Pazifik.
Das Meer der Inseln
![]() | Erscheint am: Ausgabe Nr: Dezember 2006 ISBN: ISBN: 3-03717-030-1 ISBN 13: 978-3-03717-030-4 Preis: Sfr. 20.- Preis: Euro 15.- Abo bestellen Einzelheft bestellen / in den Warenkorb |
Horizonte
07 – Istrisches Impromptu. Pater Macuka verkauft sein Haus. Von Richard Swartz
10 – Paris. Königsdramen. Die neue Fondation Vuitton. Von Valérie Duponchelle
11 – Basel. Getrommelte Melodien. Fritz Hauser. Von Thomas Meyer
13 – Sankt Petersburg. Blutendes Künstlerherz. Von Sabine Riedel
14 – Dublin. Pfahlbauer, Roter Pfeil. Mythos Schweiz. Von Martin Zingg
15 – Mailand. Zankapfel Scala. Von Dietmar Polaczek
16 – Interview. Georg Baselitz im Gespräch mit Wiebke Hüster
19 – Selbstgebrannt. Von Nadine Olonetzky
22 – Kabinett der Moderne. Martin Zellers «Five Pleasures». Von Leung Ping-Kwan
24 – Leserbriefe, Pressestimmen, «du» vor 50 Jahren
25 – Autoren, Fotografen, Künstler/Illustratoren
04 – Impressum
96 – Jahresübersicht. Inhaltsverzeichnis 2006, 66. Jahrgang
du 772 – Pazifik.
Das Meer der Inseln
26 – Ich sehe Fidschi in deinen Augen. Zwei Gedichte von Teresia K. Teaiwa - Nauru und Tuvalu in Fotografien von Jocelyn Carlin
28 – Vorgestellt: der Pazifik. Von Andreas Nentwich
30 – Wenn Tasmanische Teufel zu Sirenen werden. Von Andreas Langenbacher
35 – Das Meer flicht eine Girlande. Ein Gedicht von Pio Manoa
36 – Gebannt von Neptuns blauem Schlund. Von Felicitas Hoppe
38 – Winziges Utopia im Pazifik. Von Santi Hitorangi
42 – Das Elend der Phosphatinsel Nauru. Von Oswald Iten
45 – Sie und ihr Enkel. Ein Gedicht von Albert Wendt
46 – Floreana oder Des Schrecklichen Anfang. Von Rebekka Kricheldorf
52 – Wie die Meuterer der Bounty Land gewannen. Eine Geschichte aus Polynesien
53 – Typen wie Gauguin. Ein Gedicht von Selina Tusitala Marsh
53 – Afa-Nafanua. Ein Gedicht von Tusiata Avia
54 – Die Yupik-Eskimos. Fotografien Heidi Bradner, Text Jacqueline Schärli
64 – Die verlorenen Inseln des Pazifiks. Von Raoul Schrott
70 – Meuterei auf Pitcairn. Ein Gedicht von Selina Tusitala Marsh
72 – Auf Bambusstämmchen nach Amerika. Von Tim Severin
75 – Der gewundene Pfad zum Himmel. Von Epeli Hau’ofa
78 – Das graue Starren des Kugelfischs. Von James Hamilton-Paterson
79 – In ihrem Kielwasser. Ein Gedicht von Albert Wendt
80 – Alles in allem. Von Thomas Meinecke
85 – Nafanuas Schwester. Ein Gedicht von Tusiata Avia
86 – Zu Gast beim letzten Hawaiianer. Von Lukas Egli
87 – Für Luamanuvao Winnie Laban. Ein Gedicht von Karlo Mila
89 – Warum die Menschen sterben müssen. Eine Legende aus Melanesien
90 – Der Pazifik. Eine Chronik. Von Christian Kaufmann
92 – Karte von Ozeanien
Das Journal
99 – Ausstellungskalender
100 – Souvenir d’un mariage. Von Fanni Fetzer. Bild oculus
100 – Gäste im Haus
102 – Noch nicht gedrehte Filme. Von Jörg Kalt
103 – Lesen & Hören
104 – Ein Wochenende in Portbou. Von Beate Rothmaier
105 – Im Radio. Von Gerwig Epkes
106 – Bücherei. Von Jochen Jung
107 – Ein anderes Museum
107 – Das Wort
107 – Im Fernsehen
108 – Das Porträt
109 – Sélections: Ausstellungshinweise für Dezember und Januar
110 – Jahrestage
111 – Stehbar in der Bahnhofshalle
112 – Wissenswelt. Von Martin Rasper
113 – Katalog von Allem. Von Peter K. Wehrli
114 – Ausblick
Das Editorial
Vor Gauguin waren die anderen. Zum Beispiel der Pazifikforscher Louis Antoine de Bougainville, der dem Edlen Wilden Rousseaus zum empirischen Goldgrund verhalf. Sein Reisebericht kam 1771 gerade recht für aufklärerische Mystifikationen. Freie Liebe! rief Diderot und schob Bougainvilles sanfte Südseemenschen als Vorbild hin. Nachdem seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein Grossteil der ausgeräuberten Inseln in die politische Selbständigkeit entlassen wurde, bleiben die Faulenzer-Projektionen und Aussteiger-Visionen, platt wie eine Fototapete. Indes nimmt die Elite Ozeaniens die herabwürdigende Verklärung des pazifischen Menschen schon lange nicht mehr hin, komme sie von Reiseveranstaltern, ethnologischen Religionsstiftern oder aus der Hochkunst. Wenige Zeilen benötigt die junge Schriftstellerin Selina Tusitala Marsh, deren Vorfahren aus Samoa, Tuvalu und England stammen, für ihre Abrechnung mit «Typen wie Gauguin», der «seinen syphilitischen Körper» in die Tropen schaffte, um die «Unzivilisierten», die «reifen wie Papayas / am besten noch ganz jung / von herrlich festem Fleisch» studienhalber von den Bäumen zu pflücken. Ein Gedicht wie ein Messer. Gnadenlos in der Entlarvung verlogener Selbst- und Fremdbilder, mit allen Wassern der angloeuropäischen Moderne gewaschen. Und doch auch: Zauberklang.
Letzlich trifft das auf alle poetischen Texte zu, die dieses Heft versammelt: lockende Verwahrungen, an denen sich unsere postkolonialen, schuldbewusst-romantischen Geschichten noch einmal brechen. Der Raum, den die Dichtungen von Albert Wendt, Pio Manoa, Teresia K. Teaiwa, Tusiata Avia, Karlo Mila und eben Selina Marsh im Heft einnehmen, ist der schmale der Lyrik. Ihre literarische Qualität hingegen und ihr Gewicht für das kulturelle Selbstverständnis Ozea-niens sind eminent. Deswegen sei hier mit Nachdruck auf sie verwiesen. Die europäischen Geschichten stammen von James Hamilton-Paterson, Felicitas Hoppe, Rebekka Kricheldorf, Andreas Langenbacher, Thomas Meinecke, Raoul Schrott, Tim Severin, um nur einige zu nennen. Der Zauber, den ihre Erzähltexte verströmen, so reflektiert, verklärungsresistent, ja desillusionierend sie sind, ist der Nettozauber, der echte, nach Abzug aller Klischees.
180 Millionen Quadratkilometer Wasser über den Bergen und Canyons und Monstern der Tiefe, umgeben von Asien, Amerika, Australien. Im Norden und Süden das Eis, das, wie wir wissen, kein ewiges mehr ist. Von dem, wie wir fürchten müssen, eines Tages die Flut über die Eilande kommt. Wenn dieses Heft ein Lichtstreif auf Schrecken und Zauber des Pazifiks wäre und wenn es vermöchte, ein wenig Fremdheit zu schaffen, wäre es gut.
Andreas Nentwich
P.s: Ihre Meinung ist uns wichtig! Das Institut für Publizistik und Medienforschung der Universität Zürich (IPMZ) hat einen Fragebogen entwickelt, den Sie auf dieser Homepage finden. Wir würden uns freuen, wenn Sie ihm einige Minuten Ihrer Zeit widmen könnten.
Vier Texte aus dem Inhalt
Wenn Tasmanische Teufel zu Sirenen werden
Von Andreas Langenbacher
Tasmanien ist der Totenschädel aus der grossväterlichen Bibliothek, ist das Paradies, das auf dem Kopf steht. Zwanzig Jahre
träumt der Autor. Dann reist er hin und trifft auf Grindelwald.
«Das Wichtigste beim Reisen ist, auch das zu sehen, was man nur wahrnehmen würde, wenn man zu Hause geblieben wäre.»
(Michael Roes)
Meine Reise nach der Antipodeninsel Tasmanien fing vor gut vierzig Jahren an – in der Bibliothek meines Grossvaters mit
einer grossen Leselupe durch fünf Bände Weltall und Menschheit streunend. Beides, Lupe und Bücher, habe ich inzwischen geerbt,
als Andenken an einen imposanten Mann, der Rosenzüchter und Garnfabrikant war, auch Liebhaber von Seemannsgarn, und der
schnarchen konnte wie der liebe Gott. Meine Streifzüge durch die weite Welt kolorierter Stiche, skurriler Skizzen und
lebensechter Beilagen aus dem Weltwissen des 19. Jahrhunderts fanden meistens während Grossvaters Mittagsschlaf statt. Doch
leben sie noch heute fort, als exotische Sehnsucht, als diffuses Fernweh, durch keine Suchmaschine zähmbar und schon gar nicht
durch die real vernetzte Welt.
Ich erinnere mich an einen langweiligen Sonntagnachmittag, als ich mit der Lupe gebannt den Nähten eines Totenkopfes
entlangfuhr. «Schädel eines Tasmaniers» stand auf der Schläfe des aufklappbaren Schnittmodells. Wie aus einem Sarg war mir der
knochenfarbene Karton beim Durchblättern einer dieser opulenten Bände in den Schoss gefallen. Schon auf einer der folgenden
Seiten, zwischen denen dieses furchterregende Ding eingeklemmt war, fand ich den Stich, der mir Trost brachte: «Alte
Darstellung des Lebens der Ureinwohner Tasmaniens». Eine arkadische Landschaft mit einer wunderbar unverwundbar nackten
Grossfamilie darin. Athletische Männer, kleine Kinder, die sich an den Busen ihrer sanft dahingelagerten Mutter drängten. Und
ganz vorne am Bildrand waren die Fersen eines tasmanischen «Gegenfüsslers» zu sehen, der einen Sprung in einen Teich gewagt
hatte. – «Wenn er Kopf voran so weitertaucht, wird er eines Tages im Brunnen meines Rosengartens wiederauftauchen», hörte ich
meinen Opa aus seiner Siesta erwachend sagen.
Tasmanien: Das war für mich fortan dieser Totenschädel und dieses Paradies, vor allem aber jener Kopfsprung aus einer
unerreichbaren Ferne, die durch Himmel und Hölle auf dem direkten Weg zu uns führt. Und immer, wenn ich Grossvater beim Füllen
seiner unzähligen Giesskannen am Brunnen half, nahm ich mir vor, eines Tages den Sprung in die Ge-genrichtung zu wagen.
Obwohl diese Trauminsel später hinter lebenswichtigeren Dingen wie Fussball, Jimi Hendrix, Friedrich Hölderlin und einer
Liebe namens Silvia aus meinem Horizont verschwand, ging meine Reise ins Antipodenland weiter. Ganz unverhofft, gegen Ende
meines Studiums. In Grindelwald. Ich hatte mich im Ferienhaus meiner Schwester verbarrikadiert, um eine Arbeit zu schreiben,
deren Titel den entsprechenden Schreibstau schon in sich trug: «Langeweile und Imagination».
Tasmanien liegt an der Eigernordwand
Ich pirschte verzagt und weltverloren in diesem durch den Tourismus total dekonstruierten Ort herum, sah mir die berühmte
kleine Kirche an, den Bergsteigerfriedhof, wo auf
einem Grabstein geschrieben stand, was ich mir insgeheim, aber ohne entsprechende Anstrengung, wünschte: «Auf dem Gipfel
vom Blitz erschlagen». Ich spielte zuweilen auf einer grässlichen Anlage mitten im Dorf eine Partie Minigolf gegen mich selber
und war erbost, dass ich neben der Miete für den Schläger auch noch den von meinem Gegner in einem künstlichen Teich versenkten
Ball zu bezahlen hatte. Sonst sass ich träge auf einer Bank und schaute herablassend und neidisch den unbeschwerten japanischen
Touristen zu. Und hoffte insgeheim, doch noch den Dreh zu finden, um endlich beschreiben zu können, wie durch Immanuel Kants
Philosophie die Langeweile endogen und die Imagination zur Wirklichkeit wird.
So gingen die Tage öde und zähflüssig dahin. Bis ich an einem verregneten Nachmittag in einem Schaufenster ein Buch stehen
sah: Abel Tasman: Logbuch meiner Reise zur Entdeckung des unbekannten Südlands 1642–1644.
Und nun wurde ich endlich meinem Thema gerecht – zumindest lesend. Während Tagen sass ich mit dem Buch im niedrigen
Wohnzimmer des umgebauten Bauernhauses, fuhr in meiner Holzkajüte von Batavia nach Mauritius, drehte gegen Osten ab und
entdeckte vom Indischen Ozean in den südlichen Pazifik vorstossend die Gestade Tasmaniens, welche ich aus der Ferne mit
sicherer Hand als gebirgige Horizontlinie abzeichnete und nach meinem Auftraggeber Van-Diemens-Land taufte. Und weiter führte
meine Fahrt nach Neuseeland, den feindlichen Gesängen der Maoris entgegen, dann nach Norden zu den friedlichen Tonga- und
Fidschi-Inseln, bevor ich wieder zu Hause in Batavia eintraf. Aber nicht etwa, um für meine todesmutigen Erkundungen und
Entdeckungen in Ehren empfangen zu werden, sondern um vor der Holländischen Ostindien-Kompanie, welche mich ausgeschickt hatte,
in Ungnade zu fallen, weil es weder von Reichtümern noch von neuen Handelspartnern zu berichten gab. – Ich blieb mein Leben
lang verkannt.
Da war er, der Retter aus meiner eigenen Flaute, der Antipodenheld, der mich nur ab und zu aus seinem Logbuch aufblicken
liess, am noch heute ständig «Veränderliches Wetter» anzeigenden Barometer vorbei durchs Fenster zur Eigernordwand hin.
Der deprimierende Berg war mir längst zur fantastischen Landkarte geworden, und dessen vereiste Grate, die ich ab und zu
durch den Feldstecher verfolgte – hatten sie nicht eine gewisse Ähnlichkeit mit den Nähten meines Tasmanischen Schädels? So
stieg das sagenhafte Südland ausgerechnet an der Nordwand wieder vor mir auf.
Endlich: der Gegensprung
Erst gut zwanzig Jahre später, ich hatte mich mit Ach und Krach durchs Leben geschlagen, auch sonst keine grossen
Entdeckungen gemacht, war nicht zum athletischen Gegen-, sondern eher zum schmalbrüstigen Kopffüssler geworden, wachte ich
eines Morgens auf und mir war klar: jetzt oder nie! Ich musste den Sprung in die reale Gegenwelt wagen und den letzten und
kürzesten Abschnitt dieser schon x-mal unter den Nähten des eigenen Schädels antizipierten Fahrt nun endlich hinter mich
bringen. Ich hatte am Abend zuvor eine mit Infrarot aufgenommene Dokumentarsendung über den Tasmanischen Teufel gesehen, und in
meinem Traum fing dieses kleine nachtaktive Biest, anstatt wie im Film böse in die Kamera zu fauchen, plötzlich sirenenhaft zu
singen an. Eine Art Arie, die auf eine unverständliche, aber umso betörendere Weise nicht nur meine Erlösung, sondern die
Lösung aller Welträtsel versprach. Zumindest drüben im Traum.
Also stieg ich in Bern in den Zug, wechselte in Zürich ins Flugzeug, ass in Kuala Lumpur eine Portion Transitnudeln und in
Melbourne einen warmen Apple Pie, döste dann auf dem Liegesessel einer schlingernden Fähre vor mich hin und kam rechtzeitig in
der kleinen Hafenstadt Devonport an. Rechtzeitig für den ersten richtigen Sonnenaufgang über Tasmanien! Ich blinzelte benommen
und staunte, wie wenig abenteuerlich diese Expedition von einem Weltende ans andere verlaufen war. Eine Reise, die weniger
Spuren hinterliess als der weit in die Vergangenheit reichende Vorsatz, sie zu unternehmen. Eher eine Spedition, die über 14
Längen- und 10 Breitengrade führte, gut dreissig Stunden dauerte, aber mit einem verfuhr, als wäre überhaupt nichts geschehen.
Doch eines hatte ich nun für immer kapiert: Die Erde ist rund, endlos, endlich und indifferent. Die sogenannten Weltenden sind
längst zum gut verwalteten Paradox geworden, das inflationär immer dort seinen Anfang nimmt, wo man sich gerade befindet. Und
diese transzendentale Idee sollte nun auch von mir als einmaliges Angebot in der Aussenwelt aufgesucht werden?
Papageien auf Tannen
Aber was nützte diese Einsicht? Nichts! Nach Ankunft auf dem Antipoden hat man wie eh und je als erstes die Bodenhaftung
und den aufrechten Gang zu erproben, das philosophische Problem der Ausrichtung von Himmel, eigenem Scheitel und Erde, sei es
nach Aristoteles, Plinius oder Augustinus, am eigenen Leibe zu erfahren. Ich zog es vor, erst einmal nach den Angaben meines
«Lonely Planet»-Reiseführers zum kleinen historischen Leuchtturm hinauszuspazieren, während mein Mietauto bereitgestellt wurde.
Dabei fuhr mir die aromatisch reine Luft wie eine Droge in die Lungen und auch das Licht hatte plötzlich die Intensität eines
Flashbacks aus psychedelischen Zeiten. Und schon stellte ich mir leicht belämmert vor, ich sei zu Fuss an diesen Rand der Welt
gelangt, so wie er als Südland oder Terra Australis Incognita auf meinen alten Karten der afrikanischen Ostküste und dem
Binnenmeer des Indischen Ozeans entlang von Europa aus auf dem Landweg zu erreichen war. Dann erfand ich eine noch
abenteuerlichere Variante und meinte, mich in der vormenschlichen Welt an die äusserste Ostspitze des Urkontinents Gondwana
vorgewagt zu haben, als die Kontinentalplatten von Indien, Madagaskar, Australien Neuseeland und Tasmanien noch nicht gegen
Osten ab-gedriftet, sondern tektonisch mit Afrika zusammengeschweisst waren.
Waren das nun Jetlag-Epiphanien? Nein, schon mein erster Spaziergang bewies, hier schienen die Zeiten, Himmelsrichtungen,
die Flora und Fauna tatsächlich wild durcheinander geworfen: Papageien sassen auf Nadelbäumen und Nadelbäume standen neben
Palmen, es blies ein antarktischer Wind, dann stach die Sonne wieder tropisch zwischen tief ziehenden Wolken hervor. Und es gab
nur wenige Menschen. Die sassen schon am späteren Vormittag untätig in ihren Autos und schauten wie durch die Gitter einer
Zelle sehnsüchtig aufs Meer hinaus. Zum Kopfsprung bereit? Vielleicht. Aber die zerklüfteten Basaltplatten am Ufer, auf welchen
archaische Zeichen der ausgerotteten Ureinwohner eingraviert waren, sprachen eher dagegen. Und nun stand auch schon der
Vollmond mit wie noch nie deutlich sichtbaren Kratern, Graten und Nähten mittags neben der Sonne.
Zurück vom Leuchtturm, stand mein kleiner Hyundai-Mietwagen bereit. Er trug mich nun tapfer und treu sieben Tage lang fast
ohne Gegenverkehr, aber seitenverkehrt über die Insel: über satte Wiesen, auf welchen, als wären sie soeben durch Gottes Hand
auf ein riesiges Tischtuch ausgestreut, Schafe und Rinder weideten, durch Wälder mit immensen Eukalyptusbäumen und mit
urwüchsigen Farnen, so gross, dass sich dahinter ein Tyrannosaurus Rex verbergen könnte, über Berge, die auch noch im späten
Frühjahr mit Rauhreif gepudert waren, durch abgeholzte Öden, düstere Täler mit mäandernden Flüssen und panisch daraus
aufspringenden Fischen. Und doch, auch mit schwerer Erde unter den Rädern schien diese Insel in einer Art Horizontflucht immer
weiter zurückzuweichen. War meine Ankunft nur zu Fuss zu erzwingen?
So lief ich verlassene Steilküsten entlang zu unzähligen Leuchttürmen, sah in alle Himmelsrichtungen aufs bleierne Meer
hinaus, pirschte durch Wälder noch nie gehörter Vogelklänge und legte mein Ohr an erratische Felsen.
Aber auch jetzt blieb alles auf eine merkwürdige Art versetzt, sich selber entzogen, so wie auch die Stimmen der wenigen
Menschen, mit denen ich sprach, immer schon durch den Wind vom Körper, nein, vom Gedanken, gekappt zu sein schienen. So führte
mich meine Reise wie in Trance weiter, über Stanley nach Queenstown, dann Hobart, zur Blackman Bay, wo mein Antipodenheld
geankert hatte, schliesslich gegen Norden der Oyster Bay entlang über Swansea, St. Helena und zurück.
Am vorletzten Tag, schon wieder die Richtung nach Devonport einschlagend, riss ich unvermittelt das Steuer herum und fuhr,
als wäre ich kurz aufgeschreckt, dabei aber nur in einem neuen Traum erwacht, dem Pfeil eines Wegweisers nach. Eine kleine
gewundene Strasse führte steil einen Hügel hinauf ins schon dämmerungsblaue Abendlicht, dann ging es an einem gelb
aufblitzenden Warnschild vor nachtaktiven Tasmanischen Teufeln vorbei, und schon parkte ich meinen Wagen mit weit aufgerissenen
Augen auf einem Dorfplatz ein – zwischen einer kleinen Kirche und einem Minigolfplatz.
Am Tamarhorn in Grindelwald
Der Ort, an dem ich meine letzte Nacht auf Tasmanien verbrachte, hiess Grindelwald. Er war, wie ich beim Abendessen im
Restaurant Alpenrose unter einem von der Decke hängenden Alphorn und mit dem Blick auf eine Reihe bayrischer Bierhumpen auf dem
Kaminsims erfuhr, vor etwa zwanzig Jahren von einem ausgewanderten Holländer gegründet worden. Als Nachbild seiner
unvergesslichen Ferien in der Schweiz.
Mein Schlaf auf einer heizbaren Matratze des Swiss Village Hotels war traumlos und tief. Am Morgen spazierte ich bei
Sonnenaufgang über den Dorfplatz am Chocolate Shop, der Village Bakery und den putzigen Swiss Chalets vorbei, bestieg einen
künstlich aufgeworfenen Berg namens Tamarhorn und sah erst jetzt, hinter der Kirche lag ein Teich. Ich ging hinunter und stand
vor einem schwarzen Schwan. Er schien auf der spiegelglatten Wasserfläche zu schweben und blickte gebannt auf einen hellen
Gegenstand am Grund des Sees, als wäre es sein gesunkenes Ei. Während er eine seiner kurzen, aber erhabenen Runden schwamm,
beugte ich mich tollkühn übers Wasser, sah mir ungläubig in die Augen und schnappte mir das weisse Ding. Es war ein kleiner
harter Ball, auf dem «Minigolf Grindelwald» geschrieben stand. Ich steckte ihn ein und trat meine Heimreise an.
selina tusitala marsh
Typen wie Gauguin
Danke Bougainville
dass du sie jung wünschtest
so konnte ein Typ wie Gauguin träumen
dann seinen syphilitischen Körper
stromabwärts in die Tropen schaffen
seine künstlerische Hypothese prüfen
dass die Unzivilisierten
reifen wie Papayas
am besten noch ganz jung
von herrlich festem Fleisch
sie baumeln wie goldene geschlossene Knospen
und brüten Nymphomanie aus
für Typen wie Gauguin
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
und Peter Torberg
tusiata avia
Nafanuas Schwester denkt
an Nafanua in London
Stellt euch meine Szenen hier vor: dürr,
fleischlos, glamourös wie Glibber.
Sie führt in London ihr eigenes Leben
als Akrobatin oder Begleitung sehr
reicher Zwerge
trinkt mit Black-Lion-Jungs und echten
jamaicanischen Queen’s-Head-Jungs
(die mit den Gummimasken ignoriert sie:
Saddam und Ali G).
Ich arbeite in einer Bücherei, nicht mal
einer Stadtbücherei, sondern einer über
Amphibienfahrzeuge
aus dem Zweiten Weltkrieg.
Eine Bücherei für alte Männer.
Alte Männer mit lebenden Gänsen unter den Jacken.
Alte Männer mit Scheiteln wie die Flügel
ihrer Gänse, wenn die fliegen könnten.
Sie geht auf Märkte, wo Männer
rosaflauschige Teile verscherbeln
und bündelweise Kochbananen, und sagen
Gib mal deine Nummer Schätzchen
ohne die Lippen zu bewegen.
Ich hasse Lippen.
Ich hasse Gänseflug im Schnee
Ich wünschte, ich könnte mir Flugzeug-
lollys in den Mund stopfen.
Ich wünschte, ich hätte einen Liebhaber.
Ich wünschte, sie würde im Rampenlicht
landen wie ein Wombat, nein,
kein Wombat
hässlicher, weniger exotisch, so etwas
wie Porridge oder Schimmel oder
eine alte Damenbinde.
Ja, eine alte Damenbinde, das
wünschte ich mir, sollte sie sein.
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
und Peter Torberg
Das unablässig graue Starren des Kugelfischs
Von James Hamilton-Paterson
Ein Leichtes, den sterbensalten Monsterfisch zu erlegen. Der wahre Kampf beginnt, anders als bei Moby Dick, erst nach dem
Tod des Tiers. Es ist ein Kampf mit dem Gewissen.
In einer mondlosen Nacht (es dürfte 1989 gewesen sein) war ich, wie üblich, in den Gewässern vor dem philippinischen Dorf,
das meine zweite Heimat geworden ist, speerfischen gegangen. Ich trug eine einfache Schwimmflosse, hatte eine simple
Taschenlampe dabei, die mit einem Gummischlauch wasserdicht gemacht war, und eine selbstgebastelte Harpune. Keine
Sauerstoffflasche, kein Schnorchel, nur kurzes Auftauchen, um die Lungen vollzupumpen. Ich hatte diese Aktivität etwa acht
Jahre zuvor kennengelernt, als ich vierzig Jahre war, nach den Massstäben der Einheimischen also schon recht alt, jedenfalls
viel zu alt, um in einer Variante der Jagd Erfolg zu haben, die man schon als Kind lernen muss. Doch ich erwarb so viel
Kompetenz, dass ich mich selbst ernähren konnte und in guten Nächten genug fing, um sogar etwas verschenken zu können. Nach
einem solchen Ausflug waren mein Begleiter und ich mit mehreren Kilo Fisch Beute an Land gegangen. Als wir uns einer Gruppe von
Dorfbewohnern näherten, die am Strand erwartungsvoll um ein Lagerfeuer hockten, hörte ich eine Frau auf Tagalog sagen:
«Jammerschade, dass er nicht verheiratet ist. Viele Frauen im Dorf könnten einen Mann gebrauchen, der statt Bierflaschen Essen
nach Hause bringt.» Da stieg ein absurder Stolz in mir auf, und heute denke ich beschämt, dass ich sogar den lässigen Gang
eines erschöpften, aber triumphierenden Jägers angenommen haben könnte.
Doch in jener schwarzen Nacht des Jahres 1989 hatte ich kein Glück. Nach fast zwei Stunden erfolglosen Tauchens war ich
müde, und meine Taschenlampenbatterien wurden immer schwächer. Es war noch früh, und am Strand konnte ich Kinder sehen, die im
Schein des Feuers umherliefen, während die Erwachsenen miteinander plauderten und tranken. An meiner Leine hatte ich zwei junge
Ziegenfische, die ich normalerweise als zu klein verschmäht hätte, in dieser Nacht aber mit der Bedenkenlosigkeit des
Frustrierten erlegt hatte. Alles Essbare war besser als nichts, hatte ich mir gesagt. Ich schwamm in Richtung Ufer. Natürlich
war es nicht ehrenrührig, ohne Beute zurückzukehren. Jeder wusste, dass es gute und schlechte Nächte gab, und das gequälte
Eingeständnis Ay, walang huli! trug einem mitfühlendes Lachen ein.
Tatsache war aber, dass die besten Jäger immer etwas nach Hause brachten, selbst wenn es nur ein paar kleine Tintenfische
waren, die sie aus den Korallen gepult hatten.
Doch da, im letzten Moment, sah ich den Kugelfisch. Diese Tiere sind hier recht verbreitet: träge Geschöpfe von einer so
beeindruckenden Hässlichkeit, dass man sie verschont. Das ist ein Grund. Ausserdem können sie sich, wenn sie erschrecken oder
verletzt sind, wie Ballons aufblasen, und das ist das letzte, was der Speerfischer gebrauchen kann. Vor allem lässt man sie
aber deshalb in Ruhe, weil diese Angehörigen der Gattung Tetraodontidae (so genannt nach ihren vier vorderen Zähnen) extrem
giftig sind. Ihre Eingeweide und Geschlechtsdrüsen enthalten das nach ihnen benannte Alkaloid Tetraodotoxin. In Japan haben nur
sehr wenige Köche in spezialisierten Restaurants die Lizenz, fugu zuzubereiten, das begehrte und teure Fleisch dieser
Kugelfische. Doch trotz aller Vorsicht kommt es jedes Jahr zu Todesfällen, so dass der Verzehr dieser Delikatesse einer Art
Russischem Roulette gleichkommt. Normalerweise hätte ich diesem trägen alten Burschen also nur das Beste gewünscht und mich auf
den Heimweg gemacht.
Von Saulus zu Paulus
Doch er war wirklich ein Monster, selbst wenn man bedenkt, dass unter Wasser alles grösser wirkt. Die meisten Kugelfische
sind etwa 30 Zentimeter lang – dieser mass mindestens 60 Zentimeter. Im trüben Schein meiner Taschenlampe sah er unendlich alt
aus, die weit auseinanderstehenden Augen milchigtrüb. Können Fische eigentlich Grauen Star bekommen? Ich streckte eine Hand aus
und strich ihm über den Kopf. Er erschrak nicht, und im ersten Moment fragte ich mich schon, ob er vielleicht tot war. Doch
dann bewegte sich eine seiner Flossen ganz träge. Offensichtlich lebte er also. Und nun begann der Kampf in mir. Einen
gewöhnlichen Kugelfisch mitzubringen brachte nicht viel Ehre ein, da sie leicht zu erlegen waren und nur wenige Dorfbewohner es
riskieren würden, sie zu essen. Aber gute Jäger waren diejenigen, die aussergewöhnliche Fische fingen, und dieser war ein
ungewöhnliches Exemplar. Ausserdem wusste ich, dass der Bruder eines Freundes, der zu jener Zeit im Dorf wohnte, im Ruf stand,
sich in der Zubereitung dieser Tiere auszukennen.
Doch der wahre Kampf war der mit meinem Gewissen. Mir hatte es noch nie Spass gemacht, Fische zu töten, obwohl ich die Jagd
meist spannend gefunden hatte. Mit den Jahren hatte ich festgestellt, dass ich immer weniger Lust hatte, meinen persönlichen
Beitrag zur Dezimierung der Küstenfische zu leisten, denen Dynamit- und Zyanidfischer ohnehin schon arg zusetzten. Aber in
dieser Nacht, als ich dem ehrwürdigen alten, womöglich sterbensalten Burschen über den Kopf strich, stellte ich fest, dass mein
Körper eine Entscheidung traf, gegen die mein Verstand nicht laut genug rebellierte. Ich begann, meinen Speer genau auf das
Hirn des Fisches zu richten, wissend, dass bei sofortigem Tod und ohne innere Verletzungen gute Aussicht bestand, dass sein
Gift nicht in die Blutbahn und in den ganzen Körper gelangen würde.
Fast ängstlich schoss ich aus nächster Nähe, so dass meine Harpune tief zwischen den beiden Augen eindrang. Der Kugelfisch
machte langsam das Maul auf, aber soweit ich sehen konnte, war dies das einzige körperliche Anzeichen seines Todes. Mit seinen
trüben Augen schien er mich noch immer durch das Glas meiner Maske hindurch zu fixieren. Vor allem aber pumpte sich mein Opfer
nicht auf. Trotzdem war es nicht einfach, ihn an Land zu bekommen. Er schien eine Tonne zu wiegen, was aber vielleicht nur an
meinem schlechten Gewissen lag, das auf mir lastete. An einer seichten Stelle löste ich verstohlen den Knoten am Ende meiner
Leine, um die beiden Ziegenfische herunterzunehmen, als würde diese eine Trophäe dadurch noch interessanter und nicht das
Ergebnis einer frustrierten Aktion in letzter Minute. Die beiden toten Fische trieben davon, kleine Geschöpfe, unnötig geopfert
auf dem Altar meiner Eitelkeit.
Noch verwerflicher war, dass ich das Staunen der Leute genoss, die herbeigelaufen kamen, um einen so grossen Kugelfisch zu
bewundern. Ein paar erinnerten sich an ähnlich rare Exemplare, «aber das war in der alten Zeit». Der Fisch wurde im Triumph zum
Haus meines Freundes getragen, wo dessen Bruder im flackernden Schein von Öllampen die heikle Operation durchführte, bevor der
Fisch über einem Holzkohlenfeuer gegrillt wurde. Nicht jeder war bereit, das Fleisch zu essen, aber wer genug Vertrauen (oder
die nötige Unbekümmertheit) besass, bezeichnete das Fleisch als exquisit. In einem letzten Akt der Feigheit an jenem Abend
weigerte ich mich, davon zu kosten. Ich ging in meine Hütte, angewidert von mir, dass ich der braven Kreatur, die ich um der
öffentlichen Anerkennung willen getötet hatte, nicht einmal die Chance gab, sich zu rächen.
Der klägliche Tod dieses Geschöpfs führte einen Sinneswandel in mir herbei. Fortan machte es mir nichts mehr aus, mit
leeren Händen aus dem Meer zu steigen. Ich wurde extrem wählerisch, verzichtete auf die schlafenden Fische im Riff, allzu
leichte Opfer, und versuchte mich stattdessen an den schwierigeren Sorten im offenen Meer, dem Pompano und natürlich dem
Tintenfisch, die selbst in diesem überfischten Archipel reichlich herumschwimmen. Heute, nach meinem letzten Besuch 2005, habe
ich die Harpune endgültig an den Nagel gehängt. Angesichts des weltweiten massenhaften Abschlachtens der Meerestiere sind, so
sage ich mir, selbst meine stümperhaften Jagdversuche nicht mehr zu vertreten, obwohl die Fische bei meinem mittelmässigen
Geschick in einer mir fremden Unterseewelt immer gute Überlebenschancen hatten.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork


