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Andrea Camilleri, Krimiautor.
Eine Spurensicherung in Sizilien

Erscheint am:
Ausgabe Nr:
November 2006

ISBN: ISBN: 3-03717-028-X ISBN 13: 978-3-03717-029-8

Preis: Sfr. 20.-

Preis: Euro 15.-
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Horizonte
07 – Istrisches Impromptu. Schwiegermutter backt Strudel. Von Richard Swartz

10 - Lenzburg. Eine Ausstellung stellt die Gretchenfrage. Von Jacqueline Schärli

10 – Paris. Schicker Kitsch: «Le Chanteur de Mexico». Von Andreas Kläui

11 – Castasegna. «Denklabor» der eth im Bergell. Von Sibylle Severus

12 – Hamburg. Wer ist der Mann, der Hamburg neu baut? Von Vito Avantario

14 – New York. Vom Kulturkonsum in der Konsumkultur. Von Sacha Verna

14 – Bukarest. Die unendliche Geschichte einer Kathedrale. Von Matthias Schultz

15 – Wien. Die Wiederkehr des Verdrängten. Von Christiane Zintzen

16 – Interview. Die Künstlerin Alison Lapper im Gespräch mit Daniele Muscionico

19 – Selbstgebrannt. Von Tom Combo

22 – Kabinett der Moderne. Natascha Ungeheuers «Menschen im Flur». Von Kerstin Hensel

24 – Leserbriefe, Pressestimmen, «du» vor 50 Jahren

25 – Autoren, Fotograf, Künstler/Illustratoren

04 – Impressum






du 771 Andrea Camilleri.
Eine Spurensicherung in Sizilien

26 - Porto Empedocle im Sommer. Ein Fotoessay. Von Reto Camenisch

28 - Der Bummelzug. Exklusiv geschrieben für «du». Von Andrea Camilleri

30 - Er wollte nicht, dass Italien vor die Hunde geht. Warum Andrea Camilleri sein längstes Interview gab. Von Saverio Lodato

34 - Der sizilianische Bänkelsänger – eine Chronik. Dem Sizilianer fällt immer eine Geschichte ein. Und noch eine. Und noch eine. Von Jacqueline Schärli

46 - Der Schriftsteller als politische Autorität. Camilleri tritt selten auf. Aber wenn, hat er Italien Ernstes zu sagen. Von Dietmar Polaczek

50 - Das lästige Heimweh nach Sizilien ist angeboren. Eine Reportage aus Andrea Camilleris Heimat. Von Gerhard Mumelter

54 - Die Mafia lebt, und wie. Das Mittelalter im Kopf von Professoren und Wirtschaftskapitänen. Von Francesco La Licata

58 - Commissario Brunetti von Nebenbuhler erdrosselt. Nirgendwo sonst gibt es so viele Krimiautoren wie in Italien. Von Maike Albath

64 - Montalbano, Gourmet mit messerscharfem Verstand. Italiens berühmtester Polizist. Ein Porträt. Von Jacqueline Schärli

68 - Demokratie gegen Diktatur, die ewige Geschichte. Platons Versuch, Siziliens Herrscher Gerechtigkeit zu lehren. Von Wolfgang Heyder

74 - Andrea Camilleri schreibt und schreibt. Eine Werkliste






Das Journal
75 – Ausstellungskalender

76 – Souvenir d’un mariage. Von Walter Schnieper. Bild oculus

76 – Gäste im Haus

78 – Noch nicht gedrehte Filme. Von Jörg Kalt

79 – Lesen & Hören

80 – Ein Wochenende in Colmar. Von Thomas David

81 – Im Radio. Von Gerwig Epkes

82 – Bücherei. Von Irene Ferchl

83 – Ein anderes Museum

83 – Das Wort

83 – Im Fernsehen

84 – Das Porträt

85 – Sélections: Ausstellungshinweise für den Monat November

86 – Jahrestage

87 – Stehbar in der Bahnhofshalle

88 – Wissenswelt. Von Martin Rasper

89 – Katalog von Allem. Von Peter K. Wehrli

90 – Ausblick






Das Editorial


Der Fototermin ist vorbei, Andrea Camilleri entspannt sich und nötigt uns zu einem Bier. Er selbst trinkt keins. «Ich trinke nur morgens, um in Schreiblaune zu kommen», sagt er und grinst. «Deshalb denken alle, ich lebe abstinent.» Wir sitzen in seiner hellen römischen Zweitwohnung in der Zona Balduina. Er nennt sie Hollywood, weil er alle Fotografen dorthin bestellt. Das Haus gehört ihm; in der Wohnung über ihm wohnt eine Tochter, in der Wohnung unter ihm wohnt eine Tochter, in der Mitte wohnt er. Manchmal. Meist ist er in seiner anderen Wohnung gegenüber von RAI, dem staatlichen Fernsehsender, unten im Zentrum, in Prati. Dort lebt er mit seiner Frau Rosetta, dort schreibt er seine Bücher und dort treffen sich fast jeden Tag alle drei Töchter. Eine dritte Tochter wohnt gleich nebenan. Noch nie, sagt Camilleris Assistentin Valentina, habe sie eine Familie mit so viel Zusammenhalt gesehen.

Es muss das Sizilianische sein. Andrea Camilleri hat seine Insel vor fast fünfzig Jahren verlassen, aber im Geist und im Herzen ist er Sizilianer geblieben, gebürtig aus Porto Empedocle, einem Städtchen im Süden der Insel, nahe bei Agrigent. Eine fruchtbare Gegend. Ihr entstammen auch Luigi Pirandello und Leonardo Sciascia.

Auch Andrea Camilleri gilt als Instanz in Italien. Obwohl er selten auftritt. Seit er RAI, wo er jahrelang Produzent und Regisseur war, verlassen hat, schreibt er. Sein Commissario Montalbano hat den Unermüdlichen wohlhabend gemacht und Camilleris historischen Büchern den Weg geebnet. Die Kritik an den Regierungen verpackt Camilleri gern in Fabeln, er liebt das sizilianische Spielen mit Worten und die Ironie sowieso.

Trinken darf er nicht mehr, essen auch fast nichts mehr; nur das Rauchen hat er sich noch nicht nehmen lassen. Er drückt die Zigaretten zwar nach drei, vier Zügen aus – nur um sich gleich danach eine neue anzuzünden. Der 81jährige lässt sich die Laune nicht verderben. Kürzlich, erzählt er mit Schalk in den Augen und seinem tiefen Lachen, das alle Besucher so verzaubert, kürzlich sei er also von Rom nach Lugano geflogen, um einen alten Freund zu besuchen. In einem kleinen Flugzeug. Er war der einzige Passagier. Nach einer Weile winkte er die Stewardess heran. «Ich muss rauchen», sagte er. Sie zuckte bedauernd die Achseln: Rauchverbot. «Ich weiss», sagte er, «aber ich muss jetzt rauchen.»

Sie brachte ihm einen Aschenbecher.

Ein «du» über einen weisen alten Mann, über Sizilien und die Mafia auch, über den Kriminalroman und andere Wahrheiten und über die uralte Antithese von Geist und Macht.



Jacqueline Schärli und Camille Schlosser






Zwei Texte aus dem Inhalt
Der Schriftsteller als politische Autorität

Von Dietmar Polaczek



Welches Gewicht in der Politik hat die Stimme eines Schriftstellers? Es scheint, dass der Tod des Rechtsphilosophen Norberto Bobbio im Januar 2004, der ungeheures Gewicht als das politische Gewissen der Nation hatte, ein Vakuum hinterliess, das einige Intellektuelle der nächsten Generation auszufüllen trachten. Andrea Camilleri hat seit dieser Zeit zunehmend die Rolle des ursprünglich eindeutig links profilierten Mentors gespielt. Camilleri, neben Umberto Eco ohne Zweifel im In- und Ausland der bekannteste Schriftsteller Italiens, aber wegen seiner Kriminalromane zweifellos populärer als Eco, ist da in vieler Hinsicht ein atypischer Fall. Zunächst sei an zwei Voraussetzungen erinnert, die von Schriftstellern nicht gerne thematisiert werden, weil sie Schriftsteller (und Künstler ganz allgemein) in Frage stellen.

Erstens: Wem die Vorsehung die Kunst des Schreibens schenkte, hat damit keinesfalls auch gleich moralische Integrität erworben, und auch nicht unbedingt politischen Durchblick. Man denke nur an berühmte Fälle wie Ezra Pound oder Jorge Luis Borges, oder gar an den nazifreundlichen Herzmanovsky-Orlando. Zweitens: Ein Schriftsteller kann seine Publikumswirkung weder vorhersehen noch gar steuern –die Öffentlichkeit misst ihn nach ihren Massstäben, und die «breite» Öffentlichkeit hat dafür das Massband der Banalisierung. Auch Andrea Camilleri – man kann nicht sagen: erleidet, sondern – geniesst ein ähnliches Schicksal. Die grösste Breitenwirkung (vier Millionen Auflage allein im deutschen Sprachraum) hat die Reihe seiner Kriminalromane mit dem Helden Salvo Montalbano erreicht. Die Reihe, in der sich Camilleri, als der Erfolg des ersten Montalbano-Bandes eintrat, am willigsten der tüchtigen Verlegerin Elvira Sellerio, den Marktgesetzen und den Mechanismen der Wiederholung und Stereotypisierung gebeugt hat. Als er im März dieses Jahres zugab, der letzte Montalbano-Roman liege schon in der Schublade des Verlegers und er werde den Kommissar verschwinden lassen, ohne zu verraten wie, brach über ihn eine gewaltige Medienwelle der Neugier herein.

Er fragte zurück: Gibt es denn in Italien zur Zeit nichts Ernsteres, an das man zu denken hätte?

Tatsächlich: Er hat Ernsteres zu sagen. Als politischer Kommentator ist Camilleri – wie Umberto Eco oder Luigi Malerba – Nutzniesser seiner literarischen Berühmtheit. Eine Art Umwegrentabilität. Die Urteile von Literaten, seien sie fundiert oder nicht, haben in der Fernsehwelt die von Fachautoritäten zu verdrängen begonnen.

Erste Hypothese: Camilleri wird als politischer Beobachter und Beurteiler beachtet, weil er vom Fernsehen kommt, als Regisseur, Autor und Drehbuchschreiber.

In Italien ist längst, und nicht erst seit Berlusconi, die Videokratie ausgebrochen. Politiker, die ihre Standpunkte nicht mit häufiger Präsenz im Fernsehen verteidigen, müssen Polaritätsverlust befürchten, politische Moderatoren wie Bruno Vespa scheinen mehr Macht zu haben als Regierungspressesprecher oder Staatssekretäre und verdienen ein Vielfaches. Einschaltquoten und damit plakative Vereinfachungen bestimmen zunehmend die Politik. Man weiss spätestens seit den sowjetischen Fotofälschungen der dreissiger Jahre, dass der Satz «Ein Bild sagt mehr als tausend Worte» gelogen ist. Er muss lauten: «Ein Bild lügt mehr als tausend Worte.»

Die Hypothese enthält einen Widerspruch: Denn Camilleri opfert gerade nicht tagtäglich dem Bildschirm. Er, der Fernsehprofi, tritt im Fernsehen eher selten auf – er schreibt, in «La Stampa», in «L’Unità», in «La Repubblica», in der «New York Times». Und er schreibt wie wild. Seine Produktivität, gemessen am Ausstoss von Büchern, an Einführungen zu Büchern anderer, hie und da verstreut erscheinenden Geschichten und Zeitungsartikeln ist ungeheuer. Camilleri selbst nährt den Mythos, er habe spät, nach dem Ende seiner Regielaufbahn, zu schreiben begonnen. Die Bibliografie zeigt ein völlig anderes Bild.

Zweite Hypothese: Camilleri wird beachtet, weil er, zunächst in seinen Büchern, den Krimis zuvörderst, die typischen Kriterien des Hofnarren erfüllt. Er macht Spass. Er sagt die Wahrheit, ohne allzu sehr weh zu tun. Der Souverän, also das Volk, schätzt es, wenn man ihm eine Medizin gibt, die nicht bitter schmeckt. Ausserdem verschafft er in seinen Büchern, die in der Präzision der Abbildung einer Gesellschaft haushoch über dem «genau recherchierten» Lokalkolorit anderer Krimiautoren stehen, die Illusion, es handle sich ja «bloss» um Literatur. Er selbst hat – und das erklärt auch seine Kompetenz in der politischen Analyse – von sich gesagt, er könne die Zeichen-Codes seiner, der sizilianischen, Gesellschaft lesen. Das verschafft ihm die unbestreitbare Authentizität. Sogar noch dort, wo er Elemente zur Kunstfigur stilisiert, etwa in seinem erfundenen Sizilianisch, einer Parallele zu Carlo Emilio Gaddas künstlichem pseudorömischem Dialekt.

Camilleri beantwortet in «Micromega», der Zeitschrift für Philosophie und Politik, die Fragen wirklicher Kriminalpolizisten. War-um, fragen sie, bleibt Montalbano ewig in Vigàta? Wer bei seinen Ermittlungen auf intoccabili, auf unangreifbare Spitzen der Wirtschaft und Politik, stösst und «Ärger macht», wird in den «Elefantenfriedhof» befördert: mit vielen Komplimenten für seine Tüchtigkeit und dem Versprechen einer glänzenden Laufbahn ins Innenministerium geholt, ohne präzise Aufgabe, und damit kaltgestellt. Oder er wird durch einen arrangierten Unfall, in den spektakulären Fällen durch ein Bombenattentat, auf den wirklichen Friedhof befördert. Camilleri gibt zu: «Eines Salvo Montalbano hätte man sich beinahe sofort entledigt. Aber wir sind im Bereich der Märchen, nicht wahr?»

Die Wirklichkeit ist anders. Er weiss es.

Im April kommentiert er in der «New York Times» und in der «Stampa» die Gefangennahme des Mafia-Bosses Bernardo Provenzano, der 43 Jahre latitante, also verborgen und «unauffindbar», gelebt hat, aber es geschafft hat, mit einem falschen Pass zu einer Operation nach Frankreich zu reisen, verheiratet ist, Kinder gezeugt und sie ordnungsgemäss in die Schule geschickt hat. Camilleri weist auf das stillschweigende Einverständnis der Lokalpolitiker mit der Mafia hin und wiederholt, was hier jeder weiss: «Morto il papà, se ne fa un altro.» Wenn der Papst gestorben ist, wählt man den nächsten. Die Mafia wird erst wirklich effektiv bekämpft werden, wenn sich der politische Wille dazu gebildet hat – aber indirekt gibt er (so in La linea della palma) den Skeptikern recht: Das Phänomen einer paralegal organisierten Gesellschaft und der organisierten Kriminalität als Staat im Staat breite sich langsam, aber sicher aus. Die scheinbar untergegangene alte Democristiana habe in Sizilien zwar den Namen, nicht aber die Politik und die Strategien geändert.

Dritte Hypothese: Die Literatur lebt vom Exemplarischen ihrer Figuren. Von Camilleri über den früheren Star-Staatsanwalt («Mani pulite») und jetzigen Bautenminister Antonio Di Pietro, über den Journalisten Marco Travaglio (Der Geruch des Geldes, 2001, eine nicht autorisierte Bestsellerbiografie Silvio Berlusconis) bis zum Philosophen Paolo Flores D’Arcais, dem Herausgeber von «Micromega»: alle fanden sie in Berlusconi den exemplarischen «Feind», das Gegenbild zu den Werten, die eine demokratische und humane Gesellschaft zu verwirklichen trachtet.

Vierte Hypothese: Tagespolitik und die Kommentare dazu ändern sich schnell, die Wirkung verpufft. Die Transformation von Gesellschaftskritik in Literatur schwächt vielleicht deren kritische Wirkung ab, doch gewinnt sie dafür einen Langzeiteffekt. Zum Besten, was den Wahlkampf überdauern wird, gehören Camilleris satirisch moralisierende Fabeln: «Dieci favole ‹politicamente scorrette›», zuerst veröffentlicht in «Micromega». Ob die italienische Gesellschaft auf ihrem Weg des ethischen Verfalls umkehren wird, hängt nicht von einzelnen ab, weder vom Tartuffe, der den Niedergang begünstigt, noch von der warnenden Kassandra. Die Zeichen stehen schlecht.





Er wollte nicht, dass Italien vor die Hunde geht

Von Saverio Lodato



Commissario Montalbano bestückte die Bestsellerlisten, aber Andrea Camilleri als sein Autor stand auf dem Index. Da war es Zeit für diesen, seine Meinung zu sagen, ohne sich diplomatisch zu verrenken.

Bei der Fülle an Büchern, die Andrea Camilleri geschrieben hat, bei dem grossen Erfolg der Filme mit seinem legendären Commissario Montalbano und dem regen Interesse, das er seit einem Jahrzehnt in Italien geniesst, braucht man sich nicht anzumassen, noch etwas Neues, Unbekanntes, Unveröffentlichtes über den sizilianischen Schriftsteller schreiben oder berichten zu können. Warum noch über Andrea Camilleri schreiben? Über diesen Schriftsteller, den die Italiener so lieben und der im Ausland einer der bekanntesten lebenden italienischen Autoren ist, vielleicht der bekannteste überhaupt? Ich habe zwar keine besonderen Anekdoten über das Leben des Schriftstellers aus Porto Empedocle oder aufregende Enthüllungen zu bieten, aber ich weiss, dass der Schlüssel zu der scheinbar widersinnigen Entscheidung, doch über ihn zu schreiben, allein im Titel des Interviews in Buchform liegt: La linea della palma. Wenn wir anhand dieser «Palmengrenze» als Masseinheit beurteilen wollen, wozu sich Italien in den letzten Jahren entwickelt hat, müssen wir eindeutig feststellen, dass Camilleri ein kleines Wunder gelungen ist. Nämlich der vorrückenden Palmenlinie Einhalt zu gebieten, einen Damm zu bauen, den diese Linie der Kompromisse nicht überspringen konnte, diese Grenze der mafiaähnlichen Mentalität, die – wie der junge Leonardo Sciascia in einem wenig bekannten Gedicht einst treffend schrieb – durchschnittlich fünfhundert Meter im Jahr vom Süden aus nordwärts wanderte.

Doch aufgepasst: Es handelt sich nur um eine Verlangsamung, nicht etwa um einen abrupten Halt und schon gar nicht um einen Rückzug. Freilich ist das immerhin etwas. Die Palme hinkt. Die Palme hat ihre Wanderung verlangsamt. Ein unverbesserlicher Optimist könnte sogar glauben, die Palme bliebe stehen. Dafür gibt es Gründe.

Als Camilleri und ich im Jahr 2001 unsere Gespräche führten, steckte Italien mitten im Berlusconi-Rausch mit all seinen negativen Begleiterscheinungen wie Werteverfall, Verherrlichung des schlimmsten Egoismus, Schlechtmachen jeglicher Form sozialen und gesellschaftlichen Engagements. Ein geschmackloses, arrogantes Italien, das seine Geschichte, seine Wurzeln, das Erbe seiner Gründer aus den Augen verlor. Von «Mopedmoral» sprach Camilleri in einem Interview, das er mir, kurz vor Beginn der Arbeit zu unserem Buch, für die Tageszeitung «L’Unità» gegeben hatte. Er meinte damit die Angewohnheit, sich überall durchzumogeln und sich um Ampeln, Fahrtrichtungen, Vorfahrtsregeln oder gar Fussgänger nicht zu scheren. Alles war denkbar. Es drohte ein Italien aus lauter kleinen Schlaumeiern, geschützt durch massgeschneiderte Gesetze, von unten und von oben. Ein hässliches, ein elendes Italien. Es wäre ganz normal geworden, sich Gesetze zurechtzubasteln, die unangreifbar und unantastbar machen und für Straffreiheit sorgen. Man dachte über ein Arrangement mit der Mafia nach. Man gestattete Steuerhinterziehern, ihre Schuld mit ein paar lumpigen Euro zu tilgen. Man fand es ebenfalls normal, illegal ausgeführtes Kapital für ein paar lumpige Euro wieder ins Land zu bringen. Man liess sämtliche Bausünden zu. Der Ministerpräsident persönlich (Berlusconi) bezeichnete Richter und Staatsanwälte als «genetisch abartig». Leute, die über Leichen gingen, waren mit einem Mal Opfer. Unbequeme Journalisten wurden fristlos entlassen, auch die besten, die wir in Italien hatten, wie zum Beispiel Enzo Biagi. Die Regierungsmehrheit demontierte Stück für Stück die republikanische Verfassung, die Opposition wurde daran gehindert, sich zu äussern, und einfach ignoriert. Die neuen Barbaren aus Padanien konnten als Parlamentsabgeordnete der Lega Nord ihren Rassismus austoben. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen. Dieses Italien also bildete den Hintergrund für unsere Gespräche.

Camilleri war zu der Zeit bereits sehr bekannt, das «Phänomen Camilleri» war in vollem Gange und bescherte der Verlagsbranche ausserordentliche Erfolge. Doch welche Ironie des Schicksals: Den Lesern der Polizeiabenteuer von Commissario Montalbano blieb verborgen, was sein Schöpfer dachte. Montalbano bestückte die Bestsellerlisten, aber Camilleri stand auf dem Index. So wollte es die grosse Medienmaschinerie, so wollte es der grosse B., der wie der grosse M. (Mussolini) einen kokettierenden Umgang mit Intellektuellen pflegte. Doch als Mussolini von Curzio Malaparte um die Veröffentlichung seiner Bücher gebeten wurde, antwortete er genervt, er stehe nun mal auf dem Index und da bleibe er auch.

Wenn überhaupt, dann besteht mein einziges persönliches Verdienst darin, dass ich Camilleri eines Tages im Juli 2001 besucht und ihm gesagt habe, es sei an der Zeit, so manchem Theaterheiligen des italienischen Verlagswesens, manchem Zeitungsherausgeber, der sein Fähnchen nach dem Wind hängt, manchem politischen Fernsehkommentator die Meinung zu sagen, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen oder sich sonstwie diplomatisch zu verrenken. Ich wollte ihn anspitzen. Ich wusste, dass er als junger Mann Kommunist gewesen war, aber nicht, ob er es immer noch war. Doch ich vermutete, dass ihm dieses hässliche, elende Italien missfiel.

Natürlich hatte ich nicht die leiseste Ahnung, wie er reagieren würde. Es wäre völlig legitim gewesen, nicht auf meinen Vorschlag einzugehen. Schliesslich war er nicht verpflichtet, sich mit mächtigen Institutionen anzulegen, die ihn hofierten und hätschelten und alles taten, um ihn für sich zu gewinnen. Doch zu meinem grossen Glück schien Camilleri nur auf die passende Gelegenheit gewartet zu haben.

Als ich ihm meine Idee darlegte, ähnelte er einem Kater, der sich angesichts einer üppigen Portion gebratener Fischchen die Schnurrhaare leckt. Er schloss die Augen halb und grinste. Er hörte zu, ohne ein Wort zu sagen. Während des ganzen «Gesprächs» sagte er kein Wort. Als mir dann nichts mehr einfiel, um meinen Vorschlag zu untermauern, erhob er sich langsam aus seinem Sessel und begleitete mich an die Tür.

Er blieb auf der Schwelle stehen. Ich rief den Aufzug, und als ich wieder zu Camilleri trat, sagte ich schüchtern: «Ich habe das Gefühl, das interessiert dich gar nicht.» Und er: «Lass uns Anfang September darüber reden.» Aber ich wollte nicht im Ungewissen bleiben und es auch nicht bei diesem förmlichen Abschied belassen. Ich drängte ihn: «Bitte sag’s gleich, wenn du nichts davon hältst.» Und er: «Wenn ich sage, du sollst dich Anfang September melden, dann meine ich das auch so.» So nahm die Geschichte ihren Anfang. Wir sprachen tagelang miteinander in seiner Wohnung in Rom und seinem Haus in Porto Empedocle. Das Buch entstand. Die grossen Zeitungen schwiegen sich darüber aus. Das Buch fand dennoch viele Leser.

Heute ist Italien im Begriff sich zu verändern, zaghaft zwar, und man sollte auch nichts beschreien. Aber es ist gewiss nicht mehr das Italien des Cavaliere B.

Diese kleine Veränderung ist auch Andrea Camilleri und seinem Mut zu verdanken, den er mit La linea della palma bewiesen hat. Er wollte nicht, dass Italien und die Italiener untergehen. Italien und die Italiener sollten die Kraft finden, sich zu wehren. <



Aus dem Italienischen übersetzt von Christiane von Bechtolsheim






Ein Text aus Horizonte
«Wie hast du’s mit der Religion?» Die Ausstellung «Glaubenssache» im Stapferhaus in Lenzburg

stellt die Gretchenfrage



Von Jacqueline Schärli



Das Aargauer Ausstellungshaus, das unter dem Co-Leitungsteam Sibylle Lichtensteiger/Beat Hächler immer wieder auffällt mit seiner Art, Kernthemen der Gesellschaft klug und originell umzusetzen (die Ausstellungen «Autolust», «Strafen» oder «Last minute» zu Sterben und Tod sind noch in guter Erinnerung), eröffnet pünktlich zu Allerheiligen eine Schau zur Glaubenslandschaft Schweiz.

Wer hinein will, muss sich für eine Türe entscheiden: gläubig oder ungläubig? Schon hier fängt die Diskussion an: «Die meisten fanden, wir bräuchten eine dritte Türe», sagt Sibylle Lichtensteiger. «Aber genau die gibt es nicht.» Wer die Ausstellung betreten will, kommt um ein Bekenntnis nicht herum. Mit ihrem persönlichen Datenstick «gläubig» oder eben «ungläubig» checken die Besucher also ein in die Glaubenslandschaft Schweiz. Auf grossen Bodenplatten ist dargestellt, worüber man eigentlich diskutiert: Knapp 80 Prozent der in der Schweiz lebenden Menschen sind christlichen Glaubens, weitere 15 Prozent gehören keiner Religion an oder geben diese nicht bekannt, und auf die restlichen 5 Prozent nur verteilen sich die übrigen Weltreligionen Islam, Judentum, Hinduismus und Buddhismus.

Auf einem dreiflügeligen Altar erzählen neun Gläubige und Ungläubige aus ihrem Alltag mit oder ohne Gott. Die neun führen durch die Ausstellung und sind ausgesprochene Sympathieträger. «Es war wichtig, dass sie einem sympathisch sind, auch wenn man ihre Glaubenspraxis ablehnt. So folgt man ihnen in Gefilde, die einem sonst die eigenen Vorurteile verbauen würden», sagt Lichtensteiger. Denn wir glauben zwar alle; an Gott, an eine höhere Macht, an Allah, an eine Energie, die alles durchströmt, oder an das Paradies auf Erden. Aber immer weniger glauben das Gleiche.

Als das Stapferhaus-Team vor zwei Jahren das Thema auf seine Agenda setzte, war die Kopftuchdebatte in den Anfängen. In der Zeit, in der die Ausstellung wuchs, drängte sich die Religion sowohl als Konflikt wie als Event in die Medien: Karikaturenstreit und Papstwahl, Dalai Lamas Besuch in der Schweiz und Minarettdebatte. «Wir verstehen uns als ein Haus, das Themen setzt, nicht aufgreift», sagt Lichtensteiger selbstbewusst. Es habe deshalb eine Zeit gegeben, wo sich das Team fragte, ob es die Ausstellung noch machen wolle. Meinungen abzubilden war nie die Intention. «Wo Schlagzeilen und Thesen die Politik und die öffentliche Debatte beherrschen, wollen wir eher verunsichern. Uns dünkt es spannend, in Wertefragen eben nicht zu werten. Wir wollen die Besucher ambivalent zurücklassen.» Was die eigenen Werturteile bedeuten im Vergleich zu denen der anderen, erfährt der Besucher ohnehin am Schluss. Dann wird sein Datenstick, den er zwischendurch immer wieder gefüttert hat, ausgewertet. «Gläubig» oder «ungläubig» steht dann schwarz auf weiss. Beziehungsweise bunt auf bunt. Wie die Glaubenslandschaft eben ist.



28. Oktober bis 29. April 2007, www.stapferhaus.ch




Volontariat


Das «du» sucht eine Volontärin, einen Volontär. Sie sind ideenreich, neugierig, genau und belastbar, Sie haben Organisationstalent und Sie haben Freude an Themen im Kulturbereich und darüber hinaus. Redaktionelle Erfahrung ist von Vorteil, aber nicht Bedingung. Arbeitsort ist Zürich, und frei wird die Stelle per 12. Februar 2007. Ihre Bewerbung mit Textproben, falls vorhanden, richten Sie bitte bis 8. Dezember 2006 an Frau Nicola Steiner, «du» Verlags AG, Holbeinstrasse 31, 8008 Zürich. Bitte nur Bewerbungen per Post, keine e-Mails. Auskunft über die Stelle erteilt gern die jetzige Volontärin, Kristin Seebeck.