Mythos St. Moritz.
Alle Lust will Ewigkeit
![]() | Erscheint am: Ausgabe Nr: Juli/August 2006 ISBN: ISBN: 3-03717-026-3 ISBN-13:978-3-03717-026-7 Preis: Sfr. 20.- Preis: Euro 15.- Abo bestellen Einzelheft bestellen / in den Warenkorb |
Horizonte
06 – Istrisches Impromptu. Frau Tito war eine Dickmadam. Über Körperbau, Thronfolgen und das Unsterbliche in der Musik. Von Richard Swartz
10 – Valchava. Das Museum Chasa Jaura im Münstertal. Von David Coulin
10 – Locarno. Frédéric Maire über das Filmfestival. Interview Andreas Kläui
12 – New York. Im Schatten der Titanic. Von Vito Avantario
13 – Avignon. Die Theaterwunderstadt. Von Andreas Kläui
14 – Autoren, Fotografen, Künstler/Illustratoren
16 – Interview. Oskar Roehler im Gespräch mit Thomas David
19 – Selbstgebrannt. Von Mario Gerteis
22 – Kabinett der Moderne. Rembrandts «Winter», betrachtet von Durs Grünbein
24 – Leserbriefe
25 – «du» vor 50 Jahren
04 – Impressum
du 768 – Mythos St. Moritz.
Alle Lust will Ewigkeit
26 – Zwischensaison im Oberengadin. Fotografiert von Marc Latzel und Martin Wiesli
28 – In der Eiseskälte eines kostbaren Moments. Was ist es, das die Menschen hier finden? Von Thomas Hettche
36 – Aus der Gästeliste von St. Moritz. Robert de Montesquiou und Marcel Proust im Engadin. Von Luzius Keller
42 – Es muss immer Kaviar sein. Impressionen vom 13. St. Moritzer Gourmet-Festival. Von Margrit Sprecher
46 – Nietzsches Land der Verheissung. Eine Landschaft wird zur Lebensnotwendigkeit. Von David Marc Hoffmann
54 – Über Nutzen und Gefahren der Höhenluft. Warum Gebirgler kräftiger sind als Flachländer. Von Vincent Barras
62 – Das Zweithaus gern vom Marken-Architekten. Wie soll man in den Bergen bauen? Von Judit Solt
68 – Magic Mountain Club. Von Li Dawei
70 – Freizeit ist Schwerstarbeit. Faulsein im gereiften Stadium der Erlebnisgesellschaft. Von Gerhard Schulze
74 – Meuterei in St. Moritz. Von Richard Reich
78 – Stille Zeit. Notizen eines Hotelkindes. Von Jürg Kienberger
80 – Porträts. Fotografiert von Goran Potkonjak
80 – Lesen war Nachtsache. Marcella Maier, St. Moritz. Von Andreas Kläui
82 – Kleine Fluchten. Perspektiven junger Engadiner. Von Marie-Claire Jur
86 – Das waren noch Leute! Maggie Pedrini, St. Moritz. Von Jacqueline Schärli
88 – St. Moritz – eine Chronik. Aufstieg, Glanz und Elend des Gesellschaftsorts. Von Cordula Seger
Das Journal
95 – Ausstellungskalender
96 – Souvenir d’un mariage. Von Mathias Bölinger. Bild oculus
98 – Noch nicht gedrehte Filme. Von Jörg Kalt
99 – Lesen & Hören
99 – Katalog von Allem. Von Peter K. Wehrli
100 – Ein Wochenende im Albulatal. Von Barbara Wülser
101 – Im Radio. Von Gerwig Epkes
102 – Bücherei. Von Sibylle Cramer
103 – Das Wort
103 – Ein anderes Museum
103 – Im Fernsehen
104 – Jahrestage
105 – Gäste im Haus
106 – Das Porträt
107 – Sélections: Ausstellungseröffnungen im Juli/August
108 – Wissenswelt. Von Martin Rasper
109 – Stehbar in der Bahnhofshalle
110 – Ausblick
Das Editorial
Vielleicht liegt ja hier das natürliche Herz Europas, an dieser Wasserscheide, von der aus die Flüsse in drei Himmelsrichtungen und drei Meere strömen, ins Mittelmeer, ins Schwarze Meer und in die Nordsee? Gewiss ist, dass man St. Moritz und seine Oberengadiner Umgebung als mythischen Ort begreifen muss, will man versuchen, ihn zu verstehen. Unser Sommer-«du» nähert sich dem Mythos St. Moritz auf mehreren Wegen: indem es ihn beiläufig entlarvt, angefangen mit jener – immer gern kolportierten – Sage von der Wette, mittels deren ein schlauer Hotelier den Wintertourismus bei englischen Gästen lanciert haben soll. Cordula Seger kann in ihrer Chronik historisch genau datieren, wann die hübsche Geschichte aufkam.
Vincent Barras geht einem andern Mythos auf den physiologischen Grund: dem der gesunden Höhenluft (formuliert ebenso in «Heidi» – das hier oben verfilmt wurde – wie in neuen Wellnessferienkatalogen). Umgekehrt schreiben wir den Mythos auch fort, wenn Li Dawei, der chinesische Dichter, der den Ort nur als Märchen kennt, von seinem St. Moritz erzählt. Oder indem wir «Oral History» mit Einheimischen betreiben – die mit dem Schah «einen Irrsinns-Rapport» hatten; die den Ort sich vom kargen Bergtal zur Luxusmeile entwickeln sahen; die jung sind und denen erhabene Landschaft und Stille auf die Nerven gehen. Unsere Autorinnen und Autoren nähern sich dem Mythos aus historischer und zeitgenössischer Perspektive, im «Januarloch» und während des «Gourmetfestivals» – diesem sagenhaften Ort, an dem Proust rosa Schmetterlinge sah und der für Nietzsche zur Lebensnotwendigkeit wurde. Und Thomas Hettche gibt ihm eine Deutung.
Vielleicht ist es dann auch bezeichnend, dass Hettche sich bei seiner Ortserkundung immer wieder nach Sils zurückgezogen hat. In das Dorf der Künstler und der Engadin-Eingeweihten, den diskreten Gegenpol zu
St. Moritz, der auch in unserm Hefttitel nur versteckt auftritt. Denn Sils ist ein Geheimtip, und so soll es bleiben.
Andreas Kläui
Drei Texte aus dem Inhalt
In der Eiseskälte eines kostbaren Moments
Von Thomas Hettche
Was ist es, das die Menschen hier finden, 1856 Meter über dem Meer? Die Nähe des Himmels? Den Schnee, die Kälte, die Stille, die Klarheit der Luft? Oder ist es die Ahnung des eigenen Verschwindens?
Die Halle ist von gedämpftem Stimmendurcheinander erfüllt. Die Hotelgäste kommen vom Skifahren zurück, an der Réception sieht man noch einige verschwitzte, im Sportdress etwas verkleidet wirkende ältere Herrschaften, doch in der Halle ist man bereits frisch geduscht und umgezogen, mit rosa Poloshirts und Cordhosen und blauen Hemden. Kleine Mädchen, die eben noch mit einem Helm auf dem Kopf herumstapften und Skistöcke hinter sich her zogen, schieben nun hölzerne Kinderwagen, mit Spitzen und Bordüren besetzt, in denen Puppen liegen mit Köpfen aus kostbarem Biskuitporzellan.
Vor der Reihe hoher Fenster, die sich als sanfte Apsis in die Natur hineinwölbt, ziehen die kahlen Lärchen und einige schmale Tannen ihre senkrechten Linien zum Himmel, während man Tee trinkt und die Urlaubslektüre auspackt. Die Damen lesen Nadolny oder aus aktuellem Gedenktaganlass Siegfried Lenz. Die Grosseltern spielen mit den Enkeln. Und wo ist der Papa? Telefoniert er mit der Firma? Schiesst er ein letztes Mal für diesen Tag den Hang hinab? Gewiss ist: Zum Abendessen wird er wieder dabei sein. Doch jetzt fehlt er, während Sohnemann blondgelockt am Tischchen steht, das er kaum überragt, und ihm die Mutter ein Glas schwappel hinhält, die ökologische Apfelsaftschorle von Möhl.
Alles ist an seinem Platz. Nur ich bin es nicht. Ich sollte nicht hier sein, nicht im Hotel Waldhaus in Sils Maria, sondern irgendwo in St. Moritz, dem Grund meiner Reise. Zwei Stunden, hatte man mir versichert, gehe man von einem Ort zum anderen, ein Spaziergang die Seen entlang. Doch leider sind die Seen verschwunden. Und mit ihnen das ganze Tal. Und als ich mich zu jenem Gedenkstein aufmache, der die Stelle markiert, an der Nietzsche im Sommer 1881 die Idee mit der Ewigen Wiederkehr hatte, wird mir schnell klar, dass ich die berühmte Notiz in Ecce homo ernster hätte nehmen sollen, die 6000 Fuss jenseits von Mensch und Zeit überschrieben ist. Kaum bin ich durch den Wald einen verschneiten Weg hinab, bei dem ich überlege, ob es sich nicht um die Rodelbahn handelt, die der Hotelprospekt erwähnt, erwischt mich ein gnadenloser Wind, der kalt und scharf über die Hochebene pfeift und sein Tuch dichten Schneegestöbers ausbreitet.
Einzig ein baumbestandener Hügel erhebt sich aus dem Weiss, den ich gern als jene berühmte Halbinsel identifizieren würde, die Nietzsche so sehr mochte, wenn sich nur die Lage des Sees bestimmen liesse. Da und dort ragen Rettungsringe aus dem Schnee. Verlassene Langlaufloipen kreuzen. Bei einer der scheinbar wahllos verteilten Bänke, die sich zu keiner Küstenlinie fügen wollen, bleibe ich entmutigt stehen und ziehe den Kragen meines dünnen Mantels über Ohren und Nase.
s’bärebänkli steht eingeschnitzt auf der hölzernen Rückenlehne.
Entenleberterrine mit Vanillemuffin. Danach eine Rindskraftbrühe. Fritiertes Hechtkotelett mit Confit von Biozitronen, kleine Ofenkartoffeln und Blattspinat. Ein Trio vom Isola-Zicklein – gebratener Schlegel und Rücken und kleine hausgemachte Wurst –, Maisgnocchi mit geschmolzenem Käse, glasierte Karotten und Pastinakenstäbchen. Warum ausgerechnet Pastinaken? Unweigerlich muss ich an Dagobert Duck denken, der in der deutschen Übersetzung von Erika Fuchs einmal, als Inbegriff der Grässlichkeit, Pastinakenpudding vorgesetzt bekommt.
Als Nachtisch eine Timbale von Quarkmousse mit Zitrone und Brombeermousse, Kirscheis, Feingebäck und Pralinen. Was St. Moritz ausmache, frage ich nach dem Abendessen in der Bar den Zürcher Anwalt, der mir erklärt hat, er logiere seit zwanzig Jahren mit Familie im Waldhaus.
«Das fahrplanmässige Schönwetter, die grandiose Alpenkulisse, der berechenbare Schneefall und die Champagnerluft auf eintausendachthundert Metern Höhe.» Doch alles habe sich verändert.
Was er meine?
Früher war man mehr unter sich. «Damals sind die Leute doch nicht einfach ins Palace gelaufen. Das Palace war früher wie ein Bankgebäude, da gab es Schwellenangst.»
Und heute?
Ach, heute. Die knochige Dame mit den Altersflecken auf den sehr dünnen Händen, die ein Portweinglas neben ihrem Gesicht balanciert, winkt ab.
«Grand Hôtels gehören heutzutage Mäzenen!» Als Spielzeug. Fürs Renommée. Das Palace den Amerikanern, den Arabern das Carlton, das Kulm der Reederfamilie Niarchos.
«Ist einer von denen nicht mit Paris Hilton befreundet?»
Die alte Dame schliesst leicht angewidert die Augen. «War», sagt sie, «war!»
«Und die Gäste?»
Die Leute von früher seien alle noch da. «Aber man entzieht sich der Demokratisierung des Luxus, verstehen Sie.» Sie sieht mich eindringlich an und nimmt einen winzigen Schluck Port. «Der Jet Set der sechziger Jahre, der sich mit dem Boulevard verbündet hatte, ist schuld daran, dass der wirkliche Reichtum sich heute unsichtbar macht.»
Wie das gehe, will ich wissen.
«Sie sind alle nicht mehr in den Hotels», erklärt sie.
«Und wo denn?»
In ihren Villen. Am Suvretta-Hang. «Ich sehe hundert Milliarden Dollar, wenn ich diesen Berg hochschaue.»
«Hundert?» mischt sich der Anwalt ein. Zweireiher mit goldenen Knöpfen. Einstecktuch mit goldenen Muscheln darauf. «Da ist der Topf ja schon voll, wenn Bill Gates landet.»
Die Fenster meines Zimmers öffnen sich ins Tal in Richtung St. Moritz, doch man sieht nichts, nicht die berühmten Gipfel, nicht Seen und Land. Das Licht der Bergstation quillt aus Schnee und Nebel hervor, der Talboden eine weisse, wabernde Fläche. Nietzsche schreibt an seine Mutter: Ich sehe nach dem Thermometer im Zimmer: 8 Grad Réaumur. Dabei schneidende Winde, und das unbeständigste Wetter, welches auch den Engadinern unangenehm und nachtheilig ist. Ich liege im Bett und denke: Was für ein schönes Wort – nacht-heilig. Es dauert lange, bis ich das th von Teil begreife. Um zu wissen, was die Temperaturangabe bedeutet, muss ich nur das Büchlein zur Seite legen, aus dem Bett schlüpfen und das Thermometer neben dem Fenster betrachten, das wie vor hundert Jahren beide Skalen aufweist, Celsius und Réaumur. Nietzsche hatte es gut, denke ich, und schlafe ein.
Am nächsten Morgen schneit es noch immer. Das Licht ist diffus. Ich lasse mir das Frühstück ans Bett bringen und lege Nietzsche beiseite. Stattdessen beginne ich einen Roman aus der Hotelbibliothek mit dem vielversprechenden Titel Sonne von St. Moritz, ein schöner Ullsteinband mit Jugendstilschmuck von 1910. Morgens, gleich nach zehn Uhr, lese ich, blitzte drüben links neben dem gewaltigen Schneekegel jenseits vom See ein Lichtpunkt auf, gleich darauf stand das Tal zwischen Silvaplana und Campfér im strahlenden Sonnenlicht, die breite goldene Flut rollte näher und näher, erfasste den Rundbau des neuen Segantini-Museums und die ersten Villen des Dorfes, übergoss die im Schnee schlafende Sommerstadt, das Bad, erreichte die majestätischen Winterhotelkästen, das Palace Hotel, oben den Kulm – und endlich auch die hellgelbe Fassade des siebenstöckigen Grand Hotel.
Die Sonne drang Zug um Zug in alle vierhundert Fenster und weckte die letzten Langschläfer. Tiefblau der Himmel, bläulich weiss die zackigen Alpenhäupter, nirgends ein Wölkchen, die Nachtkälte löste sich über dem Talgrund in weissliche Dunstschleier, die weite, weisse Schneelandschaft, in der nur die freigeschaufelte Rennbahn unten auf der gleichmässig verschneiten ebenen Fläche die Umrisse des darunter liegenden dick vereisten Sees verriet, war in Sonnenlicht gebadet. Klingelnde Gespanne entführten ganze Züge von Rodlern und Rodlerinnen, die auf ihren kleinen Schlitten hockend sich unter Lachen und Kreischen die grossen Serpentinenwege nach Belvoir ziehen liessen. Die Eisbahnen hinter den Hotels, die im Sommer als Tennisplätze dienten, füllten sich mit Kunstläufern und fleissig übenden Laien jeden Alters. Auf den Strassen nach Campfér, nach dem Bad und der Ober-Alpina tauchten Skiläufer auf.
Anders als im Roman von Paul Oskar Höcker ist jetzt Anfang April und keine Saison
in St. Moritz. Ende März schliesst alles und sofort beginnt der Umbau. Drei Monate hat man Zeit bis zum Beginn der Sommersaison. Im Suvretta House, hört man, sollen zwanzig Millionen Franken verbaut werden. Das Kulm Hotel feiert einhundertfünfzigjähriges Bestehen. In den letzten fünfzehn Jahren hat man weit über einhundert Millionen Franken investiert.
Der Niederschlag kann sich nicht zwischen Schnee und Regen entscheiden, und der Himmel denkt gar nicht daran, aufzuklaren. Die grossen Hotels ankern als stumme, blinde Kästen im schwindenden Winter. Neben dem Turm des Palace wird gerade ein Kran montiert. Alle Strassen sind von den Vans der Kaminbauer und Schwimmbadtechniker zugeparkt, die Schaufenster der Via Serlas, in der Saison der Laufsteg des Ortes, leergeräumt und die Bilder der Galerien längst zurück in Zürich. Nur die Apotheken sehen jetzt noch aus wie Juweliere. Kleine grüne Kästen mit der Bezeichnung Robidog. Und auch wenn St. Moritz so schmutzfrei ist wie Singapur, ist doch in den Strassenschluchten dieses Dorfes, wie die «Weltwoche» einmal voll Abscheu schrieb, der «Modergeruch von Tunnels zu schnuppern».
Dennoch stapfe ich zum Hotel Kulm hinauf und zu den Resten der Eisbahn nach Celerina hinab, warte vergeblich auf Blondinen im Pelzmantel an der Pralinentheke bei Hanselmann und schlittere über pappigen Schnee zur verhängten Drehtür des Palace. Ich suche die Chesa Futura des Sir Norman Foster, das Segantini- und das Berry-Museum, steige zum Suvretta House hinauf und gehe nach St. Moritz Bad hinunter, wo ich die Ausverkaufsauslagen der Geschäfte mustere. Die Säulen in St. Borromäus sind aus Scheiben und Trommeln kostengünstig zusammensetzt wie ein Anker-Baukasten. Hotelarchitektur, die eine frühchristliche Basilika camoufliert. Ich stehe im Windfang einer Bushaltestelle und sehe den Hang hinauf, über den der Schneeregen hinweggeht. Nichts von dem, wie das Dorf einmal war, ist noch zu erkennen. Das Licht ist stumpf und der Himmel steht tief über dem Tal.
Während der Rückfahrt im Bus geben mir die Touristen in Overall und Helm das Gefühl, als seien wir alle Astronauten und in einem Shuttle zur Startrampe unterwegs. Die Scheiben ringsum so mit dynamisch stürzenden, hüpfenden, springenden, jubelnden Figuren beklebt, dass man kaum einen Blick nach draussen erhascht. Mühsam schaufeln die Scheibenwischer den schweren, nassen Schnee zur Seite. Um die Füsse der Astronauten bilden sich Pfützen auf dem schwarzen Noppenboden. Nächste Haltestelle Champfèr Guardalej. Tschamfair Ladaläi. Tscham Fair La Daläi. Tschamfairladaläi. Die Ansage eine Beschwörungsformel von solch sanfter Weichheit, dass selbst die Automatenstimme sie nicht zu zerstören vermag. Wohin geht der Flug?
Der Barmann stellt zwei langstielige Schnapsgläser auf die Theke.
«Wie siehts’s aus? Geht man noch ins Palace?» frage ich ihn. «Sie müssen sich doch auskennen!»
«Doch, natürlich», sagt er leise. Immer. Das Publikum habe sich in den letzten vier, fünf Jahren allerdings sehr verändert.
Inwiefern? Die Russen! «Ach ja?»
Er nickt ernst. «Zuerst», sagt er, «kam die Halbwelt. Jetzt kommt eine breite Schicht neuen Geldes aus Russland. Sehr gute Gäste.»
«Was heisst das?»
«Sie geben mehr aus. Und darum geht es ja bei Touristen.»
«Es geht hier nur ums Geld.» Der schwäbische Architekt, den ich an einem der Vorabende kennen gelernt habe, beugt sich vor, während er seine Zigarre über meinen Kopf hält. «Fragen Sie nach der Villa Böhler! Sie müssen nach der Villa Böhler fragen, wenn Sie verstehen wollen, wie geldgierig und korrupt das Engadin ist.»
Sein Atem, der mir gegen das Gesicht schlägt, riecht sehr stark nach Obstschnaps. Sehr gutem Obstschnaps. Er hebt eines der beiden Gläser und prostet mir zu.
«Was meinen Sie denn?» frage ich abwehrend.
Er glotzt so spöttisch und gleichgültig, wie es nur Betrunkene können.
«Die Villa Böhler kennen Sie?» Er wartet meine Antwort nicht ab. «Eine Inkunabel der Moderne! 1917 von Heinrich Tessenow gebaut. Ganz reduziert, ganz einfach.» Er biegt den mächtigen Schädel zurück und bläht seine Wangen mit dem Rauch der Zigarre auf. «Einfach wunderbar!»
«Und?»
«Und? Das Haus hatte das Pech, neben dem Neubau von Freddy Heineken zu stehen zu kommen, dem holländischen Bierbrauer, der sie kaufte und abreissen wollte.»
«Und weiter?» frage ich noch einmal.
«Denkmalschutz, Verhandlungen, Hin & Her, aber Heineken lässt nicht locker. Schliesslich kommt es zu einer Volksabstimmung.»
«Und?»
«Und? Die St. Moritzer entscheiden, dass das Gebäude keinen denkmalschutzmässigen Wert darstelle.»
«Nein!»
«Doch. Noch in derselben Nacht rücken die Bagger an.»
Ich nicke und leere das andere der beiden Gläschen mit der ballonförmigen Ausstülpung über dem langstieligen Fuss, während der Architekt mit seiner Zigarre schon den Barmann herbeiwinkt.
Wo ich hier sitze, ist es 1892 Meter über dem Meeresspiegel, und das äussert sich so, dass man vollständig berauscht ist von der Luft und aller Erdenschwere ledig. Wie wennste schwebst. Es ist in der Art, mecht ma sprecha, das Antipodium von Kampen, aber in der Qualität genau dasselbe. Das einzige, was man mir nach Kampen überhaupt offerieren konnte. Siegfried Jacobsohn, Herausgeber der «Weltbühne», an seinen Autor Kurt Tucholsky. Der freundliche Kellner füllt die Etagère auf dem kleinen Tischchen vor meinem Sessel mit Gebäck.
Adorno und Benjamin, Benn und Celan, Frisch und Hesse, Thomas Mann, Proust und Bloch – die Liste der Autoren, die über das Engadin geschrieben haben, ist lang. Doch je mehr ich über St. Moritz lese und mich dabei dem Rhythmus des Hotels überlasse mit seinem immer gleichen Tagesablauf und dem Wechsel zwischen Zimmer und Speisesaal und Leseraum und Halle, umso mehr verliere ich St. Moritz aus dem Blick. Es wird, vom Waldhaus aus betrachtet, zu einem gänzlich ungreifbaren, künstlichen Phantasma. Und nichts, was ich dort auf meinem Spaziergang gesehen habe, macht es realer.
Ich lese von Nijinskis letztem Tanz im Speisesaal des Suvretta House im Winter 1918. Der Krieg war gerade zu Ende. Nijinski habe zunächst einfach nur dagesessen und sein Publikum angesehen, bis man unruhig zu werden begann. Das kleine Pferd ist müde, habe er dann gesagt. Und getanzt. Am nächsten Tag diagnostizierte Professor Bleuler in Zürich unheilbare Schizophrenie. Ich lese ein Gedicht von Karl Kraus über eine Fahrt ins Fextal und einen oft zitierten Brief Rilkes, in dem er schreibt, es komme ihm so vor, als hätte die Bewunderung unserer Gross- und Urgrosseltern (...) an diesen Gegenden mitgearbeitet. Hier gäbe es alles – und zwar in Pracht-Ausgaben.
Manches aber von dem, was es gibt, wird nur selten in den Prachtausgaben zitiert. Stefan Zweigs Text von 1916 etwa, der den Titel «Bei den Sorglosen» trägt und in dem er angewidert die Vergnügungen der Hotelgäs-
te während des Weltkrieges schildert. Man horcht zwischendurch auf die Worte. Französisch, deutsch, italienisch, englisch – sie haben keine Heimat, die Sorglosen, sie sind von überall her. Und sie haben keine Väter, keine Brüder, keine Gatten, die sterben – man sieht es an ihren leichten Lippen. Aus welcher Warte soll man diesen Ort betrachten? Ich lese bei Benjamin: Manchmal frage ich mich, wenn ich so die Berge sehe, wozu überhaupt noch die ganze Kultur da ist. Ich lese jenen Brief Georg Kaisers aus dem Zweiten Weltkrieg, der den Kurgast Jesus imaginiert. Es ist erschütternd, wie Jesus, der mit den durchnagelten Schuhen nicht gehen kann, im Rollstuhl in die Hotelhalle gefahren wird. Seine Hände stecken in weissen Handschuhen.
«Die Gefahr besteht, dass man sich solche historischen Hotels wie das unsere nur mehr zu besonderen Anlässen einkauft.» Urs Kienberger, Direktor des Waldhauses in der dritten Generation, lächelt verhalten.
Der Grossvater Oskar hat das Hotel bald nach der Gründung 1908 übernommen und bis in die fünfziger Jahre geführt. Unter ihm gab es 1924 die erste Wintersaison. Sohn Rolf baute 1970 das Schwimmbad, beliess es aber ansonsten bei vorsichtigen Renovierungen. So profitiert man heute von der Begeisterung des Publikums für eines der wenigen weitgehend original erhaltenen Fünfsternehäuser aus der grossen Zeit der Grand Hôtels. Urs Kienberger spricht leise, wenn er davon erzählt, wie er und seine Geschwister im Hotel als Kinder spielten. Und welche Etikette für sie galt. Niemals durch den Haupteingang. Sich nicht bedienen lassen. Er erzählt, in welcher Ecke der Schaukelstuhl stand, in dem er sich lesend vor den Gästen verbarg.
Und in seinem Gesicht bleibt das Lächeln stehen, während er sich mit seinen hellen Augen in der Halle umsieht. «Zu Hochzeiten und ähnlichen Gelegenheiten sucht man sich dann einen solchen Rahmen, um damit etwas Repräsentatives zurückzuholen für kurze Zeit, eine verlorene Bürgerlichkeit. Aber wir wollen, dass man hier man selbst ist. Ein Gefühl von zu Hause hat.»
Aber warum sollte man zu Hause Ferien machen wollen? In die Ferien fährt man doch, um dem normalen Leben zu entkommen. Oder stimmt das etwa gar nicht? Fährt man in die Ferien, um bei sich anzukommen? Sozusagen in einem Zuhause zweiter Ordnung? Und macht vielleicht gerade das jenes Faszinosum Nietzsche in Sils aus, das nicht verschwinden will – die Anwesenheit von einem, für den es körperliche und geistige Notwendigkeit war, hier zu sein. Es atmet diese Landschaft, wie Adorno schreibt, keine mittlere Humanität aus. Das verleiht ihr das Pathos der Distanz Nietzsches, der dort sich versteckte. Noch jeder Sommerfrischler liebäugelt mit dem Gang über die Baumgrenze, und selbst das Waldhaus probt ein bisschen die konservative Revolution.
Ich versinke in der Sessellandschaft der Hotelhalle, als wäre ihr plüschiges Rosa und Eisblau der Wasserspiegel eines warmen Bades, in dem die Gäste bis zu den Schultern sitzen, im gedämpften Gespräch oder einfach nur darüber nachsinnend, wie die Zeit vergeht. Da ist die Mittvierzigerin wieder, die immer Stiefel trägt. Man hört ihren harten Schritt, noch bevor man sie sieht. Immer ist sie schulterfrei unter wechselnden Jacken und schon kenne ich die Geste, mit der sie irgendwann ihr Jäckchen abwirft und ihre Schultern entblösst wie ein Matador, der seine ganze Körperspannung in die Waagschale des Todes wirft. In guten Momenten will man ihr glauben. Registriert ihren ernsten Blick und die tiefen Falten um den Mund. Die schmerzhaft gebräunte Haut. Die Haut ihrer Armkugeln ist weich und älter als die ihres Gesichts.
Oder der Mann dort mit der Jungenfrisur. Er ist um die fünfzig. Halsnaher dunkelblauer Pullunder, der nur gerade den ebenso dunkelblauen Krawattenknoten freigibt. Einer dieser breithüftigen Männer. Der Mund ein kleiner eingesunkener Krater. Neben ihm seine Frau. Schwarzes, sehr dichtes Haar, das sie mit einem schwarzsamtenen Haarband nach hinten trägt. Eine breite Perlenkette, ebenso halsnah wie sein Pullover. Sie reisen mit seiner Mutter, die immerzu spricht, während ihr Sohn und seine Frau sich nicht ein einziges Mal ansehen. Hier, in der Hotelhalle, fand die Gesellschaft der Belle Époque ihren utopischen Ort. Hier konnte sie sich Egalität leisten, weil die Exklusionsstrategien des Grand Hôtels im Fluchtpunkt des Oberengadins so perfekt funktionierten.
Immer wieder habe ich über die berühmte Sommersaison 1911 gelesen. Neunundzwanzig Grad über Wochen hinweg. Die Fremdenlisten, die damals alle Hotels stolz veröffentlichen, verzeichnen einen Querschnitt der besseren europäischen Gesellschaft. Man beschliesst, aus Sicherheitsgründen einen Geheimpolizisten anzustellen. Dann der Kriegsausbruch 1914. Die Gäste reisten überstürzt ab. Das Fremdenblatt schreibt: Wir müssen Abschied nehmen für diese Saison, frühen, wehmutsvollen Abschied, das Herz voll Sorge und Kummer, aber auch voll Unmut und Scham über den Zusammenbruch der vielgerühmten Zivilisation des alten Europa.
Woher aber kommt die Beharrlichkeit, mit der St. Moritz seitdem nicht aus der Mode kommen will? Das «St. Moritz Presse-Bulletin» des Tourist Board berichtet, die Zahl der Direktflü-ge von Privatjets zwischen Moskau und St. Moritz hätten in der letzten Wintersaison um fünfundsechzig Prozent zugenommen. Laut Flughafen Samedan erreicht die Ausfuhr der in St. Moritz gekauften Luxusgüter erkleckliche Ausmasse. Capri und St. Moritz planen eine strategische Allianz, denn seit mehr als einem Jahrhundert hätten beide Ferienziele eine ähnliche Gästeschaft. In der chinesischen Boomprovinz Shenzhen entsteht gerade die «St. Moritz City». Was ist es, was die Menschen hier finden? Die Nähe des Himmels? Den Schnee, die Kälte, die Stille, die Klarheit der Luft? 1856 Meter über dem Meer? Oder ist es die Ahnung des eigenen Verschwindens?
Das Unberührte jenseits der Baumgrenze, schreibt Adorno, steht konträr zur Vorstellung von Natur als einem tröstlich, wärmend den Menschen Zubestimmten; es verrät schon, wie es im Kosmos aussieht. Ich liebe dieses schon. Es reisst uns in die Weltallkälte hinaus. Das, was uns blüht, ist in diesem schon avisiert, und uns blüht nicht die Alpenwiese. Denn die gängige Imago von Natur ist begrenzt, bürgerlich, eng, geeicht auf die winzige Zone, in der geschichtlich vertrautes Leben gedeiht. – Eine andere Natur, liesse sich einwenden, wäre uns eben nicht Natur, sondern etwas gänzlich anderes. Doch es ist klar, was Adorno vor Augen steht, und er setzt nach: – Der Feldweg ist Kulturphilosophie.
Dessen Gemütlichkeit aber wirkt hier im Engadin tatsächlich unglaubwürdig. Womit ja möglicherweise zusammenhängt, dass St. Moritz eigentlich nicht schön ist. Und es nie war. Ich sitze im Café Hauser und trinke einen Männer-Tee. Früher, habe ich gelesen, paradierte hier die gute Gesellschaft des Ortes. Heute gibt es Männer-Tee und Frauen-Tee. Männer-Tee enthält Sarsaparillawurzel, Karob, Ingwer, Zimt, Gerstenmalz, Daminablätter, Tragantsüssholz, Stevia, Fenchel und Pfeffer. Frauentee enthält Zimt, Ingwer, Orangenschale, Fenchel, Löwenzahn, Nelken, Süssholz, Pfeffer, Kardamom.
Die geistige Agonie über Jahrzehnte, in die St. Moritz als Lebensform mit dem Ende der Idee des Grand Hôtels fiel, war erst vorüber, als der Schah von Persien, selbst eine der Ikonen des sogenannten Jet Set, sich entschloss, aus dem Grand Hôtel auszuziehen. Erst mit den Villen am Suvretta-Hang oberhalb fand St. Moritz wieder eine neue gesellschaftlich durchgebildete Struktur, in der sich heute architektonisch ebenso eindeutig ein Gesellschaftsentwurf verkörpert wie seinerzeit im Grand Hôtel. Doch die Via Brattas oder die Via Dim Ley an jenem Hang, der längst durchlöchert ist mit Atombunkern, Schwimmbädern, Squashhallen, Privatkinos und Garagen, sind keine Strassen für Flaneure. Diese neue Wirklichkeit von St. Moritz öffnet sich nur für Fitnesstrainer, Nannies und die Lieferanten der lokalen Feinkostler Glattfelder oder Geronimi.
Wie gierig sich die Begeisterung an der Landschaft des Oberengadins und seiner Preziose St. Moritz berauscht, lässt einen nur so lange misstrauisch werden, bis man versteht, dass sie sich an einer sehr besonderen Dialektik von Natur und Menschenwerk entzündet. Die fieberhafte Emphase verdankt sich zum einen der Eigentümlichkeit einer Kunstlandschaft, die ganz Natur zu sein vorgibt und doch zugleich eine der ältesten touristischen Naturinszenierungen in den Alpen ist. Und zum andern hat sie wohl damit zu tun, dass der Besucher hier nicht nur einer menschenfeindlichen, doch zugleich menschengemachten Natur gegenübersteht, sondern zugleich dem menschenfeindlichsten Attribut des Sozialen: dem Reichtum. Das Grand Hôtel ist selbst der ferne Gletscher, auf dem man in einem Tagtraum glücklich vergeht.
In jener Auflage des Baedekers Schweiz nebst den angrenzenden Theilen von Oberitalien, Savoyen und Tirol, die Friedrich Nietzsche bei seinen Aufenthalten im Engadin mit sich führte, heisst es über das engadiner-kulm, es sei ein ausgedehnter Gebäudecomplex am obern Ende des Dorfs, mit schöner Aussicht und allem Comfort, im Winter Centralheizung, gut geführt, aber nicht billig, viel Engl. u. Amerik., P. von 10 1/2 fr. an, Z. im Winter 1–7, im Sommer 3–10 fr. Der Wirth besitzt u.a. eine alte ital. Copie nach Raffael’s Sixtinischer Madonna, die er Wochentags 2–3 Uhr zeigt. Doch derlei Zerstreuungen sind nur die eine Wirklichkeit des Ortes. Die andere, dunkle Seite dieser Landschaft, deren Witterung Adorno sofort aufnahm, hat zwar auch mit dem Grand Hôtel zu tun, aber nicht mit seinem Luxus.
Das obere flugihaus, wie das Stammhaus der alteingesessenen Familie v. Flugi einst hiess, war schon Quartier der Kurgäste, als es noch keine anderen Unterkünfte in St. Moritz gab. Später firmierte es als Pension Faller, bevor Johannes Badrutt es kaufte und in Hotel Kulm umbenannte, weil es sich an der Kulmination – dem höchsten Punkt – des alten San Murezzan befand. Und letztlich macht nur das seinen Ruhm aus. Denn von dort stürzten sich erstmals 1885 Engländer in ihren Schlitten bäuchlings bergab. Besessen von nichts als der Idee der Beschleunigung.
Ich erinnere mich gelesen zu haben, dass das tourist board der Gemeinde St. Moritz aus dem st. moritzer curverein hervorgegangen ist, der wiederum seinen Vorgänger in einer 1864 gegründeten Kommission zur Verschönerung und Vergrösserung des Friedhofs hatte. Die Gespenster des Jet Set gehen mir nicht aus dem Kopf. Auf der Homepage des St. Moritz Bobsleigh Club ein Bild des greisen Gunter Sachs, der bei der Einweihung einer nach ihm benannten Kurve der Bahn als pale ryder im bodenlangen weissen Pelzmantel in den Bob steigt. Bobbahn und Cresta sind älter als die Eisenbahn, deren Viadukt über sie hinwegführt. Ich erinnere mich an ein Bild des Captain Henry Pendell, hochdekorierter Veteran des Burenkrieges, der 1907 verblutete, als es ihn beim Cresta Run aus der Bahn trug.
Der Jet Set ist dieser Region insofern eingeschrieben, als Geschwindigkeit das natürliche Mass einer Landschaft der Leere ist. Und damit der Tod. Mir scheint, seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist der englische Sportler das Phantasma, das St. Moritz bestimmt, und der Wiedergänger, der es belebt.
Indem die ersten angelsächsischen Touristen in den Alpen aus Langweile den Wintersport erfanden, erfanden sie eine tatsächlich vollständige neue Figur im europäischen Naturraum. Anders als der Bergführer, der Wildschütz, der Jäger opfert sich der Sportler, der auf dem Schlitten das Abenteuer der Geschwindigkeit sucht, nicht für andere, sondern agiert für sich allein. Das einzige, was er sucht und was von ihm bleiben wird, ist der Rekord. Er ist bei aller aristokratischen Attitüde immer Demokrat. Oder Autist, wenn man so will. Junggeselle im emphatischen Sinn. Denn das, was er aufs Spiel setzt, ist – in jener Gesellschaft zumal, aus der sich die Klientel dieses Ortes rekrutiert – die Genealogie. Er ist der Heros, der auf Fortpflanzung verzichtet. Den Sexappeal, der darin liegt, erkannte und reaktivierte noch der Jet Set der sechziger Jahre, der ja nicht umsonst eine Bewegung von Söhnen war.
Und während ich beobachte, wie die vom Skifahren heimkehrenden Jugendlichen im Waldhaus von ihren Eltern erwartet und empfangen werden, scheint es mir plötzlich tatsächlich vorstellbar, einer Art von Probe beizuwohnen. Einer Initiation, die der eigentliche Grund sein könnte, warum man immer wieder hierherkommt, an die Baumgrenze, seit über hundert Jahren. Wegen der Erfahrung, für Momente an der Freiheit des Helden zu partizipieren, dessen Phantasma diesen Ort so sehr erfüllt. Das, denke ich, könnte es sein, was die Väter ihren Söhnen hier zeigen. In die Eiseskälte eines kostbaren Moments von Freiheit pilgern sie zurück wie die Lachse zum Ort ihrer Zeugung.
Auch in dieser Nacht schneit es. Und wie vor jeder Abreise schlafe ich schlecht. Stehe lange am Fenster und sehe den flackernden Lichtern zu, die schütter durch den fallenden Schnee dringen von weit oben herab, wo die Raupenfahrzeuge nächtliche Hänge für den nächsten Tag präparieren. Selbst noch die Künstler, denke ich und starre in die Nacht, sehnen sich nach der Gefahr. Die Engadiner Maler wie Segantini oder Berry etwa, der sich im Herbst die Leinwand auf den Julierpass schaffen und dort fest verankern liess, um dann im Winter zu malen und im Hospiz zu leben. Indem er sich festband im Schneesturm, bildete er den Kontrapunkt zum rasenden Skiläufer und hoffte etwas zu erfahren, das dem Sportler im wahrsten Sinne immer wieder entgleitet.
Felix Dietrich, der Schwager Urs Kienbergers und zweiter Hotelier des Waldhauses, schüt-telt mir am nächsten Morgen die Hand und wünscht eine gute Fahrt. Für einen kurzen Moment hat es aufgehört zu schneien. Unwirkliches Licht über dem Silsersee. Die Bergspitzen in weissem Dunst. Gern hätte ich die römischen Säulen am Julierpass gesehen. Doch für dieses Mal geht es hinaus aus dem Schneeregen und dem Nebeltal, schon stürzt sich der Postbus ins Bergell hinab, kopfüber in den Frühling, und sofort reisst der Himmel auf.
In Soglio, im Palazzo Salis, ein Mittagessen im tiefen, leeren Saal. Bei der schlecht gelaunten Bedienung, schwarzhaarig, dünn und mürrisch, spüre ich zum ersten Mal, was ich oft noch empfinden werde: Wie sehr mir das Waldhaus fehlt. Ein Blick noch in den kleinen winterlichen Barockgarten, in dem Rilke einen Sommer verbrachte, dann zu Fuss den Weg durch die Kastanienwälder hinab nach Castasegna, unzählige Steinstufen durch den dichten Wald, moosbewachsen und feuchtdunkel. Die weissen Berge bilden den hohen Horizont hinter den grünen Wäldern des Tals. Alte Frauen grüssen lächelnd. In ihren Vorgärten die hellrosa Spitzen hüfthoher Magnolienbüsche. Es riecht nach verbranntem Holz. In den mauergegürteten kleinen Gärten Palmen. Katzen auf den sonnigen Steinen und zierliche Balkone über dem Pflaster der Strasse in Reichweite der Arme, wenn man sich streckt.
Es muss immer Kaviar sein
Von Margrit Sprecher
Verglichen mit ihrer braungebrannten Klientel scheinen die Köche blass und vergeistigt. So sehen Menschen aus, die in schlaflosen Nächten kreative Beziehungen zwischen marinierten Barbarie-Enten und Blätterteig mit Ingwer stiften.
Der Dresscode ist einfach: so nackt wie möglich. Doch das weiss nur, wer schon mal dabei war. Der erfahrene Kitchen-Party-Gänger erscheint bauch-, schulter-, rücken- oder beinfrei und kombiniert sein Outfit kühn mit einer Skimütze oder Chanel-Stiefeln. Allein so übersteht er die Hitze zwischen dampfenden Töpfen und Wannen mit siedendem Öl, zwischen rotglühenden Grills und Backofen, aus denen die heisse Luft wie ein Wüstensturm entweicht. Nirgendwo wird der Champagner rascher warm, nirgendwo wird er schneller gekippt.
Vierhundert Gäste schieben sich, Leib an Leib, stop and go, durch die Stahlglanz-Pracht der Palace-Hotelküche. Fröhlich rempeln die Männer durch die schmalen Korridore; wohlgelaunt treiben die Frauen durch das fremde Milieu. Nichts Schöneres für den müssigen Jet Set, als zuzuschauen, wie andere, angestachelt von echter Leidenschaft, Höchstleistungen vollbringen und das wohlorganisierte Chaos bebt, scheppert, zischt und wirbelt, ohne dass man selbst eine Hand rühren muss. An diesem Herd fasst man einen Teller voll Gnocchi aus grünen Oliven und gebratenen Gambas, an der nächsten Station wird Lammkotelett mit Safranhonig und Zimt-Orangenblüten-Jus oder ein Flip mit Dashi-Gemüsegelée und Hummertartar gereicht.
Zum Chillen flüchten die Gäste in die Pâtisserie, wo im eisig blauen Disco-Licht die weissen Handschuhe der Konditoren scheinbar schwerelos und wie von Zauberhand bewegt durch die Luft fliegen. Früher posierten hier mit flüssiger Schokolade bestrichene Mädchen. Jetzt hat man sie durch eine lebensgrosse Schokokuh ersetzt. Mit Political Correctness hat das nichts zu tun. Denn der ungetrübte Genuss seiner Gäste, egal ob korrekt oder unkorrekt, ist St. Moritz heilig. Um niemandem die Freude am Pelztragen zu verderben, hat das Dorf sogar die Plakate der Tierschützer aus seinem Territorium verbannt.
Verglichen mit ihrer braungebrannten Kundschaft scheinen die Köche blass und vergeistigt. So sehen Menschen aus, die in schlaflosen Nächten in die Dunkelheit starren, auf der Suche nach dem neusten ultimativen gastronomischen Kick. In endlosen Gedankenschleifen gehen sie kreative Beziehungen ein zwischen einer marinierten Barbarie-Ente und Blätterteig mit Ingwer und Kokosnuss. Oder zwischen Kohl, Langusten und Shitaki-Sauce. Denn in dieser Liga – jeder der anwesenden elf Schweizer Köche bringt mindestens einen Michelin-Stern und 18 Gault-Millau-Punkte mit – treibt stete Unruhe zu Höchstleistungen an. Immer neue Grenzen müssen überschritten, immer weiter die Spiele mit den Extremen getrieben werden.
Als wahre Künstler verfügen die Maîtres nicht über das robuste Seelenkorsett ihrer St. Moritzer Kundschaft. Wie ein Schock trifft sie der Anblick eines Gastes, der nur die Kaviar-Garnitur ihrer Création wegkratzt und den Rest stehen lässt. Oder achtlos das Wasabi-Aroma-Feuerwerk in den Mund schaufelt, statt es in mehreren Stufen im Gaumen explodieren zu lassen. Oder sich den Teller füllen lässt, nur um ihn auf der nächsten Ablage stehen zu lassen. Horst Petermann von den Kunststuben in Küsnacht beispielsweise wog, nach dem einwöchigen Gourmet-Festival und so viel direkter Konfrontation mit seinem Publikum, drei Kilo weniger.
Zum Stress trug bei, dass die Maîtres ihre Stärken nicht gezielt ausspielen und zu ihrer eigentlichen Form auflaufen durften. Denn am liebsten kochen Sterne-Köche eben mit Kaviar, Gänseleber und Trüffel, was nach einer Woche zu einer gewissen Monotonie führen kann. Die Organisatoren kamen deshalb nicht darum herum, die teuren Zutaten gewissermassen zu rationieren und nach einem strengen Schlüssel zuzuteilen. Doch sie hatten nicht mit der Erfindungsgabe der Köche gerechnet. So raspelte der Tessiner Martin Dalsass einen Trüffel über seine Vorspeise, der, so beteuerte er, sich grundlegend vom Trüffel seines Konkurrenten im Hauptgang unterscheidet. Er schmeckt, sagte er, eher wie ein Steinpilz und wächst, anders als der gewöhnliche Trüffel, nur auf über 1000 Metern Höhe. Andere Köche versteckten den Kaviar und Hummer hinter unverfänglich rustikalen Namen. Lokalmatador Roland Jöhri beispielsweise schmuggelte den Kaviar ins Bündner Armeleutegericht Maluns, in der Pfanne zerstossene Kartoffeln. Und die Capuns – in Mangoldblätter eingewickelter Spätzliteig – peppte er mit Hummer auf.
Um ein Haar hätte St. Moritz sein Gourmet-Festival vor ein paar Jahren wieder aufgegeben. Denn der Wettbewerb zwischen den Köchen hatte Formen angenommen, die sowohl Vorstellungskraft als auch Budget sprengten. Ein deutscher Meisterkoch traktierte seine Gäste mit Leberwurst-Bohnen-Ravioli, garniert mit Ingwerschaum und Krake; ein italienischer Maestro benötigte flüssigen Stickstoff aus dem Kernforschungszentrum Cern für seinen Eiskaffee. Dazu kamen weitere Schicksalsschläge. Einmal blieb, in Primadonna-Allüre, ein ganzes Team aus Abu Dhabi dem Festival unentschuldigt fern; ein anderes Mal war der Winter so warm gewesen, dass beim Finale auf dem gefrorenen St. Moritzer See das Wasser durch den Teppich drückte und die Kellner kleine Bugwellen vor sich her schoben. Zudem stiegen die Kosten für das Übergepäck in schwindelnde Höhen. Allein die Curries der Peninsula-Crew aus Hongkong wogen 72 Kilo zu viel.
Wenigstens in Sachen Reisespesen waren von den Schweizer Starköchen, die zum 13. St. Moritzer Gourmet-Festival eingeladen wurden, keine bösen Überraschungen zu befürchten. Sie kamen im Firmenbus und nahmen höchstens das eigene Geschirr, ihre besten Jungköche und jenes seltene sizilianische Oliven-öl mit, das nach grünen Tomaten schmeckt. Freilich bereute der eine oder andere sein Vertrauen auf die Engadiner Lebensmittelversorgung schwer. Denn St. Moritz verfügt zwar über die weltweit grösste Dichte an 5-Stern-Hotels, Boutiquen, Bijouterien und Banken. Doch kulinarisch bleibt es, abgesehen von einem Kaviarladen und einer Bio-Wachtelfarm, ein Drittweltdorf. Das einzige Delikatessengeschäft hat sein Angebot massiv verkleinert, und selbst im Coop ist frischer Rahm nicht immer erhältlich. So suchte Stefan Meier vom Rathauskeller Zug vergeblich nach den richtigen Kartoffeln für einen anständigen Kartoffelstock, und ebenso erfolglos graste ein Kollege die Metzgereien nach Kalbsknochen für den Jus ab.
Kein Wunder, steht es um die St. Moritzer Hotelküchen nicht gut. Nur gerade das Suvretta House kann sich neuerdings mit 14 Gault-Millau-Punkten schmücken. In den übrigen Hotels gilt: Hauptsache, das Steak ist dick, der Champagner kühl und die Zutat teuer – für viele immer noch das sicherste Zeichen, dass es auch gut schmeckt. Das gilt selbst auf den Bergstationen. Auf Corviglia hat Reto Mathis seine Spaghetti-Maschine, damals eine Weltneuheit, längst wieder verschrottet und reibt stattdessen mit lockerer Hand faustgrossen weissen Trüffel über T-Bone-Steak und Ravioli. Auch streicht seine Klientel den Kaviar so dick auf die Blinis, dass sein Jahresvorrat schon Ende Januar zur Neige ging. Und dies, obwohl die Kaviarpreise um ein Drittel gestiegen sind.
Kaviar-Hauptabnehmer sind nicht nur Banker mit dicken Boni, sondern, klar, die Russen. Allein im Januar landeten 52 Privatjets aus Moskau in Samedan. Als sie vor zehn Jahren erstmals auftauchten, waren sie der Schrecken aller Hoteliers. Im Speisesaal brüllten sie sich via Handy die besten Witze von Tisch zu Tisch zu und tranken den Wodka aus der Flasche. Ihre Bodyguards besetzten die Hoteleingänge und schüchterten mit ihren Rambo-Manieren selbst die Portiers ein. Aufgedonnert wie Operettendiven hatten die Russinnen die Boutiquen leergeräumt und deren Inhalt taschenweise durch den Matsch der Via Maistra ins Hotel geschleppt. Die Stiefel durften nur von Prada kommen, der Zobel nur von Fendi. Wog das byzantinische Goldkreuz nicht mindestens ein Pfund, kam es nicht in Frage. Jetzt fallen Russen und Russinnen weder akustisch noch optisch mehr auf. Seit zwei Jahren sind beim Kurverein keine Reklamationen über unflätiges Benehmen mehr eingegangen.
Untrüglichster Gradmesser dafür, wo die Weltwirtschaft gerade boomt, ist das Herkunftsland der St. Moritzer Gäste. Nach dem Krieg kamen erst die Deutschen, die Bismarcks, Hohenzollern, Opel, Burda, Flick, Sachs und Bogner. Dann rollte, zusammen mit den Griechen Niarchos und Onassis, die italienische Welle an, die Gucci und Pucci, die Prada und Agnelli, gefolgt von den Scheichs und den Türken. Der neuste Zustrom dürfte aus Indien kommen. Grund ist die 44-Millionen-Villa auf Chantarella, einer Waldlichtung oberhalb St. Moritz, die sich der drittreichste Mann der Welt, der indische Stahlmaharadscha Lakshmi Mittal, eben bauen lässt.
Wohin die weitere Reise geht, ist unschwer an der am Gourmet-Festival ausgehängten Gästeliste zu erkennen. Unter den Buchstaben X und Z, wo hierzulande der Platz meist leer bleibt, wimmelt es von Xiangs, Xues und Zangs. Noch handelt es sich um die Angehörigen zweier rivalisierender chinesischer Fernsehteams aus Peking und Shanghai, die, ohne vorher vom gleichen Ziel und Auftrag zu wissen, sich nun ein erbittertes Bilderduell liefern. Erklären, was St. Moritz ist, müssen sie ihrem Publikum nicht mehr. Der Name ist in China bereits ein so klingender Begriff, dass ein luxuriöser Vorort von Shenzhen «St. Moritz» getauft wurde.
Wie die meisten St. Moritzer Attraktionen ist auch das Gourmet-Festival die Idee des Kurdirektors Hanspeter Danuser. Er suchte nicht nur nach einer gastronomischen Aufwertung seines Ferienorts. Er suchte auch, im wahrsten Sinn des Wortes, nach Lückenbüssern, die die St. Moritzer Hotelbetten zwischen den Prestige-Events Polo, Pferderennen und Juwelenauktion füllten. Als dienstältester Kurdirektor der Schweiz kann ihn nichts mehr erschüttern. Egal, ob ihn der Night Talker Stefan Raab vor der Kamera Dr. Mabuse tituliert, weil er sich den Namen Danuser nicht merken kann, oder ob ihn die Boulevardpresse «Drogenbaron» nennt, weil die Kokainwerte im St. Moritzer Abwasser die Welthöchstmarke erreichten – Hauptsache, der Name St. Moritz erscheint in den Medien. Nur letzten Sommer verlor er die Nerven: Mitten in der Hochsaison donnerten Hunderte von Vierachsern mit Aushubmaterial durch das verkehrsfreie Dorfzentrum, rissen die Gäste aus dem Schlaf und verrussten die Auslagen von Banken und Boutiquen. Damit nicht ge-nug: Die Gemeinde St. Moritz hatte die örtliche Schwimmhalle trockengelegt. «Und dies», stöhnt Hanspeter Danuser, «in einem Ort, an dem seit dreieinhalbtausend Jahren gebadet wird!» In seiner Verzweiflung vertraute er seinen Frust einer Lokalzeitung an: Dreissig Jahre lang war er mit seinen «St. Moritzer Königstigern», einem Alphorn-Ensemble, durch Moskau, Houston und Tokio getourt, um Werbung für das 6000-Seelen-Dorf in Top of the World zu machen – jetzt gefährdeten die Baulobby und der Gemeinde-Eigensinn sein ganzes Lebenswerk.
Das grosse Finale des Gourmet-Festivals findet auf dem gefrorenen St. Moritzer See statt. Das Dach des Zelts ist kokett gerafft, von der Decke hängen Kronleuchter, wuchtige Polstergruppen laden zum Sitzen ein, und ein Teppich dämpft den Schritt. «Und darunter», lächelt Kurdirektor Danuser diabolisch, «liegen ein halber Meter Schnee, ein halber Meter Eis und 44 Meter kristallklares Wasser.» Sein probates Mittel, um den Gästen das Gruseln beizubringen.
Das Finale stellt alle Beteiligten vor ungewöhnliche Herausforderungen. Die Gäste quälen Garderobefragen: Was trägt man zum mittäglichen Galadîner auf dem Eis? Schneestiefel oder Pumps? Rollkragen oder Décolleté? Für die Köche gerät der Spagat zwischen der angestrebten Perfektion und den Tücken der Technik zur Zerreissprobe. Einmal fiel der Strom in der improvisierten Zeltküche just dann aus, als der Fisch vor dem kritischen Garpunkt stand. Jetzt sucht Horst Petermann vergeblich nach einem Steamer und muss in einer Stunde einen neuen Gang erfinden. Dabei lagen seine Nerven schon vorher blank. Denn der scheue Maître – mit 2 Michelin-Sternen und 19 Gault-Millau-Punkten der Star des Festivals und damit stets im Mittelpunkt – musste auf Geheiss eines deutsches Fernsehteams zwischen Skikjöring-Pferden posieren, obwohl er panische Angst vor deren Hufen hatte.
Gefordert ist auch die siebzigköpfige Kellner-Brigade. Beim morgendlichen Appell umstehen sie ihren Chef de service vom Suvretta House wie die Soldaten Napoleon vor der entscheidenden Schlacht. «Moresi?» «Sì!» «Antonelli?» – «Qui!» Beweisen müssen sie in den nächsten Stunden nicht nur akrobatische Fähigkeiten, sondern auch olympiareife Leistungen. Höchstens eine Minute darf der Spurt von der Küche zum Speisesaal-Zelt dauern. Sonst versinkt das Rindsfilet im Selleriepurée, und auf dem Fondue-Teich, der in der Mitte der Risotto-Teller schwimmt, bildet sich eine Haut. Auf dem Weg sind etliche Klimazonen zu durchqueren. Denn zwischen den Zelten wehen eisige Luftströme, während die Gebläse im Foyer und Speisesaal tropische Luft verpuffen.
Es flackern die Kerzen auf den Tischen, vier Stunden lang kommen und gehen die Kellner. Von hier aus, mitten auf dem See, ist St. Moritz sogar schön. Zu weit weg die abgasverrussten Strassenschluchten, die rat- und planlos ineinander verschachtelten Betonblöcke und ewig gleichen Ferienhäuser mit ihren dicken Mauern, kleinen Fenstern und pittoresk zurechtgedrückten Dächern, deren Flut mittlerweile bis auf die Bergstation der Corvigliabahn schwappt.
Die Speisen selbst sind schwer zu beschreiben. Denn nichts ist, was es scheint. Die Gurken kommen als Dessert daher, die Sachertorte entpuppt sich als Gänseleber-Kreation. Auf dem Tellerrand liegt eine 24karätige Goldfolie-Garnitur, eine Garnele wird mit einer Perle an ihrer Fischunterlage festgesteckt. Und während sich im Mund Dinge abspielen, die man mit Verwunderung zur Kenntnis nimmt, färbt sich draussen, vor den Zeltfenstern, der Abendhimmel zart lila. Der Kranz der geballten Firnwelt droht wie die Ewigkeit schlechthin und lässt alles Aufgetischte so nichtig wie ein Menschenleben vor dem Jüngsten Gericht erscheinen.
Wieder an der frischen Luft, gehen die Täuschungen und Verfremdungen weiter. Der Weg zum Ufer führt an Palmen vorbei, die vor einer Stunde noch nicht dastanden; dazwischen ist ein Motorboot aufgebockt. Einer Fata Morgana gleichen auch die jungen Männer in weissen Anzügen, die auf dem plattgewalzten Schnee Cricket spielen, als wär’s der grüne Rasen von Eton; graziös halten die Zuschauerinnen eine halbleere, schon eiskalte Teetasse in der Hand. Und dann, schliesslich, doch noch ein Stück wahres, unverfälschtes Leben: Mitten auf dem See stehen, schön zum Geviert geordnet, zwei Dutzend mobile Toiletten und warten auf den letzten Akt.
Stille Zeit. Notizen eines Hotelkindes
Von Jürg Kienberger
Nach Ostern schüttelten meine Eltern den letzten abreisenden Gästen die Hand; die Zwischensaison begann. Bei uns Kindern enorm beliebt, denn das Haus gehörte endlich uns.
Dass unsere Familie jedes Jahr viermal umzog, störte mich, den Jüngsten, nicht. Meine beiden älteren, bereits schulpflichtigen Geschwister aber mussten alle paar Monate komplett umdenken.
Von Weihnachten bis Ostern wohnten wir in St. Moritz, hoch über dem Dorf, im Hotel Chantarella, welches meine Eltern seit einigen Jahren als Direktionsehepaar durch die Wintersaison führten. Nach Saisonschluss zogen wir jeweils 50 Meter Richtung Skigebiet in ein Privathaus, die Villa Chantarella, wo wir in der Zwischenzeit, der sogenannten «stillen Zeit», in Miete waren und richtige Familie spielten. Mama kochte, Papa trug keine Krawatte und wir vier Kinder mussten nicht dauernd flüstern und schleichen. Im Mai dann ging’s mit Sack und Pack zehn Kilometer den Inn aufwärts nach Sils Maria, in unser eigentliches Zuhause, das Waldhaus. Dieses unser familieneigenes Hotel kannte zu der Zeit nur den Sommerbetrieb. Nach der Sommersaison zogen wir im Oktober wieder nach St. Moritz in unser Zwischensaison-Domizil, um vor Weihnachten abermals ins Hotel Chantarella hinüberzuwechseln, womit unser vierter Umzug überstanden war.
In der St. Moritzer Grundschule ist die Unterrichtssprache Deutsch, während in Sils romanisch unterrichtet wird. Dass die Schüler in Maloja, nur fünf Kilometer weiter, bereits italienisch sprechen, fiel uns damals nicht weiter auf. Italienisch lernten wir im Hotel
mit den Angestellten. Ausserdem schreiben die St. Moritzer Erstklässler Blockschrift, die Silser Schnürchenschrift. Meine Geschwister mussten beides lernen; und «zweiundvierzig» nicht mit «vainchaquatter» zu verwechseln ist selbst für Nichtlegastheniker kein Pappenstiel. Einziger Trost: In Sils hatten sie viel längere Sommerferien, wegen der damals noch beachtlichen Anzahl Bauernfamilien, die ihre Kinder im Sommer für die Heuernte brauchten, in St. Moritz waren die Winterferien länger, so kamen meine Geschwister in den Genuss sämtlicher Ferienwochen. Ausserdem hält Umdenken frisch: Beide können noch heute sehr wohl mit Zahlen umgehen. Maria ist Chefbuchhalterin, Urs studierter Ökonom, und zusammen mit Schwager Felix, dem Hotelier, leiten sie heute die Geschicke des Hotels Waldhaus.
Mein Urgrossvater hatte es im Jahre 1908 mit dem ganzen Wissen und den Erfahrungen eines 61jährigen Hoteliers erbaut. Meine Grosseltern übernahmen später die Verantwortung und erlebten in den goldenen zwanziger Jahren und bis Kriegsbeginn 1939 neben dem bewährten Sommerbetrieb einige recht erfolgreiche Wintersaisons. Während und nach dem Krieg blieben die wintersportfreudigen Briten, Deutschen und Kanadier fern, das Hotel im Winter zu öffnen war nicht möglich.
Erst 1955/56 wagten sie eine Wiedereröffnung im Winter, aber schon im Februar erreichte uns im Chantarella die Nachricht aus Sils: «Er isst üs nümma!» Mein Grossvater verweigere jegliche Nahrungsaufnahme aus Sorge über die miserable Auslastung. Aus Rücksicht auf seine Gesundheit beschloss die Familie sofort zu schliessen. In den darauf folgenden Jahren war das Haus im Winter nur über Weihnachten/Neujahr geöffnet, war dann allerdings vollbelegt mit Gästen, die in St. Moritz keinen Platz mehr fanden.
St. Moritz war damals schon für den Wintersport gut ausgerüstet, in Sils gab es noch keinen Skilift. Unter den Gästen befanden sich nicht wenige Wirtschaftswunderkinder, die sich mit Vorschlägen überboten, wie und was man an dem alten Haus renovieren sollte. Dazu fehlte aber das Geld. Heute kann man sagen: Zum Glück, denn so blieb vieles erhalten, was sonst den Glanztaten der Sechziger-Jahre-Architektur zum Opfer gefallen wäre. Der Aufwand für diese kurze Inbetriebnahme war enorm. Das bis auf Minustemperaturen unterkühlte Haus musste bereits drei Wochen vor dem Eintreffen der ersten Gäste aufgeheizt werden, ausserdem war es schwierig, für nur drei Wochen die achtzig Angestellten zu finden. Für Küche und Saal konnte man die ganze Brigade des Hotel Splendido in Portofino übernehmen, welches nicht vor März zur Badesaison öffnete.
Mein Vater konnte über Weihnachten/Neujahr auf keinen Fall helfen, da im Chantarella in der Zeit ebenfalls Hochbetrieb herrschte.
1963/64 überzeugte mein Vater dann den skeptischen Grossvater, mit ihm zusammen den erneuten Versuch einer ganzen Wintersaison im Waldhaus zu riskieren. Wir zogen ein letztes Mal um. Das Chantarella musste sich um andere Direktoren kümmern. Es wurde vor fünf Jahren abgerissen, neue Eigentumswohnungen werden das ehrwürdige Hotel ersetzen, die Villa, unsere geliebte «Stille-Zeit»-Villa, steht noch.
Über Weihnachten/Neujahr ging alles gut, spätestens nach dem Dreikönigstag aber reisten fast alle Gäste ab.
Die Zeit des gefürchteten Januarlochs begann. In den nun folgenden drei Wochen verloren sich vier bis höchstens sieben Gäste im grossen Haus. Umsorgt wurden sie von dreizehn Köchen, ihrem Küchenchef und dem Chef-Pâtissier, fünfzehn Kellnern, fünf Zimmermädchen und ebenso vielen Hilfszimmermädchen, vier Etagenportiers, der Etagengouvernante, einem ersten und einem zweiten Concierge, einem Nachtportier, dem Telefonisten, drei Logentournants, einem Chauffeur, sieben Leuten im Büro (die Praktikantin mit eingerechnet), einer Economatgouvernante und ihrer Stellvertreterin, einer Kaffeeköchin, dem Kellermeister, zwei Tellerwäschern, der Näherin, Glätterin, vier Lingeriemädchen, einem Wäscher, einem Hausmechaniker, dem Schreiner, dem Schneeräumer, dem Kapellmeister und seinen zwei Mitmusikern.
Um den wenigen Gästen ihr spärliches Dasein in den grossen Aufenthaltsräumen erträglicher zu gestalten, mischte sich die Direktionsfamilie unauffällig dazu. Wir assen ausnahmsweise im Speisesaal und wir Kinder durften gar Freunde einladen und während des Teekonzerts Eile mit Weile spielen, in kleinen Grüppchen, an verschiedenen Tischen, damit es nicht so leer aussah. Ich lauschte gern dem Trio Rudi Knina, welches dieselben Wiener Walzer life spielte, die ich schon ab Grammophon vom Chantarella-Eisplatz her kannte.
Im Februar nahm die Gästezahl dann wieder zu, die Familie zog sich bescheiden in ihr privates Esszimmer zurück, ass das Personalessen, liess sich wie gewohnt durch ankommende oder abreisende Gäste wegrufen, sei es nun Sonntagabend oder mitten in den Halbeinuhrnachrichten von Radio Beromünster.
Schon mein Grossvater wollte jeden Gast unbedingt persönlich begrüssen und verabschieden, und diese Tradition hat bis heute Bestand. Über Ostern war das Hotel dann nochmals wider Erwarten voll mit bis zu 304 Gästen, darunter an die 80 Kinder, zum Teil in Zustellbetten, die wir von anderen Hotels ausborgten, die bereits geschlossen hatten. Ein paar Tage nach Ostern schüttelten auch meine Eltern den letzten abreisenden und hoffentlich im nächsten Jahr wiederkehrenden Wintergästen die Hand, die Zwischensaison begann. Bei uns Kindern enorm beliebt, denn das Haus gehörte endlich uns. In Windjacke und Wollshawl gepackt fuhren wir mit dem Fahrrad durch die langen, ungeheizten Korridore und die leergeräumten Säle. Die Teppiche waren aufgerollt, die Möbel weggestellt und alles unter Leintücher gepackt. Darunter liess sich vorzüglich Verstecken spielen. In der Hotelhalle war ein Federballnetz aufgestellt. Mit meiner Schwester Claudia schafften wir es 1024mal hin und her, was über zwanzig Minuten in Anspruch nahm, und es gelang mir sogar, während unserer Rekordversuche mit der linken Hand meine Nase zu putzen, ohne dabei den Schläger aus der Hand zu legen. Manchmal wagte ich mich heimlich an den Flügel, bis mir trotz Handschuhen fast die Finger abfielen. Die «stille Zeit» trug ihren Namen damals noch mit Recht und Würde.
Sieben Jahre lang blieb der Januar ein gefürchtetes gähnendes Loch in der Gästestatistik, und nur mit ausgebuchten Weihnachten und Ostern liess sich im Winter das für dringende Erneuerungen gebrauchte Geld nicht erwirtschaften.
Erst ab 1970 mit dem Bau des Hallenbades, für den meine Eltern äusserst mutig einen riesigen Baukredit aufnahmen, begann die Wintersaison sich zu erholen. Die Furtschellasbahn wurde gebaut und nach und nach konnten das Januarloch gestopft und die Sanierungen in Angriff genommen werden. Die «stille Zeit» wurde von nun an durch Baulärm verdrängt, der einsetzte, sobald der letzte Gast verabschiedet war.
Von den mittlerweile 135 Angestellten wohnen und arbeiten heute 24 auch während der Zwischensaison im Hotel. Die Heizung wird nie mehr ganz abgeschaltet. Das Unternehmen gedeiht, meine Geschwister sind zufrieden – etwas bleich und abgekämpft.
Übernächstes Jahr werde ich 50, das Waldhaus 100. Auch ich sehe heute schon älter aus als unser Hotel, obwohl ich nicht Hotelier geworden bin. Als Teil der Familie bin ich aber offensichtlich mit infiziert, ein Hotelkind eben, das sich dringend nach Urlaub sehnt – nach einer längst entschwundenen «stillen Zeit».


