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Die Mauer.
Niemandsland Palästina

Erscheint am:
Ausgabe Nr:
September 2006

ISBN: ISBN: 3-03717-027-1 ISBN 13: 978-3-03717-027-4

Preis: Sfr. 20.-

Preis: Euro 15.-
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Horizonte


07 – Istrisches Impromptu. Vater Macukas Seele ist weiss. Oder taubengrau. Und Nino bilanziert den Sommer zum ersten Mal allein. Von Richard Swartz

10 – Paris. Wilde Kerle im neuen Museum der «Arts premiers». Von Andreas Kläui

10 – Kairo. Lindenstrasse am Nil. Von Susanne Schanda

11 – Im Netz. Fotobörse und hohe Schule für Knipser: flickr.com. Von Luisa Francia

12 – London. Ein Club für schwule Reggae-Fans. Von Hanspeter Künzler

12 – Berlin. Strassenkampf der Zeichen. Von Phuong Duong

13 – Autoren, Fotografen, Künstler/Illustratoren

14 – Interview. Der Autor Alaa al-Aswany im Gespräch mit Susanne Schanda

17 – Selbstgebrannt. Von Andreas Kläui

20 – Kabinett der Moderne. Tintorettos «Abendmahl». Von Norbert Niemann

22 – «du» vor 50 Jahren

22 – Leserbriefe, Pressestimmen

04 – Impressum






du 769 – Die Mauer. Niemandsland Palästina


24 – Provisorium aus Stahl und Beton. Wie sich die Mauer ins Land frisst. Eine fotografische Dokumentation. Von Kai Wiedenhöfer

25 – Anschlag in Tel Aviv. Von Katharina Hacker

26 – Beschreibung der Mauer. Von Andreas Nentwich

28 – Die zweite Katastrophe des palästinensischen Volkes. Wie Israel mit seiner Mauer Millionen Menschen die Würde nimmt. Von Amal Kreishe

35 – Der Limes. Von Andreas Lüthi

35 – Gated Communities. Von Andreas Kläui

36 – Wie siamesische Zwillinge aneinander gekoppelt. Frieden kann es nur mit einem demokratischen Palästinenserstaat geben. Von Lea Fleischmann

43 – Die Berliner Mauer. Von Nicola Steiner

44 – Ausgegrenzt von der Mauer, eingesperrt in Traditionen. Am härtesten trifft der Sperrwall die palästinensischen Frauen. Von Hadeel Rizq-Qazzaz

48 – Das Warschauer Ghetto. Von Andreas Lüthi

50 – Wer andere aussperrt, errichtet sich selbst das Ghetto. Gedanken einer Jüdin aus Jerusalem über Mauern und Menschenfurcht. Von Alice Shalvi

53 – Stadtmauern. Von Andreas Nentwich

54 – Im Kreislauf der Gewalt. Israels Politik der vollendeten Tatsachen und die Wut eines Volkes ohne Land. Chronik einer Eskalation. Von Victor Kocher

59 – Die Chinesische Mauer. Von Andreas Nentwich

61 – Troja. Von Kristin Seebeck

69 – Bodenerhöhungen. Von Camille Schlosser

69 – Die Mauer gegen Mexiko. Von Jacqueline Schärli

70 – Stichworte zum Nahostkonflikt. Von Nicola Steiner

72 – Übersichtskarte zum Mauerverlauf. Von Lena Huber

73 – English Summary. Zusammenfassung der Texte von Amal Kreishe, Lea Fleischmann, Hadeel Rizq-Qazzaz und Alice Shalvi. Von Rafaël Newman




Das Journal


75 – Der Ausstellungskalender

76 – Souvenir d’un mariage. Von Peter Schwaar. Bild oculus

76 - Gäste im Haus

78 – Noch nicht gedrehte Filme. Von Jörg Kalt

79 – Lesen & Hören

80 – Ein Wochenende in Hildburghausen. Von Tilman Spreckelsen

81 – Im Radio. Von Gerwig Epkes

82 – Bücherei. Von Elke Heidenreich

83 – Das Wort

83 – Ein anderes Museum

83 – Im Fernsehen

84 – Das Porträt

85 – Sélections: Ausstellungshinweise für September

86 – Jahrestage

87 – Stehbar in der Bahnhofshalle

88 – Wissenswelt. Von Martin Rasper

89 – Katalog von Allem. Von Peter K. Wehrli

90 – Ausblick








Das Editorial


Während dieses Heft entsteht, sterben Menschen unter den Geschossen der kriegführenden Parteien: im Libanon, im Gazastreifen, im Norden Israels. Als wir es planten, war noch kein Krieg. Es gab einen Konflikt und es wuchs sein Symbol, die Mauer. Betonplatten, Maschenzäune, Gatter: Mit der Wucht des Faktischen trat das Symbol uns entgegen aus den Fotografien von Kai Wiedenhöfer, die nun Seite um Seite den thematischen Teil durchziehen.

Ihrer schweigenden Härte und der Sprache der Falken, dokumentiert in einer Chronik des israelisch-palästinensischen Konflikts, haben wir vier Texte von Menschen entgegengesetzt, die mit der Mauer leben müssen. Vier Frauen, zwei Palästinenserinnen, zwei Israelinnen. Sie sind Autorinnen, Lehrende, Friedensaktivistinnen. Wir haben ihre Positionen nicht abgefragt – und keine hat von uns wissen wollen, in welcher Gesellschaft sie schreibt. So war das Unternehmen für alle Beteiligten ein Abenteuer, die Teilnahme eine Vertrauensleistung. Eine Tendenz war nicht vorgesehen, die Relationen, die sich am Ende herstellen, entsprechen vermutlich denen im Meinungsbild der Weltöffentlichkeit. Es ist gut und richtig, dass auch hier die Leiden der Palästinenser im Mittelpunkt stehen, verständlich, dass der harte Selbstbehauptungskurs der militärischen Grossmacht Israel, dessen Fläche ungefähr der des deutschen Bundeslandes Hessen entspricht, einmal mehr in die Kritik gerät. Aber es sei daran erinnert, aus Gründen der Gerechtigkeit, nicht der Rechtfertigung, dass es in der arabischen Welt Staaten und fanatisierte Massen gibt, die Israel und seine Bevölkerung bedenkenlos ausrotten würden, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten: «One bomb country» – es gehörte nicht viel dazu.

In einem der Beiträge dieses Heftes wird Konstantin Kavafis’ Gedicht «Mauern» zitiert: «Und hier sitze ich nun ohne Hoffnung. / Ich denke nur an das eine, wie dieses Schicksal den Verstand mir / verzehrt.» So wie dem «aus der Welt gemauerten» Subjekt des Gedichts geht es den Ein- und Ausgemauerten Palästinas – im Gazastreifen, im Westjordanland, in Israel – und uns allen, die wir ratlos vor ihren Schicksalen stehen.



Andreas Nentwich



Am 12. September um 19 Uhr wird dieses Heft im Rahmen eines Podiumsgesprächs im Literaturhaus Basel vorgestellt. Lea Fleischmann, Lutz Rathenow und Kai Wiedenhöfer werden unter der Moderation von Reinhard Meier, Nahostexperte der NZZ, über «Macht und Ohnmacht von Mauern» diskutieren. Barfüssergasse 3, ch-4051 Basel, Tel. 061 261 29 50, www.literaturhaus-basel.ch






Zwei Texte aus dem Inhalt
Ausgegrenzt von der Mauer, eingesperrt in Traditionen.

Am härtesten trifft der Sperrwall die palästinensischen Frauen



Von Hadeel Rizq-Qazzaz



Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich Anfang 2002 zum ersten Mal von der Mauer hörte. Ein Freund von mir, Mitarbeiter einer NGO, hatte das nördliche Westjordanland bereist, vor allem die Stadt Qalqiliya, nachdem viele Bewohner dieser Region von der schrecklichen Mauer berichtet hatten, von der sie eingeschnürt werden sollten, die den Lebensunterhalt erschweren und sie vom Zugang zu Feldern und Wasser abschneiden werde. Nach seiner Rückkehr begann er zu recherchieren und stiess auf weitere Informationen über die israelischen Pläne. Diese Erkenntnisse stellte er im Rahmen eines kleinen Workshops vor. Wir waren sprachlos und wütend, konnten uns aber nicht recht vorstellen, was die Mauer in der Praxis für uns bedeuten würde. Erst später, als die Mauer immer näher rückte, reagierten auch in Ramallah die Leute. Als die ersten Zementplatten in der Nähe des Checkpoints Qalandia errichtet wurden und die Mauer sich wie eine gigantische Schlange um Jerusalem zu winden begann, wurde auch uns der Ernst der Lage restlos klar. Die Mauer schuf konkrete, kaum mehr rückgängig zu machende Fakten und rückte die mögliche Zwei-Staaten-Lösung in weite Ferne, sie wirkte sich auch auf den Alltag der Menschen aus.

In den Jahren der zweiten Intifada, die im Jahr 2000 begann, haben sich viele Palästinenser in ihren Dörfern und Städten zuletzt wie eingeschlossen gefühlt. Durch die vielen permanenten oder zeitweiligen Kontrollpunkte oder andere Massnahmen des israelischen Besatzungsregimes, schliesslich durch die Mauer. Die Folge ist, dass sich unser «Land», der «nationale Befreiungskampf» und das Leben überhaupt auf die Städte, Dörfer, in vielen Fällen das jeweilige Wohnviertel beschränkt. Eine kollektive palästinensische Anti-Mauer-Bewegung ist so niemals wirklich entstanden. Abgesehen von vereinzelten Grossaktionen, besonders in den Dörfern bei Ramallah (etwa Belieen und Beit Sira), kam es auf der palästinensischen Seite nur zu lokalen Protesten. «An unserem Protest haben sich mehr ausländische Solidaritätsgruppen und israelische Friedensaktivisten beteiligt als Palästinenser aus anderen Dörfern und Städten», brachte eine Frau in Beit Sira das Problem auf den Punkt. Ich beschloss, ihm auf den Grund zu gehen. Dazu musste ich zuerst das Gefühl des Eingesperrtseins überwinden, musste ich Ramallah verlassen, mir die Mauer aus der Nähe ansehen und mit anderen Frauen darüber sprechen, welche Auswirkungen sie auf ihr Leben hat.

Ich fuhr auf die Dörfer bei Ramallah und sprach mit den Frauen. Mein erster Eindruck war, dass mehr passiert, als in den Medien berichtet wird. Für diese Frauen war die Mauer der Mittelpunkt ihrer Aktionen, ihres täglichen Kampfes. Die Mauer ist eine Fortsetzung der Unterdrückung, die sie erleiden. Tagtäglich sind sie mit dieser neuen Realität konfrontiert. Die Frauen beteiligten sich nach dem Freitagsgebet an der friedlichen Demonstration, weil sie verhindern wollten, dass auch der Rest ihres normalen Lebens von der Mauer zerstört wird. Es war ihre einzige Hoffnung, die Mauer nicht nur aufhalten, sondern vielleicht auch zu Fall bringen zu können.

Umm Muhammad, eine stolze Frau aus Betunia, erzählte mir von ihrer Auseinandersetzung mit einem israelischen Soldaten, der sie daran hindern wollte, ihre Ziegen zurückzuholen, die, angelockt vom grünen Gras, die militärische Sperrzone betreten hatten. Mit den Worten «Die Weide ist mein Land, die Ziegen haben schon immer hier gegrast», schob Umm Muhammad den Soldaten beiseite. Er konnte sie nicht aufhalten, aber sie weiss, dass es beim nächsten Mal anders sein wird. Vielleicht wird ein anderer Soldat sie erschiessen, wie andere Dorfbewohner, selbst Kinder, die nicht mehr auf ihren Spielplatz konnten. Andere Frauen berichteten mir von friedlichen Demonstrationen in ihren Dörfern, von den Jugendlichen, die versucht hätten, ihre Väter vor Gummigeschossen und Tränengas zu schützen, von ihren Männern, die erschossen oder nachts verhaftet wurden, weil sie an der Demonstration teilgenommen hatten. Für die Frauen, getrieben von der Sorge um ihre Familien, ist der Kampf eine emotional erlebte Realität.

Zugleich macht sich eine wachsende Hilflosigkeit bemerkbar, das Gefühl, in einem langen, ungleichen Kampf allein dazustehen. In Betunia sagten mir die Frauen: «Es ist aussichtslos. Selbst wenn wir protestieren und unsere Söhne erschossen oder verhaftet werden – die Mauer wird weitergebaut.» Eine Frau sagte: «Sieh nur, was in Belieen passiert, dort findet jede Woche eine Demonstration statt, an der israelische Friedensaktivisten und Vertreter ausländischer Solidaritätsgruppen teilnehmen, aber den israelischen Besatzern ist das doch egal. Sie halten an ihren Plänen fest.» Und eine andere Frau: «Wir haben protestiert und alles versucht, aber es hat nichts gebracht. Acht Monate hatten wir tägliche Auseinandersetzungen mit der Armee. Die Mauer wird weitergebaut. Wir haben alle Hoffnung verloren. Wir fühlen uns allein gelassen in einem Kampf, der unsere Möglichkeiten übersteigt.»

Die israelische Besatzungsmacht behindert systematisch diesen Kampf. Jedes Dorf, jede Stadt steht einer starken und aggressiven Militärpräsenz allein gegenüber. Das hat vor allem dazu geführt, dass kein kollektiver nationaler Kampf gegen die Mauer geführt wird.

Frauen sind von der Mauer weit stärker betroffen als jede andere gesellschaftliche Gruppe. Abgeschnitten von Land und Wasser, haben sie die Hauptverdienstmöglichkeit ihrer Familien verloren. Ihre Männer kommen nicht mehr zu ihren Arbeitsplätzen in Israel, ihre Kinder haben keinen Zugang mehr zu Schulen und Spielplätzen. Und die Bewegungsfreiheit von Frauen wird noch zusätzlich durch die Tradition eingeschränkt.

Als ich morgens in Beit Sira ankam, stand Souad mit ihren fünf Kindern am Strassenrand, und dort stand sie noch immer, als ich das Dorf am Nachmittag wieder verlassen wollte. Über die angebotene Mitfahrgelegenheit nach Ramallah war sie sehr froh. Die Kinder quetschten sich hinten in mein Auto. Und ich hatte die Gelegenheit, ihre Geschichte zu hören. Souad hat ihre Eltern, die in Beit Hanina bei Jerusalem wohnen, seit sechs Monaten nicht mehr besucht. Nach der Errichtung der Mauer, sagte sie, seien die Verbindungen ins Dorf immer unregelmässiger und teurer geworden. Sie habe es sich einfach nicht leisten können, zu ihren Eltern zu fahren, aber heu-te müsse sie ihren Sohn ins Krankenhaus bringen. Das einzige Krankenhaus, das aus finanziellen Gründen in Frage komme, sei das UNRWA-Spital in Jerusalem. Alle Dörfer im Umkreis der Mauer sind, was medizinische Versorgung, Märkte, höhere Schulen und Arbeit angeht, auf die nächstgelegene Stadt angewiesen (in diesem Fall Ramallah). Wenn ich nicht vorbeigekommen wäre, sagte Souad, wäre sie nicht mehr weggekommen, es wäre zu spät gewesen. Eine Frau, die spät in die Stadt fährt, wird von der Gemeinde nicht akzeptiert. Um Gerüchte zu vermeiden, wäre sie umgekehrt und hätte es am nächsten Tag noch einmal versucht.

Umm Alkheir aus Betunia sagte: «Mein Mann, Abu Alkheir, hängt an unserem Land. Seit die Mauer gebaut wurde, hat er nur noch Sorgen. Es ist das schönste und grünste Stück Land. Aber nun gibt es so viele Schwierigkeiten. Die Soldaten haben ihm erklärt, dass er ohne Passierschein nicht auf sein Feld kann. Wenn er nach seinen Oliven- oder Feigenbäumen sehen will, muss er tagelang für einen israelischen Passierschein anstehen. Oft sind diese Passierscheine nur ein paar Stunden gültig. Wenn wir durch die Sperre gehen, um zu unserem Land zu kommen, müssen wir unsere Personalausweise abgeben. Und vor allem pünktlich zurück sein, denn sonst bekommen wir künftig keine Passierscheine mehr.» Umm Alkheir lud mich ein, mit ihr auf das Dach des Hauses zu steigen, von dort aus könne man das grüne Stück Land sehen und die Mauer, die die Sicht und den Zugang versperre. Paläs-tinenser können die Sperrzonen nur mit Passierschein betreten. Nach Angaben von OCHA-OPT im Governorat Qalqiliya (2006) werden immer mehr Passierscheinanträge abgelehnt – im Juli 2005 waren es 30 Prozent gegenüber etwa 25 Prozent Anfang 2005. Betroffen sind vor allem Landarbeiter, Bauern, Ehefrauen und weitere Familienangehörige, die in der Landwirtschaft mithelfen. Etwa 50 Prozent dieser Personen erhielten in der ersten Hälfte 2005 keinen Passierschein, bei den Landbesitzern waren es 9 Prozent. Die Landbesitzer sind davon insofern betroffen, als sie sich bei der Bewirtschaftung ihrer Felder auf Familienmitglieder und Lohnarbeiter stützen. Der Oliven- und Feigenanbau ist traditionell Sache der Frauen. Viele Frauen erhalten jedoch keinen Passierschein, weil das Land auf den Namen ihres Mannes registriert ist und die israelischen Militärbehörden die Frauen nicht als «Landbesitzer» anerkennen. Eine Frau sagte: «Wir haben genug Olivenöl für den eigenen Bedarf erzeugt. Heute müssen wir alles kaufen, das heisst, wenn überhaupt Geld da ist.»

An manchen Stellen gibt es Durchlässe in der Mauer, die den Palästinensern den Zugang zu ihrem Land ermöglichen sollen. Diese Tore befinden sich aber meist in einiger Entfernung von diesem Land. Da die alten Strassenverbindungen durch die Mauer zerschnitten wurden, müssen die Bauern manchmal über das Land anderer Bauern fahren, um auf ihre Felder zu kommen. So gibt es in Jayyus (Governorat Qalqiliya) nur zwei Durchlässe, wo es zuvor zehn Pisten gab. Für landwirtschaftliche Nutzer werden die Tore dreimal täglich geöffnet, meist für 20 bis 60 Minuten. Nach Zwischenfällen kann es passieren, dass die

Tore tagelang geschlossen bleiben. Traktoren und andere Nutzfahrzeuge dürfen oft nicht passieren. Bauern müssen zu Fuss gehen oder einen Esel nehmen, um zu ihren Feldern zu kommen und die Erzeugnisse mitzubringen. Jeder Passierschein ist nur für ein bestimmes Tor gültig. Auf manchen Passierscheinen ist aber ein falsches Tor angegeben, und es liegt im Ermessen des Soldaten, ob er den Bauern passieren lässt.

In Beit Sira war die Situation noch schlimmer. Es ist das letzte Dorf vor der Grünen Linie. Durch die Mauer, die das Dorf von drei Seiten einschliesst, hat sich der Ort in ein «Flüchtlingslager» verwandelt, wie mir die Frauen erzählten. Besonders verbittert waren sie, weil sie nicht nur von ihren Feldern abgeschnitten waren, sondern auch von dem Wasser, das sie früher zur Bewässerung und zum Trinken verwendet hatten. Fatma, Mutter von sechs Kindern, berichtete verzweifelt, dass ihr Land die einzige Verdienstmöglichkeit sei. Weil das Dorf so dicht an der Grünen Linie liege, seien viele Männer nach Israel zur Arbeit gefahren. Nur zehn Minuten Fussweg seien es vom Dorf bis zur Fernstrasse zwischen Jerusalem und Tel Aviv. Ihr Mann habe als ungelernter Arbeiter in Israel gearbeitet. Nun, nach der Errichtung der Mauer, kämen die Männer nicht mehr zu ihren Arbeitsplätzen. Die Landwirtschaft ist jetzt die einzige Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen. Kurz vor Errichtung der Mauer hatten Fatma und ihr Mann Gemüse gepflanzt. Als die Mauer dann stand, war die Bewässerung der Pflanzen ein tägliches Problem. Es war verboten, Wasser mit einem Traktor auf die Felder schaffen. Zur Quelle in der Nähe ihrer Felder hatten sie aber auch keinen Zugang mehr. «Das herrlichste Wasser der Welt», sagte Fatma. Heute muss sie zu Fuss gehen, wenn sie die Gemüsefelder bewirtschaften will. Die Kinder helfen mit, können aber kaum mehr als den Eigenbedarf tragen. Wenn es doch etwas mehr ist, kann sie es verkaufen und verdient etwas Geld für den Haushalt. Für Frauen ist es ein grosses soziales Problem, an den Durchlässen angehalten und durchsucht zu werden. Viele Familien sehen es lieber, wenn die Frauen keine landwirtschaftliche Arbeit verrichten, statt sich der demütigenden Behandlung durch israelische Soldaten auszusetzen.

Die Mauer schränkt die Bewegungsfreiheit der palästinensischen Frauen, ihre landwirtschaftlichen Aktivitäten und damit ihre Teilhabe am Wirtschaftsleben ein. Sie nimmt ihnen den Zugang zu medizinischen und schulischen Einrichtungen und zum Markt. Die Mauer ist deswegen so bedrohlich, weil sie im Leben der Frauen Fakten schafft, die kaum mehr rückgängig zu machen sind.



Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.





Wer andere aussperrt, errichtet sich selbst das Ghetto.

Gedanken einer Jüdin aus Jerusalem über Mauern und Menschenfurcht



Von Alice Shalvi



Früher, zwischen 1948 und 1967, gab es drei Mauern für die jüdischen Israelis, die in Westjerusalem wohnten. Am südlichen Ende der Jaffa Road, der Hauptverkehrsader der Stadt, verlief eine hohe Mauer, hinter der, nur wenige Schritte entfernt, aber nicht zu sehen, das Jaffa-Tor stand, eines der sieben Tore zur Altstadt. Wer einen Blick hinter diese Mauer werfen wollte, musste auf das Dach des Hospizes Notre Dame steigen, denn von dort aus konnte man das Damaskus-Tor und die zahlreichen wartenden Taxis sehen – kein sehr erhebender Anblick.

Die zweite Mauer war diejenige, die Suleiman der Prächtige im 16. Jahrhundert errichtet hatte, die die Altstadt einschliesst und sie nach allen Seiten vor Angreifern schützen sollte. Von dieser Mauer konnten wir nur das westliche Stück sehen – einen kleinen Teil der gesamten Anlage. Von hier aus schossen die jordanischen Soldaten der Arabischen Legion gelegentlich in das jüdische Westjerusalem. Zwischen ihnen und uns lag ein tiefes, vermintes Tal. Von Zeit zu Zeit, an besonders heissen Sommertagen, explodierte eine Mine und erinnerte uns an das gefährliche Terrain, das uns trennte.

Und innerhalb der befestigten Stadt, unsichtbar für uns, stand die älteste Mauer, die Klagemauer, der einzig erhaltene Überrest des Tempels, ein Ort, der allen Juden heilig ist – unzugänglich, beklagt.



Drei Stufen der Trennung

Zufällig war ich an jenem einzigartigen magischen Tag im Stadtzentrum, einige Wochen nach dem Sechstagekrieg, als die Mauer, die Ost- und Westjerusalem fast zwanzig Jahre lang getrennt hatte, eingerissen wurde. Zum ersten Mal strömten Hunderte Palästinenser auf die Jaffa Road, staunten über die modernen Gebäude, die eleganten Schaufenster, die Fülle des Warenangebots, während Israelis in die Altstadt strömten, die Stickereien bewunderten, die Antiquitäten (echt und unecht), voller Ehrfurcht und mit Freudentränen in den Augen vor dem Überrest des Tempels standen, zu dem wir schon vor dem Krieg von 1948 keinen Zugang gehabt hatten. Die Mauer war nun keine Klagemauer mehr, sie wurde sofort in Westmauer umbenannt (das war schon immer ihr hebräischer Name).Nie werde ich die ungewöhnliche Atmosphäre wahrer Brüderlichkeit vergessen, in der sich wildfremde Menschen begegneten, einstige Feinde, man lächelte, gab sich die Hand, hier und da sogar eine Umarmung. Die schiere Euphorie, dass nun endlich «Frieden» war – oder zumindest ein Ende der Feindseligkeiten.

Und nun gibt es also eine neue Mauer. Dieser «Sperrzaun», wie er euphemistisch genannt wird, ist undurchlässig, massiv, grau, abschreckend, mancherorts acht Meter hoch, ein Ungetüm für die Menschen auf beiden Seiten. Manchmal verläuft diese Mauer parallel zu einer Strasse, so dass die palästinensischen Dörfer beiderseits der «Apartheid»-Strassen (wie sie von einigen bezeichnet werden) für israelische Augen nicht zu sehen sind und wir uns der Illusion hingeben können, es sei da nichts auf der anderen Seite, es drohe uns von dort keine Gefahr. Manchmal verläuft die Mauer mitten durch eine Ortschaft, so dass die Palästinenser weite Umwege machen müssen, nur um auf die andere Strassenseite zu kommen, wenn sie zur Schule, zum Arbeitsplatz, in ihr Geschäft wollen. Nachbarn und Verwandte sind auseinander gerissen. Das Leben ist unerträglich hart. Wieder schlängelt sich eine Mauer um das jüdische Jerusalem, verschandelt die wunderschöne Hügellandschaft. Wir sehen die Mauer in der Ferne, wenn wir nach Osten blicken. Wenn wir nach Abu Dis fahren, zu der Strasse, auf der wir früher ins Jordantal und zum Toten Meer fuhren, geht es auf einmal nicht mehr weiter. Auch wir müssen Umwege fahren. Nicht nur die Palästinenser haben wir eingesperrt, uns selbst auch. Wer einen anderen ausschliesst, riegelt sich selbst ab. Bald werden nicht nur «sie», sondern auch «wir» in einem Ghetto leben. Wir selbst, wir Israelis, drehen das Rad der Zeit zurück auf 1948.

Es ist die grosse Tragödie in diesem unruhigen Land, dass wir, eifrig bestrebt, den «anderen» fernzuhalten, uns selbst eingesperrt haben. Indem wir anderen die Bewegungsfreiheit nehmen, versagen wir uns die gleiche Freiheit. Juden, die jahrhundertelang in eigene Wohnbezirke verbannt wurden, in die Ghettos von Venedig und Rom, in Russland in den «Ansiedlungsrayon», haben nun selbst ein Ghetto errichtet – im Grunde zwei Ghettos, eines für sich, das andere für die Palästinenser.

Dichter haben es schön ausgedrückt. «Hier ist etwas, das mag keine Mauer.» Mit diesem lakonischen Satz beginnt Robert Frosts Gedicht mit dem ironischen Titel «Mending Wall». Noch kraftvoller, noch treffender ist das Gedicht «Mauern» (1896) des griechischen Dichters Konstantin Kavafis:



Ohne Rücksicht, ohne Mitleid,

ohne Schamgefühl

Haben sie grosse, hohe Mauern

errichtet um mich.



Und hier sitze ich nun ohne Hoffnung.

Ich denke nur an das eine, wie dieses Schicksal

den Verstand mir verzehrt.



So viel hatte ich draussen zu tun.

Warum gab ich

Nicht acht, als sie diese Mauern

errichteten?



Ich habe die Maurer nicht gehört –

kein Geräusch.

Unmerklich haben sie mich aus der Welt

gemauert.



Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Istrisches Impromptu
Vater Macukas Seele ist weiss. Oder taubengrau.

Und Nino muss den Sommer zum ersten Mal allein bilanzieren. Dabei ist ja schon Herbst.



Von Richard Swartz



Emma hütet nach wie vor das Bett, ihr Oberschenkelknochen will einfach nicht zusammenwachsen, und über dem Bett hängt so ein metallener Triangel, nach dem die Kranke greifen kann, um sich aus all den Decken und Kissen hochzuziehen.

Aber Emma versucht weder nach dem Triangel zu greifen noch sich aus dem Bett hochzuziehen. Der Triangel hängt völlig ruhig und unnütz über ihr, wahrscheinlich hätte es einem Papagei darauf gefallen. Emma hat aber gar keinen Papagei. Nicht mal einen Wellensittich hat sie, nur Katzen, die nach Lust und Laune kommen und gehen und meistens draussen sind.

Wie geht es heute? frage ich Emma. Meine Frau setzt sich neben sie aufs Bett und umfasst mit beiden Händen Emmas linke Hand, als wäre diese ein mageres, junges Kätzchen. Wir haben Emma grüne Geleekugeln mitgebracht. Ich erkläre ihr, dass die Kugeln aus Finnland stammen und sehr gut sind und eigentlich am besten schmecken, wenn sie erst noch eine Weile im Kühlschrank stehen.

Früher sind sie in richtigen Holzschachteln gekommen, erzähle ich, und Emma schaut meine Frau an und sagt: Ach ja? In richtigen Holzschachteln, so was!

Sie können ja zum Kaffee eine Kugel essen, Emma, sage ich in meinem besten Kroatisch, während Emma mit grossen Augen ständig meine Frau anschaut, als wäre sie es, die zu ihr dort im Bett etwas sagt. Emma hat einen kleinen Kühlschrank in der Küche. Aber ich lege die finnischen Geleekugeln, die heutzutage in einem grünen Pappkarton kommen, auf den leeren Stuhl neben dem Bett. Sagen Sie Ihrem Mann, ich danke für die Kugeln, sagt Emma zu meiner Frau, die mit beiden Händen Emmas magere Hand umfasst hält, während Emma meine Frau keinen Moment aus den Augen lässt.

Emma dankt für die Kugeln, sagt meine Frau auf englisch zu mir, was meines Erachtens zu weit geht, schliesslich habe ich alles genau verstanden. Im selben Augenblick ruft draussen jemand nach Emma, das Fenster zum Platz vor dem Haus steht offen.

Hast du verstanden, was sie gesagt hat? fragt mich meine Frau. Sie wollte dir für die Kugeln danken.

Ja, sage ich zu meiner Frau. Das habe ich verstanden.

Emma! Emma!

Es ist ein Mann, der da laut vor dem Fenster ruft.

Warum gehst du nicht hinaus und unterhältst dich mit ihm? fragt meine Frau, der sofort klar gewesen sein muss, dass da draussen Emmas Sohn ruft. Er steht unter dem Fenster und ist gerade aus dem Keller des Hauses gekommen, wo die Familie ihren eigenen Wein in grossen Holzfässern lagert, und er will ebensosehr mit seiner Mutter sprechen wie im Keller Gesellschaft haben. Warum gehst du nicht hinaus und redest mit Nino? fragt meine Frau, während sie nach Frauenart auf der Bettkante sitzt und mit beiden Händen Emmas Hand umfasst hält.

Ich gehe also, nach Männerart erleichtert, gehorsam hinaus, obwohl es Sonntag ist und ich weiss, dass alle auf dem Weg zur Kirche ihr bestes Lächeln aufsetzen werden, wenn sie mich und Nino sehen. Dieses Lächeln besagt, auch wir, Nino und ich, sollten sonntags in die Kirche gehen, und keine einzige dieser schwarzgekleideten, gebeugten und zahnlosen alten Frauen wird es uns verzeihen, dass wir stattdessen den Keller aufsuchen, die ganze Woche werden sie es uns nicht verzeihen, bis sie am nächsten Sonntag vor der nächsten Messe erneut Hoffnung für unsere armen Seelen schöpfen.

Gott sei Dank sind keine alten Frauen zu sehen. Nino steht allein vor dem Fenster seiner Mutter und zieht mich mit in den Keller. Im Keller riecht es nach saurem Wein und Laub, und es dauert einige Augenblicke, bis sich die Augen an das Zwielicht gewöhnen.

Nino schaut mich dankbar an, als hätte ich ihm einen grossen Dienst erwiesen. Mit Gott haben wir keine Rechnung offen, wir mögen nur den neuen Pfarrer nicht. Statt uns anzuhören, wie er den Text dieses Sonntags aus der Heiligen Schrift vorliest – dieselbe Stelle, die unser richtiger Pfarrer, Vater Macuka, auch immer gelesen hat –, sollten wir lieber im Keller ein Glas Wein trinken, meint Nino, und Tonis gedenken, Emmas Mann, und seines Vaters, der hier im Keller viel Zeit mit dem Wein von seinem eigenen Weinberg verbracht hat und noch gar nicht lange tot ist, erst seit dem Sommer.

Wie doch die Zeit vergeht! sage ich, und auch Nino ist dieser Meinung. Die Zeit vergeht wirklich. Unter dem Wasserhahn spült er uns zwei Trinkgläser aus und seufzt. Zum ersten Mal ist es nicht Tonis, sondern allein seine Aufgabe, den vergangenen Sommer mit all seinen Eigenheiten zu bilanzieren. Jetzt muss Nino Trockenheit gegen Regen, kühle Nächte gegen Nächte mit zu viel schwüler Wärme abwägen, bedenken, was Parasiten und der Mond angestellt haben, und alles nur, um etwas darüber sagen zu können, wie der Wein des Jahres ausfallen wird. Das ist keine leichte Aufgabe. Er sucht nach Worten und kratzt sich am Kopf, als hätte auch der etwas damit zu tun.

Es ist ja schon Herbst, sagt Nino und seufzt, während er mir in ein Trinkglas Weissen einschenkt.

Nach der Kirche erzählt Lino im Wirtshaus, er habe am frühen Sonntagmorgen einen Traum gehabt, an den er sich nicht mehr erinnern könne. Dieser Traum habe ihn geweckt, und er sei aufgestanden, und als sein verschlafener Blick auf die Kirche gefallen sei, habe er gesehen, wie im selben Augenblick eine ganz weisse Taube aus dem Innern der Kirche geradewegs durch eine der Fensterscheiben über der Orgelempore geflogen sei. In einer Wolke aus Glassplittern sei sie zum Himmel aufgestiegen, und Lino sagt, das könne nur bedeuten, dass unser alter Pfarrer, Vater Macuka, im selben Augenblick gestorben sei.

Die weisse Taube war seine Seele, sagt Lino, der nie in die Kirche geht, so beschäftigt wie er sonntags ist, zum Mittagessen nach der Kirche Wein in Karaffen zu schenken und im Herd Feuer zu machen. Der Herr hat unseren Macuka zu sich geholt, sagt Lino, und weil uns das, was er erzählt, sowohl feierlich rührt als auch auf eine solche Erscheinung neidisch macht – uns erscheint nie etwas Besonderes –, gehen wir die Kirche besichtigen.

Und tatsächlich! Auf der Höhe der Orgelempore im Innern der Kirche ist eine Scheibe zerschlagen. Draussen finden wir lauter Glassplitter im Gras. Wir gehen ins Wirtshaus zurück, und Vassilij fragt, ob Lino sich wirklich sicher sei, dass sie weiss war, und anstelle von Lino antwortet Luciano, es sei ganz klar, dass sie weiss gewesen sein müsse. Die Tauben, die in der Kirche untergeschlüpft seien und sogar irgendwo auf der Empore nisteten, seien zwar alle grau, aber die Seele eines Pfarrers sei immer schneeweiss, jedenfalls die Seele unseres Macuka, weshalb wir von den gewöhnlichen grauen Tauben absehen könnten.

Meine Worte! sagt Lino gereizt, während er den Spiess im Feuer dreht. Marcel, der sich hauptsächlich mit Fussball beschäftigt und sich manchmal als Materialisten bezeichnet, um die fleissigen Kirchgänger des Dorfes zu ärgern, meint jedoch, keine Taube könne geradewegs durch eine Fensterscheibe fliegen und verschwinden, als sei nichts geschehen. Das widerspreche sowohl der Wissenschaft als auch dem gesunden Menschenverstand. Folglich könne es Linos Taube gar nicht geben, auch wenn sie gerade dadurch, dass es sie nicht gebe, gut zu all dem Hokuspokus passe, den unser neuer Pfarrer, wie vor ihm Macuka, in unserer Kirche immerzu treibe.

Diese Taube gehört zu deinem Traum, sagt Marcel zu Lino.

Die Taube in Linos Traum befördert zu haben befriedigt ihn besonders, viel mehr aber, der Religion und der Kirche ganz allgemein einen Seitenhieb verpasst haben zu können, noch dazu in einem Gespräch, das sich vor allem um Vögel und Fensterscheiben dreht. Carletto, der selten mehr als die Hälfte dessen versteht, worüber gesprochen wird, allerdings immer die wichtigere Hälfte, möchte die Rede auf die Glasscherben im Gras bringen: Ohne Linos Taube sind doch auch sie gewissermassen unwirklich. Obwohl wir sie alle gesehen haben, oder?

Dann sagt jemand, ich glaube, es ist Vassilij, Taube hin, Taube her, wenn Vater Macuka an diesem Morgen wirklich gestorben sein sollte, müsse man sofort etwas unternehmen. Unsere Glocken müssten läuten und es müsste eine Messe bestellt werden, auch wenn Vater Macuka in seinem letzten Jahr verwirrt gewesen und von den Nonnen in dem Heim in Pula gepflegt worden sei. Sein Herz ist jedoch noch in Pelegrin, sagt Vassilij, und wir nicken alle zustimmend, nur Marcel will damit nichts zu tun haben, das sei Sache der Kirche.

Ganz schneeweiss und ohne einen Tropfen Blut, sagt Lino, während er den Bratenspiess mit dem Spanferkel im offenen Feuer dreht.

Er meint natürlich die Taube, die an diesem Sonntagmorgen ohne die geringste Schramme geradewegs durch ein Kirchenfenster geflogen ist, und laut Vassilij deutet dieser befreiende und gewissermassen unbefleckte Flug darauf hin, dass wir es mit einer Seele zu tun haben, die sich vom Irdischen befreit hat; Lino sagt, wir sollten jetzt seinen grössten und besten Tisch freimachen, bevor die ersten Mittagsgäste einträfen, und Carletto meint, wir könnten doch anrufen und uns erkundigen.

Wen denn? fragt Marcel.

Das Pflegeheim in Pula, antwortet Carletto. Sein Vorschlag erscheint mehr als vernünftig, aber Marcel meint, man könne am Telefon doch nicht fragen, ob etwa unser Vater Macuka tot sei, und in einer solchen Frage auch noch Tauben und Glas unterbringen, nicht, wenn man bedenkt, dass am anderen Ende der Leitung Nonnen sind; Vassilij ist dagegen der Ansicht, man solle sich der Sache dennoch annehmen, und er versucht, uns andere davon zu überzeugen, bis wir uns fragen, wer wohl die Telefonnummer von Vater Macuka in Pula hat. Niemand hat sie.

Niemand von uns hat die Nummer. Jetzt müsste Toni hier sein, damit wir ihn fragen könnten, wie wir vorgehen sollen, aber Toni ist tot, und vielleicht auch unser Macuka, obwohl das niemand genau weiss, und Luciano sagt, man müsse sich in diesem Herbst ein für alle Mal die Tauben in der Kirche vornehmen, denn die Leute, die jeden Sonntag zu Fuss bis von Germanija kämen, beklagten sich darüber, dass es auf ihren Bänken unter der Orgelempore oft ganz weiss und schmierig sei. Rattengift wäre geeignet, sagt Luciano, und Lino macht mit den Armen eine ausladende Bewegung und sagt: Könnt ihr euch um Gottes willen nicht an den kleineren Tisch setzen?



Aus dem Schwedischen von Hedwig M. Binder