbildungslager der Fatah, das man im Zuge der gewaltigen Anstrengungen der Israelis – und wahrscheinlich der Amerikaner – mit dem Ziel, «die Infrastruktur des Terrorismus lahmzulegen», beschiessen müsse.

Zum Abschied gab ich Penny und Vanouch einen Kuss.

Dann ging ich nach Hause, kuschelte mich auf mein Sofa und verwöhnte mich mit meinem mittelmässigen Rotwein.



Aus dem Englischen von Eva Kemper





Samira



Von Samiha Khrais





Sie wollten mir nicht erlauben, zum Brunnen zu gehen. Vater warf einen grässlichen Blick auf meinen Oberkörper. Die beiden lästigen Dinger brannten, die sich seit einiger Zeit auf meiner flachen Brust gebildet hatten. Mir war es peinlich. Ich lief puterrot an und schaute verunsichert an mir herab. Mein Kleid war an sich weit genug, doch Vaters Blicke durchbohrten das Tuch. Er war übel gelaunt und schnaufte wie eine verwundete Hyäne. Er würde sicher nicht nachgeben. Wir sassen unter dem ausladenden Feigenbaum und hatten gerade die kalte Makluba verdrückt.

«Bring mir das Wasser!» befahl er barsch.

Ich sprang die paar Schritte, um die Plastikkanne zu holen, und stolperte prompt über einen kleinen Stein. Auch Mutter war irgendwie durcheinander, obwohl doch mein Bruder, ihr verwöhntes Herzblatt, entspannt unter dem Baum lag und mit einem Zweig spielte, der abgebrochen herunterhing. Die Kanne wackelte etwas, als ich Vater das Wasser über die Hände goss, zwischen denen der grüne Seifenwürfel hin und her glitt. Es schäumte weiss, und ich liess das Wasser noch kräftiger fliessen, bis Vater den Schaum abschüttelte, als ob er mich und die Kanne loswerden wollte. Noch bevor ich mich bewegen konnte, reichte ihm Mutter das kleine Handtuch. Vater entriss es ihr förmlich, ohne einen Hauch von Dankbarkeit für diese liebenswürdige Fürsorge. Nach dem Essen wurde er immer noch unerträglicher, wie ein gefangenes wildes Tier, das sich langweilt und nicht recht weiss, wie es sich beschäftigen soll.

Als die Schar der Mädchen auf dem Weg zum Jadur-Brunnen bei uns vorbeikam, trat ich ein paar Schritte zurück. Ich fragte gar nicht mehr, ob ich sie begleiten dürfe. Mein Vater hätte also gar nicht so unwirsch auf ihren Gruss zu reagieren brauchen. Eine von ihnen versteckte ihr Gesicht im Arm einer anderen und prustete vor Lachen. Ich versteckte mich hinter Mutters weitem Umhang, einen Ausbruch stummen Weinens in der Brust. Lautlos, tränenlos, grundlos.

Plötzlich durchbrach ungewohnter Motorenlärm die Stille. Offenbar näherte sich ein Auto. Mein Bruder sprang auf. Vater legte sich die Abaja um, überprüfte deren Sauberkeit und strich mehrmals mit der Hand darüber, um sie zu glätten. Dann schritt er den Abhang hinauf, der uns vom Weg trennte, und beobachtete die Staubwolke, die dem Auto vorausging und folgte. Er hob winkend die Hand zum Gruss, wie immer bei Passanten. Das war seine besondere Art der Ritterlichkeit, wahrscheinlich Ausdruck seiner Langeweile und seines Wunsches, ein Gast möge uns bei unserem öden Herumsitzen Gesellschaft leisten.

Das Auto hielt direkt über uns.

«He, eine Frau, eine Frau...!» schrie mein Bruder, völlig entgeistert.

Vater streckte seinen Kopf ins Wagenfenster. Wir hörten seine Stimme. Sie überschlug sich förmlich. Dann ging die Tür auf, und Vater trat zurück. Aus dem Wagen glitt ein wohlproportionierter, zarter Fuss in einem Schuh mit schwarzen Bändern. Der Anblick dieses sonnenbeschienenen, leuchtendweissen Fusses raubte mir fast den Verstand.

Vater reichte der zu dem Fuss gehörigen anmutigen Dame den Arm und führte sie zu uns hinunter. Ihr Körper wippte und wogte, während sie über Stock und über Stein hüpfte.

«He, Frau, breite die Decke aus, wir haben Gäste.»

Mutter war wie vor den Kopf gestossen. Sie schüttelte die Decke aus, was mich in Stroh und Staub hüllte. Dann breitete sie sie ehrerbietig aus. Ein mürrischer Mann folgte der anmutigen Dame, die enganliegend bekleidet war – mit einem Rock, der fast aus den Nähten platzte, und einer Jacke mit einer roten Rose darauf, grösser als jede Rose, die ich je irgendwo hatte wachsen sehen. Sie bedeckte die ganze linke Seite der Jacke; die rechte war grün und unbestickt. Ausserdem trug sie eine Spitzenbluse, deren Borte aus der Jacke hervorschaute, die aber nicht die üppig wogende Brust dem Blick entzog. Im Gegenteil, bei jedem Schritt zeigte sie sich.

Mein Bruder wurde erst einmal taubstumm. Dann rannte er, den Befehlen meines Vaters Folge leistend, zur Kaffeekanne.

Der Mann, der einen Städteranzug trug, schien unschlüssig, wie er auf der Decke Platz nehmen sollte. Die anmutige Dame mit den farbigen Augen lachte laut. Ich konnte es nicht fassen. Und wie mein Bruder entschwebte auch ich aus dieser Welt.

«Ja was? Du kennst Frau Samira nicht?» fragte der Mann Mutter ganz familiär, als wäre er ihr Bruder.

Vater hatte offenbar nichts dagegen einzuwenden, dass ein Fremder das Wort an seine Frau richtete. Doch was Mutter, die Hand auf ihre Lippen gelegt, stammelte, blieb unverständlich.

«Frau Samira, Frau Samira Taufiq», wiederholte der Mann, offensichtlich indigniert.

Die sehr spürbare und sehr hörbare Frau lachte von neuem ziemlich schrill. Und von neuem konnte ich es nicht fassen. Meine Augen waren wie festgenagelt an ihren hellen, runden Fingerspitzen und ihrem blauen Ring, ausserdem an dem roten Lack, der ihre Nägel lang und spitz erscheinen liess. Mutter stiess mich an, doch ich rührte mich nicht. Der Mann, der sich nach einigen Mühen auf der Decke eingerichtet hatte, fragte:

«Ja, hört ihr denn keine Schlager? Geht ihr denn nicht ins Kino? Seht ihr denn nie Frau Samira?»

«Kino?!» wiederholte Vater völlig belämmert.

Diesmal war das Lachen der Berühmtheit etwas gedämpfter, und ich entspannte mich.

«Lass doch», sagte sie, «vergiss das Kino. Wir sind ja alle gute Freunde.»

Wie das gehen sollte, war mir nicht klar, aber ich fand es spannend, und die Farbe ihrer Fingernägel faszinierte mich total.

Als sie mir die Hand reichte, erstarrte ich. Sie strich mir freundlich übers Haar. Jetzt würde sie feststellen, wie dreckig es war, voller Strohreste und Staub. Ich war drauf und dran, in Tränen auszubrechen.

«Gefällt dir meine Maniküre?» fragte sie freundlich und liebevoll.

Ich merkte nicht, dass sie mit mir sprach. Ausserdem verstand ich das Wort Maniküre nicht. Als ich keine Antwort gab, hielt sie mir ihre Fingerspitzen hin.

«Hier, das, das ist Maniküre.»

Möglich, dass ich den Kopf bewegte, möglich auch, dass ich es nicht tat. Jedenfalls fuhr sie nochmals über mein verdrecktes Haar, und nochmals hätte ich am liebsten losgeheult. Dann griff sie nach der Tasche, die ihr über die Schulter hing, öffnete sie und holte ein kleines rotes Fläschchen von der Grösse eines Augenschminkebehälters heraus, schraubte es vorsichtig auf und griff nach meiner Hand. Diese zitterte zwischen ihren Fingern. Der Schmutz unter meinen Nägeln war deutlich und dunkel zu sehen. Sie rieb meine Finger sanft, und mit einem hauchzarten Pinselchen begann sie meine Nägel zu färben. Ich erstarrte völlig. Alles kam zum Stillstand, und ich war nicht mehr imstande, Luft zu holen. Ich sah nichts anderes mehr als nur das Pinselchen, das den roten Lack auftrug. Ich hörte nichts. Ich spürte nichts. Ich schwebte, wohin auch immer. Meine bebenden Finger verweilten für einige Minuten zwischen ihren Händen, und meine Nägel nahmen dieselbe Farbe an wie die ihrigen. Als sie fertig war, beugte sie sich noch tiefer herab und blies in aller Ruhe angenehm kühle Luft auf die Farbe. Mir liefen die Tränen über die Wangen.

«Was ist los mit dir, meine Hübsche?» rief Frau Samira überrascht. «Magst du die Maniküre nicht?»

Ihr Begleiter lachte.

«Mein Gott nochmal, wie soll die Kleine etwas von Maniküre wissen? Du hörst doch, sie war in ihrem Leben noch nicht mal im Kino.»

Mutter kochte Tee. Mein Bruder schenkte Kaffee ein. Vater strich unermüdlich sein Kopftuch und seinen Umhang glatt. Zwischendurch sprach er über Datteln und Trauben. Der fremde Mann erzählte ihm, warum die berühmte Frau Samira unserem winzigen Dorf die Ehre gab. Und ich wusste nicht, wie mir geschah.

Dann wogte Frau Samira wieder den Hügel hinauf. Vater stützte sie förmlich am Hintern. Mutter streckte ihm helfend die Hand hin und wäre dabei vor Eifer und Verlegenheit fast hingefallen. Mein Bruder drehte sich wie ein tanzender Derwisch auf dem Markt.

Eine Staubwolke ging dem Auto voraus und folgte ihm, während es unser Grundstück verliess.

«Gott der Allmächtige beschütze uns», stiess Mutter hervor.

Vater saugte verdriesslich an den Lippen.

«Wasch diesen Scheiss von deinen Händen.»

Er redete mit mir.

Ich sprang auf, rannte verängstigt zum Krug, goss etwas Wasser über meine Hände und rieb meine Finger, wodurch sie noch mehr strahlten. Mutter reichte mir Vaters Seifenwürfel. Ich versuchte es damit. Vater schnaubte, ich sollte ein bisschen Dampf machen, worauf ich mit aller Kraft schrubbte, aber die Nägel leuchteten noch immer. Mein Bruder schnappte meinen Arm und wütete erbarmungslos an meinen Händen, bis es mir weh tat und ich heulte. Da haute er mir auf die Schulter und rief:

«Das geht nicht weg, es ist wie Teer.»

Daraufhin verlangte mein Vater nach seinem Rasiermesser.

Mir liefen die Tränen übers Gesicht. Ich kämpfte wortlos mit mir, um die Haltung zu bewahren, die man mir andressiert hatte. Aber in dem Augenblick, als die scharfe Klinge des Rasiermessers auf meine Fingernägel traf, sie zu bearbeiten begann und dabei hin und wieder ein bisschen den Finger ritzte, verlor ich meine Beherrschung und stiess einen Schrei aus, der Mutter in Angst und Schrecken versetzte.

«Halt still und beruhige dich! Das macht ja nichts!» rief sie und hielt mich an der Schulter fest.

Samira kam und ging. Mir hinterliess sie nichts als zerkratzte Nägel, ein paar zerschnittene Finger und ein mehrfach geschlitztes Herz.



Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich





Hala Muhammad

Kurze Gedichte



i.

Weil du Miniaturen magst,

erschuf mich Gott

mit einem erstaunlichen Schönheitsfleck

auf der Wange.

Warum hast du mir dann noch nicht

das Kleid mit den Punkten geschenkt?



ii.

Der Mann, der mir seine Brust schenkt,

und dem ich meine fünf Sinne schenke,

stellt seit langem seine Brust

unter meinen Kopf

wie einen Korb.

Er weiss nicht,

dass ich seiner Brust

seit langem nichts als

einen Kopf gebe.



Aus dem Arabischen von Suleman Taufiq