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Du ist Deutschland.
Zu Gast bei Freunden

Erscheint am:
Ausgabe Nr:
Juni 2006

ISBN: ISBN: 3-03717-025-0 ISBN-13: 978-3-03717-025-0

Preis: Sfr. 20.-

Preis: Euro 15.-
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Horizonte


07 Istrisches Impromptu. Nichts als Sardinen. Von Richard Swartz

10 Hermannstadt. Draculas Denkmalpfleger. Von Matthias Schultz

10 Helsinki. Die B-Seite des Zeitgeists. Von Phuong Duong

11 Wien. Wir Wiener Stadtmöbel. Von Christiane Zintzen

12 Basel. In Art We Trust. Von Nic Hess

13 «du» vor 50 Jahren, Autoren, Fotograf, Künstler/Illustratoren

14 Interview. Barbara John im Gespräch mit Jacqueline Schärli

17 Selbstgebrannt. Von Camille Schlosser

20 Kabinett der Moderne. Bruno Steiger über Christine Streulis «Jackpot»

22 Pressestimmen, Leserbriefe

04 Impressum




Du ist Deutschland.

Zu Gast bei Freunden


24 Menschen in Deutschland. Fotografiert von Albrecht Tübke

26 Einige Wünsche Deutschland betreffend. Politiker sollen wieder Politik machen und die Bürger sich selber regieren. Von Wolfgang Engler

30 Krefeld. Von Elke Schmitter

30 Wesenberg. Von Svenja Leiber

31 Herzogenaurach. Von Ursula März

32 Das Bielefelder Gefühl. Gute Deutsche finden sich immer ein bisschen peinlich. Sie können alles, ausser sich mögen. Von Jana Scheerer

34 Haunkenzell, Stallwang. Von Heide Hollmer

34 Radebeul. Von Jens Sparschuh

35 Göttingen. Von Phuong Duong

38 Im Sperrgebiet. Zwischen Sorge und Elend ist Deutschland unentrinnbar deutsch. Von Sieglinde Geisel

44 Schlitz. Von Florian Illies

44 Kassel. Von Tilman Spreckelsen

45 Treis. Von Thomas Hettche

48 Deutschlandreise. Der lange Weg von Schalke nach Glückstadt. Und die Erkenntnis: Eigentlich ist überall Lemberg. Von Natalka Sniadanko

53 Karl-Marx-Stadt/Chemnitz. Von Kerstin Hensel

54 Viersen. Von Markus Orths

56 Hanau. Von Peter Henning

56 Zehlendorf. Von Nicola Steiner

58 Heimsuchung. Das Haus, darin sich Schicksale kreuzen. Eine deutsche Geschichte aus Ost und West. Von Jenny Erpenbeck

62 Karlsruhe. Von Martin Gülich

62 Untermhaus. Von Lutz Seiler

63 Dillenburg. Von Andreas Nentwich

63 Burghausen. Von Hannes Hintermeier

66 Kulturchronik 1900–2005. Von Hermann Glaser

74 Deutschlandkarte. Von Lena Huber




Das Journal


75 Ausstellungskalender

76 Souvenir d’un mariage. Von Dominique Spirgi. Bild oculus

78 Noch nicht gedrehte Filme. Von Jörg Kalt

79 Lesen & Hören

79 Katalog von Allem. Von P. K. Wehrli

80 Ein Wochenende in Genua. Von Christian Schmidt

81 Im Radio. Von Gerwig Epkes

82 Bücherei. Von Uwe Kossak

83 Ein anderes Museum

83 Das Wort

83 Im Fernsehen

84 Jahrestage

85 Gäste im Haus

86 Das Porträt

87 Sélections: Ausstellungseröffnungen im Juni

88 Wissenswelt. Von Martin Rasper

89 Stehbar in der Bahnhofshalle

91 Ausblick






Das Editorial


«Es gibt», so schrieb vor 200 Jahren Madame de Staël, «nur wenige Hauptpunkte, in denen die Gesamtheit der deutschen Nation übereinstimmt, denn die Unterschiede sind in diesem Lande so gross, dass man nicht weiss, wie man so verschiedene Religionen, Regierungsformen, klimatische Verhältnisse und selbst Völkerstämme unter ein und denselben Gesichtspunkt bringen soll.» Den Unschuldsstand von 1808 haben die Deutschen spätestens 1933 eingebüsst, aber das Psychogramm, das die Erz-Pariserin und Tochter eines Genfer Bankiers in ihrem Buch De l´’Allemagne von ihnen gibt, ist auch 2006 ein verlässlicher Führer zu den bächleinumrauschten Felsen und Klüften der deutschen Seele.

Drei Gründe haben uns bewogen, dem Volk der Kritischen Wälder (Herder), der Rheinischen Sinfonie (Schumann) und der Reinen Vernunft (Kant) ein «du» zu widmen: seine sympathische Verzagtheit vor den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, die Fussball-WM und unsere Hybris.

Gegen erstere schreiben zwei erzrepublikanische Köpfe an, Wolfgang Engler und Hermann Glaser. Der zweite Grund, die wm, ist das zentrale Thema dieses Heftes, zum einen, indem sie nicht vorkommt, zum anderen, indem ein Fussball – gegen den Willen des zuständigen Redaktors – durch diverse Texte dribbelt, um schliesslich vor den Füssen eines von Albrecht Tübke porträtierten Zeitgenossen ehrfurchtsvoll (und unsichtbar) zu landen (Fussballfreunde, wenn sie ein wenig herumblättern, wissen sofort, was gemeint ist).

Bleibt die Hybris. Sie ist gross. Man kann unmöglich ein «du» über ein so riesiges Thema machen. Es gibt keinen Gesichtspunkt für die Unterschiede in diesem Land. Seine Völkerstämme sind unübersehbarer denn je, sie reichen von Mecklenburg-Vorpommern bis nach Anatolien, und seine Probleme sind so überwältigend, dass sie nur im Expertenverbund von «Spiegel», «ARD-Presseclub» und «Zeit» gelöst werden können. Dieses «du» hingegen ist nur ein Stecknadelkopf auf der Landkarte. Es gibt etwas weiter vom Geruch und Geschmack dieses Landes, von den Gemütsschatten, von der Liebe zu Heimaten, die sich kritische Deutsche nur erlauben, wenn diese Liebe ironisch verkleinerbar und kosmopolitisch abgefedert ist.



Andreas Nentwich





Auch sie kam aus einer deutschen Provinz. Ihre Liebe galt den Ländern Osteuropas, Italien und der Literatur. Ihre Passion war diese Zeitschrift; viele Hefte, zuletzt das über Imre Kertész, tragen ihre Handschrift: kompromisslos und anspruchsvoll. Nach schwerer Krankheit ist unsere Kollegin und Freundin Helga Leiprecht in ihrer Allgäuer Heimat gestorben. Sie wurde nur 41 Jahre alt. Ihre Texte, auch die kleinen, gewitzten, waren immer geerdet, existenziell und voll rhythmischer Kraft. Sie werden fehlen. Den Menschen kann uns niemand ersetzen. Wir trauern sehr.



Redaktion und Grafik






Fünf Texte aus dem Inhalt
Das Bielefelder Gefühl



Gute Deutsche finden sich immer ein bisschen peinlich. Sie können alles, ausser sich mögen. Deswegen ist Berlin als Hauptstadt ein Irrtum.



Von Jana Scheerer



Zur Zeit sehe ich im Fernsehen und auf Plakaten ständig Anne Will oder Olli Kahn oder irgendwelche anderen vermutlich prominenten Personen, die mir sagen: «Du bist Deutschland.» Über Sinn und Unsinn solcher Kampagnen wurde seither viel diskutiert; unter anderem wurde lästerlich als Alternative vorgeschlagen: «Du bist Bratwurst und Sauerkraut.» Na ja. Richtiger müsste es meiner Meinung nach heissen: Du bist Bielefeld. Denn Bielefeld ist, da bin ich mir sicher, als Bild für Deutschland hundertmal besser geeignet als alle Dichter oder Erfinder oder Moderatoren oder Torwärter oder Bratwürste dieses Landes. Zum Beweis sei hier der Berliner «Tagesspiegel» vom 9.12.2005 zitiert: «Günthers Gesicht war immerhin 32 Jahre auf der Schokolade zu sehen, egal, ob man nun in Norwegen war oder Bielefeld.» (Es ging um das bedauerliche, leider hier aus Platzgründen nicht näher zu erörternde Austauschen des Jungengesichtes auf der Kinderschokolade: Günther wurde einfach durch Kevin ersetzt.) Wie dem auch sei, in obigem Satz gibt es eine Inkongruenz der Kategorien. Norwegen und Bielefeld, das passt irgendwie nicht zusammen. Hier steht eindeutig Bielefeld metonymisch für Deutschland. Dass Bielefeld ein perfektes Bild für Deutschland ist, würde auch erklären, warum ständig und überall der Name «Bielefeld» fällt, ohne dass jemals wirklich von Bielefeld die Rede wäre.

Eine andere Erklärung für diese Bielefeld-Inflation ist die inzwischen auch über Bielefelds Grenzen hinaus bekannte These, Bielefeld gebe es gar nicht. Unter www.bielefeld- verschwoerung.de legen die Verfechter der Bielefeld-Verschwörungstheorie überzeugend dar, dass die häufige Nennung Bielefelds ausschliesslich zum Zweck eines besonders wirkungsvollen Vortäuschens der Existenz Bielefelds geschieht. Denn, so die Verschwörungstheoretiker weiter, man höre zwar ständig von Bielefeld, lerne aber nie jemanden kennen, der tatsächlich aus Bielefeld stamme oder auch nur einmal dort gewesen sei. Der Einfluss der an der Verschwörung beteiligten Personen scheint überdies bis in die höchsten Stellen zu reichen. Schliesslich wurde sogar der Aufwand, Nummernschilder mit der Aufschrift bi herzustellen, nicht gescheut. So weit die Verschwörungstheoretiker.

Ich selbst habe zehn Jahre in Bielefeld gelebt, bin sieben Jahre mit einem BI-Kennzeichen an meinem Auto durch die Gegend gefahren (davon vier in Berlin), kenne also jemanden, der schon mal in Bielefeld war und kann schon deshalb den Bielefeld-Verschwörungstheoretikern nicht recht geben.



Man kann nicht mal nichts



Ich möchte sogar umgekehrt behaupten, dass die Bielefelder selbst nichts lieber tun würden, als die Existenz Bielefelds irgendwie zu vertuschen. Es würde mich nicht wundern, wenn die Bielefeld-Verschwörungstheorie tatsächlich von den Bielefeldern selbst verbreitet würde, die so Bielefeld in das Reich der Fiktion verbannen wollen. Denn Bielefelds Einwohner schämen sich ständig für Bielefeld. Der Ausdruck «der Bielefelder Lokalpatriot» ist ein Oxymoron. Mein Bielefelder Erdkundelehrer riet uns elfjährigen Schülern, auf die Frage «Wo liegt denn dieses Bielefeld?» mit dem Satz «irgendwo zwischen Hannover und Dortmund» zu antworten. Degradierender wäre wohl nur noch «irgendwo zwischen Gütersloh und Bad Oeynhausen» oder «in der Nähe von Bünde». Und hat man Bielefeld dann schliesslich irgendwo zwischen Hannover, Dortmund, Gütersloh und Bad Oeynhausen gefunden, entschuldigt sich der Bielefelder, kaum hat man seine Stadt betreten, sofort für dieselbe: «Ja, is eben Provinz hier, ne», oder, alternativ: «Jo, Bielefeld is halt ziemlich zerstört gewesen, ne. Und dann inne sechziger Jahren wieder aufgebaut...» Sollten Sie jemals nach Bielefeld kommen und Lust haben, einen Bielefelder rot werden zu sehen, fragen Sie ihn einfach folgendes: «Wo geht’s denn hier zum Kesselbrink?» Er wird Ihnen schmerzverzerrten Gesichts den Weg zu Bielefelds schlimmstem Schandfleck, einem von Sechziger-Jahre-Bauten umstellten Parkplatz, beschreiben. Auf der Strecke liegen garantiert jede Menge andere Schandflecke, so dass die Wegbeschreibung ungefähr so ausfallen dürfte: «Äh, da gehen sie einfach immer die (stöhn) Bahnhofsstrasse entlang, bis sie auf den (knirsch) Jahnplatz kommen, dann schräg links und dann stehnse aufm (heul) Kesselbrink. Ach, übrigens: Ich bin ja nur zugezogen, gebürtiger Herforder eigentlich, ne.»

Gerne würde ich übrigens die hier zitierten Bielefelder in einem knackigen Dialekt wiedergeben. Doch leider, leider spricht man in Bielefeld bis auf einen leichten westfälischen Einschlag und einige «als»/«wie»- und «zu»/«nach»-Konfusionen weitgehend Hochdeutsch. Auch dafür schämen sich die Bielefelder zutiefst. Dialektsprecher werden geradezu euphorisch begrüsst und mit der Mitleid heischenden Feststellung «wir sprechen hier ja keinen Dialekt» bedacht. Wobei man sich die Euphorie eher als eine nach innen gerichtete Regung vorzustellen hat. Das ist den Bielefeldern auch völlig bewusst, weshalb sich zu obiger linguistischer Selbstdiagnose oft noch folgender trauriger Befund gesellt: «Wir sind hier halt mehr so sture Westfalen, ne.» Dieser Satz wird in jeder Lebenslage eingesetzt, in der eventuell fehlendes affektives oder auch nur akustisches Engagement kritisiert werden könnte. Im Grunde hat es mich immer gewundert, dass während der zähen Sozialkundestunden meiner Bielefelder Schulzeit nie einer der Schüler dem auf eine Antwort wartenden Lehrer ein «Wir sind hier halt so sture Westfalen, ne» entgegengeworfen hat.

Paradoxerweise macht es gerade diese Selbstdefinition durch Ausschlussverfahren dem Bielefeld-Neuling besonders schwer, ein echter Bielefelder zu werden. In Berlin stellt man sich in den ersten zwei Tagen in der Stadt einfach irgendwo an die Kasse, rammt der Oma vor sich den Einkaufswagen in den Hintern und schreit dann: «Wat rennse denn in mein Korb rinn, hamse denn keene Augen im Kopp?» Und schon ist man ein Berliner.

In Bielefeld ist die Sache um einiges komplizierter.

Ich weiss, wovon ich spreche, denn ich habe zehn lange Jahre meines Lebens dem Versuch gewidmet, eine Bielefelderin zu werden. Doch immer gab es irgendwelches Bielefeld-Fachwissen, zu dem man nur Zugang hatte, wenn man mindestens eine waschechte Bielefelder Uroma – Verzeihung: Uaomma – hatte. Selbst nach sieben Jahren intensiven Bielefeldstudiums konnte man mich noch mit einem Satz wie «Der kommt halt aus Brake» aus der Fassung bringen. Wie: «Der kommt halt aus Brake»? Was soll das heissen? Ich weiss es bis heute nicht. Und ich habe mich nie getraut zu fragen. Denn fragen würde bedeuten, den Bielefeldern eine irgendwie geartete lokale Beson-derheit zu unterstellen, was ja nach eigenem Bekunden das letzte ist, was sie auszeichnet. Sie tun so, als wäre man Bielefelder, indem man keinen Dialekt spricht, keine besonderen Verhaltensweisen zeigt und vor allem keinerlei Gefühle für Bielefeld hat ausser Scham. Was gäbe es für einen Ortsfremden da nicht zu verstehen? Da macht das herzerfrischend ehrliche «Wir können alles. Ausser Hochdeutsch», mit dem Baden-Württemberg auf Berliner Bussen um Sympathie wirbt, das Nachfragen doch um einiges leichter. Die Bielefelder Kampagne würde wahrscheinlich lauten: «Wir können nichts. Frag nicht.»



Eine Stadt als Metapher



Dabei kann und hat Bielefeld eine ganze Menge: eine profilierte Universität, die nur von aussen ein bisschen komisch aussieht (so ’n Sechziger... na, Sie wissen schon), ein Unternehmen (Dr. Oetker), das inzwischen ganz Europa mit weit mehr als Pudding versorgt, eine winzige, aber hübsche Altstadt und sogar eine richtige Burg, die Sparrenburg. Doch von all diesen schönen Dingen wollen die Bielefelder nichts hören. Sogar als das Fremdenverkehrsamt sich in seiner Verzweiflung den Slogan «Bielefeld – die freundliche Stadt am Teutoburger Wald» ausdachte, hatten die Bielefelder nichts Besseres zu tun, als daraus «Bielefeld – die freundliche Baustelle am Teutoburger Wald» zu machen. Dieser Slogan, der hier zugleich als Beispiel Bielefelder Humors stehen soll, wurde sogar auf einen Aufkleber gedruckt, den sich die Bielefelder begeistert auf ihre Autos klebten. Denn um die Schrecklichkeit der Stadt irgendwie zu mildern, wird in Bielefeld immer irgend etwas umgestaltet, nur damit hinterher in der Lokalpresse zu lesen ist, jetzt sehe es noch schlimmer aus als vorher. Der tiefere Sinn des Slogans «Bielefeld – die freundliche Baustelle am Teutoburger Wald» liegt wohl in der Hoffnung der Bielefelder darauf, ihre Stadt so lange umbauen zu können, bis sie tatsächlich nicht mehr Bielefeld ist.

Was also könnte besser für Deutschland stehen als Bielefeld? Die Haltung der Bielefelder ihrer Heimat gegenüber steht in vollkommenem Einklang mit den Gefühlen, die wir Deutschen unserem Land entgegenbringen – nämlich Scham und das Bedauern nicht existierender Eigenschaften: «Wir sind nicht leidenschaftlich / humorvoll / locker / grosszügig/gefühlvoll.» Das zeigt sich schon in der Notwendigkeit einer «Du bist Deutschland»-Kampagne. Denn wenn uns extra gesagt werden muss, dass wir Deutschland sind, weist das vor allem auf eines hin: dass wir offenbar nicht Deutschland sein wollen. Eine Reklame, in der Ingolf Lück uns zuflüstert: «Du bist Bielefeld. Macht ja nix», wäre also um einiges ehrlicher als eine, in der Günther Jauch uns sagt, dass wir es endlich anpacken sollen. Vielleicht könnte Bielefeld auch die leidige Diskussion um Sprach- und Gesinnungstest beenden: Bei einem verbindlichen circa einjährigen Aufenthalt in Bielefeld würden Einbürgerungswillige lernen, sich ordentlich für die neue Heimat zu schämen und so gute Bielefelder – Verzeihung: Deutsche – zu werden.







Untermhaus.

Von Lutz Seiler



Man denkt nicht viel über die metaphorische Qualität von Namen nach, wenn sie die Orte bezeichnen, an denen man aufwächst. Diese Orte liegen einfach zu nah. Später ändert sich das. Gera-Untermhaus: Mitte der achtziger Jahre, als unsere Clique auseinander fiel, sich in Pärchen auflöste und erste Kinder geboren wurden, begann die Suche nach eigenen Höhlen. Untermhaus bot sich an für eine unauffällige Besetzung. Ein verfallendes Viertel, regelmässig überschwemmt von der nahen Weissen Elster, ein Fluss, der die Gegend auch zwischen den Hochwassern feucht und kühl hielt. Die Strassennamen hatten sich dem Klima zwischen Fluss und Stadtwald angepasst: Fuchsklamm hiess unsere erste Adresse, ich glaube, es war Nummer 16. Als Charlotte, Swifty und Nora dort einzogen (die Tür aufzubrechen war ein Kinderspiel), gingen wir gemeinsam auf Möbelsuche. Die Untermhäuser Strasse war flankiert von den Ruinen der Nachkriegszeit, in denen vereinzelt noch ein paar Alte lebten. Wenn sie starben, bemerkte das keiner so schnell. Betrat man die Flure dieser Häuser, wusste man nie genau, ob dort noch jemand wohnte oder nicht. Wir fanden vollständig eingerichtete Unterkünfte, die seit Jahren niemand mehr betreten hatte. Oft sah es so aus, als hätten die Bewohner den Ort in Eile verlassen. Das Bett war noch nicht gemacht, im Kissen der Abdruck eines Kopfes, die zu Staub vertrockneten Exkremente im Nachtgeschirr. Zwei, drei Streifzüge genügten, sich mit den Dingen zu versorgen, die man brauchte zum täglichen Leben. Zwei Jahre später konnten diese Häuser in sich zusammenfallen und alles unter sich begraben. Vom Fuchs-klamm aus hörte man die Geräusche des Wismut-Stadions, wenn dort Fussball gespielt wurde. Einmal, in einem Spiel der Aufstiegsrunde zur Oberliga, soll der Schiedsrichter von aufgebrachten Wismutfans in den Fluss hinter dem Stadion getrieben worden sein. Es handelte sich dabei um den berühmten Rudi Glöckner, der 1970 in Mexiko das WM-Endspiel gepfiffen hatte. In Gera-Untermhaus stand er bis zum Bauch im Wasser – so die Legende.





Schlitz.

Von Florian Illies



Mein Heimatort hat eine kleine Zeitung, einen kleinen Bademeister und ein grosses Problem: seinen Namen. Schlitz. Es ist nicht schön, wenn Mitmenschen oder Zollbeamte zu lachen beginnen, wenn man sagt, wo man herkommt. Und doch war Kaiser Wilhelm ii. ständig da, um die Gräfin von Schlitz zu jagen und die Auerhähne. Ansonsten kommen die Sekretärin von Thomas Gottschalk aus Schlitz und die Leinenservietten in der First Class der Lufthansa. Die aktuelle Gräfin von Schlitz ist mit Fritz Wepper verheiratet, den man darum manchmal vor der Bäckerei seinen Wagen vorfahren sieht.

Zentral ist ferner, dass 1986 Wim Thoelke zum 25-Jahre-Jubiläum des Möbelkaufhauses Fend & Faust eine Tombola moderierte und angeblich einmal Gunter Sachs durch die Stadt gefahren ist, weil er von der Schönheit Sylvias gehört hatte, der Tochter des Kinderarztes. Schlitz: Eigene Brauerei, eigene Kornbrennerei, fünf Burgen, zweitausend Fachwerkhäuser, ein Max-Planck-Institut für Fliessgewässerforschung und jede zweite Frau über fünfzig nenne ich Tante. Weil das Dekret nie aufgehoben wurde, dürfte sich jeder Einwohner bis heute aus den gräflichen Wäldern Holz für den Eigenbedarf sammeln, macht aber keiner mehr. Die Kirche ist aus dem Jahre 812 und die Pizzeria von 1985. Die einzige Videothek ist schon wieder zu. Ja, und zehn Kilometer entfernt wohnte Konrad Zuse, der Erfinder des Computers, aber das half einem leider auch nicht weiter, wenn zu Hause mal wieder der Drucker verrückt spielte. Man konnte ja schlecht aufs Rad steigen und zu Konrad Zuse fahren und fragen, ob er nicht mal nachschauen könne.





Einige Wünsche, Deutschland betreffend



Politiker sollen wieder Politik machen. Die Bürger sollen sich selber regieren. Und Schluss mit dem stupiden Diskurs über die Wissensgesellschaft!



Von Wolfgang Engler



Dem Erfolg misstrauen wie einer ausgeklügelten Verschwörung, die unser Bestes gerissen hintertreibt, die Fähigkeiten, die ihm Pate standen, anklagen, als handele es sich um Mitverschwörer – das zeigt den wahren Meister. Und Meister im Erfolg zu bleiben, gar über den Erfolg, ist eine schwere Übung, die nur wenige beherrschen. Als Affe des Talents, der mittleren Begabung, ist der Erfolg in beinahe jeder Verführungskunst bewandert. Und nur zu gern geben wir der Werbung nach. Sich im Gelingen einzurichten und treu den Pfad zu wandeln, auf dem der Lorbeer einmal wuchs – die kleine Ratenzahlung anstatt der grossen Prämie –, wer griffe da nicht dankbar zu. Alles in Frage stellen, immer wieder, und den Misserfolg riskieren, am Ende mit leeren Händen dastehen, vom Schicksal abgefunden ohne Dank und abgestraft für treuloses Verhalten, das bitte nicht.

Tatsächlich sind Undank und Untreue, sich selbst gegenüber, Tugenden, die gar nicht hoch genug geschätzt werden können. Wissenschaftler und Künstler, Menschen mit einer starken schöpferischen Ader wissen, wovon die Rede ist. Nur Skepsis gegen das bereits Gekonnte und Beherrschte versichert gegen Wiederholungszwänge und hält die Neugier lebendig. Die Hinwendung zu einem neuen Gegenstand, zu einem anderen Sujet, zu noch nicht erprobten Methoden und Darstellungsverfahren stellt dem Können Hindernisse in den Weg, durch deren Überwindung es sich weiter schulen und profilieren kann. Womöglich scheitert man dabei und kehrt verzagt zur alten Üblichkeit zurück. Doch besser das, als das Wagnis überhaupt gescheut zu haben. Nichts verträgt sich schlechter mit dem schöpferischen Ethos als die feige Liebe zum Bestehenden.

Die Radikalität dieser Schaffensmoral überzeugt in desto höherem Masse, je mehr man Menschen für sich genommen betrachtet, als einzelne, und dabei insbesondere an jene denkt, die eine experimentelle Haltung zum Leben oder zum Beruf oder zu beidem bereits entwickelt haben. Die Zahl dieser Menschen hat im Verlauf der zurückliegenden Jahrzehnte gewiss zugenommen, aber vermutlich bilden sie noch nicht die Mehrheit. Und es ist eine durchaus offene Frage, ob Gesellschaften, in denen das Neue unbedingten und jederzeitigen Vorrang vor dem Alten geniesst, wirklich erstrebenswert sind. Wir alle, auch die Kühnsten und Treulosesten unter uns, hängen an tausend Fäden, gewebt aus Gewohnheiten und Sicherheiten, ohne die wir gar nicht den Mut fänden, Ungewohntes in Angriff zu nehmen. Experimente prüfen konventionelle Annahmen und Verhaltensweisen und verwerfen sie gegebenenfalls, dies aber stets vor einem Hintergrund des fraglos Anerkannten, Geltenden, Bewährten. Je grösser der Personenkreis, der sich zu Neuerungen aufgefordert sieht, desto mehr wechselseitige Rücksichten kommen ins Spiel, desto wahrscheinlicher sind Halbheiten und faule Kompromisse mit dem Überlieferten. Wahrhaft experimenteller Geist gedeiht im Singular am glücklichsten.



Die Gesellschaft braucht ein Projekt



Es waren und sind einzelne, die sich vor die Pflugschar des Neuen spannen, Pioniere, Avantgardisten ihrer Zeit ohne falschen Respekt vor dem seit je oder seit langem in Gebrauch Befindlichen. Schon auf der nächsthöheren Ebene, der der Familien und kleinen Gemeinschaften, liegt der Neuerergeist in Dauerfehde mit dem Wunsch nach Dauer und Verlässlichkeit. Die schwierigsten Kandidaten für «gewagte Experimente» (und was sind Experimente ohne Wagemut schon wert) bilden ganze Staaten und Staatenbündnisse. Hier schwingt die Üblichkeit den Taktstock des Geschehens und lullt die Kühnheit im Tippelschritt der Machbarkeiten ein.

Diese von Vorsicht bestimmte Fortbewegungsart ist in gewissem Grade durch die Natur des modernen Staates selbst diktiert. Die innere Balance dieser kompakten Einheiten hängt von der Berücksichtigung unendlich vieler Bedürfnisse und Interessen ab, die alle irgendwie zur Geltung kommen müssen, soll das Ganze nicht im offenen Kampf zerrieben werden. «Staatskunst» ist unter diesen Umständen oftmals nur ein anderes Wort für die Fähigkeit der Regierenden, dafür Sorge zu tragen, dass die einzelnen Gruppen einander kontrollieren und sich in ihren Forderungen an den Staat wechselseitig neutralisieren. Die innere Politisierung der Gesellschaft zu verhindern ist das hauptsächliche Augenmerk und das Erkennungszeichen erfolgreicher Politik in der Massendemokratie. In ruhigen Zeiten, muss man einschränkend hinzufügen, das heisst in solchen, in denen der allgemeine Interessenausgleich sachlich möglich und von allen relevanten Untergruppen auch gewollt ist.



Mit dieser komfortablen Lage hat es in Deutschland nun ein Ende. Wenn die professionelle Politik hierzulande einen Vorwurf verdient, dann den, diesen Umschwung viel zu spät bemerkt zu haben. Der apolitische Politikstil taugte, wenn überhaupt, bis in die frühen 1990er Jahre, als man noch glauben konnte, es ginge ewig weiter in der vertrauten Weise. Der Anschluss Ostdeutschlands an die Bundesrepublik festigte die Illusion, der Westen wüsste auf alles eine Antwort, und nährte zugleich die Hoffnung auf eine immerwährende wirtschaftliche Prosperität, auf Arbeit, Wohlstand und soziale Sicherheit für alle. Die Antwort des historischen Prozesses fiel anders aus: «Für alle reicht es nicht.» Die abgehobene Euphorie wich äusserst irdischen Verteilungskämpfen. Die Regierenden quittierten die um sich greifende Enttäuschung mit einem trotzigen «Weiter so!», mit Trostformeln von künftigem Wirtschaftswachstum und wiederkehrender Vollbeschäftigung. Weil sich die politische Klasse in Deutschland hartnäckig weigerte, die Ursachen der Krise furchtlos beim Namen zu nennen, verspielte sie bei der Bevölkerung jeden Kredit und brachte die Politik im Ganzen heillos in Verruf.

Es geht in Deutschland derzeit keineswegs um einen «Politikwechsel», wie immer wieder von Politikern behauptet wird, die selbst Regierungsämter anstreben. Es geht um etwas sehr viel Grundsätzlicheres: um die Rückkehr der Politik auf die politische Bühne, um Politik mit politischen Mitteln. Nach langer Übung im Halmaspielen ist wieder Schach angesagt, Weitsicht, Strategie, wirkliche Spielfreude, experimenteller Gestus. Um den Respekt des Publikums zurückzugewinnen, müssen die Regierenden der Gesellschaft ein «Projekt» unterbreiten, das die inneren Spannungen auffängt und in dem sich alle wieder- finden können, in der Zuversicht, dabei auch tatsächlich gebraucht zu werden. Alles andere ist Faselei und Machtversessenheit.





Wesenberg.

Von Svenja Leiber



Fahr von der Autobahn ab, immer weiter durch die versprengten Ansiedlungen, von welchen dich keine einzige überraschen wird. Durchquere sie, erhoffe dir keine Einblicke in die Panoramafenster der Bungalows, fahr weiter, die kurvigen Strassen entlang, vorbei an den Schweinehallen, vorbei an den silbernen Fähnchenketten des Autohändlers. Folge den neonfarbenen Einladungen zu Schaumparties und Scheunenraves. Achte auf die Menschen, du wirst nicht viele zu Gesicht bekommen. Halte die roten Laternen an dem Einfamilienhaus nicht für vergessenen Weihnachtsschmuck. Fahre. Fahre die schönen Hügel hinab, vorbei an den abgesteckten Bauplätzen im Garten der alten Fasanerie, runter zur Brücke, die sich panzerfest über einem winzigen Bach breitmacht. Die Strasse läuft direkt im Ortskern auf ein kleines Häuschen hinter einem meterlangen rot-weissen Kurvenschild zu und biegt dort sehr scharf nach links.

Schau jetzt nicht zu interessiert aus dem Fenster, du machst sie misstrauisch. Hier gibt es nichts mehr zu kaufen. Lass sie in Ruhe. Lass sie an ihren Gärten feilen, nimm das ernst. Zu viel Natur kann grauenhaft sein. Lass sie schneiden. Achte lieber auf die Jungen: Kapuzen, krumme Rücken, krächzendes Gedröhn. Zigaretten zwischen Daumen und Mittelfinger, die andere Hand am Enduro-Lenker. Sie rasen knatternd hin und her oder schleifen mit ihren Rädern Kreise in die Einfahrten. Nimm dich vor den Mädchen in Acht, sie werden deinen Wagen mustern, aber dann die etwas müden Blicke geschmeidig abwenden. Sie suchen einen anderen, den mit den schärfsten Kreisen, und steigen bei ihm auf.

Fahr einfach weiter. In deinem Rückspiegel: mein Dorf.






Und ein unveröffentlichter Text im Heft zum Inhalt
Ellwangen



Von Beate Rothmaier



In der Stadt meiner Kindheit, einer schwäbischen Provinzstadt, ging auf dem Trottoir der Hauptstrasse, der Marienstrasse, da, wo heute Fussgängerzone ist, damals jedoch sich der Feierabendverkehr noch stundenlang staute, ein Mann unbestimmbaren Alters und schob sein Fahrrad neben sich her. Er hiess De Temple und viel mehr weiss ich nicht von ihm. Leise sagte ich seinen Namen, betonte und dehnte dabei den Nasallaut, den jedes schwäbische Kind

(die Wendung vom oãgnehm grea ãgstrichne Gardadörle beweist es), früh lernt. De Temple De Temple De Temple, näselte ich vor mich hin, wenn er, der Menschentraube an der Bushaltestelle ausweichend, so nah an mir vorüberging, dass mich sein Geruch nach Holzrauch und Schnaps und ranzigem Leder streifte. Er beachtete mich nicht. Sassen die Grossmutter, die Mutter und die Tanten beieinander, dann sprachen sie von den Leuten der Stadt. Still sitzen und sich unsichtbar machen. Mit gesenktem Kopf im Kuchen stochern und horchen. Über jeden wussten sie etwas zu reden, nur vom De Temple erfuhr ich nichts. Er redete nicht, gehörte halt zur Stadt wie die Stiftskirche, das Rotochsenbier und der Kalte Markt. Für mich war er ein Reisender aus einer anderen Welt. An ihm war alles dunkel und hoch. Schwarze Stiefel trug er, mit röhrenartigen kniehohen Schäften, ausgebeulte Kleider und einen kleinen verwegenen Hut. Seinen Mund im braunen Gesicht verriegelte ein dunkler Schnurrbart, darüber glitzerten schwarze Augenknöpfe. Er schob sein schweres, altes, mit Säcken und Taschen bepacktes, mit Blecheimern und Körben behängtes Rad neben sich her. Eines Nachmittags folgte ich ihm. De Temple, De Temple, De Temple, prallte mein Singsang gegen seinen Rücken. Er drehte sich nicht um. Langsam ging er die Strasse stadtauswärts, bog schliesslich in den Rübezahlweg ab, ich schlich ihm nach. Aus dem Nichts war er gekommen und ging ins Nirgendwo, sein Fahrrad war sein Zuhause. Dessen war ich sicher, als er vor einem unscheinbaren Vorstadthaus stehen blieb, das Törchen zum Vorgarten öffnete, sein Rad hineinschob und hinter dem Haus verschwand.